Von Ost, West und verrücktem Denken

„Was liegt heute an? Hast du was vor?“ Jeden Morgen stellt mein Tom mir diese Fragen – so oder ähnlich formuliert – und ich bin froh, wenn mein Kalender mir signalisiert: Ihr habt frei. Keine Termine, tut, was euch Freude macht. 

„Morgen aber muss ich in die Stadt“ Seltsam, ich sag dies so selbstverständlich, obwohl ich weiß, unser Wohnort am Ost-Ufer der Warnow wurde bereits vor nunmehr neunzig Jahren eingemeindet. Wir leben also nicht mehr im alten Kirchdorf am Rande von Rostock, sondern sind ‚richtige‘ Städter und gehören zu den Ost-Rostockern, weil wir auf der rechten Seite der Warnow leben. Aus unserer Sicht die eindeutig schönere Seite. Das alles ist völlig normal für uns Eingeborene und Hinzugezogene, denn wir leben ja auch an der OSTsee und seit wir denken können, wird uns der Stempel OSTdeutsche aufgedrückt, wobei einige Landsleute aus den westlicher, südlicher oder noch weiter nördlich liegenden Gegenden bei dem Gedanken an uns im sogenannten OSTEN noch die Nase rümpfen, denn mit Geografie und den vier Himmelsrichtungen hat diese Bezeichnung meist herzlich wenig zu tun. Nun ahnt vielleicht schon der eine oder andere Leser, dass ich Dirk Oschmanns Bestseller „Der Osten: eine westdeutsche Erfindung“ gelesen habe, und zwar mit großer Begeisterung, denn der Autor hat mir viel Stoff zum Nachdenken gegeben.

Beim Stichwort DENKEN lande ich gerne bei Bert Brecht, der seinen Galilei sagen lässt: „Das Denken gehört zu den größten Vergnügungen der menschlichen Rasse.“ Recht hat er. Und ich denke gerne und besonders gerne auch mal verrückt. Verrückt? Versucht doch mal, vertraute Dinge, Personen oder auch Probleme aus einer anderen Perspektive zu sehen, also sich selbst und sie zu verrücken. Wohl jeder kennt die Situation, nachdem den Möbeln im Zimmer ein anderer Standort gegeben wird, sie wurden verrückt.  Alles sieht ungewohnt aus, es gefällt – oder auch nicht. Das funktioniert auch im Denken.  Aber Vorsicht: Wer ein bisschen verrückt ist, gilt nach unserem Sprachgebrauch als unangepasst, absonderlich, er oder sie ‚läuft nicht ganz rund‘ oder ‚hat einen Sprung in der Schüssel‘, wird als ‚verrücktes Huhn‘ belächelt oder schlimmstenfalls sogar ausgegrenzt.

Ich halte das Verrücken von Denkmustern nicht nur für ein interessantes Experiment, sondern für eine Notwendigkeit, ohne die z.B. die Diversität ein abstraktes Fremdwort bliebe. Wie wollen wir sonst andere Menschen oder politische und gesellschaftliche Probleme verstehen, beurteilen und lösen wollen, ohne uns von Vor-denkern leiten zu lassen, und dabei durch Mit- und Nach-denken vielleicht zu neuen Erkenntnissen kommen. Versucht doch mal, eine banale Geschichte, die ihr lest oder hört, auf den Kopf zu stellen. Ein kleines Beispiel: Nicht eine unglückliche Frau / Mutter erzählt über ihre Familienprobleme, sondern die pubertierende Tochter, der Partner / Vater oder die beste Freundin der Familie erzählt sie dir. Völlig neue Gesichtspunkte erscheinen nun. Und wenn ihr dabei eure Lebenserfahrung einbringt, werdet ihr kluge Ratschläge und Meinungen entwickeln können. Und kluge Menschen brauchen wir. Der Schlaue ist meist nur clever und sucht mit Ellenbogen-Einsatz seinen Vorteil.  Der Intelligente ist der Experte, der Strukturen und Systeme erklären kann, dabei aber nicht unbedingt über Alltagstauglichkeit verfügt.

Ich mag den antiken Philosophen Sokrates, der 469-399 v.d.Z. lebte und trotz der Attacken seiner Frau Xanthippe seine Athener Mitbürger lehrte, richtig zu denken: d.h. miteinander reden, zuhören, kritisch hinterfragen, Erfahrungen einbeziehen und dann zu Urteilen gelangen. Dass er dafür wegen ‚Verführung der Jugend‘ den Giftbecher trinken musste, wird uns heute nicht passieren. Aber wir könnten anecken, werden unbequem, manchmal als Querdenker abgestempelt – so wie damals Sokrates – oder in irgendeine rechte oder linke Ecke geschoben. Und damit bin ich gedanklich auch schon wieder bei dem Literaturprofessor aus Leipzig angekommen, bei Dirk Oschmann.

