Es ist schön zu leben

Ein Sirren scheint die Luft zum Vibrieren zu bringen. Es kommt näher und näher – und dann sehe ich ihn an der Bergkuppe. Tief geduckt über dem Motorradlenker rast er heran, gefühlte 200 kmh, dann drosselt er die Geschwindigkeit und schafft es, die rechtwinkelige Kurve zu nehmen. Kopfschüttelnd verfolge ich die wenigen hundert Meter, ehe er aus meinem Gesichtsfeld verschwindet. Unweit von mir waren Eltern mit ihrem etwa achtjährigen Sohn stehen geblieben, der sein Fahrrad schiebend mit blitzenden Augen das Spektakel verfolgt hatte. „Cool!“, meint der Steppke ehrfürchtig, „das möchte ich auch können, wenn ich groß bin.“

„Vergiss es, denk es nicht einmal“, sagt die Mutter“, das ist ein Organspender. Hoffentlich hat er einen Ausweis in seiner Tasche.“

Der Kleine sieht sie verständnislos an. „Was ist das, ein Organspender?“

Ich schlendere mit meinem Hund langsam hinter der kleinen Familie her, möchte schon wissen, wie dem Jungen erklärt wird, was er wissen möchte. Die Mutter beschreibt am Beispiel seines Fahrrads, wie wichtig es ist, dass Räder, Lenker, Rahmen intakt sind und kommt auf die Organe des Menschen zu sprechen, nennt Herz, Lunge, Darm, Nieren, die funktionieren müssen, damit man überhaupt leben und Fahrrad fahren kann. Aber Fahrrad-Ersatzteile könne man kaufen, bei menschlichen Ersatzteilen dagegen sei dies eine andere Sache. Wenn es überhaupt möglich sei, sie zu ersetzen. Ein Herz zum Beispiel könne ein schwerkranker Mensch nur von jemandem bekommen, der gerade gestorben ist und zuvor sein Herz zum Verschenken freigegeben hat.

„Und du denkst, der Motorradfahrer wird sterben?“, fragt der Junge ängstlich.

Die Mutter hebt die Schultern und schweigt. Nun mischt der Vater sich ein. „Was wäre, wenn eben eine Katze, ein Hund über die Straße gelaufen wäre, ein Ball wäre auf die Straße gekullert oder sogar ein Kind wäre unvorsichtig gewesen?“

„Der hätte nicht bremsen können“, ist der Junge überzeugt.

„Nein, und er wäre selbst durch die Luft geflogen und nie mehr aufgestanden“, ergänzt die Mutter.

Der kleine Fahrradfahrer war erschrocken stehen geblieben. „Papa, du würdest nie so schnell mit einem Motorrad fahren?“ Er sieht seinen Vater eindringlich an.

„Nein, nie. Und das besonders nicht, seit wir dich haben. Das leben ist doch viel zu schön.“

Affenliebe im Rostocker Zoo

Patchwork-Großeltern

Vor einiger Zeit bat ich meine Freundin, mir eine Übersicht ihres komplizierten Familiengeflechts zu erstellen. Die Namen der großen und kleinen Kinder konnte ich mit bestem Willen nicht mehr zuordnen. Während in meiner Familie alles recht beständig und übersichtlich so vor sich hin wächst , haben ihre drei Kinder jeweils Scheidungen hinter sich und neue Patchworkfamilien gegründet, wodurch meine Freundin zwangsläufig nicht nur neue Schwiegerkinder, sondern auch zusätzliche Enkel und Urenkel bekommen hatte. Nun arbeitet sie daran – gerecht, verständnis- und liebevoll – das Vertrauen der Enkelschar zu gewinnen und hat dabei die Rolle einer Familien-Mediatorin übernommen. Ich bewundere sie dafür, wie sie die Situation der jeweiligen Familie erkennt, vor allem aber auf die Schwierigkeiten und Probleme der neuen Enkel und Urenkel Rücksicht nimmt. Einige müssen sich in der neuen Familie zurechtfinden, müssen neue „Geschwister“ akzeptieren ohne eifersüchtig ihren Alleinanspruch auf den geliebten Elternteil zu behaupten. Andere verleben als Besuchskinder alle paar Wochen Tage oder sogar die Ferien in einer neuen Familie.

