Nun reicht’s aber !

Natürlich kennen auch Sie diese nervigen Ohrwürmer, die sich als eingängige Melodien tarnen, dann aber wie fiese Kaugummis im Gehirn kleben, als Dauermusik nerven und alle klugen Gedanken blockieren. Ich kenne noch eine weitere Variante, die nicht weniger nervt. Es geht um Begriffe, die ich weder greifen noch fassen, geschweige denn verstehen kann. Ich stolpere beim Lesen oder Hören über sie, denn sie stellen sich meinem Gedankenfluss in den Weg, wie ein störrisches Pferd, das nicht über ein Hindernis springen will. Was tun? Ignorieren, weiterlesen sagt meine innere Stimme. Aber es funktionier einfach nicht.

Ein Beispiel? Ich las in der Zeitung, künftig werde es in meiner Stadt einen Selbsterzeugermarkt geben. Stopp! Ich drehe, wende und seziere das mehrgliedrige Substantiv und schicke es durch den Gedankenfleischwolf. Bei einem Fischmarkt, einem Immobilien- oder Arbeitsmarkt weiß ich, worum es geht. Kann ich aber Selbsterzeuger auf einem Markt erwerben oder mich dort irgendwo bewerben? Unsinn! Wollen die Erzeuger sich selbst vermarkten? Kann jemand sich selbst erzeugen und danach vermarkten? Totaler Blödsinn! Mein Hirn bildet Analogiebeispiele und ich führe Selbstgespräche. Ich spreche mit mir selbst. Selbstbewusstsein, Hilfe zur Selbsthilfe … Alles klar. Aber Selbsterzeuger? Ich greife zum Strohhalm DUDEN. Und wirklich, das Wort wurde akzeptiert. Nur ich kann es nicht. Schlimmer noch, es hat sich mit doppeltem Anker im Hirn festgehakt und lässt sich nicht ignorieren.

Selbst, wenn das Wörtchen „selbst“ wegfiele und nur der „Erzeuger“ bliebe – so stolpern meine Gedanken weiter – würde ich nicht zufrieden sein können. Denn die Händler sollen neben Obst, Gemüse, Marmelade … auch Eier und Honig anbieten. Nun reicht’s aber. Seit wann gibt es Eier legende menschliche Selbsterzeuger? Wo bleibt der Naturschutz? Haben die armen Hühner keine Anwälte, die sich gegen solche Anmaßung verwahren? Sie, die Hühner, sind schließlich die Erzeuger und machen das Eierlegen selbst, ganz ohne menschliche Hilfe! Dagegen sind Datenklau und Plagiate reine Bagatellen. Die Hühner sollten sich zum Protestieren mit den fleißigen Bienen zusammentun, die allgemein als Produzenten der süßen Honig-Köstlichkeiten gelten – wenngleich den Imkern noch etwas Arbeit bleibt bis zur Vermarktung. Aber auf dem Selbsterzeugermarkt?

Einmal im Leben …

Kürzlich wurde ich gefragt: „Was meinst du, was sollte jeder Mensch mindestens einmal im Leben erlebt haben?“ Seltsamerweise fiel mir zuerst ein, worauf ich auf jeden Fall verzichten möchte. Als lebensbejahende Sicherheitsliebhaberin gehören neben Krieg, Natur- und anderen Katastrophen auch lebensbedrohliche Krankheiten und Unfälle, Fallschirm- und Bungeesprünge dazu, Reisen in Länder, in denen mir Haie beim Schwimmen ein Bein abbeißen könnten … Ich fand kein Ende im Aufzählen weiterer potenzieller Erlebnisse, die mir höchst suspekt wären. Für meinen Angetrauten aber gehört manches davon zu seinen großen Lebensträumen. Einmal in Alaska bei einem Schlittenhunderennen starten, mit einem Containerschiff nach Südamerika reisen, Patagonien bereisen und möglichst eine Stippvisite zum Südpol machen. Also eigene Grenzen testen, Abenteuer erleben. Er liebt solche Gedankenspiele.

