Der ungeliebte Mitbewohner

Wir haben einen Dauergast, der sich bei uns pudel-, nein maulwurfswohl fühlt. Noch nie haben wir ihn zu Gesicht bekommen, haben auch fast die Befürchtung, es ist nicht nur ein einziger Gast, sondern eine ganze Sippe, ein Rudel, eine Horde … Verflixt nochmal. Was heißt überhaupt Gast. Wir haben ihn weder eingeladen noch zum Bleiben bewogen. Im Gegenteil, kaum etwas haben wir unversucht gelassen, ihn zum Verschwinden zu bewegen. Und dabei wissen wir, es sind Nützlinge! Dass ich nicht lache. Er verdirbt uns die gute Laune, wenn wir am Morgen sehen, was er in der Nacht wieder angestellt hat. Soll er doch in die abgeernteten Gemüsebeete gehen und sich da austoben. Muss es ausgerechnet unser Rasen sein?

Hier bin ich Maulwurf, hier darf ich’s sein

Nichts haben wir unversucht gelassen, ihn zu vergraulen: Flaschen, Blumenübertöpfe, Pieper, die teure Batterien verbrauchten, Wasser in seinen Bau laufen lassen … Naturschützer: Bitte nicht lesen! Es ist doch nur pure Notwehr. Wir wollen ihn doch nicht umbringen, aber … Ja, ich weiß, es ist unredlich, unmoralisch, wenn ich mir wünsche, er möge zum Nachbarn umziehen. Wir würden ihn sogar irgendwo hintragen, wo er beste Lebensbedingungen hätte. Aber dazu müsste er sich blicken lassen. Ach, wenn doch Blacky, unser geliebter Labi, noch lebte, so jammern wir. Seine fröhlichen Spiele auf dem Rasen hatten die schwarzen Plagegeister offensichtlich gestört und sie waren nie lange geblieben. Aber die Ruhe unserer menschlichen Zweisamkeit gefällt ihnen und auch der regelmäßige Einsatz des Rasenmähers erträgt er mit stoischer Ruhe.

„Du musst dir die Angler zum Vorbild nehmen“, sagte ein Freund kürzlich zu meinem ratlosen Mann. „Nimm dir einen Hocker, sitz mucksmäuschenstill bis du siehst, wie die Rasendecke sich hebt. Dann musst du einen Spaten und Eimer griffbereit haben.“

„Und wenn du nur den Vater erwischst und der Rest der Familie wird zu Witwe und Halbwaisen?“, warf ich ein. Nicht auszudenken für mich. Irgendwie tun die fleißigen Schwarzkittel mir auch leid. „Stell dir vor, es wären Wildschweine, die deinen geliebten Garten umpflügen. Es sind doch nur kleine Maulwürfe.“ Wie so oft brachte ich meinen Mann zum Umdenken. „Nur?“, das war das vorerst letzte Wort zu dieser kleinen Katastrophe.

Seniorenliebe im Dauerglück?

Mancher mag denken, wir – Anne und Ulli – seien ein Traumpaar, ein Vorzeigepaar, das weder Auseinandersetzung noch Fruststimmung kennt. Zum Glück ist das nicht so. Zum Glück? Wir wissen, wenn Menschen zusammenleben braucht es viel Toleranz, Respekt und Einfühlungsvermögen, damit der eine dem anderen nicht auf die Füße tritt. Aber wie schwer es ist, 24 Stunden am Tag mit einem Partner zusammenzuleben, und das oft auf relativ engem Raum, der muss wohl wirklich erst in der Nachberufsphase sein.

Als wir noch zu den „jungen Alten“ gehörten, also Rentner-Frischlinge waren, hat es ziemlich oft gescheppert bei uns. Nein, nicht mit Geschirr oder Kochdeckeln haben wir geworfen, sondern im Gegenteil, bei uns herrschte dann Funkstille und Eiszeit. Kennen Sie das? Jeder fühlte sich unverstanden, verletzt und gekränkt. Mal Anne, mal ich. Ich öfter, das muss ich zugeben. Anne lenkte meist zuerst wieder ein, obwohl eigentlich ich der unsensible Dickschädel war. Aber – einfach ist es wirklich nicht zu zweit, denn Mann und Frau ticken doch ziemlich unterschiedlich. Nur, das weiß doch jeder, bevor er sich das Ja-Wort gibt oder als Partner zusammenzieht. Oder?

Wir haben eine kleine Auswahl von entzündbarem Konfliktstoff zusammengefasst:

  • Der eine lässt sich gehen, der andere leidet darunter. So mag Anne mich nicht unrasiert, ich aber finde einen Drei- und Mehrtagebart lässig und vor allem praktisch.
  • Ein Partner ist neugierig und unternehmungslustig, der andere aber sehnt sich nach Ruhe und Zurückgezogenheit. Besonders bei großem Altersunterschied ist das ein häufig auftretendes Problem. Aber auch bei der Urlaubsplanung.
  • Nur noch einer hat sexuelle Bedürfnisse. Und das muss nicht immer der Mann sein.
  • Einer fühlt sich bevormundet. Bei der Erledigung der Hausarbeit, bei Finanzfragen … hat einer das Sagen, der andere fühlt sich unterdrückt und gegängelt.
  • Der eine macht die Alltagsarbeiten, der andere nur den Fernseher an.
  • Der eine wird pflegebedürftig, der andere fühlt sich permanent überfordert und vermisst seine bisherige Freiheit.