Oh, das war ein riesiger Gedankenumweg auf dem Weg in die Stadt, auf die ich mich heute schon freue. Denn in unserem ehemaligen Kirchdorf gibt es weder Buchhandlung noch Bibliothek, geschweige denn ein Handarbeitsgeschäft, in denen ich das finde, was mir besonders bei norddeutschem Schietwetter Freude macht. Denn ich bin nicht nur eine begeisterte Leseratte, sondern auch Strickfee, Köchin und Gärtnerin. Dass ich nebenbei gerne schreibe, habt ihr wahrscheinlich schon bemerkt.  Aber für heute ist Schluss.  Beste Grüße und interessante Gedanken.

Den Tagen mehr Leben geben

Hurra, geschafft! Ich bin dich los. Hab dich in den Pool der Erinnerungen geschoben, gemeinsam mit unzähligen Fotos und mehr oder weniger wichtigen Texten. 2023 – du warst ein schwieriges Jahr für mich – voller Sorgen, Unverständnis und Enttäuschungen, aber auch angefüllt mit vielen Glücksmomenten, die mir vor allem die Familie schenkte. Deshalb, vergessen werde ich dich nie.  
Gestern kamen unsere befreundeten Nachbarn mit einer Flasche Sekt, um anzustoßen auf das alte und das bevorstehende neue Jahr. Wir sind froh, dass wir uns seit Kindertagen kennen und vertrauen und wissen, dass wir uns auch „im Fall aller Fälle“ zur Seite stehen werden. Wieder einmal wurde uns klar, wie wichtig im Alter ein Netzwerk guter Freunde ist, die notfalls helfen, ohne dass Kinder und Enkel von weit her anrücken müssen. 
Nun beginnt das Jahr 2024. Es erscheint mir wie ein Überraschungsei, eine Wundertüte, deren Inhalt erst zum Ende des Jahres voll verstanden wird. Wie gut, dass wir nicht schon im Januar wissen, was wir bis zum Jahresende erleben werden. Wird es den älteren Geschwistern noch gutgehen? Und den Freunden und guten Bekannten, die fast alle bereits die Achtzig überschritten haben? Dass die Kinder, Enkel und die kleine Urenkelin ein gutes Jahr haben werden, versteht sich fast von selbst. Ich vertraue ihrer stabilen Gesundheit und Vernunft.

Dieses Foto aus dem Jahre 1942 fiel mir vor Kurzem in die Hände:

Meine 66jährige Großmutter steht neben ihrem Bruder, vor ihnen sitzt ihre Mutter, meine 89jährige Urgroßmutter. In jenem Jahr wurde ich geboren. Dem Foto fehlen natürlich die sommerlichen Farben, aber auch jegliche Spuren von Fröhlichkeit oder zumindest Zufriedenheit. Liegt dies an der ungewohnten Situation für meine Vorfahren, in eine Kamera schauen zu müssen? Ich weiß es nicht. Uralt wirken sie, zerbrechliche Gestalten mit verhärmten Gesichtern, gezeichnet von schweren Lebensjahren. Sie waren andere Alte als wir heute. Und wir würden einen fatalen Fehler machen, wenn wir heutigen Senioren uns mit unseren Großeltern oder Eltern vergleichen würden.  Oder noch schlimmer, wenn wir uns am Schönheitsideal perfekt aussehender Zwanzigjähriger orientieren wollen. 

„Negatives Denken über das eigene Alter ist Selbstverletzung“, las ich kürzlich. Und „Zwei alte Menschheitsträume, nämlich erstens überhaupt sehr alt zu werden, und zweitens, im fortgeschrittenen Alter einen hohen Anteil an relativ gesunden Lebensjahren zu haben, scheinen sich zunehmend zu erfüllen.“  Wir müssen also umdenken – und nicht nur wir Senioren. Die nachberufliche Zeit wird für die meisten Menschen die längste Phase ihres Lebens sein, auf die wir uns freuen dürfen. Und wir sollten sie nutzen – so gut wir es vermögen. 

