ENDLICH RENTNER – und was nun??

„Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an … mit 66 Jahren, da hat man Spaß daran … Ihr werdet euch noch wundern, wenn ich erst Rentner bin!“ Ich bezweifle, ob Udo Jürgens wirklich wusste, wie Rentner „ticken“ und wie sie sich fühlen, wenn der große Tag gekommen ist, an dem sie entlassen werden in den „wohlverdienten Ruhestand“. Und das gilt natürlich allgemein für die Senioren, also die Rentner und Pensionäre gleichermaßen. Werden sie wirklich alle gleichermaßen HURRA schreien und ein Freudenfest feiern?

Wie habe ich es erlebt: Mit 63 Jahren durfte ich in das Rentnerleben eintreten. Also von Hundert auf Null. Vom Marathonläufer zum Schachspieler. Das Hamsterrad war angehalten worden. Und dieser Absprung vom beruflichen Leistungssport geschah ohne langsames Abtrainieren, also ohne Vorruhestandsregelung. Der Gedanke, plötzlich alle Zeit der Welt zu haben, allen unangenehmen Pflichten entkommen zu sein, führte bei mir anfangs zu einem unbändigen Glücks- und Freiheitsgefühl. Dauerurlaub, der Pflicht konnte die Kür folgen, was gab es Schöneres? Ich hatte mich auf diesen Lebensabschnitt vorbereitet. Hatte Ideen und Pläne, wobei ich auch den Abstieg in eine andere finanzielle Liga eingeplant hatte. Also, in das gefürchtete Loch fiel ich nicht. Wobei ich von WIR sprechen sollte, denn mein Mann hatte zeitgleich mit mir das Berufsleben an den Haken gehängt. Wir hatten weder Langeweile noch irgendwelche Beschäftigungsprobleme.

Doch eines hatte ich – und meinem Mann ging es ebenso – total unterschätzt: Vierzig Jahre und mehr hatte ich als Pädagoge ge- und belehrt, eigene und fremde Kinder gebildet und erzogen und dabei die Hoffnung nie aufgegeben, die Welt durch mein Tun wenigstens geringfügig besser machen zu können. Ich hatte Verantwortung getragen und wurde respektiert. Und nun? Die Erziehungs- und Bildungsobjekte waren plötzlich abhanden gekommen. Mein Wissen wurde nicht mehr gebraucht, mein pädagogischer Zeigefinger schon gar nicht. Das Gefühl, das meine Schüler mir gegeben hatten, wenigstens ab und zu recht zu haben, fehlte plötzlich. Ich stürzte mich auf die Erziehung unseres Hundes. Aber das lastete mich keineswegs aus. Er war klug, geduldig und widerspruchslos. Vermutlich hätte ich eine andere Rasse wählen sollen, um den Schwierigkeitsgrad zu erhöhen.

Ein entspannter Bootsausflug am Warnowufer

Nun, ich will die Geschichte abkürzen: Ich habe die Kurve gekriegt und bin heute – 14 Jahre später – ein glücklicher Mensch, ausgefüllt und zufrieden. Wie schafft man das? Wie kann man die neue Freiheit nutzen, und dabei sich und andere Menschen zufrieden machen? Die Antwort darauf ist so verschieden, wie auch die Menschen es sind. Und viele meiner Alterskollegen – ob Mann oder Frau – empfinden den sogenannten Ruhestand sogar als die schönste, kreativste und erfüllteste Zeit ihres Lebens.

Wie kann ein solches Leben gelingen, wird mancher Neu- oder Noch-nicht-Senior wissen wollen. Ein kleiner RATGEBER soll Tipps und Denkanstöße geben – ohne, dass ich belehren möchte. Ich werde kleine Geschichten erzählen, in denen Anne und Ulli, zwei fiktive pfiffige Rentner, die mitten im Leben stehen, die Hauptpersonen sein werden. Bleiben Sie gespannt!

Klar, die kenne ich!