Obwohl wir viele dieser Probleme nicht persönlich kennen, wissen auch wir, wie schwer es ist, täglich mit Sonnenschein-Lächeln durchs Leben zu gehen. Aber wer erwartet das schon im Ernst? Wir sind uns der Tatsache bewusst, dass auch im Alter eine glückliche Beziehung keinesfalls selbstverständlich ist, sondern oft harte Arbeit. Aber welche Alternative hätten wir?

Deshalb unser Rat für die, die es mit den guten und schlechten Zeiten ernst meinen:

  • Es ist völlig normal, wenn Menschen unterschiedliche Ansichten und Vorstellungen haben. Schlimm wäre es, der eine würde um des lieben Friedens willen alles hinunterschlucken und sich fügen, während der Partner der autoritäre Bestimmer ist.
  • Reden Sie miteinander über Ihre Wünsche und Enttäuschungen. Aber denken Sie dabei daran: Vorwürfe sind schlecht formulierte Wünsche! Anschuldigungen und beleidigende Formulierungen helfen überhaupt nicht – im Gegenteil.
  • Suchen Sie gemeinsam nach Kompromissen, mit denen beide gut leben können..
  • Notfalls wenden Sie sich an einen Mediator – einen neutralen Dritten, der die festgefahrene Situation lockert und Ihnen hilft bei der Suche nach Auswegen.
  • Versuchen Sie nicht, die Kinder als Mittel zum Zweck zu benutzen. Sie sind sicher nicht glücklich bei dem Gedanken, dass ihre lebenserfahrenen Eltern mit ihren Alltagsproblemen nicht klar kommen.
  • Aber wenn gar nichts mehr geht, haben Sie den Mut, einen Schlussstrich zu ziehen. Auch dafür ist man nie zu alt.

Nicht vereinsamen!

Jeder weiß, traurige Ereignisse, die Einschnitte im Leben darstellen, nehmen im Alter zu. Schon der Auszug der Kinder aus dem heimischen Nest bedeutet für manche Eltern eine kleine Tragödie. Doch eigentlich sollten sie stolz auf ihre selbstständigen Kinder sein und sich über den gewonnenen Freiraum freuen. Aber später setzt uns das Leben schwerer zu. Oft ist es die Pflege der eigenen Eltern, eigene Erkrankungen wie Diabetes, Rheuma, chronische Schmerzen, Schlafstörungen, … Partner, Geschwister, Freunde und Nachbarn versterben, hoffentlich nicht die Kinder oder Enkel. Auch das Ausscheiden aus dem Berufsleben bedeutet nicht für jeden pure Freude. Diese psychischen Belastungen, die mancher auch als Schicksalsschläge bezeichnet, kommen selten nacheinander, sondern überfallen uns oft gleichzeitig wie ein Rudel und wir fühlen uns im ersten Moment hilf- und wehrlos. Unsere emotionale Stabilität gerät schwer ins Wanken und es ist wahrlich nicht einfach, solche Erschütterungen zu verarbeiten.

Anne und Ulli kennen dies. Besonders Trauerfeiern, Beisetzungen – kurz alles, was mit Tod und Sterben zusammenhängt, würden wir am liebsten aus unserem Leben verdrängen und wollen nichts damit zu tun haben. Aber es wäre dumm, würden wir die Tatsache ignorieren, dass jedes Leben endlich ist. Und je älter wir werden – so Anne – , desto tiefer sind wir schockiert, können es nicht fassen und sind tief traurig – oder auch manchmal dankbar, dass es so schnell und ohne langes Leiden vorübergegangen war. Aber die Abschiedszeremonie hat uns oft sehr nachdenklich werden lassen. Muss man so viel preisgeben über den Toten? Hätte er das gewollt? Er, der Zeit seines Lebens so zurückhaltend war, wenn es um seine Biografie ging. Oder war das eben nicht eine maßlose Schönfärberei? Ohne ihn schlecht machen zu wollen, das eben hatte mit der Realität kaum etwas zu tun. Und wieso eine kirchliche Bestattung? War er seit seiner Konfirmation überhaupt jemals in der Kirche gewesen? Und wie peinlich, wenn nur der Pastor die Lieder singt, die Trauergäste aber schweigen, weil niemand die Texte kennt oder sie nicht singen möchte.