Aber es wäre dumm und verantwortungslos, wenn wir unvorbereitet und ignorant in den Tag hineinleben würden. Denn Altern geht mit Verlusten und Funktionseinbußen einher. Unsere Sinne, der Bewegungsapparat, unser Denken verändern sich. Und das geschieht nicht erst, seit wir den Schritt ins Seniorenalter getan haben. Doch wir haben zum Glück in unserem langen Leben auch viel gelernt und Erfahrungen gewonnen. Wir können akzeptieren was nicht zu ändern ist, können kompensieren – also ausgleichen – und wir haben auch gelernt zu verzichten, wenn es nötig ist. Gewinne und Verluste sind ein Wechselspiel. Alles im Leben hat eben seine Zeit. Und die müssen wir nutzen. Jeden Tag. 

Dezemberzauber

Verflixt, sie hat mich wieder gepackt! Sie? Ja, diese seltsame Anspannung in der Adventszeit, die ich doch in diesem Jahr nicht zulassen wollte. War ich nicht alt, erfahren und abgeklärt genug, um mich völlig unaufgeregt einfach nur freuen zu können auf die schönste Zeit im Jahr?

Natürlich, der Schnee war schuld, er irritierte mich. Gestern noch blühten die Geranien in meinen Blumenkästen, Birke und Pappel waren voller Laub – aber dann, sachte und lautlos, hatte in der Nacht herrlicher Pulverschnee Garten und Straßen bedeckt, unser Gehweg war in aller Frühe schon vom Nachbarn gefegt worden – so, wie in den Jahren zuvor. Aber es war doch viel zu früh, kaum Dezember, dass der Winter zeigen musste, dass er’s noch kann. Keine Hektik, beruhigte ich mich. Doch ich kenne mich. Wie ein alter Motor, erst unwillig stolpernd, dann aber zuverlässig rotierend, begann das gewohnte Ritual. Geranien abschneiden, Tannenzweige mit Lichterkette in die Blumenkästen stecken, Adventsschmuck vom Boden holen …

Ein langer Blick auf den Kalender ließ mich allerdings leicht zusammenzucken: Wo ist der vierte Advent? Wer hat diese unsägliche Kopplung zugelassen? Aber mir fiel zum Glück das Gelassenheitsgebet ein, denn daran konnte ich nun wirklich nichts ändern.

Ändern kann ich auch nichts an der Menge von Spendenwünschen, die wie jedes Jahr um diese Zeit in unserem Briefkasten landen.  Oft waren Kalender, Weihnachtskarten oder Fotos mit traurig blickenden Hunden beigefügt. Leute, bin ich Millionärin? Wisst ihr nicht, dass ich seit Jahren  regelmäßig zahlende zuverlässige Spenderin bin, der das Wohl von Pflanze, Tier und Mensch am Herzen liegt? Und nun noch die Indianerkinder in Amerika, blinde Auszubildende, rumänische Straßenhunde? Und doch: „Ein Herz für Kinder“, die TV-Sendung am Samstagabend ist fest eingeplant und es gibt mir ein gutes Gefühl, wenn am Schluss eine schöne Summe zusammengekommen ist, zu der ich ein wenig beigetragen hatte. 

Doch den größten gedanklichen Raum nimmt die Familie ein und wie in jedem Jahr ist es eine logistische Meisterleistung, das Besuchsprogramm zu organisieren. Mittlerweile wissen wir, wer wann mit wem kommt. Wohin? Natürlich zu uns. Anders geht’s nicht, das ist allen klar. Außerdem war es schon immer so. Irgendwie lustig, dass sich das Besuchen in diesem Jahr notgedrungen in die Länge zieht – bis Mitte Januar. Und wieder ist der Kalender schuld, aber auch die immer größer werdende Familie, die fehlenden Urlaubs- und Brückentage, die weiten Entfernungen und und und. Aber wer kennt das nicht? Schlimm, nein entsetzlich und unvorstellbar, wenn solche Überlegungen nicht stattfinden würden – weil es überhaupt keine Familie gibt oder man sich nicht sehen möchte oder kann.

Nun kann ich meinen Motor einen Gang runterschalten und in Ruhe alles weitere überlegen.  Dazu haben wir einige Rituale entwickelt, die uns lieb geworden sind. Nach dem Frühstück suchen Tom und ich das aktuelle Türchen unseres Adventskalenders „Rätsel & Tee“, den unsere jüngste Enkelin uns schon im Oktober geschenkt hatte. Dazu müssen wir unsere Mathekenntnisse reaktivieren, brauchen die Grundrechenarten und sollen Wurzeln ziehen können, damit wir das aktuelle Datumskästchen mit dem Teebeutel für den Nachmittag finden. Die beiden Teetassen dazu schenkten uns unsere jungen Enkeleltern. Enttäuschend nichtssagend sahen sie aus, als ich sie in den Händen hielt. Außen schwarz, innen weiß. Aber dann, als ich das kochende Wasser auf die Teebeutel goss, entstand wie von Zauberhand ein Foto von mir mit der lachenden kleinen Urenkelin auf dem Arm und dazu ein Satz, der auch mein Herz erwärmt. Tom, der Uropa, hatte eine ähnlich gestaltete Tasse bekommen,