Einmal die Niagarafälle erleben

Aber was sollte jeder Mensch mindestens einmal im Leben erlebt haben? Jeder Mensch? Sich verlieben. Mit Haut und Haaren, mit Schmetterlingen im Bauch und der Hoffnung, es sei die große, lebenslange Liebe. Und bedingungslos geliebt zu werden. Zu erleben, wie das eigene Kind geboren wird und danach es auf dem Weg ins Leben begleiten können – schön, wenn jeder Mensch, der sich dies wünscht, auch erleben darf. Ein Sonnenuntergang am Meer, eine Arbeit zu haben, die Freude macht und anerkannt wird, nicht nur einen Job. Ein gutes Essen mit Freunden, die Stärke einer Familie spüren, den Stolz und die Erleichterung spüren, eine wichtige Prüfung bestanden zu haben. Großmutter oder Großvater geworden zu sein und den neuen Erdenbürger das erste Mal im Arm zu halten.

Und – eine tiefe Zufriedenheit im hohen Alter empfinden, denn die Lebensbilanz stimmt. Eine Horrorvorstellung wäre für mich, im Alter zurückzublicken, nach Höhepunkten zu suchen, nach Erlebnissen, die das Leben bereichert haben – und nichts zu finden. So wie Kurt Tucholsky in seinem Gedicht „Danach“ schreibt: „Das Leben war zum jrößten Teile vabrühte Milch und Langeweile. Darum wird beim Happyend im Film jewöhnlich abjeblendt.“

Augen zu – oder abschalten?

Tut mir leid, entweder fehlt mir der richtige Humor oder ich bin zu empfindlich. Auf jeden Fall fühle ich mich zunehmend genervt, wenn ich mir abends – kurz vor den Nachrichten im Fernsehen, während ich mein appetitlich garniertes Abendbrot essen möchte – das vermeintliche Elend meiner Altersgenossen ansehen muss. In der Werbung geht es um Blähungen, Fußpilz und Verstopfungen, Haftcreme für die Dritten, Treppenlift für die Mobilitätseingeschränkten, die gelbe Wundercreme für die steifen Gelenke, um Blasenschwäche und Impotenz. Dazu der Altschauspieler, der erst wieder lachen kann, nachdem er die unversehrten Alkoholpralinen sieht und, und, und. Herrje! Peinlich, senil, trottelig – das sind wir? Wir, die neuhochdeutsch als „Goldene“- oder „Best Age“-Generation bezeichnet werden? Aktiv, lebenslustig, neugierig und wissensdurstig, vor allem aber konsumfreudig sollen wir sein und über eine große Kaufkraft verfügen. Ja, offenbar sollen wir unser Geld vor allem für die Produkte der Apotheken und Sanitätshäuser ausgeben.

Welch eine Horrorvision für die jüngeren Zuschauer, die in Erwartung des Abendprogramms unser öffentlich-rechtliches Fernsehen angestellt haben. Kein Wunder, dass der Marketingbegriff Anti-Aging in aller Munde ist und die Jugend sich dem Diktat der Schönheits- und Fitnessindustrie unterwirft, wenn das Bild, das die Werbung zeichnet, auch ihre Perspektive sein soll. Fehlt eigentlich nur noch, dass es demnächst ein Dschungel-Camp oder eine Let’s dance-Serie für die 66plus-Generation gibt, in der sie vorgeführt wird. Aber das wäre ja der Topf der privaten Fernsehsender, in dem ich nicht auch noch rühren möchte. Doch zum Glück gibt es ja erfreulichere Alternativen.

Weihnachten – Frühling auf Fuerteventura

Lohnt sich das noch?

„Man müsste noch mal zwanzig sein …“, so schallte es Ende der 60er-Jahre aus dem Radio – gesungen von Willy Schneider mit seinem sonoren Bassbariton. Es wurde eines der Lieblingslieder meiner Eltern, die danach meist in eine weißt-du-noch-Stimmung verfielen. Sie tauchten dann ein in die Vergangenheit, in die Jahre der Weimarer Republik, die sie als verliebte Verlobte erlebten, die aber alles andere als golden waren.