Aber wir haben es doch auch anders erlebt, wirft Ulli ein. Wie nachhaltig kann der Abschied von einem Verstorbenen sein, wenn alles stimmt. Musik, Rede, Ausstattung der Feierhalle und die Art der Bestattung. Erst kürzlich waren wir tief berührt, als die Pastorin einen Brief des Verstorbenen vortrug, geschrieben wenige Tage vor seinem Tod, in dem er sich an seine Frau und an die Kinder und Enkel wandte, aber auch an die Trauergäste. So, als habe er diese Stunde vor seinem geistigen Auge gesehen, hatte er herzliche und tröstende Worte gefunden, sich bedankt und verabschiedet. Ein langes, erfülltes Leben hatte sich vollendet. Das machte das Trauern leichter.

Unser Rat:

  • Machen Sie keine Vogel-Strauß-Politik nach dem Motto: Um meine Beisetzung können sich die Hinterbliebenen kümmern. Formulieren Sie beizeiten Ihre Wünsche und sprechen Sie mit Ihren Angehörigen darüber.
  • Überlegen Sie, wie und wo Sie bestattet werden wollen. Passt eine Seebestattung oder ein Urnengrab im Ruheforst besser zu Ihnen. Möchten Sie anonym oder im Familien- oder Einzelgrab ihre letzte Ruhe finden? Wünschen Sie eine Erd- oder Feuerbestattung?
  • Denken Sie auch an die Kosten für eine Beisetzung und die eventuell nötige Grabpflege, falls Hinterbliebene weit entfernt wohnen.
  • Sie können sich dazu auch von Bestattungsunternehmen beraten lassen.

Um danach – als Hinterbliebene – nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren, wird es eine Zeit dauern, bis Sie wieder den täglichen Alltag bewältigen können. Nun bin ich allein. Es wird schwer sein, diesen Satz mit allen Konsequenzen zu realisieren. Und es wird schwer werden, den Weg ins Leben zu gehen, denn alles ist jetzt anders. Die Stille und Leere in der Wohnung. Niemand redet, hört zu, gibt Zuwendung und Hilfe. Das Bett, der Sessel – alles erinnert an den Verstorbenen. Ein Lieblingsfoto kann helfen. Es tut gut, wenn man über den Tag erzählt, auch mal schimpfen, weinen und die Verzweiflung herauslassen kann. Mit Kindern, Enkeln Fotos anschauen und sich gemeinsam erinnern. Denn auch sie trauern. Ganz allmählich, schrittweise sollte man wieder am Leben teilnehmen. Er oder sie hätte es sicher so gewollt. Aber besonders die Freunde sollten den Hinterbliebenen nicht allein lassen. Denn möglicherweise erleben sie dies irgendwann selbst oder wissen bereits, was man fühlt, wenn der Partner verstorben ist.

Alles wird leichter, wenn wir jemanden zur Seite haben, der uns zuhört, hilft und im Alltag begleitet. Für unsere emotionale Stabilität benötigen wir ein Gegengewicht, das uns wieder aufrichtet. Es ist wie das Netz für Akrobaten unter der Zirkuskuppel. Das können außer der Familie Freunde, Therapeuten, Selbsthilfegruppen, Seniorentreffs – oder auch ein Ehrenamt oder ein neues Hobby sein.

  • Ziehen Sie sich nicht zurück, igeln Sie sich nicht ein, vereinsamen Sie nicht! Das erfordert Selbstdisziplin, Realitätssinn und manchmal Mut, über den eigenen Schatten zu springen.
  • Pflegen Sie deshalb beizeiten soziale Kontakte, damit Sie vermisst werden, wenn Sie z.B. einmal nicht zur Chorprobe oder zum Kegeln kommen.
  • Grüßen. lächeln Sie, sprechen Sie Menschen an – ohne aufdringlich zu erscheinen. Sie werden merken: Das Lächeln kommt zu Ihnen zurück.

Pass auf dich auf!

Ein Satz meiner Mutter, der mir als Kind und junges Mädchen mächtig auf die Nerven ging. Pass auf dich auf! Ja, natürlich. Wer sonst sollte auf mich aufpassen, wenn ich den elterlichen Gesichtskreis verlassen hatte. An einen flatternden Schutzengel oder den Allmächtigen konnte ich nicht so recht glauben. Aber ist es nicht seltsam, dass ich etliche Jahre später diesen Satz meinen eigenen halb erwachsenen Töchtern auf den Weg gab, bevor sie die Haustür hinter sich schlossen? Und dabei schob ich meist noch die nervige Frage hinterher, ob sie auch Schlüssel, Taschentuch und Geld bei sich trügen.

Vererben sich also bestimmte Sätze, gute Ratschläge – oder sind es einfach nur Floskeln, die von Generation zu Generation weitergereicht werden. Aber seit vielen Jahren schon bemerke ich, der Kreis hat sich geschlossen. Der Satz kommt wie ein Bumerang zu mir zurück, meist noch im Doppelpack: Pass auf dich auf! Passt auf euch auf! Ich höre dies von den erwachsenen Kindern und selbst von den Enkeln, die hunderte von Kilometern entfernt leben. Und ihre Bitte klingt eindringlich und besorgt. Und seltsamerweise nervt sie nicht, sondern macht glücklich, dass sie ausgesprochen wird. Aber ich weiß auch, nicht jeder von uns bekommt sie gesagt und könnte doch so gut jemanden gebrauchen, der ab und an mal zuhört oder seine helfende Hand anbietet. Spielen wir also ein bisschen Schutzengel – für den Partner, für Freunde, Bekannte, Nachbarn – ohne zu bevormunden oder die Privatsphäre zu stören. Wir können sicher sein, das Bumerang-Prinzip funktioniert auch hier.