Hut ab vor den Eltern, die dieses Abenteuer angehen, aber Respekt auch vor den Patchwork-Großeltern, die es zu zweit oder auch alleine schaffen, den Kindern nach der Trennung ihrer Eltern das Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit zu vermitteln und ihnen helfen, den oft komplizierten Alltag zu meistern. Was aber tun, wenn den Großeltern nach der Scheidung der Umgang mit den eigenen geliebten Enkeln versagt wird, ihnen sogar Mitschuld an der Trennung unterstellt wird oder wenn die Patchwork-Enkel die neuen Großeltern ablehnen? Mit Sicherheit schmerzt eine solche Situation und fordert Geduld und Optimismus. Manches mag sich ändern, wenn die Enkel erwachsen werden und selbst Entscheidungen treffen können. Möglicherweise hilft auch eine Kinderkonferenz bei Oma und Opa, auf der die Probleme beim Zusammenwachsen der Familie benannt und Lösungen gesucht und gefunden werden.

Komm, du gehörst zu uns.

Einfach wird es nicht sein, aber freuen wir uns doch über jedes neue Enkelkind, auch wenn es nicht das „eigene Fleisch und Blut“ ist. Jedes Kind hat das Recht, ein glücklicher Mensch zu werden. Und dafür braucht es auch Oma und Opa.

Gute Nacht, schlaf schön!

„Wenn ich doch schlafen könnte. Mal eine Nacht richtig durchschlafen!“ Und dann kommt ein trauriger Seufzer. Meist scheinen es Frauen zu sein, die von der Schlafnot betroffen sind. Nun gibt es einen Imperativ, der aber in diesem Fall nicht funktioniert: Schlaf! Wie beim Sprintwettbewerb befehlen: Auf die Plätze – fertig – schlaf! Das klappt nicht. Weder bei Kindern noch bei Erwachsenen und auch nicht, wenn man es mit Autosuggestion versucht, also sich quasi selbst hypnotisiert. Über einige Männer allerdings habe ich gehört, dass sie – kaum haben sie das zweite Bein im Bett – tief, fest und leider auch oft schnarchend ins Reich der Träume verschwinden. Wie sie das machen, weiß ich nicht, kann auch nicht sagen, wo sie den on/off-Schalter versteckt haben, durch den alles was im Kopf umherschwirrt sofort gestoppt werden kann.

Nun weiß jeder, dass nichts so wichtig und förderlich für ein zufriedenes Leben ist, wie ein tiefer, erholsamer Schlaf, aus dem wir ausgeruht und schön wie die Morgensonne erwachen. Und es ist eine Binsenweisheit: Jeder muss schlafen. Einer mehr, ein anderer weniger. Wo und wann auch immer. So wie jeder atmen, essen und trinken muss, so benötigt er auch den Schlaf, der üblicherweise das Gestern mit dem Heute verbindet und nicht nur für die Menschen charakteristisch ist. Leider aber nehmen die Menschen mit einer chronischen Insomnie zu. Das heißt, sie können nicht einschlafen, nicht durchschlafen und wachen morgens viel zu früh auf. Und das mehrmals in der Woche. Eine absolut nervtötende Krankheit, die zur Verzweiflung und Reizbarkeit führen kann. Leistungsfähigkeit und Wohlbefinden tendieren gen Null, dafür schleppt sich der von Müdigkeit Geplagte lustlos durch den Tag und fürchtet sich vor dem erneuten Horror am Abend im kuscheligen Bett. Ein Teufelskreis und meist ein Fall für den Arzt.

Apropos Arzt: Ihm – genauer gesagt, einer Ärztin – habe ich diese Lebenserfahrung zu verdanken. Einem meiner Lieblingsmenschen diagnostizierte sie einen schlimmen Krebs mit der Aussicht auf baldige Palliativmedizin, da es andere Optionen nicht gebe. Sie ließ mich zehn Tage und Nächte ein entsetzliches Gedankenkarussell durchleben, bis sie mir am elften Tag freundlich lächelnd mitteilte, sie habe sich geirrt. Nicht die kleinste Krebszelle sei gefunden worden, obwohl es am Monitor doch so ausgesehen habe. Es dauerte, bis das Karussell zum Stillstand kam und ich zu meinem erholsamen Schlaf zurückfand.

