Jeder Tag ist Muttertag

Nun ist es da, mein schlechtes Gewissen. Es wird höchste Zeit, wieder etwas zu schreiben. Aber was, worüber? Erleb ich etwa zu wenig? Nein, ganz sicher nicht. Eher ist es zu viel, über das ich nachdenke, mich freue, ärger oder wundere. Aber interessiert das auch euch, meine potentiellen Leser? Aber gestern war ein Tag, dem ein seltsamer roter Faden beigefügt war, der mir erst kurz vor Mitternacht im Bett bewusst wurde und mich schließlich zum Schreiben und zu dieser Überschrift inspirierte.

Es begann am Sonntagvormittag. Wie üblich besuchte ich meine Schwester im Pflegeheim, in dem sie seit zwei Jahren lebt. Nach mehreren Schlaganfällen konnte sie nicht mehr alleine bleiben und ihre vier Söhne mit Anhang waren froh, schließlich einen Pflegeplatz in der Rostocker Altstadt gefunden zu haben.

„Weißt du eigentlich, dass du heute vor 74 Jahren deinen Carli geheiratet hast?“ Sie sah mich erstaunt an und stellte lächelnd fest: „Dann ist also heute der 3. Mai.“ Ich freute mich, wie sie sich erinnerte und von damals erzählte, während ich mich in die kleine Zehnjährige zurückversetzte, die so wahnsinnig stolz auf das Brautpaar war. Ebenso unsere Eltern und die beiden Brüder.

Dann, am nächsten Tag, kam ein seltsamer Anruf. Auf dem Display meines Telefons las ich: Greta, den Namen meiner Schwester. „Ich wollte dir nur sagen, dass ich es nicht mehr schaffen werde, zu dir zu kommen. Bestell bitte Mutti und Vati einen schönen Gruß von mir, ich werde sie aber demnächst besuchen. Jetzt rufe ich mir ein Taxi und fahr nach Hause.“ Ihre Stimme war klar, die Sätze klangen entschieden, bestimmt. Ich aber war tief erschrocken. „Greta, du wirst bald 96! Kannst du dir vorstellen, wie alt unsere Eltern heute sein würden? Du weißt doch, Vati wurde 1902 geboren, Mutti drei Jahre später.“ Stille am Telefon. „Ja, du hast recht. So alt wird kein Mensch. Sie leben also nicht mehr?“ „Nein, natürlich nicht. Sie sind schon vor 36 Jahren gestorben.“ Wieder Stille. „Aber du weißt jetzt, dass ich nun nach Hause fahre. Mit einem Taxi!“ Sie nannte mir ihre frühere Adresse und erklärte, das Pflegeheim sei ja nur vorübergehend, nun aber wolle sie wieder dahin, wo sie hingehöre.

Ich redete mit Engelszungen auf sie ein und hatte irgendwann das Gefühl, sie von ihrem Vorhaben abgebracht zu haben. Dann rief ich einen ihrer Söhne an. „Mach dir keine Sorgen“, beruhigte er mich. „Wir kennen das. In ihrem Gehirn hakt manchmal etwas aus, danach ist bald alles wieder in Ordnung.“ Plötzlich war ich erleichtert. Natürlich, Greta hat kein Handy, sie kann also nur von ihrem Festnetz-Apparat angerufen haben, in dem meine Nummer eingespeichert ist. Das Telefon steht aber in ihrem Zimmer im Pflegeheim neben dem Bett. Außerdem wird sie unmöglich allein das Haus verlassen können.

Zwei Stunden später klingelte das Telefon erneut. Greta. „Tut mir leid, dass ich dir Sorgen gemacht habe. Es geht mir wieder gut, ich kann wieder vernünftig denken. Hab noch einen schönen Abend und grüß Tom von mir.“

Nun, den Gruß würde ich erst am nächsten Morgen ausrichten können, denn mein Tom schlief bereits. Er braucht seinen zwölfstündigen Nachtschlaf, wonach wir morgens um sieben Uhr gemeinsam ausgeruht wieder in den neuen Tag starten können. Die Abende gehören dadurch mir alleine. Natürlich würde ich nie auf den Gedanken kommen, das Haus zu verlassen, denn ich muss immer damit rechnen, dass Tom aufwacht, sich nicht orientieren kann und mich braucht.

