So wie in jedem Jahr

Wie ist es zu schaffen, dass ich entspannt und voller Vorfreude auf die schönste Zeit im Jahr den Dezember genießen kann. Das frage ich mich jedes Jahr. „Du machst dir viel zu viele Gedanken“, sagt mein Mann. „Es wird wie immer sein. Die Kinder und Enkel werden kommen und wir werden es uns gemeinsam gemütlich machen.“ Ich aber denke an die Probleme meiner Lieben, es allen recht machen zu wollen – den Eltern und Schwiegereltern, dem Freund und der Freundin. Denke an ihre langen Autofahrten an die Ostsee auf hoffentlich gut befahrbaren Straßen, denke an Geschenke und die Einkäufe für die Festtage und die Tage danach. Was soll ich kochen, backen? Und neuerdings denke ich verstärkt an Freunde und gute Bekannte, die gesundheitliche Probleme haben oder allein sind. Sie bedrücken mich mehr als in früheren Jahren. Wächst die Empathiefähigkeit im Alter? Nehmen Krankheiten zu und die Angst, der eigenen Familie könnte Schlimmes geschehen?

Nein, das geht nicht. Schluss mit solchen Grübeleien. So sehr ich allen von Herzen Glück und Gesundheit wünsche, ich kann nur darauf hoffen, dass jeder mit Verstand und Verantwortungsbewusstsein durchs Leben geht und fährt und dass die großen Lebensunglücke uns erspart bleiben. „Die wahren Lebenskünstler sind bereits glücklich, wenn sie nicht unglücklich sind“, so las ich kürzlich. Und „das Glück kommt zu denen, die lachen“. Also, ich werde alle trüben Gedanken zumindest durch helle und schöne auszugleichen versuchen. Werde die Wohnung mit Tannengrün schmücken, Kerzen anzünden, mich auf Adventskonzerte und Weihnachtsfeiern freuen, über den kleinen stimmungsvollen Weihnachtsmarkt an der Ostsee bummeln. Wir werden Freunde einladen, lesen und Musik hören, aber dem Geschenktrubel und dem endlosen Musikgedudel in den Geschäften aus dem Weg gehen.

Unsere älteste Enkelin sagte bereits Mitte Oktober: „Opi, ich hab einen großen Weihnachtswunsch. Wieder eine richtige Feuerzangenbowle – mit Zuckerhut und zischender blauer Flamme – und wir alle wieder an dem großen Tisch mit dem leuchtenden Tannenbaum am Fenster.“ Und so wird es sein. So, wie in jedem Jahr.

Kennen Sie sich?

„Jeder Mensch hat etwas, das ihn antreibt.“ Mit dieser Feststellung fuhr kürzlich eine Straßenbahn durch unsere Stadt. Der Satz ist keine Erfindung der werbenden Genossenschaftsbank, sondern eine allseits bekannte Tatsache. Trotzdem begann ich zu grübeln, nachdem die Bahn an mir vorüber gefahren war. Antriebsarm oder sogar antriebslos zu sein, ist fatal und meist ein Zeichen für eine Krankheit oder eine psychische Störung. Sie kennen sicher auch diesen Zustand, wenn man zu nichts Lust hat, sich nicht aufraffen kann, dringend Notwendiges zu tun. Alle Alarmglocken schrillen dann. Aber ist es nicht genauso fatal, wenn man sich als Getriebener, Gehetzter fühlt, kurz vor dem Burn-out steht? Oder was ist, wenn ich will, aber nicht kann oder darf. Ich stecke voller Pläne, habe Elan und Enthusiasmus – aber ich werde ausgebremst. Stop sagt mein Körper, stop sagt irgendeine Institution, ein Amt …

Nein, ich will nicht philosophieren und belehren an dieser Stelle. Doch es mag auch für Sie interessant sein: Psychologen haben herausgefunden, dass es sechzehn Lebensmotivationen gibt, die uns antreiben oder bremsen und auf die unsere Verhaltensweisen zurückzuführen sind. Und so, wie ein Fingerabdruck einmalig ist und nur zu mir gehört, so ist auch ein ganz bestimmtes Motivationsprofil unverwechselbar für mich. Es bestimmt mein Handeln und deshalb sollte jeder Mensch sein ganz individuelles Profil auch kennen. Also: Weshalb bin ich so, wie ich bin? Was treibt mich an? Was ist mir besonders wichtig im Leben? Ist es Macht und Anerkennung? Ist es Ordnung und Perfektion? Ist es die intakte Familie – oder will ich Rache, Ruhe oder körperliche Aktivität?