Dezemberzauber in der Adventszeit. Halten wir ihn fest und genießen ihn, anstatt auf das norddeutsche Schmuddelwetter zu schimpfen, das den Pulverschnee schmelzen ließ. Spätestens mit der Knallerei am 31. ist er sowieso wieder verflogen.

Verflogen. Dabei fällt mir ein: Das Polarlicht kenn ich leider nur von Fotos. Dafür entschädigt hat mich aber schon mehrmals die ISS, die Internationale Raumstation, die am abendlichen Himmel langsam vorüberzog. (Im Internet sind die Zeiten der Überflüge veröffentlicht!)

Habt eine schöne Zeit und bleibt gesund.

Balsam für die Seele

Ich kenne mich. Endlich. Es brauchte seine Zeit bis ich wusste, woran ich mit mir bin. Früher hatte ich mich hin und wieder gefragt: Was ist mit dir? Warum bist du so bedrückt? Was macht dir Sorgen, was ärgert dich? Aber je älter ich wurde, desto mehr wuchs mein Selbstvertrauen und ich kam immer besser mit mir und meinem Leben zurecht.

Doch was tun, wenn unser aller Leben sich so rasant ändert? Seit Corona wird fast jeder vor große Bewährungsproben und emotionale Herausforderungen gestellt Die Welt scheint verrückt zu spielen. Vertrauen und Optimismus schwinden, dafür wachsen Enttäuschung und Ratlosigkeit. Und das empfinde nicht nur ich so. Der Begriff Resilienz geistert durch die Medien und Psychologen rieten kürzlich in einer Radio-Ratgebersendung sogar, „die Schotten dicht zu machen“, das private Glück zu stabilisieren, dafür aber politische Berichterstattungen und Dokumentationen der Medien nur in geringer Dosierung zu konsumieren. Denn die Vielzahl von Krisen, Konflikten und Katastrophen weltweit ertrage ein sensibler und empathischer Mensch sonst kaum. 

Ich schüttelte den Kopf, als ich das hörte. Mein gesamtes berufliches Leben hatte ich mich mit Geschichte, Politik und Philosophie befasst, hatte junge Menschen bei der Meinungsbildung unterstützt – und nun schien die Abstinenz davon ein Mittel zu sein, um nicht in depressive Stimmung zu versinken? Das kann doch nicht die Lösung sein und ich hatte das Bild von den drei Affen vor mir, die weder sehen, hören noch reden wollten. Aber auch Gespräche mit Leidensgefährten endeten meist mit einem kollektiven Stöhnen: Was ist nur aus Deutschland geworden, wo soll das noch hinführen?

Hilft vielleicht das Gelassenheitsgebet? Da heißt es: „Gott gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“ Nur, mit Gott und dem Beten habe ich noch größere Probleme. Aber eines wurde mir bald klar: Ich muss meine innere Balance wiedergewinnen, brauche ein positives Gegengewicht als Balsam für die Seele. 

An einem sommerlichen Sonntagmorgen wurde mir das deutlich vor Augen geführt. Bei einem Gartenrundgang fand ich an unserem Zaun einen schneeweißen, gefalteten Zettel auf der Erde. Da ich keine Brille mithatte, steckte ich ihn ungelesen in die Tasche. Als ich es mir am Nachmittag mit Buch und Käffchen im Garten gemütlich machte, fiel mir das Fundstück wieder ein. Ich zog einen Kaufvertrag über ein Fernsehgerät mit zusätzlicher Garantie aus der Tasche – ausgestellt vom Mediamarkt in Bremen.  Wie kam er an meinen Rostocker Gartenzaun? Und nun? Ab ins Altpapier? Ich las genauer und fand die Daten des Käufers – ebenfalls ein Bremer. Nun wurde ich neugierig. So nahm ich mein Handy und tippte die Nummer des Gerätebesitzers ein. Mailbox. Nach dem Piepton informierte ich – etwas kryptisch formuliert – ich habe etwas gefunden, das ihm offensichtlich gehöre. Wenn er es wiederhaben möchte, möge er bitte zurückrufen. Zehn Minuten später meldete sich eine sonore Männerstimme und erklärte mir freundlich: „Das muss ein Irrtum sein, ich vermisse nichts.“ Nun will ich den folgenden Dialog nicht wiedergeben, denn er erstreckte sich in fünf Telefonaten über mehrere Tage und war mit vielen Entschuldigungen und Dankesworten für meine geduldige Freundlichkeit versehen und schließlich krönte ein Gutschein von Thalia mit handschriftlichem Dank vom „Fernseh-Mann aus Bremen“ unsere sehr aufschlussreiche Detektivarbeit. Sein Fazit: „Sie haben meine Frau und mich zum Nachdenken gebracht. Sie hätten doch den Zettel zerreißen und vernichten können. So hätten wir es wahrscheinlich gemacht. Aber durch Ihren Anruf haben wir uns viel Ärger und vielleicht auch Kosten erspart. Wir werden künftig auch ein wenig umsichtiger und freundlicher gegenüber unseren Mitmenschen sein.“ 