Zurück zum roten Faden. An diesem Abend dachte ich über die kürzlichen Gespräche mit meiner Schwester nach und war verwundert, wie sehr ihre Gedanken immer wieder zu unseren Eltern zurückkehrten, vor allem zu unserer Mutter. Während ich mit meiner Familie bis zum Tod der Eltern mit ihnen zusammengelebt hatte und noch heute in unserem Elternhaus wohne, hatte meine Schwester sich früh ‚abgenabelt‘ und mit ihrem Carli und den vier Söhnen ihr eigenes Zuhause geschaffen. Aber in unseren späteren Gesprächen als erwachsene Frauen, als Mütter und schließlich Groß- und Urgroßmütter ging es immer wieder um unsere Mutter, um ihr Leben, das sich so sehr von unserem unterschieden hatte. Und doch: Wieviel haben wir ihr zu verdanken, wie sehr hat sie uns und unsere Entwicklung geprägt.

Noch ganz in Gedanken darüber zappte ich durch die verschiedenen Fernsehprogramme und ’stolperte‘ plötzlich über eine Doku im MDR zur Serie „Der Osten – Entdecke wo du lebst“. An diesem Abend wurde die Folge “ Das Kaufhaus Zeeck Kaufrausch, Leerstand, Träume“ gesendet. Als hätten die Programmverantwortlichen gewusst, welche Bedeutung der Name Gustav Zeeck für meine Mutter und unsere gesamte Familie hatte. Es ging in dieser Folge um die Spuren der Kaufmannsfamilie Zeeck, die in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts repräsentative Kaufhäuser errichteten ließ und sich einen Namen in der Modewelt machte. Wolgast, Stralsund, Rostock, Dessau, über mehrere Generationen wurden Modehäuser, Textilgeschäfte und schließlich große Warenhäuser von Mitgliedern dieser Familie geführt. Noch heute gibt es die wohl schönste Rostocker Villa überhaupt, die Gustav Zeeck für seine Familie errichten ließ, außerdem zwei exklusive Kaufhäuser in der Kröpeliner Straße, dem Rostocker Boulevard, die noch heute im Zeichen der Mode genutzt werden. Einige Jahre danach, im Jahr 1919, begann eine vierzehnjährige Martha in der Stoff- und Seidenabteilung ihre Lehre als Verkäuferin. Handlungsgehilfin hieß damals die Berufsbezeichnung. Martha wurde später unsere Mutter.

Das Kaufhaus Zeeck hat sie geprägt und letztlich habe ich davon profitiert. Drei Jahre war ich alt, als der Krieg beendet war und zu meinen ersten Erinnerungen zählt das Bild von unserer Mutter, die in jeder freien Minute an der Nähmaschine saß. Ihre elektrische Mundlos-Nähmaschine hatte die Kriegsjahre heil überstanden und noch heute habe ich das leise Surren der Maschine im Ohr, wenn unsere Mutter aus irgendwelchen Uralt-Kleidungsstücken etwas Tragbares für uns vier Kinder nähte oder Zerrissenes der Brüder flickte. Ich spielte derweil mit Garnrollen und Knöpfen, beobachtete, wie sie mit dem Zackenrädchen Schnittmuster ausradelte und lernte schnell, wie die Nähmaschine funktionierte. Es versteht sich fast von selbst, dass das Nähen für lange Zeit mein schönstes Hobby wurde. Ich nähte mir meinen ersten Petticoat und die weiten Röcke dazu, mein Kleid zum Abiball, zur Verlobung, und viele hübsche Kleider, Hosen, Jacken in den folgenden Jahren. Das Problem war die Stoffsuche und diverses Zubehör zu bekommen. In den späteren Jahren nähte ich für meine beiden Töchter und war glücklich, wenn unsere Mutter – als wohlwollende Kritikerin – mich lobte. Zuerst sah sie sich die Kleidung von innen an. Sie krempelte alles nach links und studierte die Nähte. Die Mundlos konnte keine Zickzackstiche, sodass das Versäubern der Nähte und Stoffkanten akkurates Arbeiten verlangte. Hatte sie das alles bei Zeeck gelernt? Auf jeden Fall konnte sie blitzschnell die benötigte Stoffmenge berechnen, Schnitte entwerfen, wusste, welche Farbe welchem Frauentyp am besten stand.