„Rostocker Seehunde“ im November

Das war nur eine Auswahl der Motivationen und erst die Mischung macht das Individuum aus. Und erst wenn ich mein Motivationsprofil kenne, kann ich sagen: Das bin ich. Es ist höchst spannend, nicht nur über Gott und die Welt nachzudenken, sondern vor allem über sich. Ja, und bei diesem Nachdenken kommt man unweigerlich auf die Frage: Wodurch bin ich so geworden? Was und wer hat mich geformt und nachhaltig beeinflusst?

Mit einem unguten Gefühl erinnere ich mich an den Hausaufsatz, den wir vor etwa sechzig Jahren kurz vor dem Abitur schreiben mussten. Der Titel: Darstellung meiner Entwicklung. Keine Biografie wollte unsere Lehrerin lesen, sondern die Triebkräfte und Stolpersteine meines jungen Lebens kennenlernen. Ein öffentlicher Striptease der Seele – welche 18-Jährige mag das schon.

„Sei du selbst. Alle anderen gibt es schon.“ Aber wer mit seinen Mitmenschen gut auskommen und sie verstehen will, sollte sich auch für die eigenen Lebensmotivationen interessieren, denn sie können uns nicht nur an- und vorantreiben, sondern auch hemmen, stören und Steine in den Weg legen.

Wie war das mit der Pubertät?

„Kannst du dir vorstellen, dass unsere Caro auch mal so ein Pubertier werden könnte?“, fragte ich kürzlich meinen Ulli. Aber er schüttelte nur ratlos den Kopf. „Was für ein Tier?“ Typisch Ulli. Keine Ahnung von TV-Serien und üblichen Begriffen. Im Steno-Tempo erklärte ich ihm: Etwa 11-Jährige, bislang freundlich, entzückend – kommt in die Pubertät. Wird auf Schlag launische Diva, zickt rum, wird aufmüpfig oder auch übellaunig-maulfaul, macht Mücke zum Elefant und die Familie zur Chaos-Baustelle.

„Ach, die Pubertät meinst du“. Ulli hatte begriffen. Aber unsere Caro, die liebe Enkelmaus, mit der wir doch gerade einen entspannten Schweden-Urlaub verlebt hatten, in dem kein böses Wort gefallen war, unsere Caro und Pubertät? „Sie doch nicht“, meinte Ulli empört. „Pubertät“ – er zog das Wort verächtlich in die Länge.

Auch ihr seid bald dran mit der Pubertät

Und dann erinnerten wir uns an unsere Teenagerzeit. Anne hatte mit 14 ihre Verkäuferinnenlehre begonnen, ich war noch bis 16 zur Schule gegangen. Das hätten wir uns nie erlaubt, patzig oder frech zu unseren Eltern oder anderen Erwachsenen zu werden. Bei Widerworten gab’s was hinter die Löffel, wobei Ulli sich noch gut an ans lockere Handgelenk seiner Mutter erinnern konnte. Anne sei die Brave, Liebe gewesen, behauptete sie. „Aber ein bisschen gemault hab ich schon hin und wieder“, gab sie zu. Aber das war’s dann auch schon. Beide hatten wir klare Regeln gekannt, mussten Pflichten erfüllen und wehe, wir spurten nicht. Eltern und Lehrer waren Respektspersonen, da gab es keine demokratischen Entscheidungen, an denen wir Kinder mitwirken konnten. Und? Waren wir unglücklich? Fühlten wir uns unterdrückt? Und ist aus uns nicht trotzdem was geworden? So fragten wir uns und waren überzeugt: Unsere Teenagerzeit, damals sagte man auch Flegeljahre bei den Jungs, hatten wir in überwiegend guter Erinnerung.

Und doch: Sie verlief so ganz anders als die der Heranwachsenden heute. Manches kann man eben nicht vergleichen – so wenig wie Euro und Reichsmark. Ja, und was würden wir machen, wenn Caro doch so ein chaotisches Pubertier wird, das sich schwer damit tut, erwachsen zu werden?