Noch einmal zwanzig sein? Bloß nicht. Ich sehe neidlos die jungen Menschen an, freue mich über ihre knackigen Figuren, schöne Haut und strotzende Gesundheit. Na und? Dies war damals selbstverständlich für mich und bedeutete keinen zusätzlichen Glücks-Bonus. Den Platz im Leben finden, den richtigen Beruf, den richtigen Partner, Kinder begleiten auf dem Weg ins Erwachsenwerden – all das liegt hinter mir. Heute kann ich mich zurücklehnen, aus der Datenbank meiner Erinnerungen schöpfen und mich auch an Dingen freuen, die ich selbst nicht haben muss.

Geschafft!

Und doch – zum Glück – sind sie auch im Alter da, die Wünsche. So manch einer sehnt sich noch nach einer neuen Liebe oder Freundschaft, möchte noch ein letztes neues Auto, eine große Familien- und Freundefeier, eine Reise zum Nordcap, die Familiengeschichte für die Enkel aufschreiben, einem Haustier ein Zuhause geben … aber. Und dieses Aber ist oft der Knackpunkt. Lohnt sich das noch in meinem Alter? Bleibt mir genug Lebenszeit zum Freuen? Solche Bedenken höre ich hin und wieder von Menschen, wenn sie über ihre Wünsche und Träume sprechen. Traurige Fragen, die von Pessimismus und Kleinmut zeugen, aber auch von Verantwortung. Denn das Ja-sagen sollte nicht nur im Alter gut überlegt sein. Wenn aber der Arzt sein Okay zu einer Reise gibt, wenn Kinder oder Freunde einspringen, um im Fall der Fälle ein Haustier zu betreuen, wenn finanzielle Mittel nicht gegen die Erfüllung eines Traumes sprechen – ja, wer oder was sollte uns Alte daran hindern? Auch, wenn nur eine Woche danach unser Leben beendet sein würde, die Freude wäre es wert gewesen.

Wie Schilf im Wind

Eine meiner Großmütter verlor im Ersten Weltkrieg ihre drei Söhne, ihr Mann starb nach Ende des Krieges infolge eines Arbeitsunfalls und die älteste Tochter wenige Jahre später an Typhus. So blieb sie mit der Jüngsten, meiner Mutter, alleine und lebte bis zu ihrem Tod in unserer Familie. Leider kann ich mich nicht an sie erinnern. Liebevoll und gütig soll sie gewesen sein, immer optimistisch und eine feste Stütze für meine Eltern. Eine Mutter und Oma war sie, wie sie sich jedes Kind wünscht. So jedenfalls weiß meine ältere Schwester zu erzählen.

Wie kann ein Mensch nach persönlichen Katastrophen solche seelische Widerstandskraft und Stärke entwickeln – wie ein Schilfrohr im Wind, das sich elastisch biegt, aber nicht knickt und zerbricht? Der Begriff Resilienz (lat. resilire: abprallen, zurückspringen) ist das Zauberwort. Man kann trainieren, in stürmischen Zeiten souveräner und gelassener zu reagieren, kann leistungsfähiger werden, ohne auszubrennen, Stress als Herausforderung zu empfinden. So versprechen es Resilienztrainer und wenden sich damit nicht nur an die berufstätigen Frauen, die oft an dem Spagat Familie – Beruf schier verzweifeln oder zum Beispiel an lebensbedrohlich Erkrankte, die den Kampf ums Leben nicht verlieren wollen. Auch in der Kindererziehung ist es wichtig, die Kleinen zu optimistischen das-schaffst-du-schon-Menschen zu erziehen – ohne dass sie ständig die Ellenbogen gebrauchen.