So sage ich hin und wieder, wenn die Rede von jemandem ist, den ich zuordnen kann. Aber was heißt kennen? Ich weiß den Namen, habe sie oder ihn gedanklich in eine Schublade gesteckt, auf der ein paar Informationen kleben. Mal mehr, mal weniger. Wir sind uns irgendwann begegnet, manchmal sogar einige Lebenskilometer miteinander gegangen, aber sie oder er sind nicht zu guten Bekannten oder gar Freunden geworden, dafür passte die Chemie irgendwie nicht. Doch manchmal kommt die große Überraschung, das Staunen. Ich habe mich geirrt, mein Schubladenzettel muss ergänzt oder sogar neu beschriftet werden.

Kürzlich erlebte ich das: Ich war mir sicher, SIE einordnen zu können. Ein herber, wenig fraulicher Typ, absolut uneitel. Röcke und Pumps waren tabu, sie war ein Jeans- und Gummistiefel-Typ. Ihre Leidenschaft galt Pferden, Hunden und dem Garten. Mann oder Kinder hatte sie nicht. Punkt. Durch Zufall lernte ich ihr Zuhause kennen. Ja, alles passte. Genauso hatte ich mir ihre vier Wände vorgestellt. Ihre vier Wände? Sprachlos stand ich vor kleinen Kunstwerken, die Flur und Wohnküche schmückten. Waren das Aquarelle? Diese feinen Linien und zarten Pastelltöne, die Auswahl der Bildinhalte … Wer war der Künstler? Ich holte meine Lesebrille aus der Tasche und suchte nach einer Signatur. Nun erst begriff ich, dass ich Stickbilder vor mir hatte. Eine wahre Künstlerin musste sie gearbeitet haben. Als ich nach ihrem Namen fragte, bekam ich ein bescheidenes Lächeln zur Antwort.

Freilichtmuseum Klockenhagen bei Ribnitz-Damgarten

Nun wurde ich durch die gesamte Wohnung geführt und kam aus dem Staunen nicht heraus. Nie hätte ich ihr das zugetraut und nie hätte ich vermutet, dass sie auch eine Meisterin an der Nähmaschine war, mit deren Hilfe sie ihre traumhaft schönen Patchwork- und Quiltarbeiten herstellte. Und ich? War ich eine Meisterin der Vorurteile und Klischees? Ich kann nur raten: Seien Sie vorsichtig mit dem Satz „Die kenne ich“. Und lassen Sie sich positiv überraschen. Es macht Freude.

Hilfst du mir, helfe ich dir

Suche dringend … biete dafür … Oder: Hilfst du mir beim Renovieren, helfe ich dir bei der Gartenarbeit, als Babysitter oder führe deinen Hund aus. So oder ähnlich heißt es in Nachbarschaftsnetzwerken, Heimwerkerforen oder Tierbetreuungsanzeigen. Helfen – unter dem Aspekt Geben und Nehmen – scheint eine der wichtigsten Grundlagen unseres sozialen Zusammenlebens zu sein. Doch wie sieht es mit der selbstverständlichen Hilfsbereitschaft in der Familie aus, die uns als Kinder vorgelebt worden ist? Zumindest sollte es so gewesen sein. Wie in einem unausgesprochenen Generationenvertrag helfen die Eltern ihren Kindern – oft bis sie ihre Ausbildung beendet haben und schon lange volljährig sind – und umgekehrt.

Aber oft ist die sogenannte Sandwich-Generation irgendwann in einer echten Zwickmühle. Einerseits werden die 40- bis 60-Jährigen für Unterstützung und den finanziellen Zuschuss an die Sprösslinge gebraucht, andererseits tragen sie die moralische Fürsorgepflicht und oft auch die finanzielle Verantwortung für ihre mittlerweile alten Eltern. So sind sie „eingeklemmt“ zwischen der Verantwortung für die Jungen und die Alten, sollen und wollen dennoch für ihr eigenes Alter vorsorgen und ihr momentanes Leben genießen. Hut ab vor denen, die die Betreuung ihrer Eltern nicht als notwendige Pflichterfüllung sehen, sondern als einen Herzenswunsch. Doch viel zu oft kommt ein schlechtes Gewissen auf, wenn die vielen Rollen, die man im Leben übernehmen muss, einfach nur zur Überforderung führen und man selbst mit seinen Wünschen ans Leben auf der Strecke bleibt.