Unser Rat:

  • Erst einmal abwarten bis es soweit ist. Dann Ruhe bewahren und sich nicht wegen jeder Kleinigkeit aufregen und die pädagogische Keule schwingen. Auf keinen Fall uns als das Maß aller Dinge hinstellen (Zu unserer Zeit … Das hätten wir uns damals erlauben sollen …)
  • Bestimmte Dinge akzeptieren. Beispiele: Freunde werden wichtiger als Erwachsene. Am Wochenende wenn möglich, morgens lange schlafen, abends nicht vor Mitternacht ins Bett gehen. Handys haben höchsten Stellenwert …
  • Trotzdem: Den Kontakt zu den Enkeln nicht verlieren und nicht beleidigt sein, wenn Anrufe oder WhattsApp seltener oder kürzer werden.
  • Geduld. Und immer ein offenes Ohr und eine helfende Hand, wenn sie benötigt werden.
  • Seien Sie überzeugt: Alles hat einmal ein Ende. Und das ist meistens gut.

Großeltern-Nöte

Das fiktive Rentnerpaar Anne und Ulli erinnert sich:

Unsere Enkelin Caroline, kurz Caro genannt, war drei Jahre alt, als wir Rentner wurden. Besonders Anne hat in der Zeit davor ziemlich gelitten, so erinnert Ulli sich. Wie gerne wäre sie mit dem Kinderwagen gefahren, hätte die Kleine gebadet und geknuddelt, ihre Geh- und Sprechversuche hautnah miterlebt. Aber wie, wenn Oma und Opa berufstätig sind und die Enkelmaus mit ihren Eltern mehr als 450 Kilometer entfernt lebt? Natürlich fuhren wir hin und wieder übers Wochenende nach Bielefeld oder die Kinder kamen zu uns.

Kennen Sie das, wenn die jungen Eltern ihr Auto ausladen und sich bei Ihnen einrichten? Himmel, was brauchte die Kleine alles, wenn es auf Reisen ging. Schon allein der Kinderwagen füllte den Kombi, aber dann kamen Taschen und Klappkisten mit Windelpaketen, Spielzeug und Wäsche, dazu die tausend Dinge der Eltern. „Sie bleiben doch nur zwei Tage?“, flüsterte ich Anne ins Ohr. „Oder wollen sie hier Jahresurlaub machen?“ Statt einer Antwort erhielt ich einen leichten Knuff in die Rippengegend und brauchte nur das strahlende Gesicht meiner Liebsten anzuschauen um zu merken, dass sich ab jetzt alles um das Wohl der jungen Familie drehen würde. Im Gästezimmer war kaum noch Platz zum Treten. So wurden Flur und Wohnzimmer einbezogen und das muntere Leben begann.

Vorerst lag Klein-Caro auf einer Kuscheldecke und klapperte fröhlich mit ihrer Rassel. Einige Monate später robbte und krabbelte sie durch die Wohnung und untersuchte alles, was für die Händchen erreichbar war. Bekam sie es nicht, machte sie Terror. „Das Kind braucht Grenzen“, sagte ich zu Anne. „Wehret den Anfängen, sonst haben wir hier bald einen kleinen Tyrannen.“ Aber die Oma beschwichtigte mich. „Sie ist doch noch so winzig. Ihr ganzes Leben hat sie noch mit Regeln, Gesetzen und Normen zu tun. Außerdem – so selten wie wir sie sehen, da müssen wir doch nicht auch noch an ihr herumerziehen.“

Das und Ähnliches hörte ich immer wieder von Anne und es mündete stets darin, dass Großeltern sich nicht in die Erziehung der Eltern einmischen sollten. Oma und Opa seien zum Verwöhnen da und dafür, die jungen Eltern hin und wieder zu entlasten. Außerdem wünschte Anne Harmonie in der Familie. Aber zwischen uns beiden fehlte sie, zumindest in dieser Frage. Damals.

Aus heutiger Sicht, Caro ist jetzt dreizehn, raten wir:

  • Großeltern sollten sich einig sein und mit den Eltern klare Absprachen treffen.
  • Die Erziehungsziele und -methoden werden von den Eltern bestimmt. Ihre absoluten Grenzen sollten von den Großeltern akzeptiert werden. Sie müssen lernen, sich zurückzuhalten.
  • Spannungen zwischen Eltern und Großeltern spürt das Kind und steht vor der Entscheidung, wen es lieber hat. Das ist nicht gut. Deshalb klären Sie Unstimmigkeiten in ruhiger Atmosphäre in Abwesenheit des Kindes.
  • Das Verwöhnprogramm von Oma und Opa sollte sich auf Zuhören, Spielen, Zeit und Liebe konzentrieren.