Warnowufer

Mit zunehmendem Alter werden wir Senioren von Tod, Krankheiten und anderen schwerwiegenden Problemen betroffen. Auch kommt manches ins Bewusstsein zurück, das jahrelang verschüttet und verdrängt worden war. Besonders wir brauchen eine robuste seelische Widerstandskraft als Selbstschutz, damit wir nicht „den Kopf in den Sand stecken“, uns womöglich isolieren und mit Selbstzweifeln belasten, uns lebensuntüchtig fühlen und psychisch erkranken. Was kann helfen? Wer aktiv ist, lebendige soziale Kontakte pflegt, positive Gefühle zulässt – der wird auch im Alter zufrieden sein. Optimismus, Geselligkeit und ein Schuss Humor helfen, auch, wenn uns nicht immer zum Lachen zumute ist.

Vertrauen und Kontrolle

„Vertrauen ist die stillste Form des Mutes“, so lautete der letzte Satz eines Thrillers aus dem Frankfurter Bankenmilieu mit Jürgen Vogel und Julia Koschitz in den Hauptrollen. „Vertraue mir“ – der Filmtitel. Ich vermute, die meisten Menschen werden diese Worte oder ähnliche Formulierungen schon mal ausgesprochen oder gesagt bekommen haben. „Du kannst mir vertrauen, wirklich!“ Wirklich? Ist nicht – so mittlerweile eine gängige Feststellung – Vertrauen gut, aber Kontrolle besser?

Vertrauen und Kontrolle sind Gegenspieler. Kontrolle bringt Sicherheit, Berechenbarkeit, Unabhängigkeit – ist aber auch ein Zeichen von Misstrauen. So ganz können wir leider auf sie nicht verzichten. Wenn ich jemandem vertraue, verlasse ich mich auf ihn, begebe mich in seine Hände, kann dadurch verletzlich und abhängig werden. Ja, es erfordert wahrlich Mut, sich jemandem anzuvertrauen und ihm bedingungslos zu vertrauen. Und es kann entsetzlich schmerzen, wenn Vertrauen missbraucht wird. Aber das Risiko müssen wir eingehen. Denn, wie arm wäre eine Gesellschaft, eine Familie oder Partnerschaft, in der es kein Vertrauen gäbe. Alles und jedes müsste durch Regeln oder Gesetze vorgeschrieben werden, kein Versprechen, keine Abmachung per Handschlag … auf nichts dergleichen könnte man sich verlassen, Kontrollorgane würden mit ihrer Arbeit nicht nachkommen, das Misstrauen würde die Menschen vergiften. Eine Horrorvision für mich.

Herbst in Warnemünde:
Leuchtturm, Symbol für Vertrauen

In Gedanken sehe ich ein Kleinkind, das sich juchzend in die Arme eines Erwachsenen fallen lässt, einen Bungeespringer, der sich in die Tiefe stürzt, ein Paar bei der Eheschließung … Sie alle haben sich getraut. Sie besaßen dieses Urvertrauen, das durch verlässliche Liebe und Zuwendung oder durch technische Voraussetzungen entstanden ist und das wir so dringend brauchen im Leben. Denn nur so können wir uns auch selbst vertrauen und uns etwas zutrauen.

Leider gibt es auch hier den Gegensatz, das Ur-Misstrauen. Arm sind die Menschen, die mit diesem Defizit aufgewachsen sind und es wird schwer sein, ihr Vertrauter zu werden. Und so schließe ich mit den Worten von Matthias Claudius, dem deutschen Dichter: „Die größte Ehre, die man einem Menschen antun kann, ist die, dass man ihn zum Vertrauten hat.“

Vom Wollen und Sollen, vom Können und Dürfen

Wir kennen sie, die Zwei- und Dreijährigen, die etwas wollen, aber noch nicht können. Oder sie können etwas, dürfen es aber nicht. Wutanfälle,Gebrüll, gestresste Erwachsene sind die Folgen. Aber es gehört zum Großwerden und Grenzen erkennen dazu. Irgendwann ist diese Phase vorüber, es kommt das Müssen, aber nicht wollen oder mögen – die Null-Bock-Phase, die auch irgendwann vergeht.