Das besondere Silvesterkonzert

In den Achtzigerjahren wohnte ein Jäger mit seiner Familie vis-a-vis von uns. Es war eine schöne Tradition, das neue Jahr mit einem Jagdhorn-Solo zu begrüßen. Er stand auf seinem Balkon und blies, die Nachbarn auf der Straße lauschten seinem Spiel und stießen mit einem Glas Sekt auf weitere gute Jahre an. Irgendwann verzog er, das Haus bekam ein neues Gesicht, der Balkon aber blieb. Jahre vergingen, die neuen Mieter sind schon lange integrierte Nachbarn. Kürzlich kam das Gespräch auf den Jagdhornbläser und sein Neujahrskonzert in vergangenen Zeiten. „War das schön, damals“, schwärmten wir, „aber leider … du bist zwar ein netter Kerl und dein Balkon ist immer noch ein toller Hingucker, aber das Silvesterkonzert fehlt uns wirklich“, jammerten wir. Er sah uns verblüfft an. „Ich weiß ja nicht einmal wie ein Jagdhorn aussieht, geschweige denn, wie ich daraus einen Ton locken könnte.“ Er sah uns zerknirscht an. Wir konnten uns das Lachen kaum verkneifen und wechselten das Thema.

Dem armen Willi aber muss unser Gejammer keine Ruhe gelassen haben, denn wenige Tage vor Silvester bekamen wir eine schön gestaltete Karte, mit der wir eingeladen wurden, dem diesjährigen Silvesterkonzert unter seinem Balkon zu lauschen. Getränke zum Anstoßen seien mitzubringen. So fand sich wenige Minuten vor dem Jahreswechsel eine kleine Gruppe angeheiterter Nachbarn ein. „Was wird er sich nur ausgedacht haben?“, rätselten wir. Die Spannung stieg. Mit dem letzten Atemzug des alten Jahres begann es – das Knallen, Zischen, Böllern rund um uns. Der Himmel bunt voller Raketen. Jubelrufe, Glückwünsche, Küsse … Aber wo war das Konzert? Wir hörten auch nicht den leisesten Ton. Keine Musik, weder Blech- noch Holzblasinstrumente, weder Violinen noch Gitarren waren zu hören.

Plötzlich stand ein strahlender Willi neben uns. „Na, was sagt ihr. War das nicht schön?“ Wir nickten zögernd. „Ich hab’s geahnt“, bekannte er, „die Raketen haben mir die Show gestohlen.“ Nun konnte wir sein trauriges Gesicht schwer ertragen. „Wollen wir genau in zwölf Stunden uns hier wieder treffen und du spielst uns ein Neujahrskonzert vor?“

Und so geschah es. Die Knaller-Nachbarn hatten bereits die Straße gefegt, der Neujahrsbraten schmorte in der Röhre, die Wiener Philharmoniker gaben ihr Konzert im Fernsehen. Wir aber versammelten uns Punkt zwölf auf der Straße und lauschten ergriffen, als „Die Post im Walde“ ertönte. Ludwig Güttler – natürlich auf Tonträger und mit Verstärkern – trompetete so glockenrein, dass die Töne sicher jenseits der Warnow noch zu hören waren. Und Willi und wir waren glücklich.

Man müsste doch eigentlich …

Endlich schickt die Sonne ihre Strahlen geradewegs durch die schmutzigen Fenster auf meinen Lieblingsplatz und weckt meine Hausfraueninstinkte. „Eigentlich müsste man mal wieder Fenster putzen. Eigentlich“, murmel ich vor mich hin. Damit ist das Thema auch schon wieder ad acta gelegt. Denn wer ist man? Man, im Sinne von jemand oder jedermann, ist Unsinn, denn es gibt nur einen Mann in meiner Kleinfamilie, jedoch die Fensterputzerin bin ich. Bin’s immer schon gewesen, denn ich putze nicht ungern. Aber nur dann, wenn ich Lust dazu habe, mich nicht aufraffen muss, weil irgendein imaginärer Befehlsgeber, der auch schlechtes Gewissen, Pflichtbewusstsein oder Vernunft genannt werden kann, mich dazu auffordert. Und was heißt überhaupt das Wort „eigentlich“? Es ist völlig unnütz, ohne jede Bedeutung und assoziiert doch sofort einen negativ besetzten Konjunktiv. Ich will doch gar nicht zum Fensterputz-Equipment greifen, denn die nächsten dunklen Wolken sind schon in Sicht.