Mach’s nicht!

„Trau dich, tu es, du kannst es!“ So fordern Eltern und Pädagogen kleine Kinder auf, damit sie lernen, selbstbewusst zu werden und ihre Kräfte und Fähigkeiten richtig einzuschätzen. Aus Kindern werden Erwachsene. Und darunter auch solche, deren Aktivität kaum zu bremsen ist und die gerne einen 30-Stunden-Tag hätten, um allen Anforderungen gerecht zu werden. Aber irgendwann sind sie dem Leistungs- und Zeitdruck nicht mehr gewachsen, denn bei aller Pflichterfüllung kam die Erholung, das Angenehme, die Kür zu kurz. Dafür kann Burn-out kommen, Kreislauf und Herz machen schlapp.

Etwas verwundert erlebte ich kürzlich bei einem Springturnier, dass ein bekannter Reiter nach einem fehlerhaften Ritt verkünden ließ, er werde an diesem Tag nicht mehr antreten, damit sein Pferd sich für einen kommenden internationalen Wettkampf schonen könne. Doch nach einigem Nachdenken begriff ich, wie klug dieser Sportler war und wie gut es uns Senioren tun würde, die Aktivitätenliste zu kürzen.

Tu’s nicht, lass es sein. Es ist besser für dich, wenn du heute einen ruhigen Tag zu Hause verlebst. Wir sollten abwägen und dann entscheiden, was uns gut tut, was uns nachhaltig beeindrucken und erfreuen wird – oder auf was wir gut verzichten könnten, da es uns lediglich unnötige Anstrengungen und oberflächliche Unterhaltung bringen und möglicherweise von Wichtigerem abhalten wird. Und was uns wichtig ist, das sollte jeder selbst entscheiden. Aber es sollte zufrieden machen und dazu beitragen, die Schatulle mit schönen Erinnerungen zu füllen.

Köhlerhof Wiethagen: Holzbildhauer Harald Wroost fertigt seinen „Klabautermann auf dem Teerfass“

Es ist so ähnlich wie der Trend, „mit leichtem Gepäck“ durchs Leben zu ziehen, der nicht nur bei jungen Leuten stark im Gespräch ist. Sie belasten sich nicht mit Briefmarkensammlungen, vollen Bücherschränken und Deko-Dingen in der Wohnung, sondern trennen sich von Überflüssigem und konzentrieren sich auf das Wesentliche im Leben. Was auch immer sie darunter verstehen.

Wie wäre es also mit einer Mach’s nicht-Liste, statt einem gefüllten Aktivitäten-Kalender?

Lied vom einfachen Frieden

Rosi, beste Freundin und Seelenverwandte, erzählte voller Begeisterung am Telefon, ihr Rehfelder Sängerkreis sei dabei, Gisela Steineckers Lied vom einfachen Frieden – Klaus Schneider hatte es vertont – einzustudieren. „Weißt du noch? Kannst du dich noch an Text und Melodie erinnern? Eineinhalb Jahre hat sie daran geschrieben.“

Der Titel steckte in in meiner Gedankenschublade ‚Pionier- und FDJ-Lieder‘, die ich schon lange nicht mehr geöffnet hatte. Statt unser Abendessen zu machen, griff ich zum Smartphone und wenige Augenblicke später schallten helle Kinderstimmen durch meine Küche. Ja, natürlich kannte ich das Lied, die Melodie war mir so vertraut, dass ich sie mitsummen konnte. Aber der Text? Bald hatte ich ihn vor mir: „Wenn ein Gras wächst, wo nah ein Haus steht und vom Schornstein steigt der Rauch, soll’n die Leute beieinandersitzen. Vor sich Brot – und Ruhe auch“. Und der Refrain: „Das ist der einfache Frieden, den schätze nicht gering. Es ist um den einfachen Frieden seit Tausenden von Jahren ein beschwerlich Ding.“ Und es folgten weitere Strophen, die das kleine Alltagsglück beschreiben: das Lieben und die Kinder, Familie, Nachbarn und auch den humanen Tod. Ein Bild von Harmonie und Zufriedenheit entsteht, wonach sich wohl jeder Mensch sehnt. Jeder, so könnte man meinen, egal welcher Religion er angehört, egal ob Mann, Frau oder Kind. Und doch scheint der einfache Frieden ähnlich schwer erreichbar zu sein wie der Weltfrieden.