Aber haben wir Alten das nicht auch alles hinter uns? Immerhin ist die Familie die natürlichste Hilfsorganisation, die am besten funktioniert. In einem Gespräch mit Gleichaltrigen hörte ich kürzlich aber folgende Meinung: Jede Generation hat das Recht, ihr eigenes Leben zu führen. Junge Eltern sollten ihren Kindern einen maximalen Start ins Leben ermöglichen und im Alter versuchen, unabhängig von ihren Kindern, selbstbestimmt und zufrieden zu leben. Sie sind nicht verpflichtet, zum Beispiel durch ständige Enkelbetreuung die Karriere ihrer Kinder zu ermöglichen. Besser ist es, sich gesundheitlich fit zu halten, sich rechtzeitig einen Freundeskreis aufzubauen, statt ihren oft weit weg lebenden Kindern und Enkeln Sorgen und ein schlechtes Gewissen zu machen. Standpunkte, über die wir nachdenken sollten.

Nun reicht’s aber !

Natürlich kennen auch Sie diese nervigen Ohrwürmer, die sich als eingängige Melodien tarnen, dann aber wie fiese Kaugummis im Gehirn kleben, als Dauermusik nerven und alle klugen Gedanken blockieren. Ich kenne noch eine weitere Variante, die nicht weniger nervt. Es geht um Begriffe, die ich weder greifen noch fassen, geschweige denn verstehen kann. Ich stolpere beim Lesen oder Hören über sie, denn sie stellen sich meinem Gedankenfluss in den Weg, wie ein störrisches Pferd, das nicht über ein Hindernis springen will. Was tun? Ignorieren, weiterlesen sagt meine innere Stimme. Aber es funktionier einfach nicht.

Ein Beispiel? Ich las in der Zeitung, künftig werde es in meiner Stadt einen Selbsterzeugermarkt geben. Stopp! Ich drehe, wende und seziere das mehrgliedrige Substantiv und schicke es durch den Gedankenfleischwolf. Bei einem Fischmarkt, einem Immobilien- oder Arbeitsmarkt weiß ich, worum es geht. Kann ich aber Selbsterzeuger auf einem Markt erwerben oder mich dort irgendwo bewerben? Unsinn! Wollen die Erzeuger sich selbst vermarkten? Kann jemand sich selbst erzeugen und danach vermarkten? Totaler Blödsinn! Mein Hirn bildet Analogiebeispiele und ich führe Selbstgespräche. Ich spreche mit mir selbst. Selbstbewusstsein, Hilfe zur Selbsthilfe … Alles klar. Aber Selbsterzeuger? Ich greife zum Strohhalm DUDEN. Und wirklich, das Wort wurde akzeptiert. Nur ich kann es nicht. Schlimmer noch, es hat sich mit doppeltem Anker im Hirn festgehakt und lässt sich nicht ignorieren.

Selbst, wenn das Wörtchen „selbst“ wegfiele und nur der „Erzeuger“ bliebe – so stolpern meine Gedanken weiter – würde ich nicht zufrieden sein können. Denn die Händler sollen neben Obst, Gemüse, Marmelade … auch Eier und Honig anbieten. Nun reicht’s aber. Seit wann gibt es Eier legende menschliche Selbsterzeuger? Wo bleibt der Naturschutz? Haben die armen Hühner keine Anwälte, die sich gegen solche Anmaßung verwahren? Sie, die Hühner, sind schließlich die Erzeuger und machen das Eierlegen selbst, ganz ohne menschliche Hilfe! Dagegen sind Datenklau und Plagiate reine Bagatellen. Die Hühner sollten sich zum Protestieren mit den fleißigen Bienen zusammentun, die allgemein als Produzenten der süßen Honig-Köstlichkeiten gelten – wenngleich den Imkern noch etwas Arbeit bleibt bis zur Vermarktung. Aber auf dem Selbsterzeugermarkt?