Beim Nachdenken über meine unsinnige Formulierung aus der Umgangssprache begegnet mir mein innerer Schweinehund, der mich mein Leben lang begleitet und ungemein unbequem und nervend sein kann. Aber das geht zum Glück nicht nur mir so. Nein, ein Kuscheltier ist er wahrlich nicht, sondern als Symbol der menschlichen Willensschwäche sollte er bekämpft, besiegt, niedergerungen werden, damit sein Besitzer stolz und aufrecht guten Gewissens durchs Leben gehen kann. Aber sollten wir uns im Alter nicht allmählich von ihm trennen können und ihm einen Platz in irgendeinem Gnadenhof besorgen? Es wäre doch so gemütlich und bequem ohne ihn in unserer gewohnten Komfortzone, wo alles so ist, wie wie wir es schon seit Ewigkeiten kennen. Niemand will etwas Neues von uns, keiner stellt Forderungen und will uns auf unbekannte Wege führen. Vielleicht noch Englischvokabeln pauken? Neue Menschen und Gegenden kennenlernen? In meinem Alter?

Doch! Gerade jetzt. Behalten wir unseren Schweinehund, zähmen wir ihn und erkunden Neues. Garantiert werden wir belohnt mit Glücksgefühlen und Freude.

Das wundert mich aber

Glauben Sie an Wunder? Ich halte mich eigentlich für eine Realistin, die mit beiden Beinen fest im Leben steht und erst einmal allem skeptisch begegnet, was ich nicht durchschaue. So sind mir zum Beispiel Zauberer höchst suspekt und für kein Geld der Welt würde ich mich in eine Kiste legen, um mich durchsägen zu lassen, obwohl ich die hundertprozentige Zusage bekomme, mein Leben wäre damit nicht in Gefahr. Es gibt für mich eben Dinge zwischen Himmel und Erde, die schwer begreifbar sind.

Zwei haben sich gesucht , gefunden – und werden ein perfektes Ganzes

Aber sind das Wunder? Diese geschehen meist plötzlich. Sie lassen sich nicht herbeiwünschen, sondern kommen ungerufen, meist in den unwahrscheinlichsten Augenblicken, und widerfahren jenen, die am wenigsten damit gerechnet haben. So jedenfalls beschrieb Georg Christoph Lichtenberg diese Phänomene. Wir sprechen vom Wunder der Natur, wenn ein kleines Menschenkind das Licht der Welt erblickt hat, perfekt bis zu den winzigen Fingernägeln. Vom Wunder der Liebe, wenn zwei von Milliarden Menschen sich gefunden haben, die zueinander passen, wie der Topf zum Deckel. Wir hoffen auf das Wunder der Heilung bei tödlichen Krankheiten, sprechen vom „Wunder von Bern“, von Zeichen und Wundern, obwohl wir das Alte Testament kaum kennen und eigentlich nur unserem Verstand vertrauen. Und wie oft sagen wir: Das wundert mich aber.

Das Sich-wundern-Können ist also eine menschliche Fähigkeit, die uns ermöglicht, im Alltäglichen etwas Besonderes zu sehen und zutiefst überrascht zu sein. Es gibt so viele Menschen, Momente und Dinge, denen wir achtlos begegnen oder deren Besonderheit uns erst im Nachhinein bewusst wird, die aber des Merkens würdig und wunderbar sind. Oft auch vollbringen wir selbst kleine und große Wunder, die wir erst später als solche sehen. Ein Leben ohne Wunder? Wie eintönig wäre es, würde es diese Augenblicke nicht geben, in denen wir staunen, überrascht sind und uns wundern dürfen – auch manchmal im negativen Sinne. Wenn alles vorhersehbar wäre und auf eingefahrenen Gleisen verliefe – wie traurig. Kleine Lichtblicke und Überraschungen, die Alltagswunder, sind wie das Salz in der Suppe. Wir müssen nur darauf achten, sie auch als solche zu erkennen.

Bitte, nicht verdummen!

„Muss ich das wirklich wissen? Ach lass mich doch mit diesem neumodischen Kram in Ruh.“ Diese und ähnliche Sätze hören wir hin und wieder von Gleichaltrigen. Auch solche kennen wir, die weder Zeitung lesen, obwohl sie sich ein Abo leisten könnten, noch sich über das aktuelle Geschehen in Rundfunk und Fernsehen informieren.