Aber es ist nicht so einfach wie es scheint. Ulli und Anne können ein Lied davon singen. Ulli sorgt sich um seine Frau, denn er kennt ihre Ungeduld und Spontaneität, aber auch ihre unendliche Hilfsbereitschaft. Dabei schießt sie gerne über das Ziel hinaus, bürdet sich Probleme anderer auf, die sie dann seelisch belasten und ihr das Lachen und den Schlaf rauben. Meist ist sie der Motor in ihrer Ehe, aber Ulli muss hin und wieder dafür sorgen, dass sie einen Gang zurückschaltet oder auf die Bremse tritt. Sein Zauberwort: ENTSCHLEUNIGUNG, denn wir sind schließlich keine sechzig mehr, meint er. Aber auch Anne sorgt sich. Ihrer Ansicht nach ist Ulli zu wenig um seine eigene Gesundheit besorgt. Jacke, Schal, Mütze … sind ihm oft unwichtig, zu Vorsorgeuntersuchungen muss sie ihn mit Engelszungen überreden … Ihre Fürsorge nervt ihn, er fühlt sich bemuttert, eingeengt und oft sogar bevormundet. Aber wir arbeiten daran und finden Kompromisse, meinen sie mit einem Lachen.

Einig aber sind wir uns, folgende Regeln zu beherzigen:

  • Den kleinen Wehwehchen und Zipperleins erlauben wir nicht, dass sie uns den Tag verderben. Jammern und Lamentieren helfen nicht, und den Tag auf der Couch verbringen – das passt nicht zu uns. Disziplin, Humor und ein aktives Leben sind unsere Hausmittel gegen kleinere Leiden.
  • Wir versuchen, den inneren Schweinehund zu überwinden, nehmen Treppen statt Aufzug, obwohl Knie und Gelenke scheinbar das Gegenteil möchten. Täglich gehen wir an die frische Luft und machen unsere Spaziergänge. Versuchen, mit Vernunft und Realitätssinn auch trüben Tagen etwas Schönes abzugewinnen.
  • Wichtig: Gefahren vermeiden! Das beginnt bei bequemen Schuhen mit rutschfester Sohle, das Überqueren der Straße auf kürzestem und sicherstem Weg, Taschenlampe für die dunkle Jahreszeit und ähnlichen Sicherheitsvorkehrungen. Und dass wir Streitigkeiten oder gar Prügeleien aus dem Weg gehen, versteht sich von selbst. Aber mit dem Handy die Polizei verständigen, das würden wir immer tun.

Träume von Rentner-Azubis

Weißt du noch? So beginnen für uns oft die Erinnerungen an die Zeit, als wir noch frischgebackene Rentner waren, erzählen Anne und Ulli. Den Begriff Senioren benutzte niemand. Damals dachten wir, noch alle Zeit der Welt zu haben und fühlten uns topfit, um die Welt aus den Angeln zu heben. Zum Nordcap und nach Neuseeland wollten wir reisen, unsere Gartenlaube abreißen und neu bauen, einen Teich anlegen, mit unserer Enkelin in einem Ferienhäuschen an der dänischen Ostseeküste Urlaub machen. Einen Hund wollten wir unbedingt haben und mit ihm täglich joggen oder Fahrrad fahren … Unsere Wunschliste wurde immer länger. Wir fühlten uns super und waren fest der Meinung, das würde auch in dreißig Jahren noch so sein.

Anne erzählt: Mit dem Hund wollten wir beginnen. Doch dann kamen die Bedenken. Welche Rasse? Wo bleibt er, wenn wir nach Neuseeland fliegen? Außerdem: Hund und Kleingarten – er langweilt sich da doch nur und buddelt unsere Rabatten um. Also, erst mal keinen Hund! Für Neuseeland und die Schiffsreise ans Nordcap mussten wir noch etwas sparen. Also würden wir schweren Herzens noch warten. Aber einerseits sparen und andererseits eine schicke Laube mit Teich und Kois? Das vertrug sich irgendwie nicht. Ulli ließ sich von einem Baumarkt-Slogan jener Jahre verführen und ernannte sich zum weltbesten Heimwerker. Die Laube abzureißen war kein Problem. Mit Hilfe unserer Freunde und ein paar Kästen Bier war das schnell geschehen. Das Entsorgen wurde schon problematischer und den Garten wieder vorzeigbar zu machen, kostete uns ein ganzes Jahr. An unsere Haushaltskasse will ich gar nicht denken. Auch nicht, wie genervt und gestresst wir damals waren. Spaß sah anders aus. Ulli wurde als weltbester Heimwerker degradiert, dafür aber zum besten Kunden des Baumarktes ernannt. Von mir. Eine Laube wurde schließlich fertig gekauft – und damit rückten unsere Reisepläne in noch weitere Ferne.