Ich ließ den Mecklenburger Kurt Nolze das Lied singen, gleich darauf die große Gisela May, die 1974 – mitten im Vietnamkrieg – Brechts Friedenslied vor der UNO gesungen hatte.

Natürlich sollte das Lied vom einfachen Frieden ins Repertoire jedes Chors gehören, ebenso die schönen Heimatlieder, die danach durch meine Küche schallten. „Unsere Heimat, das sind nicht nur die Städte und Dörfer …“, oder das Lied der Jungen Naturforscher „Die Heimat hat sich schön gemacht und Tau blitzt ihr im Haar“.

Chor der Volkssolidarität Rostock „Bremer Straße“ probt unter Leitung seines 82-jährigen Dirigenten Karl Kringel

Hat das etwas mit DDR-Verherrlichung, verklärter Sehnsucht und Ostalgie zu tun? „Singen ist das Atmen der Seele“ – so meinen nicht nur die Rehfelder Sänger.

Macht der Gewohnheit

Am frühen Morgen, nach dem Frühstück, folgt bei der letzten Tasse Kaffee der Griff zur Tageszeitung. Wie immer wird der Lokalteil zuerst gelesen, wie immer beginne ich mit der letzten Seite. Verrückt, aber so ist es. Als kürzlich die Zeitung nicht zur gewohnten Zeit im Briefkasten steckte, geriet der morgendliche Automatismus ins Stottern. Das vertraute Ritual, die Macht der Gewohnheit, wurde brutal ausgebremst. Anlass für mich, darüber nachzudenken, wie ich von Gewohnheiten, die zur Routine geworden sind, durch den Tag gesteuert werde. Und das ist gut so. Meistens jedenfalls.

Routine, Rituale bringen Struktur und Ordnung in den Alltag und entlasten das Gehirn. Es muss sich nicht ständig entscheiden, kann im Sparmodus fahren und sich mit anderen wichtigeren Dingen befassen. Barack Obama soll während seiner Amtszeit einmal gesagt haben, er trage grundsätzlich nur blaue und graue Anzüge, denn er wolle sich in dieser Frage nicht entscheiden müssen, weil sein Gehirn täglich viele wichtigere Entscheidungen treffen müsse. Gute Gewohnheiten tun uns also gut.

Ganz sicher keine Unart: der tägliche Spaziergang bei jedem Wetter

Aber leider! Genauso verfährt unser Gehirn mit mit den schlechten Gewohnheiten, den Unarten, die uns schaden und anderen oft auf die Nerven gehen. Es unterscheidet nicht zwischen guten und schlechten, richtigen und falschen Gewohnheiten. Wohl jeder hat sie, die Unarten, aber nicht jeder empfindet sie als solche. Und die wenigsten schaffen es, sie abzulegen. Denken Sie nur an die Silvestervorsätze für das neue Jahr. Nur zehn Prozent der Menschen gelingt es, ihren Autopiloten im Kopf umzuprogrammieren. Denn wir müssen wissen, dass Gewohnheiten sich erst automatisieren, wenn man mindestens 30 Tage lang etwas Neues tut, also von der bisherigen Gewohnheit abweicht. In dieser Zeit aber ist äußerste Selbstdisziplin nötig.

Und das ist das Problem: Der Verstand sagt uns, dass wir manche Gewohnheiten abstellen sollten. Täglich ungesundes Knabber- und Naschzeug nebst Cola, zuckerreiche Mixgetränke oder Alkohol nach dem Abendessen. Zu wenig Sport, zu viele Zigaretten – wie soll so eine Gewohnheit gestoppt werden? Gilt sie doch als Belohnung für einen oft anstrengenden Arbeitstag. Aber es kann funktionieren, besonders in der Gemeinschaft. Aber nie ohne konsequente Selbstdisziplin.