Einmal im Leben …

Kürzlich wurde ich gefragt: „Was meinst du, was sollte jeder Mensch mindestens einmal im Leben erlebt haben?“ Seltsamerweise fiel mir zuerst ein, worauf ich auf jeden Fall verzichten möchte. Als lebensbejahende Sicherheitsliebhaberin gehören neben Krieg, Natur- und anderen Katastrophen auch lebensbedrohliche Krankheiten und Unfälle, Fallschirm- und Bungeesprünge dazu, Reisen in Länder, in denen mir Haie beim Schwimmen ein Bein abbeißen könnten … Ich fand kein Ende im Aufzählen weiterer potenzieller Erlebnisse, die mir höchst suspekt wären. Für meinen Angetrauten aber gehört manches davon zu seinen großen Lebensträumen. Einmal in Alaska bei einem Schlittenhunderennen starten, mit einem Containerschiff nach Südamerika reisen, Patagonien bereisen und möglichst eine Stippvisite zum Südpol machen. Also eigene Grenzen testen, Abenteuer erleben. Er liebt solche Gedankenspiele.

Einmal die Niagarafälle erleben

Aber was sollte jeder Mensch mindestens einmal im Leben erlebt haben? Jeder Mensch? Sich verlieben. Mit Haut und Haaren, mit Schmetterlingen im Bauch und der Hoffnung, es sei die große, lebenslange Liebe. Und bedingungslos geliebt zu werden. Zu erleben, wie das eigene Kind geboren wird und danach es auf dem Weg ins Leben begleiten können – schön, wenn jeder Mensch, der sich dies wünscht, auch erleben darf. Ein Sonnenuntergang am Meer, eine Arbeit zu haben, die Freude macht und anerkannt wird, nicht nur einen Job. Ein gutes Essen mit Freunden, die Stärke einer Familie spüren, den Stolz und die Erleichterung spüren, eine wichtige Prüfung bestanden zu haben. Großmutter oder Großvater geworden zu sein und den neuen Erdenbürger das erste Mal im Arm zu halten.

Und – eine tiefe Zufriedenheit im hohen Alter empfinden, denn die Lebensbilanz stimmt. Eine Horrorvorstellung wäre für mich, im Alter zurückzublicken, nach Höhepunkten zu suchen, nach Erlebnissen, die das Leben bereichert haben – und nichts zu finden. So wie Kurt Tucholsky in seinem Gedicht „Danach“ schreibt: „Das Leben war zum jrößten Teile vabrühte Milch und Langeweile. Darum wird beim Happyend im Film jewöhnlich abjeblendt.“

Augen zu – oder abschalten?

Tut mir leid, entweder fehlt mir der richtige Humor oder ich bin zu empfindlich. Auf jeden Fall fühle ich mich zunehmend genervt, wenn ich mir abends – kurz vor den Nachrichten im Fernsehen, während ich mein appetitlich garniertes Abendbrot essen möchte – das vermeintliche Elend meiner Altersgenossen ansehen muss. In der Werbung geht es um Blähungen, Fußpilz und Verstopfungen, Haftcreme für die Dritten, Treppenlift für die Mobilitätseingeschränkten, die gelbe Wundercreme für die steifen Gelenke, um Blasenschwäche und Impotenz. Dazu der Altschauspieler, der erst wieder lachen kann, nachdem er die unversehrten Alkoholpralinen sieht und, und, und. Herrje! Peinlich, senil, trottelig – das sind wir? Wir, die neuhochdeutsch als „Goldene“- oder „Best Age“-Generation bezeichnet werden? Aktiv, lebenslustig, neugierig und wissensdurstig, vor allem aber konsumfreudig sollen wir sein und über eine große Kaufkraft verfügen. Ja, offenbar sollen wir unser Geld vor allem für die Produkte der Apotheken und Sanitätshäuser ausgeben.