Und ich? Das war er, der Balsam für meine Seele. Es tat gut, brachte Freude. Also: Jeden Tag eine gute Tat? Einfacher gedacht als getan. Aber einen Versuch ist es wert.  Doch dazu später einmal mehr.

Hochzeitstag

Diese Termine kann ich mir gut merken: 16. , 17. November sind Familiengeburtstage, der 18. ist unser Tag, danach kommt der Volkstrauertag. Etwas makaber. Oder? 

Heute also ist unser Tag, der Hochzeitstag. Und das ist wirklich kein Grund zum Trauern. Eigentlich ist es ein Tag wie jeder andere. Morgens, in aller Frühe, ist meine Frage immer dieselbe: „Geht’s dir gut?“ Und die Antwort von meinem Lieblingsmenschen (ich nenne ihn hier in meinem Blog einfach Tom) ist auch immer gleich und er lächelt dabei: „Wenn’s dir gutgeht, dann geht’s auch mir gut.“ Ich weiß, es ist keine Floskel, er meint es ehrlich. Ich würde auf diese Frage auch so antworten. 

Nun könnte man angesichts unseres Alters annehmen, wir wären schon einige Jahrzehnte miteinander verheiratet und hätten sogar schon die Goldene Hochzeit gefeiert.  Aber nein, es sind gerade mal zwölf Jahre. Und wenn ich an diese Hochzeit zurückdenke, muss ich immer wieder lachen. Prosaischer geht’s wirklich nicht. 

Damals kannten wir uns bereits vierzig Jahre und lebten bereits mehrere Jahrzehnte in „wilder Ehe“ zusammen,  kannten gute und schlechte Zeiten, eben Höhen und Tiefen. Aber unter dem Strich blieb ein großer Zugewinn, eben eine Liebe fürs Leben.  So sollte es bleiben, für immer und ewig.

Aber ab und an hatte ich das Gefühl, das kleine i-Tüpfelchen, das Sahnehäubchen, fehlte mir. Irgendwann, in einer Situation, die mir für meine schwerwiegende Frage angemessen erschien, stellte ich sie: „Sag mal, wollen wir nicht mal heiraten?“  Mein Tom sah mich an – tief erschrocken und ein wenig misstrauisch.  „Heiraten? Aber wozu denn? Schöner kann es doch gar nicht mehr werden.“ 

Was sollte ich dazu sagen. Es war mein erster Vorstoß und ich akzeptierte sein diplomatisches Nein. Ich bin ein Waage-Mensch, mag nicht streiten und diskutieren. Außerdem sah ich das Problem von der psychologischen Seite. Tom liebte das ‚Gummiband‘, aber fürchtete eine ‚Kette‘. Ohne liebevolle Diplomatie ging gar nichts. Außerdem liebte er keine verbalen Überfälle, brauchte Zeit zum Überlegen. Er wollte gerne der ‚Kopf‘ sein, mir blieb der ‚Hals‘ – ohne den sich der Kopf weder drehen noch wenden konnte. 

Zu meinem Glück wuchs mit dem Älterwerden auch die Vernunft bei meinem Tom. „So ganz pragmatisch betrachtet ist es vielleicht doch besser, wenn wir heiraten. Es vereinfacht vieles“, meinte er eines Tages.  Oh, er hatte endlich begriffen und ich war glücklich.  Schließlich waren wir beide bei der Siebzig angekommen, zwar gesund und fit. Aber wer weiß, was noch passieren kann. Ich bin nicht besonders waghalsig und risikofreudig, möchte gerne im Fall der Fälle alles geregelt haben.  