Golden Gate Bridge

Ich will es kurz machen, versprach Anne. Den Garten haben wir an eine junge Familie verkauft. Besser gesagt: so gut wie verschenkt. Die Traumreisen haben wir immer noch nicht gemacht, dafür aber an der dänischen Ostseeküste mit Enkelin Caro einen Kurzurlaub verbracht. Und einen Hund haben wir zu Ullis Leidwesen auch noch nicht.

Unser Rat:

  • Träumen Sie, aber bleiben Sie realistisch bei Ihren Vorhaben, um nicht enttäuscht zu werden.
  • Planen Sie Ihre Aktivitäten so, dass Sie Erfolgserlebnisse haben. Suchen Sie Hilfe, wenn Sie alleine überfordert sind.
  • Es erfordert Selbstdisziplin, angefangene Arbeiten auch zu beenden. Denken Sie an das Motto: Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen.
  • Denken Sie auch daran, das Leben ist nicht endlos und die Gesundheit nicht zuverlässig stabil.

Hilfe, ich werde vergesslich

Um das zu sagen, muss man nicht unbedingt zu den Alten gehören. Außerdem, wer sind überhaupt : die ALTEN. Die Gruppe der Senioren ist so unterschiedlich wie es genauso bei den Jungen und deren Eltern zu beobachten ist. Denk- und Bewegungsmuffel gibt es in jedem Alter. Und doch unterscheiden sich meist in vielen Dingen ein 65- und ein 85-Jähriger – das gilt auch für die Frauen. Aber lassen wir Anne und Ulli zu Wort kommen, die beide Mitte siebzig sind:

Ja, wir merken beide, dass wir vergesslicher werden. Ein Name, ein Begriff, eine Telefonnummer, ein Termin oder – ganz wichtig und total ärgerlich und peinlich – die PIN für den Kontozugang. Plötzlich verschwunden. Da hilft kein verzweifeltes Grübeln, sondern abwarten. Meist fällt es uns in den seltsamsten Situationen wieder ein – und wir könne über uns lachen. Trotzdem, solche Erinnerungslücken und Aussetzer nagen an unserem Selbstwertgefühl. Also beugen wir solchen unliebsamen Situationen vor und schaffen uns Erinnerungshilfen.

Erstens, unser Kalender. Wir basteln ihn jedes Jahr selbst. Er bekommt verschiedene Spalten – separat für Anne und mich zwei breite, dazu die Geburtstagsspalte, die verschiedenfarbig markiert wird – je nachdem, wie nahe uns die Geburtstagskinder stehen. Sonn- und Feiertage werden rot geschrieben. Unten bleibt ein breiter Rand für Bemerkungen ohne festes Datum (Kündigungen, Routine-Untersuchungen beim Arzt, Überweisungen …) Der Kalender hängt zusammen mit einem Kugelschreiber an einem hellen Platz in der Küche. Das tägliche Anschauen ist Pflicht. Abends streicht Anne das Datum durch und schaut noch einmal auf den folgenden Tag, damit wirklich nichts übersehen wird. Pflicht ist auch, dass jeder von uns einen persönlichen Termin einträgt. Denn wir besitzen zusätzlich kleine Taschenkalender für unterwegs – und sind gerade dabei, in unserem Smartphone die Kalenderfunktion kennenzulernen.

Neben dem Kalender hängt unser „Vergiss-mich-nicht-Heftchen“. Hier schreiben wir auf, was wir wem wann geliehen oder uns ausgeliehen haben.Natürlich muss die Rückgabe vermerkt werden. Außerdem: Was haben wir wo deponiert, das wir erst Monate später benötigen werden (Blumensaat, Reiseunterlagen …).

Botanischer Garten Rostock

Zweitens hapert es hin und wieder mit den Namen. Ist doch peinlich, wenn wir von einem bekannten Gesicht angesprochen werden, aber der Name ist uns plötzlich abhanden gekommen. So haben wir uns Namenlisten angelegt. Zum Beispiel hat Anne ihre Chormitglieder dort aufgeführt, teilweise sogar mit Foto und Geburtsdatum. Wir wissen, den Trick nutzen auch andere unserer Bekannten. Aber bald ist Schluss damit, denn wir möchten nicht auf dem Mond leben und wissen es zu schätzen, dass uns unser Handy hier enorm weiterhelfen kann.

Leider braucht jeder von uns seine täglichen Tabletten. Dafür haben wir die Tablettenbox und es gehört zu unserer täglichen Routine, sie zu füllen. Neben unserer Krankenkassenkarte bewahren wir einen Zettel auf, wo die Medikamente und Einnahmemengen notiert wurden. Außerdem die Telefonnummer von unseren Kindern und unseren eigenen Hausanschluss – falls uns mal etwas zustoßen sollte.