Welch eine Horrorvision für die jüngeren Zuschauer, die in Erwartung des Abendprogramms unser öffentlich-rechtliches Fernsehen angestellt haben. Kein Wunder, dass der Marketingbegriff Anti-Aging in aller Munde ist und die Jugend sich dem Diktat der Schönheits- und Fitnessindustrie unterwirft, wenn das Bild, das die Werbung zeichnet, auch ihre Perspektive sein soll. Fehlt eigentlich nur noch, dass es demnächst ein Dschungel-Camp oder eine Let’s dance-Serie für die 66plus-Generation gibt, in der sie vorgeführt wird. Aber das wäre ja der Topf der privaten Fernsehsender, in dem ich nicht auch noch rühren möchte. Doch zum Glück gibt es ja erfreulichere Alternativen.

Weihnachten – Frühling auf Fuerteventura

Lohnt sich das noch?

„Man müsste noch mal zwanzig sein …“, so schallte es Ende der 60er-Jahre aus dem Radio – gesungen von Willy Schneider mit seinem sonoren Bassbariton. Es wurde eines der Lieblingslieder meiner Eltern, die danach meist in eine weißt-du-noch-Stimmung verfielen. Sie tauchten dann ein in die Vergangenheit, in die Jahre der Weimarer Republik, die sie als verliebte Verlobte erlebten, die aber alles andere als golden waren.

Noch einmal zwanzig sein? Bloß nicht. Ich sehe neidlos die jungen Menschen an, freue mich über ihre knackigen Figuren, schöne Haut und strotzende Gesundheit. Na und? Dies war damals selbstverständlich für mich und bedeutete keinen zusätzlichen Glücks-Bonus. Den Platz im Leben finden, den richtigen Beruf, den richtigen Partner, Kinder begleiten auf dem Weg ins Erwachsenwerden – all das liegt hinter mir. Heute kann ich mich zurücklehnen, aus der Datenbank meiner Erinnerungen schöpfen und mich auch an Dingen freuen, die ich selbst nicht haben muss.

Geschafft!

Und doch – zum Glück – sind sie auch im Alter da, die Wünsche. So manch einer sehnt sich noch nach einer neuen Liebe oder Freundschaft, möchte noch ein letztes neues Auto, eine große Familien- und Freundefeier, eine Reise zum Nordcap, die Familiengeschichte für die Enkel aufschreiben, einem Haustier ein Zuhause geben … aber. Und dieses Aber ist oft der Knackpunkt. Lohnt sich das noch in meinem Alter? Bleibt mir genug Lebenszeit zum Freuen? Solche Bedenken höre ich hin und wieder von Menschen, wenn sie über ihre Wünsche und Träume sprechen. Traurige Fragen, die von Pessimismus und Kleinmut zeugen, aber auch von Verantwortung. Denn das Ja-sagen sollte nicht nur im Alter gut überlegt sein. Wenn aber der Arzt sein Okay zu einer Reise gibt, wenn Kinder oder Freunde einspringen, um im Fall der Fälle ein Haustier zu betreuen, wenn finanzielle Mittel nicht gegen die Erfüllung eines Traumes sprechen – ja, wer oder was sollte uns Alte daran hindern? Auch, wenn nur eine Woche danach unser Leben beendet sein würde, die Freude wäre es wert gewesen.