Das Wort RUHESTAND sollten wir keineswegs wörtlich nehmen. Vor allem nicht in geistiger Hinsicht. Eine wichtige Seniorenregel muss lauten: Nicht verdummen! Dafür reicht es nicht, täglich ein Rätsel zu lösen. Unsere Erfahrung ist, dass zum Beispiel bei längerem Krankenhausaufenthalt, nach einem Faulenzerurlaub am sonnigen Sandstrand oder bei Menschen, die sich täglich lediglich mit seichten Radio- und Fernsehprogrammen berieseln lassen, der IQ-Wert in den Keller rutscht. „Wer rastet, der rostet.“ Diese Alltagsweisheit bezieht sich auf Körper und Geist. Deshalb sollte das tägliche „Kopf-Training“ ein Muss sein.

Unser Rat:

  • Trainieren Sie tägliche Arbeitsabläufe, bis sie in Fleisch und Blut übergegangen sind. Dann werden Sie auch im hohen Alter sich noch selbstständig versorgen können – sofern die körperliche Gesundheit mitspielt.
  • Schlagen Sie mehrere Fliegen mit einer Klappe. Beschäftigen Sie sich mit etwas, was Freude macht, Ihren Kopf fordert und möglichst noch das Beisammensein mit Gleichgesinnten ermöglicht. Vergessen Sie den Spruch vom Rentner, der niemals Zeit hat. Nehmen Sie sich die Zeit, die Sie für Ihr Wohlbefinden und Selbstvertrauen brauchen.
  • Unsere Vorschläge: Besuchen Sie einen Tanzkurs, die Seniorenakademie, melden Sie sich in er Volkshochschule an, lassen Sie sich bei der Handhabung technischer Geräte helfen . Es gibt viele junge Leute – oft Schüler an Gymnasien oder Studenten – die solche Kurse anbieten. Lernen Sie zum Beispiel, mit Handy, Tablet oder Computer umzugehen, wie eine Fahrkarte für Nah- und Fernverkehr am Automaten gekauft wird und anderes. Der Zug der Zeit rast sonst an Ihnen vorbei und Sie sehen hilflos hinterher.
Senioren beim Rollatortraining (Rostocker Straßenbahn AG)
  • Sagen Sie nicht: Das schaff ich nicht. Denn so geraten Sie in einen negativen Kreislauf, aus dem Sie nur schwer wieder rausfinden.
  • Sagen Sie nicht: Ich darf keine Fehler machen, mich nicht blamieren. Sondern seien Sie sich bewusst, dass Sie auch aus Fehlern lernen können.
  • Sagen Sie nicht: „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr.“ Dieser Spruch bezog sich auf das Benehmen, die Anstandsregeln. Denken Sie lieber an die alte Kuh, die immer noch dazulernt.
  • Vor allem aber: Bleiben Sie neugierig, interessiert, aufgeschlossen. Dann können Sie noch mit Hundert Gedichte lernen.

Erinnerungen mal anders

„Vom Vater hab ich die Statur, des Lebens ernstes Führen. Vom Mütterchen die Frohnatur und Lust zu fabulieren …“, schrieb Goethe einst und endete mit dem Stoßseufzer: „Was ist denn an dem ganzen Wicht Original zu nennen?“ Zugegeben, nicht immer sind wir glücklich über die Gene unserer Ahnen, denen wir möglicherweise frühe Grauhaare, schiefe Nase, einen bestimmten Charakterzug oder im schlimmsten Fall eine fiese Erbkrankheit zu verdanken haben. Und doch: Was geht uns verloren, wenn wir unsere Wurzeln nicht kennen, wenn die Geschichte unseres Lebens erst mit unserer Geburt beginnt?

Als ich in den Ruhestand ging, beschloss ich, einem Schreibtischfach meines verstorbenen Vaters auf den Grund zu gehen. Er war Kaufmann gewesen und hatte mit großer Gewissenhaftigkeit gesammelt und Buch geführt über alles, was ihm wichtig erschien. Ich sichtete, registrierte, besuchte Friedhöfe und bislang mir unbekannte Dörfer – bis ich schließlich mit dem Schreiben beginnen konnte. Es wurde ein Brief für die Familie, besonders aber für meine vier Enkelkinder. Die Älteste war damals 14 Jahre alt. „Es ist die lange Kette, die ich vor mir sehe, mit vielen Gliedern, bestehend aus euren Vorfahren der letzten Jahrhunderte“, schrieb ich im Vorwort. „Irgendwann komme ich zu euren Urgroßeltern, Großeltern , Eltern – und schließlich zu euch. Und jedes Glied hat etwas dazu beigetragen, dass euer Leben so ist, wie es ist.“ Ich philosophierte noch etwas weiter über die nicht genetischen Einflüsse unseres Lebens, denen wir ausgeliefert oder auch aus dem Wege gehen können und den eigenen Anteil am Lebensglück. Dann aber schrieb ich die Geschichte unserer Familie auf, wobei ich nur einen einzigen Kettenstrang im Auge behielt, der einen ihrer Urgroßväter – es ist mein Vater – betrifft.