Holzarbeiter im Vorruhestand

Der Beschluss war schnell gefasst: Unser Labrador wird in den Vorruhestand versetzt und in vier Wochen, wenn er seinen elften Geburtstag feiert, geht’s in Rente. Wir zwangen ihn sozusagen zu seinem Glück. Was war passiert? Er hatte offensichtlich Schmerzen, schlich durch die Gegend mit gekrümmtem Rücken, wusste nicht, wie er liegen oder stehen sollte, aber kein Jammern oder Jaulen war zu hören. Er litt eben wie ein Hund – und wir mit ihm. Ab zur Tierklinik. Röntgenaufnahmen zeigten das Malheur: Die Wirbelsäule im Nackenbereich war lädiert. Unser Hund hatte einen Bandscheibenvorfall. Wir begriffen, Blacky hatte sich durch Schwerstarbeit seinen Rücken ruiniert.

Ein Hund und Schwerstarbeit? Dazu muss man wissen, ein Labrador ist ein Arbeitshund und braucht eine für ihn sinnvolle Tätigkeit. Gerade dem Welpenalter entwachsen, bewies er uns seine Leidenschaft für Holz. Kein Ball, keine Frisbee-Scheibe reizten ihn so wie Holz. Stöcke und Äste, die er bearbeiten und nach Hause schleppen konnte, dazu unser Lob – das brauchte er zu zu seinem Hundeglück. Mit den Jahren wurde er zum Kenner von Holzarten und ihren Verwendungsmöglichkeiten. Totholz ignorierte er, Birken und borkenloses Holz ebenfalls. Seine Liebe galt frisch abgefallenen Eichenästen, die er entrindete, zerkleinerte und zu undefinierbaren Holzfasern zerbiss. Sorgen machten wir uns um seine Zähne. Unnötig, wie wir jetzt wissen. An seine Halswirbelsäule dachten wir nicht.

Unser Holzarbeiter

Er zerrte und biss, schleppte die Äste aus Büschen und Unterholz zu seiner Arbeitsstelle, schmiss sie geschickt durch die Luft, stellte sich mit den Vorderpfoten auf das Werkstück – und dann begann die Zerkleinerung. Diese Arbeit übte er natürlich auch aus, wenn es geschneit hatte und er sein geliebtes oft vereistes Holz erst unter der Schneedecke aufspüren und freischaufeln musste. Immer aber hatte er ein unzerkleinertes Reservestück übrig, das er wie ein Zirkushund nach Hause trug. Das waren in der Regel mehrere hundert Meter. Parkende Autos wurden geschickt umgangen, beifällige Bemerkungen von Zweibeinern selbstbewusst entgegengenommen, nur beim schmalen Gartentor gestattete er meine Hilfe. Auf dem Rasen wurden seine Schätze zwischengelagert und je nach Bedarf weiterverarbeitet – oder von uns bis zur Entsorgung aufbewahrt.

Die endgültige Entsorgung geschah dann auf fröhliche Weise mit einem guten Rotwein und unseren Nachbarn bei so genannten Brauchtums-Feuern. Nur Blacky war nicht dabei.

Seine zweite Karriere als ehrenamtlicher Wach-, Schutz- und Begleithund hat er dann leider nicht mehr lange ausüben können.

Nächtliche Rettungsübung

Wir lieben unseren ungestörten Nachtschlaf. Noch ein paar Seiten lesen, Augen zu und eintauchen ins Reich der Träume. Blacky, unser damals zehn Jahre alter Labrador-Retriever, beginnt mit dem Schlafritual, während noch irgendein Krimi im Fernsehen läuft. Auch er läuft – mit zuckenden Pfoten und leisem Knurren träumt er neben uns auf dem Teppich, bald darauf hören wir sein leises Schnarchen. Wenn wir den Fernseher ausstellen und ins Obergeschoss gehen, taumelt er schlaftrunken hinter uns her und legt sich im Nachbarraum auf seine Decke. Unser Schlafzimmer ist tabu für ihn, obwohl die Tür offen steht. So war es – bis zu dieser Nacht:

Beim Herbstspaziergang

Es begann kurz nach Mitternacht. Blacky rast wie ein geölter Blitz die Treppe hinunter. Und ich? Plötzlich hellwach halte die Luft an. Was hat er? Bald darauf jagt er wieder hoch und schießt ins Schlafzimmer. Mit Pfoten, Schnauze und einem herzzerreißenden Wimmern weckt er sein Herrchen aus dem Tiefschlaf. „Was hast du? Geht’s dir nicht gut?“ Stöhnend steht mein Mann auf, zieht sich was über und geht mit Blacky in den Garten. „Überhaupt nichts hat er“, brummt er nach wenigen Minuten, „höchstens schlecht geträumt oder Langeweile“.