Alles, was beim Verlassen der Wohnung wichtig ist, zum Beispiel Regenschirm, hängen wir an die Tür. Und für besondere Aktivitäten haben wir unsere „Zwecktaschen“ griffbereit (Kegelabend, Saunabesuch …) So gibt es keine Hektik und wir sind auf der sicheren Seite. Sie sehen schon, etwas clever und pfiffig muss man schon sein, wenn der Kopf uns hin und wieder einen Streich spielt und zum Sieb mutiert. Schön, wenn man dabei zu zweit ist und vieles mit Humor betrachten kann.

Wir waren einmal jung. Aber ihr wart noch nie alt

Über diesen Satz sollten die Zwölfjährigen in den Weihnachtsferien nachdenken und ihre Großeltern fragen: Was bedeutet es eigentlich, alt zu sein? Caro, die Enkelin von Anne und Ulli , war mit ihren Eltern in Rostock zu Besuch und nach dem nachmittäglichen Kaffee bekannten Sohn und Schwiegertochter etwas verschämt, bislang nicht darüber nachgedacht zu haben, was sich eigentlich für Oma und Opa geändert hatte, nachdem sie aus dem Berufsleben ausgeschieden waren. „Was habt ihr gewonnen, was verloren? Wie habt ihr eure Zweisamkeit erlebt, du als ehemals leitender Angestellter und Mama als Verkäuferin in einem Kaufhaus. Ihr hattet Verantwortung, Kollegen, jeder einen Freundeskreis und ihr hattet doch ein gutes Auskommen. Wie ist es jetzt?“ Himmel, irgendwann kommt das auch auf uns zu, stöhnte die Schwiegertochter, und wir haben kaum Ahnung.

Ulli erinnerte sich: Nach anfänglicher Euphorie kehrte bald der Alltag ein und damit begannen die Probleme, vor allem für mich. Ich fühlte mich nicht ausgelastet, nicht anerkannt, nicht gebraucht. Hilfe, wie soll das nur werden, dachte ich so manches Mal. 24 Stunden mit Helga zusammen, das war neu für mich. Ich nörgelte, war unzufrieden, wusste nichts mit mir anzufangen. So hatte ich mir das neue Leben nicht vorgestellt. Ja, und ich stürzte mich in die Hausarbeit, ergänzte Anne. Ich putzte und räumte um, sah überhaupt nicht, wie Ulli litt. Bald begriffen wir, dass es so nicht weitergehen dürfe. Deshalb unser Rat:

  • Rechtzeitig über die Phase des Ruhestandes nachdenken und reden. Nicht nur träumen, sondern realistisch und problemorientiert dieses künftige Leben betrachten. Dazu gehört auch die neue finanzielle Situation.
  • Wer sich bislang vor allem über seine Arbeit definiert und daraus sein Selbstwertgefühl geschöpft hat, sollte sich neu orientieren. Ein Ehrenamt, eine Tätigkeit auf Honorarbasis, ein Minijob, ein Kleingarten oder Hund können dem Leben einen neuen Sinn geben.
  • Gemeinsame Unternehmungen sollten gerecht abgestimmt werden. Jeder sollte daraus Gewinn und Freude ziehen.
  • Verbringen Sie die Freizeit nicht wie „siamesische Zwillinge“, womöglich noch im Partnerlook, jede Stunde des Tages gemeinsam. Lassen Sie sich Freiräume, in denen jeder alleine bestimmen sollte, was er tut.
  • Geben Sie den Tagen eine Struktur. Planen Sie Ihre Aktivitäten. Leben Sie nicht in den Tag hinein, aber bleiben Sie trotzdem offen für spontane Unternehmungen.
  • Und denken Sie an die Worte von Kurt Tucholsky: „Das ist schwer, ein Leben zu zweien. Nur eines ist schwerer: einsam sein.“
Ehemalige Kollegen. Seit 30 Jahren treffen sie sich mehrmals im Jahr

„Und was heißt es denn nun, alt zu sein?“, hakte Caro nach. „Lebt es sich dann anders?“

Beim Altern verändern wir uns körperlich und geistig. Das beginnt schon viel, viel früher als man es wahrnimmt. Auch du wirst es bald feststellen, sagte Ulli und erntete ein allgemeines Stöhnen. Zunehmend werden tägliche Dinge des Alltags komplizierter. Oft sind es nur Kleinigkeiten, die uns Senioren das Leben schwer machen. Und er listete auf:

  • Fernsehen: Der ständige Lautstärkewechsel nervt. Laute Hintergrundmusik, die Schauspieler aber sprechen oft zu leise, schnell, undeutlich. Eben in ihrer Alltagssprache – oft mit englischen und technischen Begriffen, die wir nicht kennen. Die Fernbedienung ist nur was für zarte Frauenhände. Tasten zu klein, Zwischenräume zu eng, Beschriftung auf Englisch.
  • Ähnliches beim Radio: Das ausländische Musikgedudel nervt Ob beim Einkaufen, beim Friseur … überall werden wir beschallt und permanent zugedröhnt.
  • Einkaufen: Selten gibt es Kundentoiletten, Produktinformationen werden zu klein geschrieben, Ansprechpartner, Verkäuferinnen fehlen meist. An den Kassen ist es meist zu voll und hektisch.
  • Öffnen von Flaschen, Dosen oder Verpackungen. Ohne Hilfsmittel bekommt Helga nicht mal eine simple Seltersflasche auf.

