
„Was liegt heute an? Hast du was vor?“ Jeden Morgen stellt mein Tom mir diese Fragen – so oder ähnlich formuliert – und ich bin froh, wenn mein Kalender mir signalisiert: Ihr habt frei. Keine Termine, tut, was euch Freude macht.
„Morgen aber muss ich in die Stadt“ Seltsam, ich sag dies so selbstverständlich, obwohl ich weiß, unser Wohnort am Ost-Ufer der Warnow wurde bereits vor nunmehr neunzig Jahren eingemeindet. Wir leben also nicht mehr im alten Kirchdorf am Rande von Rostock, sondern sind ‚richtige‘ Städter und gehören zu den Ost-Rostockern, weil wir auf der rechten Seite der Warnow leben. Aus unserer Sicht die eindeutig schönere Seite. Das alles ist völlig normal für uns Eingeborene und Hinzugezogene, denn wir leben ja auch an der OSTsee und seit wir denken können, wird uns der Stempel OSTdeutsche aufgedrückt, wobei einige Landsleute aus den westlicher, südlicher oder noch weiter nördlich liegenden Gegenden bei dem Gedanken an uns im sogenannten OSTEN noch die Nase rümpfen, denn mit Geografie und den vier Himmelsrichtungen hat diese Bezeichnung meist herzlich wenig zu tun. Nun ahnt vielleicht schon der eine oder andere Leser, dass ich Dirk Oschmanns Bestseller „Der Osten: eine westdeutsche Erfindung“ gelesen habe, und zwar mit großer Begeisterung, denn der Autor hat mir viel Stoff zum Nachdenken gegeben.
Beim Stichwort DENKEN lande ich gerne bei Bert Brecht, der seinen Galilei sagen lässt: „Das Denken gehört zu den größten Vergnügungen der menschlichen Rasse.“ Recht hat er. Und ich denke gerne und besonders gerne auch mal verrückt. Verrückt? Versucht doch mal, vertraute Dinge, Personen oder auch Probleme aus einer anderen Perspektive zu sehen, also sich selbst und sie zu verrücken. Wohl jeder kennt die Situation, nachdem den Möbeln im Zimmer ein anderer Standort gegeben wird, sie wurden verrückt. Alles sieht ungewohnt aus, es gefällt – oder auch nicht. Das funktioniert auch im Denken. Aber Vorsicht: Wer ein bisschen verrückt ist, gilt nach unserem Sprachgebrauch als unangepasst, absonderlich, er oder sie ‚läuft nicht ganz rund‘ oder ‚hat einen Sprung in der Schüssel‘, wird als ‚verrücktes Huhn‘ belächelt oder schlimmstenfalls sogar ausgegrenzt.
Ich halte das Verrücken von Denkmustern nicht nur für ein interessantes Experiment, sondern für eine Notwendigkeit, ohne die z.B. die Diversität ein abstraktes Fremdwort bliebe. Wie wollen wir sonst andere Menschen oder politische und gesellschaftliche Probleme verstehen, beurteilen und lösen wollen, ohne uns von Vor-denkern leiten zu lassen, und dabei durch Mit- und Nach-denken vielleicht zu neuen Erkenntnissen kommen. Versucht doch mal, eine banale Geschichte, die ihr lest oder hört, auf den Kopf zu stellen. Ein kleines Beispiel: Nicht eine unglückliche Frau / Mutter erzählt über ihre Familienprobleme, sondern die pubertierende Tochter, der Partner / Vater oder die beste Freundin der Familie erzählt sie dir. Völlig neue Gesichtspunkte erscheinen nun. Und wenn ihr dabei eure Lebenserfahrung einbringt, werdet ihr kluge Ratschläge und Meinungen entwickeln können. Und kluge Menschen brauchen wir. Der Schlaue ist meist nur clever und sucht mit Ellenbogen-Einsatz seinen Vorteil. Der Intelligente ist der Experte, der Strukturen und Systeme erklären kann, dabei aber nicht unbedingt über Alltagstauglichkeit verfügt.
Ich mag den antiken Philosophen Sokrates, der 469-399 v.d.Z. lebte und trotz der Attacken seiner Frau Xanthippe seine Athener Mitbürger lehrte, richtig zu denken: d.h. miteinander reden, zuhören, kritisch hinterfragen, Erfahrungen einbeziehen und dann zu Urteilen gelangen. Dass er dafür wegen ‚Verführung der Jugend‘ den Giftbecher trinken musste, wird uns heute nicht passieren. Aber wir könnten anecken, werden unbequem, manchmal als Querdenker abgestempelt – so wie damals Sokrates – oder in irgendeine rechte oder linke Ecke geschoben. Und damit bin ich gedanklich auch schon wieder bei dem Literaturprofessor aus Leipzig angekommen, bei Dirk Oschmann.
Oh, das war ein riesiger Gedankenumweg auf dem Weg in die Stadt, auf die ich mich heute schon freue. Denn in unserem ehemaligen Kirchdorf gibt es weder Buchhandlung noch Bibliothek, geschweige denn ein Handarbeitsgeschäft, in denen ich das finde, was mir besonders bei norddeutschem Schietwetter Freude macht. Denn ich bin nicht nur eine begeisterte Leseratte, sondern auch Strickfee, Köchin und Gärtnerin. Dass ich nebenbei gerne schreibe, habt ihr wahrscheinlich schon bemerkt. Aber für heute ist Schluss. Beste Grüße und interessante Gedanken.
