Mecklenburger Hallenhaus um 1700 (Freiluftmuseum Klockenhagen)

Als ich auf Seite hundert angekommen war – ich war in meiner Familiengeschichte damals vierzehn Jahre alt, also im Alter meiner Enkelin – schloss ich und versprach eine Fortsetzung. Wichtige Fotos und verschiedene Quellen scannte ich und fügte sie in den Text ein, druckte Seite für Seite fünfzehnfach aus und übergab alles einem Buchbinder, der daraus ein Weihnachtsgeschenk für Kinder, Enkel, Geschwister und Neffen machte. Die Fortsetzung allerdings ruht immer noch auf der Festplatte meines Computers.

Einerseits hat mir diese Art des Erinnerns viel Freude gemacht, andererseits habe ich mich immer wieder gefragt: Weshalb erst jetzt? Wieso habe ich nicht früher besser hingehört, mehr gefragt, mich mehr interessiert für das Leben meiner Vorfahren. Und dann war es zu spät. Ich konnte niemanden mehr fragen.

Große Freude Enkelkind?

Hurra! Unsere Freunde Helga und Jochen waren endlich Großeltern geworden, so erfuhren wir am Telefon. Ihre älteste Tochter hatte einen gesunden Jungen auf die Welt gebracht, einen Elias-Jona. „Natürlich freuen wir uns über den Kleinen“, bekannte der Opa etwas zögerlich. „Aber Elias-Jona! Wie kommen die beiden nur auf diese biblischen Namen. Und dann noch im Doppelpack. Die Eltern sind weder getauft noch konfirmiert. Solche Namen passen doch überhaupt nicht zu unserer Familie. Weshalb ist das kein Paul oder Hannes geworden?“, jammerte er. Ich versuchte ihn zu beruhigen, die Namen seien doch wohlklingend und Doppelnamen modern.

Und als ich der frischgebackenen Oma meine Glückwünsche aussprach, klang ihre Stimme ebenfalls alles andere als glücklich. „Ach Anne, da ist noch was“, reagierte sie schließlich auf meine besorgte Nachfrage und erzählte, die Tochter habe den Kleinen per Kaiserschnitt bekommen, obwohl es überhaupt keine medizinische Notwendigkeit gegeben habe. Der Junge sollte unbedingt an ihrem Hochzeitstag zur Welt kommen, damit ihr Mann niemals dieses denkwürdige Datum vergessen würde. Außerdem habe sie Angst vor den Wehen und dem Geburtsschmerz gehabt und sich einer natürlichen Geburt nicht gewachsen gefühlt. „Ist das nicht schlimm?“ , fragte Helga unter Schluchzen und stieß hervor: „Und wir haben von alledem nichts geahnt. Sie haben uns nicht um Rat gefragt und nun können wir uns überhaupt nicht richtig freuen, sind so enttäuscht von unserer Tochter.“ Wir luden unsere Freunde für den nächsten Tag zum Kaffee ein und beendeten das Gespräch mit tröstenden Worten.

Nun sind wir weder Mediziner noch Psychologen, wie und was sollten wir raten? Wie anders hatten wir es erlebt, als wir Großeltern wurden. Als damals der Anruf unseres Sohnes kam, die kleine Caroline sei angekommen und sie seien die glücklichsten Eltern der Welt, konnten wir uns vor Freude nicht fassen. „Anne, du nimmst morgen den ersten Zug nach Bielefeld“, sagte Ulli. Das hätte er mir nicht extra sagen müssen. Schade nur, dass er wegen eines wichtigen Termins nicht mitkommen konnte. Diese ersten Stunden auf der Entbindungsstation mit der kleinen Caro auf dem Arm, die gemeinsame Freude mit Schwiegertochter und Sohn – niemals werde ich dies vergessen.