Wir haben dies und mehr hinter uns, wenn wir die 60- oder 70plus erreicht haben und können mit Gelassenheit zusehen, wie die Jungen sich abstrampeln. Aber haben wir es deshalb einfacher? Ich denke, die schwerste Zeit kommt, wenn wir zwar mögen, wollen und oft auch müssen, doch einfach nicht mehr können. Um sich das aber einzugestehen, braucht es eine große Portion Vernunft, Realitätssinn – und Mut. Wohl dem, der den richtigen Zeitpunkt erkennt, um sein Auto abzumelden, die Leiter in den Apfelbaum nicht mehr zu benutzen, den Rollator startklar zu machen.

Blacky – unser Labrador-Retriever

Woher kommen mir diese Gedanken? Es war unser elfjähriger Labrador, der mich zum Nachdenken brachte (Auf dem Foto ist er noch ein Junghund). Wieder einmal litt er, hatte Schmerzen im Rücken, in der Hüfte, wusste nicht, wie er liegen oder stehen sollte. Ganz schlimm: Er schaffte die Treppe ins Obergeschoss nicht mehr. Wir sahen ihm seine Not an als er vor ihr stand, aber nicht konnte und sich nicht traute. Wir stellten sein Körbchen vor die Treppe und hörten noch lange sein trauriges Wimmern. Es war keine schöne Nacht für uns drei. Am nächsten Tag besorgten wir ihm seine „Agil-Tabs“, ein wahres Wundermittel. Abends traute er sich drei Stufen hoch, kehrte aber wieder um und legte sich ins Körbchen. Eine ruhige Nacht folgte. Am dritten Tag war er wieder der alte. Doch die Treppe ließ ihn dennoch stutzig werden. Also, ab ins Körbchen. Aber nach fünf Minuten hörten wir leise und vorsichtige Tapsgeräusche auf der Treppe und ein glücklicher Blacky holte sich bei uns sein Lob ab, um dann in seiner gewohnten Schlafecke zu verschwinden. „Ich will, ich schaff es, hat er sich gesagt“, behauptete mein Mann. Sie nennen das Vermenschlichung des Hundes und sprechen von Instinkt? Auch gut.

Was ist uns wichtig?

Wenn ich mit den etwa gleichaltrigen Frauen beim Seniorensport darüber lache, dass das Seilspringen und Balancieren nicht mehr so klappt, dass einfache Dehnungs- und Fitnessübungen schweißtreibend sind, dann fühle ich mich wohl. Niemand will der anderen etwas beweisen, niemand stört es, wenn jemand ihr individuelles Tempo drosselt oder zur kurzen Ruhepause auf die Bank geht. Wir mühen uns, aber treiben uns nicht an, Fettpölsterchen und ähnliche kleine Katastrophen werden schon lange nicht mehr wichtig genommen. Wir lachen miteinander, aber niemals übereinander. Mit anderen Worten: In unserem Alter – wir steuern die 80 an – haben wir es geschafft, uns anzunehmen und zu mögen wie wir sind. Haben das Jammern um ein paar Pfunde oder andere meist eingebildete Makel aufgegeben und genießen die Jahre, jeder so gut es geht.

Kürzlich erzählte in einer Freundesrunde einer der Männer, wie sehr er sich darüber grämt, dass trotz aller Bemühungen Doppelkinn und Bauch nicht verschwinden wollen. Einer der Freunde schaute ihn verwundert an. „Aber anders kennen wir dich doch gar nicht. Und vor allem, wir sehen das überhaupt nicht, geschweige denn, dass es uns stört“, sagte er und hatte damit allen Anwesenden aus der Seele gesprochen. Wir sehen ihn, seinen Humor, seine Freundlichkeit und Kameradschaft, freuen uns darüber, was er weiß und kann. Dabei ist es doch völlig unwichtig, ob er Doppelkinn, Bauch und wenig Haare hat. „Wenn du keine gesundheitlichen Probleme wegen deiner Figur hast, dann höre auf, dich zu quälen. Nimm dich so wie du bist und vermies dir nicht die verbleibende Lebenszeit“, rieten wir.