Wie Schilf im Wind

Eine meiner Großmütter verlor im Ersten Weltkrieg ihre drei Söhne, ihr Mann starb nach Ende des Krieges infolge eines Arbeitsunfalls und die älteste Tochter wenige Jahre später an Typhus. So blieb sie mit der Jüngsten, meiner Mutter, alleine und lebte bis zu ihrem Tod in unserer Familie. Leider kann ich mich nicht an sie erinnern. Liebevoll und gütig soll sie gewesen sein, immer optimistisch und eine feste Stütze für meine Eltern. Eine Mutter und Oma war sie, wie sie sich jedes Kind wünscht. So jedenfalls weiß meine ältere Schwester zu erzählen.

Wie kann ein Mensch nach persönlichen Katastrophen solche seelische Widerstandskraft und Stärke entwickeln – wie ein Schilfrohr im Wind, das sich elastisch biegt, aber nicht knickt und zerbricht? Der Begriff Resilienz (lat. resilire: abprallen, zurückspringen) ist das Zauberwort. Man kann trainieren, in stürmischen Zeiten souveräner und gelassener zu reagieren, kann leistungsfähiger werden, ohne auszubrennen, Stress als Herausforderung zu empfinden. So versprechen es Resilienztrainer und wenden sich damit nicht nur an die berufstätigen Frauen, die oft an dem Spagat Familie – Beruf schier verzweifeln oder zum Beispiel an lebensbedrohlich Erkrankte, die den Kampf ums Leben nicht verlieren wollen. Auch in der Kindererziehung ist es wichtig, die Kleinen zu optimistischen das-schaffst-du-schon-Menschen zu erziehen – ohne dass sie ständig die Ellenbogen gebrauchen.

Warnowufer

Mit zunehmendem Alter werden wir Senioren von Tod, Krankheiten und anderen schwerwiegenden Problemen betroffen. Auch kommt manches ins Bewusstsein zurück, das jahrelang verschüttet und verdrängt worden war. Besonders wir brauchen eine robuste seelische Widerstandskraft als Selbstschutz, damit wir nicht „den Kopf in den Sand stecken“, uns womöglich isolieren und mit Selbstzweifeln belasten, uns lebensuntüchtig fühlen und psychisch erkranken. Was kann helfen? Wer aktiv ist, lebendige soziale Kontakte pflegt, positive Gefühle zulässt – der wird auch im Alter zufrieden sein. Optimismus, Geselligkeit und ein Schuss Humor helfen, auch, wenn uns nicht immer zum Lachen zumute ist.

Vertrauen und Kontrolle

„Vertrauen ist die stillste Form des Mutes“, so lautete der letzte Satz eines Thrillers aus dem Frankfurter Bankenmilieu mit Jürgen Vogel und Julia Koschitz in den Hauptrollen. „Vertraue mir“ – der Filmtitel. Ich vermute, die meisten Menschen werden diese Worte oder ähnliche Formulierungen schon mal ausgesprochen oder gesagt bekommen haben. „Du kannst mir vertrauen, wirklich!“ Wirklich? Ist nicht – so mittlerweile eine gängige Feststellung – Vertrauen gut, aber Kontrolle besser?

Vertrauen und Kontrolle sind Gegenspieler. Kontrolle bringt Sicherheit, Berechenbarkeit, Unabhängigkeit – ist aber auch ein Zeichen von Misstrauen. So ganz können wir leider auf sie nicht verzichten. Wenn ich jemandem vertraue, verlasse ich mich auf ihn, begebe mich in seine Hände, kann dadurch verletzlich und abhängig werden. Ja, es erfordert wahrlich Mut, sich jemandem anzuvertrauen und ihm bedingungslos zu vertrauen. Und es kann entsetzlich schmerzen, wenn Vertrauen missbraucht wird. Aber das Risiko müssen wir eingehen. Denn, wie arm wäre eine Gesellschaft, eine Familie oder Partnerschaft, in der es kein Vertrauen gäbe. Alles und jedes müsste durch Regeln oder Gesetze vorgeschrieben werden, kein Versprechen, keine Abmachung per Handschlag … auf nichts dergleichen könnte man sich verlassen, Kontrollorgane würden mit ihrer Arbeit nicht nachkommen, das Misstrauen würde die Menschen vergiften. Eine Horrorvision für mich.