„Nun hör aber mal auf“, lachte Oma Anne. „Wir kommen doch eigentlich gut zurecht. In zehn Jahren mag es ja anders aussehen. Aber wir sehen das meist als sportliche Herausforderungen und ihr braucht euch keine Sorgen zu machen.“

„So ist es. Der Fernseher wird oft ausgestellt oder wir sehen uns solche Sendungen an, die uns interessieren und uns gut tun. Einkaufen tun wir dort, wo es überschaubar ist und zu hektischen Zeiten, wenn die Berufstätigen einkaufen gehen, bleiben wir zuhause.

ENDLICH RENTNER – und was nun??

„Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an … mit 66 Jahren, da hat man Spaß daran … Ihr werdet euch noch wundern, wenn ich erst Rentner bin!“ Ich bezweifle, ob Udo Jürgens wirklich wusste, wie Rentner „ticken“ und wie sie sich fühlen, wenn der große Tag gekommen ist, an dem sie entlassen werden in den „wohlverdienten Ruhestand“. Und das gilt natürlich allgemein für die Senioren, also die Rentner und Pensionäre gleichermaßen. Werden sie wirklich alle gleichermaßen HURRA schreien und ein Freudenfest feiern?

Wie habe ich es erlebt: Mit 63 Jahren durfte ich in das Rentnerleben eintreten. Also von Hundert auf Null. Vom Marathonläufer zum Schachspieler. Das Hamsterrad war angehalten worden. Und dieser Absprung vom beruflichen Leistungssport geschah ohne langsames Abtrainieren, also ohne Vorruhestandsregelung. Der Gedanke, plötzlich alle Zeit der Welt zu haben, allen unangenehmen Pflichten entkommen zu sein, führte bei mir anfangs zu einem unbändigen Glücks- und Freiheitsgefühl. Dauerurlaub, der Pflicht konnte die Kür folgen, was gab es Schöneres? Ich hatte mich auf diesen Lebensabschnitt vorbereitet. Hatte Ideen und Pläne, wobei ich auch den Abstieg in eine andere finanzielle Liga eingeplant hatte. Also, in das gefürchtete Loch fiel ich nicht. Wobei ich von WIR sprechen sollte, denn mein Mann hatte zeitgleich mit mir das Berufsleben an den Haken gehängt. Wir hatten weder Langeweile noch irgendwelche Beschäftigungsprobleme.

Doch eines hatte ich – und meinem Mann ging es ebenso – total unterschätzt: Vierzig Jahre und mehr hatte ich als Pädagoge ge- und belehrt, eigene und fremde Kinder gebildet und erzogen und dabei die Hoffnung nie aufgegeben, die Welt durch mein Tun wenigstens geringfügig besser machen zu können. Ich hatte Verantwortung getragen und wurde respektiert. Und nun? Die Erziehungs- und Bildungsobjekte waren plötzlich abhanden gekommen. Mein Wissen wurde nicht mehr gebraucht, mein pädagogischer Zeigefinger schon gar nicht. Das Gefühl, das meine Schüler mir gegeben hatten, wenigstens ab und zu recht zu haben, fehlte plötzlich. Ich stürzte mich auf die Erziehung unseres Hundes. Aber das lastete mich keineswegs aus. Er war klug, geduldig und widerspruchslos. Vermutlich hätte ich eine andere Rasse wählen sollen, um den Schwierigkeitsgrad zu erhöhen.

Ein entspannter Bootsausflug am Warnowufer

Nun, ich will die Geschichte abkürzen: Ich habe die Kurve gekriegt und bin heute – 14 Jahre später – ein glücklicher Mensch, ausgefüllt und zufrieden. Wie schafft man das? Wie kann man die neue Freiheit nutzen, und dabei sich und andere Menschen zufrieden machen? Die Antwort darauf ist so verschieden, wie auch die Menschen es sind. Und viele meiner Alterskollegen – ob Mann oder Frau – empfinden den sogenannten Ruhestand sogar als die schönste, kreativste und erfüllteste Zeit ihres Lebens.

Wie kann ein solches Leben gelingen, wird mancher Neu- oder Noch-nicht-Senior wissen wollen. Ein kleiner RATGEBER soll Tipps und Denkanstöße geben – ohne, dass ich belehren möchte. Ich werde kleine Geschichten erzählen, in denen Anne und Ulli, zwei fiktive pfiffige Rentner, die mitten im Leben stehen, die Hauptpersonen sein werden. Bleiben Sie gespannt!

Klar, die kenne ich!