Wir reden Blacky ins Gewissen und schicken ihn wieder auf seinen Schlafplatz. Licht aus, weiterschlafen. Aber unser Hund hat offensichtlich Probleme. Er wimmert, tobt wieder ins Erdgeschoss, kommt gleich darauf wieder hoch – und macht dasselbe Theater mit mir. Jammert und drängt mich mit Schnauze und Pfoten dazu, aufzustehen. Nun zieh ich mich an, nehme die Leine und nachts um 2.35 Uhr gehen wir spazieren. Blacky scheint zufrieden und glücklich. Ihm fehlt überhaupt nichts – höchstens sein Herrchen, der männliche Rudelkumpel. Wie angewurzelt bleibt er plötzlich stehen, macht eine Kehrtwendung und signalisiert mir: Zurück! Sofort!

Kaum ist die Haustür aufgeschlossen, tobt er ins Wohnzimmer, verharrt einen Moment – und rennt die Treppe hoch ans Bett von Herrchen. Na, Sie wissen schon. Die Nacht ist für uns zuende. Und endlich begreifen wir: Blacky wollte unser Lebensretter sein, denn nun hören auch wir unseren Rauchmelder, der uns durch Piepton signalisierte, dass seine Batterie ihren Geist aufgeben wollte.

Kluger Hund. Schön, dass wir dich hatten.

Mein geliebter Rudi

Mit gerade einmal 100 km/h schleiche ich über die abendliche Autobahn in Richtung Heimat und lausche auf jedes Geräusch, das mein Rudi von sich gibt. Ich habe Zeit, mich innerlich von ihm, meinem geliebten Corolla, zu verabschieden. Nein, Rudi, so geht es nicht weiter. Ich weiß, du warst stolz wie Bolle, als dir kürzlich die begehrte TÜV-Plakette angeheftet wurde – und das mit neunzehn! Du versprachst mir, auch als Uralt-Senior zumindest zwei weitere Jahre die Treue zu halten – und ich vertraute dir. Aber nun müssen wir vernünftig sein. Auch wenn dein Motorenherz zuverlässig wie ein Schweizer Uhrwerk schlägt und alle inneren Organe top funktionieren – so ist es doch unübersehbar, der Rostkrebs frisst an deiner Karosserie und verschafft mir unangenehme Überraschungen.

Rudi, es tut mir in der Seele weh, wenn dein hinterer Kotflügel abzufallen droht und du zu einer Notoperation in unsere Werkstatt-Klinik musstest. Aber danach, lieber Rudi, schien doch alles gut. Oder? Aber was hast du mir vor wenigen Stunden für einen Schreck eingejagt. Wie konntest du nur? Auf der Autobahn, glatte Straße, normales 140er-Tempo, herrliches Wetter, wenig Verkehr: Plötzlich spieltest du verrückt. Ein Geräusch, als wären alle Fenster offen, ein Schurren und Schlagen unter der Motorhaube. Entsetzlich! Hatte ich ein Tier überfahren, das unter dem Wagen um sein Leben kämpfte? Was war das nur? Ich verringerte die Geschwindigkeit, das Geräusch ebbte etwas ab. Anhalten und nachschauen? Aber doch nicht auf der Autobahn! Endlich, die ersehnte Abfahrt wurde angekündigt. In Kritzkow holperte ich auf den Hof der Mecklenburger Landtechnik.

„Er ist zwar kein Traktor, hört sich aber so an“, sagte ich und mein hilfloser Gesichtsausdruck ließen drei plaudernde Mechaniker aktiv werden.

„Oh, er schleppt ja seine Schürze auf dem Boden. Kein Wunder, dass das Krach macht.“

Zugegeben, ich hatte bislang nicht einmal darüber nachgedacht, dass mein Rudi eine Schürze trägt.

„Kein Problem.“ Der freundliche Hiobs-Botschafter lächelte mir aufmunternd zu. „Ein paar Kabelbinder – und er schnurrt wieder wie ein Kater.“ Gesagt, getan.

Die Blumen, die ich eigentlich verschenken wollte, bekam nun mein Retter. Und mein Entschluss stand fest: Rudi, ich werde dich zur Organspende freigeben.