So übernahm ich freudig die Vorbereitung auf das große Ereignis, das zwar für uns von Bedeutung war, aber minimalistisch begangen werden sollte. Mit anderen Worten: Ich wurde zur  Geheimnisträgerin und würde erst nach der vollzogenen Handlung Familie und Freunde informieren. Dass Tom etwas verriet, konnte ich ausschließen. 

Und so geschah es: Zum festgelegten Termin fanden wir uns auf dem Standesamt ein – nur wir beide. Ja, ein wenig festlich angezogen hatten wir uns schon, aber Blumen und Ringe wollten wir nicht.  Tom trägt grundsätzlich keinen Schmuck und ich hatte gerade im Sommerurlaub einen wunderschönen Ring von ihm bekommen. Und mit einem festlichen Blumenstrauß mochte ich nicht an einem verregneten Novembertag durch Rostock laufen.  Das Prozedere auf dem Standesamt war in kürzester Zeit absolviert und wie geplant wollten wir danach  ein festliches Essen in einer Gaststätte zu uns nehmen. 

Nun aber kam der erste Stolperstein. Festliches Essen – ohne ein Gläschen Sekt oder Wein? Unser Auto stand nur einen Steinwurf vom Standesamt entfernt. Aber mit Alkohol am Steuer? Und hatten wir überhaupt Appetit? Wir hatten gut gefrühstückt und Mittagessen ließen wir gewöhnlich aus. In unseren Berufen hatten wir dafür keine Zeit gehabt und liebten das abendliche selbst gekochte Essen in unseren vier Wänden. „Magst du überhaupt?“, fragte ich meinen frisch Angetrauten und kannte schon seine Antwort, als ich seinem Blick zur Bäckerei auf der anderen Straßenseite folgte. Lachend kauften wir zwei leckere Zuckerschnecken mit Kirschfüllung und fuhren zu unserem gemütlichen Zuhause. 

Abends – mittlerweile hatten wir unser Lieblingsessen gekocht und eine Flasche Rotwein geöffnet – kam das Allerwichtigste. Mit einer Mischung aus freudiger Erwartung und Angst vor Enttäuschung nahm ich das Telefon in die Hand und wählte die Nummer der ältesten Tochter. „Jetzt nimm bitte mal den Hörer und setz dich in die Küche. Bist du da allein?“ „Mutti, was ist passiert?“  „Nichts Schlimmes. Nur, wir haben heute am richtigen Ort auf die richtige Frage die richtige Antwort gegeben.“ Mein Herz klopfte zum Zerspringen – bis nach einer kurzen Überlegungspause der Freudenschrei kam. „Wirklich? Habt ihr’s wirklich getan? Endlich! Du glaubst gar nicht, wie froh ich bin.“  Und ich war es auch.  Fast identisch reagierte die nur 11 Monate jüngere Tochter. Beide waren übrigens schon seit mehr als zehn Jahren verheiratet und hatten uns vier Enkelkinder geschenkt.

„Weißt du noch?“, fragte ich heute nach dem Frühstück meinen Tom. Natürlich war mir klar, er wusste nichts mehr von diesem Tag vor zwölf Jahren. Und ich erzählte – so wie ich es immer tue in den letzten Jahren. „Was du alles noch weißt“, sagte er und nahm meine Hand. „Schön, dass ich dich habe.“ Ja, so ist es. Und ohne ihn – daran mag ich nicht denken.

Auf ein Neues!

Spaziergang an der Warnow

Hurra, ich bin wieder da! Mehr als drei Jahre ignorierte ich standhaft meinen „Heide-Blog“, habe keinen Blick hineingeworfen, seit ich über den Sonntagsbesuch der einen Tochterfamilie nach der Corona-Sperre schrieb. Das war am 26. Mai 2020. 

Weshalb diese lange Schreibpause? Was war passiert? Ganz plötzlich nahm mein Lebensweg eine scharfe Kurve. Eine Kurve, die mich fast aus der Bahn geworfen hätte. Habt ihr schon einmal ähnliches erlebt? (Entschuldigt bitte das DU, es schreibt sich einfach leichter.) Um dies zu erklären, muss ich kurz auf mein bisheriges glückliches Seniorenleben zurückblicken.