So sage ich hin und wieder, wenn die Rede von jemandem ist, den ich zuordnen kann. Aber was heißt kennen? Ich weiß den Namen, habe sie oder ihn gedanklich in eine Schublade gesteckt, auf der ein paar Informationen kleben. Mal mehr, mal weniger. Wir sind uns irgendwann begegnet, manchmal sogar einige Lebenskilometer miteinander gegangen, aber sie oder er sind nicht zu guten Bekannten oder gar Freunden geworden, dafür passte die Chemie irgendwie nicht. Doch manchmal kommt die große Überraschung, das Staunen. Ich habe mich geirrt, mein Schubladenzettel muss ergänzt oder sogar neu beschriftet werden.

Kürzlich erlebte ich das: Ich war mir sicher, SIE einordnen zu können. Ein herber, wenig fraulicher Typ, absolut uneitel. Röcke und Pumps waren tabu, sie war ein Jeans- und Gummistiefel-Typ. Ihre Leidenschaft galt Pferden, Hunden und dem Garten. Mann oder Kinder hatte sie nicht. Punkt. Durch Zufall lernte ich ihr Zuhause kennen. Ja, alles passte. Genauso hatte ich mir ihre vier Wände vorgestellt. Ihre vier Wände? Sprachlos stand ich vor kleinen Kunstwerken, die Flur und Wohnküche schmückten. Waren das Aquarelle? Diese feinen Linien und zarten Pastelltöne, die Auswahl der Bildinhalte … Wer war der Künstler? Ich holte meine Lesebrille aus der Tasche und suchte nach einer Signatur. Nun erst begriff ich, dass ich Stickbilder vor mir hatte. Eine wahre Künstlerin musste sie gearbeitet haben. Als ich nach ihrem Namen fragte, bekam ich ein bescheidenes Lächeln zur Antwort.

Freilichtmuseum Klockenhagen bei Ribnitz-Damgarten

Nun wurde ich durch die gesamte Wohnung geführt und kam aus dem Staunen nicht heraus. Nie hätte ich ihr das zugetraut und nie hätte ich vermutet, dass sie auch eine Meisterin an der Nähmaschine war, mit deren Hilfe sie ihre traumhaft schönen Patchwork- und Quiltarbeiten herstellte. Und ich? War ich eine Meisterin der Vorurteile und Klischees? Ich kann nur raten: Seien Sie vorsichtig mit dem Satz „Die kenne ich“. Und lassen Sie sich positiv überraschen. Es macht Freude.

Hilfst du mir, helfe ich dir

Suche dringend … biete dafür … Oder: Hilfst du mir beim Renovieren, helfe ich dir bei der Gartenarbeit, als Babysitter oder führe deinen Hund aus. So oder ähnlich heißt es in Nachbarschaftsnetzwerken, Heimwerkerforen oder Tierbetreuungsanzeigen. Helfen – unter dem Aspekt Geben und Nehmen – scheint eine der wichtigsten Grundlagen unseres sozialen Zusammenlebens zu sein. Doch wie sieht es mit der selbstverständlichen Hilfsbereitschaft in der Familie aus, die uns als Kinder vorgelebt worden ist? Zumindest sollte es so gewesen sein. Wie in einem unausgesprochenen Generationenvertrag helfen die Eltern ihren Kindern – oft bis sie ihre Ausbildung beendet haben und schon lange volljährig sind – und umgekehrt.

Aber oft ist die sogenannte Sandwich-Generation irgendwann in einer echten Zwickmühle. Einerseits werden die 40- bis 60-Jährigen für Unterstützung und den finanziellen Zuschuss an die Sprösslinge gebraucht, andererseits tragen sie die moralische Fürsorgepflicht und oft auch die finanzielle Verantwortung für ihre mittlerweile alten Eltern. So sind sie „eingeklemmt“ zwischen der Verantwortung für die Jungen und die Alten, sollen und wollen dennoch für ihr eigenes Alter vorsorgen und ihr momentanes Leben genießen. Hut ab vor denen, die die Betreuung ihrer Eltern nicht als notwendige Pflichterfüllung sehen, sondern als einen Herzenswunsch. Doch viel zu oft kommt ein schlechtes Gewissen auf, wenn die vielen Rollen, die man im Leben übernehmen muss, einfach nur zur Überforderung führen und man selbst mit seinen Wünschen ans Leben auf der Strecke bleibt.

Aber haben wir Alten das nicht auch alles hinter uns? Immerhin ist die Familie die natürlichste Hilfsorganisation, die am besten funktioniert. In einem Gespräch mit Gleichaltrigen hörte ich kürzlich aber folgende Meinung: Jede Generation hat das Recht, ihr eigenes Leben zu führen. Junge Eltern sollten ihren Kindern einen maximalen Start ins Leben ermöglichen und im Alter versuchen, unabhängig von ihren Kindern, selbstbestimmt und zufrieden zu leben. Sie sind nicht verpflichtet, zum Beispiel durch ständige Enkelbetreuung die Karriere ihrer Kinder zu ermöglichen. Besser ist es, sich gesundheitlich fit zu halten, sich rechtzeitig einen Freundeskreis aufzubauen, statt ihren oft weit weg lebenden Kindern und Enkeln Sorgen und ein schlechtes Gewissen zu machen. Standpunkte, über die wir nachdenken sollten.