Herbst in Warnemünde:
Leuchtturm, Symbol für Vertrauen

In Gedanken sehe ich ein Kleinkind, das sich juchzend in die Arme eines Erwachsenen fallen lässt, einen Bungeespringer, der sich in die Tiefe stürzt, ein Paar bei der Eheschließung … Sie alle haben sich getraut. Sie besaßen dieses Urvertrauen, das durch verlässliche Liebe und Zuwendung oder durch technische Voraussetzungen entstanden ist und das wir so dringend brauchen im Leben. Denn nur so können wir uns auch selbst vertrauen und uns etwas zutrauen.

Leider gibt es auch hier den Gegensatz, das Ur-Misstrauen. Arm sind die Menschen, die mit diesem Defizit aufgewachsen sind und es wird schwer sein, ihr Vertrauter zu werden. Und so schließe ich mit den Worten von Matthias Claudius, dem deutschen Dichter: „Die größte Ehre, die man einem Menschen antun kann, ist die, dass man ihn zum Vertrauten hat.“

Vom Wollen und Sollen, vom Können und Dürfen

Wir kennen sie, die Zwei- und Dreijährigen, die etwas wollen, aber noch nicht können. Oder sie können etwas, dürfen es aber nicht. Wutanfälle,Gebrüll, gestresste Erwachsene sind die Folgen. Aber es gehört zum Großwerden und Grenzen erkennen dazu. Irgendwann ist diese Phase vorüber, es kommt das Müssen, aber nicht wollen oder mögen – die Null-Bock-Phase, die auch irgendwann vergeht.

Wir haben dies und mehr hinter uns, wenn wir die 60- oder 70plus erreicht haben und können mit Gelassenheit zusehen, wie die Jungen sich abstrampeln. Aber haben wir es deshalb einfacher? Ich denke, die schwerste Zeit kommt, wenn wir zwar mögen, wollen und oft auch müssen, doch einfach nicht mehr können. Um sich das aber einzugestehen, braucht es eine große Portion Vernunft, Realitätssinn – und Mut. Wohl dem, der den richtigen Zeitpunkt erkennt, um sein Auto abzumelden, die Leiter in den Apfelbaum nicht mehr zu benutzen, den Rollator startklar zu machen.

Blacky – unser Labrador-Retriever

Woher kommen mir diese Gedanken? Es war unser elfjähriger Labrador, der mich zum Nachdenken brachte (Auf dem Foto ist er noch ein Junghund). Wieder einmal litt er, hatte Schmerzen im Rücken, in der Hüfte, wusste nicht, wie er liegen oder stehen sollte. Ganz schlimm: Er schaffte die Treppe ins Obergeschoss nicht mehr. Wir sahen ihm seine Not an als er vor ihr stand, aber nicht konnte und sich nicht traute. Wir stellten sein Körbchen vor die Treppe und hörten noch lange sein trauriges Wimmern. Es war keine schöne Nacht für uns drei. Am nächsten Tag besorgten wir ihm seine „Agil-Tabs“, ein wahres Wundermittel. Abends traute er sich drei Stufen hoch, kehrte aber wieder um und legte sich ins Körbchen. Eine ruhige Nacht folgte. Am dritten Tag war er wieder der alte. Doch die Treppe ließ ihn dennoch stutzig werden. Also, ab ins Körbchen. Aber nach fünf Minuten hörten wir leise und vorsichtige Tapsgeräusche auf der Treppe und ein glücklicher Blacky holte sich bei uns sein Lob ab, um dann in seiner gewohnten Schlafecke zu verschwinden. „Ich will, ich schaff es, hat er sich gesagt“, behauptete mein Mann. Sie nennen das Vermenschlichung des Hundes und sprechen von Instinkt? Auch gut.