Mit 77 schrieb ich meinen ersten Blog-Beitrag und meine Welt war damals total in Ordnung. Aber es geht sicher nicht nur mir so: Wer hätte sich damals vorstellen können, dass uns Corona, Kriege, Krisen und Konflikte zu schaffen machen werden? So sind in meiner Retrospektive die Jahre zwischen meinem 65. und 75. Lebensjahr die interessantesten und glücklichsten. Als Jung-Rentnerin hatte ich mein neues Hobby, das Schreiben, entdeckt. Bislang war ich überwiegend Konsument von Sach- und belletristischer Literatur gewesen, hatte es vorwiegend mit Texten meiner fast erwachsenen Schüler zu tun gehabt. Nun aber war die Zeit gekommen, selbst zum Produzenten zu werden,. Ich konnte meiner Fantasie freien Lauf lassen, schrieb Kurzgeschichten und Erzählungen, wurde Mitglied einer Gruppe für kreatives Schreiben am Literaturhaus, gleichzeitig drei Jahre lang Fernstudentin an der Großen Schule des Schreibens in Hamburg, veröffentlichte mit siebzig meinen ersten Roman, dem eine Vielzahl von Lesungen folgten. Dann aber wechselte ich in den Bereich der Sachliteratur und schrieb für die Seniorenseite einer Rostocker Lokalzeitung Artikel, die unsere Altersgruppe interessieren sollte. Dazu kamen Sport, Ehrenamtsarbeit, Reisen mit meinem Mann, der ein ähnlich ausgefülltes Leben an meiner Seite führte. So hätte es ewig weitergehen können. Wir waren gesund und fit, ebenso wie die beiden Töchterfamilien und unsere vier Enkel, die allerdings in NRW und SH leben.

Doch dann passierte es: Meinem Lieblingsmenschen ging es nicht mehr gut und es folgte die Zeit der Operationen, Krankenhausaufenthalte, schlimmen Diagnosen und REHAs. Was war aus meinem sportlichen, kräftigen Mann geworden? Ein Kerl wie ein Baum, mein Fels in der Brandung. Und nun? Körper und Hirn funktionieren auf Sparflamme und ohne mich geht nicht mehr viel.

Aber es ist wie es ist. Alles im Leben hat seine Zeit. Und nun ist eben die Zeit der intensiven Zweisamkeit gekommen, in der ich die Managerin bin und der Gartenzaun quasi meine Grenze geworden ist. Nun denkt bitte nicht, dass ich jammere und unglücklich bin. Nein, ich bin zufrieden, weil er zufrieden und bei mir ist. Es ist ein anderes, ein kleineres Glück, das wir jeden Tag genießen und zu schätzen wissen.

Und mein Schreiben? Ich kann und will es nicht lassen. Vor wenigen Tagen habe ich das Manuskript für meinen neuen Roman einem Verlag übergeben und auch für meinen Heide-Blog heißt es: Weiter geht’s! Denn auch mit einundachtzig möchte ich noch viel erzählen. Also: Macht mit – werdet alt.

Sonntagsbesuch in Corona-Zeiten

Es wird Zeit, höchste Zeit, dass ich endlich mal aufschreibe, was mir so durch den Kopf geht. Corona – das Wort, das ich am liebsten ignorieren würde, das mir aber ziemlichen Respekt einflößt, hat mich veranlasst, mir unendlich viele Gedanken zu machen über Gott und die Welt. Mehr natürlich über die Welt. Über meine und unsere Welt, die Art zu leben – als Individuum, als soziales Wesen in der Familie, als Europäer und Weltbürger. Über meine Verantwortung für mich und meine Lieben, aber auch für die Mitmenschen … Ich höre auf, denn es wäre müßig, zu beschreiben und zu erklären, denn meine Gedanken werden sich nicht allzu sehr unterscheiden von den Überlegungen, die sich andere Menschen in ähnlichen oder auch ganz anderen Lebenssituationen machen.

Plötzlich brachen alle direkten Kontakte weg zu Kindern und Enkeln, Freunden, Sportkameradinnen und anderen Gleichgesinnten … Wohl dem, der das „Teufelszeug“ Handy, Computer & Co. nicht verflucht hat, sondern beizeiten lernte, es einigermaßen zu beherrschen. Wohl dem, der die Einsicht in Notwendigkeiten gefunden hat, der nicht jammert und bedauert, was eben einfach nicht zu ändern ist. Und wohl dem, der schon vor Corona ein stabiles Netzwerk von Freunden und guten Bekannten gestrickt hatte und vor allem, wo die familiären Bindungen stabil sind, obwohl man nicht Tür an Tür lebt. Und welch ein Glück, wenn man einen Garten hat und es eine enorme Freude macht, das Wachsen und Werden zu beobachten und gleichzeitig Bewegung an frischer Luft genießen kann.