Unser Rat – nicht nur für Helga und Jochen:

  • Enkelkinder sind das schönste Geschenk, das uns unsere Kinder machen können. Nur das zählt.
  • Die Namenswahl ist allein Sache der Eltern. Wenn sie unseren Rat wünschen, können wir Vorschläge machen. Wenn nicht, sollten wir den Namen akzeptieren und uns mit Vorwürfen oder missbilligenden Bemerkungen zurückhalten. Das Kind zählt für die Großeltern, nicht sein Name.
  • Auch für die Art seiner Geburt kann der neue Erdenbürger nichts. Die Großeltern könnten sich höchstens fragen, weshalb sie nicht vor der Entbindung um Rat gefragt wurden. Haben die künftigen Eltern ihre ablehnende Haltung schon vorausgesehen? Stimmt etwas nicht im Vertrauensverhältnis zwischen den Generationen?
  • Großeltern sollten sich rückhaltlos freuen, wenn Mutter und Kind gesund sind. Falls nicht, sollten sie Halt und Liebe geben.

Schluss mit Nikolaus?

Spätestens, wenn das letzte Kalenderblatt umgeschlagen war, packt mich ein besonderer Tatendrang. Es ist, als ob ein alter Motor nach monatelangem Stillstand zum Leben erweckt wird und knatternd und schnaufend seinen Betrieb aufnimmt. Ich suche nach zwei möglichst gleichen Kartons, kaufe Weihnachtspapier, Schleifenband, besorge Tannengrün – und vor allem das, was der Nikolaus bringen soll. Denn die Pakete müssen noch einige hundert Kilometer zurücklegen und pünktlich zum 6. 12. bei den beiden Töchterfamilien sein.

Der Nikolaus, so höre ich den Opa stöhnen, sind die Enkel mittlerweile nicht zu groß für sowas? Zu groß? Wann ist man denn zu groß für ein Geschenk vom Nikolaus, denke ich und überlege schon, was ich denn ihm in den Schuh legen werde. Nein, ich will es mir nicht verderben mit dem Bischof Nikolaus, der immerhin der Schutzpatron vieler ehrbarer Menschen sein soll. Ich denke nur an Seeleute, Bäcker, Bauern, Bierbrauer und Kaufleute.

Aber dann, die vier „Kleinen“ waren mir mittlerweile alle über den Kopf gewachsen – und ich bin immerhin 1,70 groß – kam ich selbst auf die Idee, die Enkel doch mal zu testen. Würden sie sich beim Rostocker Nikolaus etwa beschweren, wenn am Dienstag kein Päckchen eingetroffen war? Oder hatte ich recht mit meiner Vermutung, der Tag, der mir Jahr für Jahr Kopfschmerzen bereitet, habe für sie überhaupt keine Bedeutung mehr. Also: Schluss mit dem Klein-Kinder-Nikolaus, befahl ich mir.

So verging der Samstag, der Sonntagvormittag … Aber ich hätte nicht für möglich gehalten, dass ich mir selbst einen „Beinhacker“ gestellt hatte. Mein schlechtes Gewissen wuchs von Stunde zu Stunde. Was bin ich doch für eine Raben-Oma. Was tue ich den Enkeln nur an? Und vor allem mir? Am Sonntagabend hielt ich es nicht mehr aus.Ich stöberte zwei Kartons auf, füllte sie mit Kleinigkeiten, die ich für den Fall der Fälle im Haus hatte, schmückte sie vorweihnachtlich und legte eine freundliche Entschuldigung vom trödeligen, gestressten Nikolaus obenauf, der es nicht geschafft hatte, die Päckchen pünktlich auszuliefern. Am nächsten Vormittag fuhr ich zur Hauptpost aber war mir sicher: Morgen kommt der Nikolaus, aber das wird die Post niemals schaffen! So dachte ich und war dabei irgendwie traurig.

Aber bereits am nächsten Nachmittag hörte ich die fröhlichen Stimmen der Enkel aus Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein am Telefon. „Omi, wir haben ein Päckchen vom Rostocker Nikolaus bekommen. Ganz lieb, dass er immer noch an uns denkt.“ Und unsere Große, die für ein Jahr im Amiland lebte, schickte ein Foto, auf dem ihre kleinen Schutzbefohlenen ihre Stiefel putzen. „Sie kannten bislang keinen Nikolaustag. Ich hab ihnen von unserer Tradition erzählt und heimlich ihre Schuhe gefüllt. War das eine Freude – für sie und für mich“, so schrieb sie.

Ja, es stimmt: Enkel sind das Dessert des Lebens – und die Post ist (manchmal) besser als ihr Ruf.