Es wurde ein anregender Abend. Was ist uns wichtig im Alter, fragten wir uns und waren uns einig, dass es das selbstbestimmte Leben in vertrauter Umgebung ist, unabhängig von Pflege und Betreuung durch professionelle Kräfte oder die Kinder. Fit und gesund bleiben an Körper und Geist, das wünschten wir uns. Und lange gute Freunde an unserer Seite. Aber wir wussten, dafür gibt es keine guten Feen, die uns diese Wünsche erfüllen, das müssen wir selbst hinkriegen, um uns spätere Selbstvorwürfe zu ersparen. Nie wollten wir sagen müssen: Hätte ich doch früher etwas mehr für mich getan!

Ganz schön alt – alt sein ist schön

Wer das wirklich denkt, der muss ja wohl total verrückt sein. Denken Sie das nicht gerade? Verrückt bin ich nun wirklich nicht, obwohl ich verrückte Gedanken liebe . Versuchen Sie mal, vertraute Dinge, Menschen oder auch Probleme aus einer anderen Perspektive zu sehen, sich und sie also zu verrücken. Sie kennen das : Möbel wurden an einen anderen Standort verschoben. Alles sieht ungewohnt, neu aus. Es gefällt Ihnen – oder auch nicht. Wer ein bisschen verrückt ist, gilt in unserem Sprachgebrauch als unangepasst. Er „läuft nicht ganz rund“ oder „hat einen Sprung in der Schüssel“, wird als „verrücktes Huhn“ belächelt und schlimmstenfalls ausgegrenzt. Ich halte das Verrücken von Denkmustern nicht nur für ein interessantes Experiment, sondern für eine Notwendigkeit. Wie wollen wir sonst andere Menschen oder politische und gesellschaftliche Probleme verstehen und beurteilen ohne uns von Vordenkern leiten zu lassen und verschiedene Sichtweisen zuzulassen. Betrachten Sie doch mal eine Geschichte, die Sie lesen oder hören, aus einer anderen Perspektive. Nicht eine unglückliche Ehefrau und Mutter erzählt über ihre Familienprobleme, sondern die pubertierende Tochter oder der gestresste Ehemann oder die beste Freundin der Familie. Und wenn Sie Ihre Lebenserfahrungen dabei einbringen, werden Sie kluge Ratschläge und Meinungen entwickeln können. Und kluge Menschen brauchen wir. Denn der Schlaue sucht oft mit Ellenbogen-Einsatz seinen Vorteil. Der Intelligente kann Strukturen und Systeme erklären. Ich aber mag den klugen antiken Philosophen Sokrates, der trotz der Attacken seiner Frau Xanthippe seine Athener Mitbürger lehrte: miteinander reden, zuhören, kritisch hinterfragen, Erfahrungen einbeziehen und so zu Urteilen gelangen. Dass er dadurch unbequem wurde und wegen „Verführung der Jugend“ den Giftbecher trinken musste, wird uns heute nicht passieren.

Ich genieße das Alter, den „Ruhestand“, der mir Zeit und Muße schenkt. Und ich bin glücklich, dass ich diesen Lebensabschnitt bei bester körperlicher und geistiger Gesundheit erleben darf. Da ich mit Brecht übereinstimme, der seinen Arturo Ui sagen lässt, das Denken gehöre zu den größten Vergnügungen der menschlichen Rasse, möchte ich in meinem Blog Mitdenker ansprechen, die auch gerne widersprechen sollten, wenn meine Gedanken zu weit verrückt wurden. Mein großes Thema: Endlich Rentner – und was nun? Und das ist wahrlich ein weites Feld mit vielen Stolpersteinen. Denn gestern waren wir noch in den „besten Jahren“ und heute sind wir alt? Nein, so funktioniert das nicht. Und gibt es nicht viele von der Lebenszeit her junge Menschen, die vom Denken und Anspruchsniveau her bereits uralt sind? Also, das Lebensalter sollten wir kühn ignorieren. Ich jedenfalls versuch es – jeden Tag aufs Neue.