Irgendwann überließ unsere Mutter mir ihre geliebte Mundlos-Maschine und irgendwann bekam sie eine jüngere ‚Kollegin‘, eine Veritas, die mich mit ihren technischen Raffinessen begeisterte. Vor einigen Jahren habe ich sie verschenkt, die Mundlos-Maschine aber lebt noch als ‚Ruheständlerin‘ in meinem Haus. Ich könnte sie auf keinen Fall weggeben. Zu viele Erinnerungen stecken in ihr. Erinnerungen. Ich liebe diese Zeitreisen, die mich zu Lieblingsmenschen und besonderen Lebensmomenten führen, die mein Leben bereichert haben und mich erwachsen werden ließen.

Wieder zurück zum roten Faden. Ich spielte mit der TV-Fernbedienung und sah auf die Uhr. Für eine Netflix-Folge meiner momentanen Lieblingsserie reichte die Zeit nicht, denn vor Mitternacht wollte ich im Bett liegen. So stoppte ich meine Suche nach kurzweiliger Unterhaltung bei „Sing meinen Song – Das Tauschkonzert“ mit Johannes Oerding als Gastgeber. Wer die Songs von Deutschpop mag, kennt diese Sendung sicher. Mir sind sie lieber, als gängige Schlager oder ‚Ballermann-Musik‘. Eigentlich wollte ich nur meine Gedanken an Greta und unsere Mutter in der entsprechenden Gehirnschublade verschließen, aber es kam anders. Ich wurde Gast bei Mark Forster, der sein Repertoire den Gesangskollegen für das Tauschkonzert zur Verfügung gestellt hatte. Es regnete in Südafrika und es störte offensichtlich niemanden, denn das Wetter passte zur Atmosphäre dieses Abends. Es war sein Song „Wenn du mich vergisst“, diese berührende Liebesgeschichte, die eine Sängerin ausgewählt hatte, deren Name mir wenig sagte. Deine Cousine, mit bürgerlichem Namen Ina Bredehorn, erzählte aus ihrem Leben und beschrieb, weshalb Mark Forsters Song sie tief bewegte und bewogen hatte, den Text neu zu interpretieren und ihn ihrer an Demenz erkrankten Mutter zu widmen. Sie sprach, stockte, schluckte, erzählte von ihrem inneren Konflikt. Sie und anfangs auch die Mutter wollten, dass sie Sängerin wird, Karriere macht, glücklich wird und ihren Traum lebt. Andererseits wurde sie zur Pflege der Mutter gebraucht, die bereits mit fünfzig Jahren an Demenz erkrankte. Sie war innerlich zerrissen, das schlechte Gewissen wurde immer stärker. Bei diesen Worten konnte sie die Tränen nicht zurückhalten, Taschentücher wurden gereicht, der Regen tropfte auf ihr Gesicht – und dann sang sie ihre Version des Textes. Hier ein Text-Ausschnitt:

„Auch wenn du mich vergisst wird sich nie ändern, was du für mich bist. Irgendwann gibt’s kein Zurück. Dann bin ich nur irgendein Fremder für dich. Ich werd mich an alles erinnern, auch wenn du mich vergisst wird immer bleiben, was du für mich bist.“

Oh, und ich wollte doch in Einschlafstimmung kommen. Hatte ich an diesem Tag gedanklich schon den Muttertag vorweggenommen? Ganz sicher nicht, denn in meiner Familie legen wir wenig Wert auf im Kalender festgeschriebene Gedenktage. Wir sind aus tiefstem Herzen Mütter und genießen diesen Status Tag für Tag. Als ich leise ins Schlafzimmer ging und ins Bett kroch, suchte Tom meine Hand und schlief weiter. Fast hätte ich leise gesagt: „Vergiss mich nicht!“ Aber Demenz und Vergessen sind Wörter, die er hasst.

Veröffentlicht von hedera77

Bin ein echtes Ostseekind, geboren in Rostock an der Warnow und noch heute glücklich - hier in meinem Elternhaus. Seit 18 Jahren bin ich im Ruhestand, der alles andere als ruhig ist. Immer noch bin ich neugierig - im Sinne von wissbegierig - und teile gerne meine Gedanken mit anderen denkfreudigen Menschen, egal welchen Alters.

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