Und endlich kam auch die erlösende Nachricht: Die Familie kann Oma und Opa besuchen. Obwohl … ja, wir wissen es doch: keine Umarmung, Abstand halten, Hände waschen und all dies. Die Familie aus Hamburg machte den Anfang. Tochter, Schwiegersohn und zwei erwachsene Enkelkinder kamen zum Großelternbesuch nach Rostock. „Nur für ein paar Stunden, nur auf ein Käffchen. Wir fahren abends wieder nach Hause. Mach dir keine Umstände. Und kein Umarmen … Mutti, ihr versteht doch.“ Natürlich verstanden wir. Natürlich, wir sind doch alle vernünftig. Jeden Tag sind unsere Lieben mit vielen Menschen zusammen, Hamburg ist schließlich kein Dorf und Homeoffice geht nicht in ihren Berufen. Hauptsache, wir sehen uns, können live miteinander reden und uns überzeugen, dass alles gut läuft in unseren drei kleinen Familien.

Und dann standen sie in der Tür. Endlich. Weihnachten hatten wir uns zuletzt gesehen. Und plötzlich passierte es: Ich schaue meine Tochter an, sie mich – und wie fremdgesteuert fallen wir uns in die Arme. Und gleich darauf passiert dasselbe mit der 23-jährigen Enkelin. Was war das denn? Sind wir nicht mehr Herr – oder besser Frau – unseres Tuns? Ziemlich schuldbewusst sitzen wir danach zusammen. Die Männer hatten mit Abstand das Kaffeegeschirr eingedeckt, aber irgendwie war es ja nun doch egal. Risiko eben. Mit meinen 77 Jahren bin ich bis jetzt bei bester Gesundheit durchs Leben gekommen. Vorsichtig werde ich auch weiterhin sein. Aber welch ein Wiedersehen, wenn diese Umarmungen nicht gewesen wären? Diese kurzen Momente inniger Verbundenheit, die wir in diesem Augenblick dringend gebraucht hatten.

Nein, so sah es bei unserem Wiedersehen natürlich nicht aus

Und morgen werde ich meine Schwester mit dem Auto nach Hause fahren, nachdem sie nach einem Arztbesuch bei mir mir zu Hause gewesen ist. In wenigen Wochen wird sie ihren 90. Geburtstag feiern. Und wir werden dabei sein. Natürlich alle gesund.

Bitte lächeln!

„Dreh dich mal um. Da, das Pärchen am Cabrio“, flüstert die junge Kassiererin halblaut ihrem Kollegen an der Nachbarkasse zu. „Die hatten aber eben Zoff miteinander. Der arme Kerl wird heute Abend nichts zu lachen haben, so wie die ihn wütend angeblitzt hat.“ Sie kichert vergnügt. Ich lege derweil ein paar Einkäufe aufs Band und amüsiere mich. Erschrocken sieht sie mich an. „Das war eben nicht böse gemeint“, sagt sie verlegen. „Aber es macht mir einfach Spaß, Leute zu beobachten. Ein paar Satzfetzen aufschnappen, dazu die Mimik und so. Oft bin ich froh, dass andere sich genauso verhalten wie ich mich auch. Es kracht wohl überall mal in der Beziehung.“

Ich nicke zustimmend. „Und dann macht man sich einen schönen Abend und alles ist wieder gut. Sind ja meist nur Kleinigkeiten, über die man sich ärgert“, ergänze ich. Nun lächeln wir beide und wünschen uns ein schönes Wochenende.

Eine Alltagsbagatelle, nichts Besonderes, eigentlich nicht erzählenswert. Trotzdem freue ich mich, eine Gleichgesinnte getroffen zu haben. Menschen im Alltag begegnen, ob als Paar, als Eltern mit Kindern, Großeltern mit Enkeln, junge Leute … es macht mir Spaß sie zu beobachten. Manche gestresst, genervt, schlecht gelaunt, wobei oft Kinder oder Partner als Blitzableiter herhalten müssen. Andere wiederum wie glückliche Dauerverliebte, die offensichtlich jede Minute ihres Lebens wie einen köstlichen Eisbecher genießen. Dabei empfinde ich keinerlei voyeuristische Ambitionen, wie sie Spannern oder übertrieben Neugierigen eigen sind. Nicht im entferntesten möchte ich jemandem zu nahe treten und ihn in seiner Privatsphäre stören. Es ist wohl eher der psychologische Aspekt oder das allgemeine Interesse am sozialen Miteinander meiner Mitmenschen, weshalb ich mit wachen Augen und Ohren durch die Gegend gehe. Wie sonst könnte ich Geschichten erfinden und sie aufschreiben, wenn mir Menschen gleichgültig wären.

Allerdings, manchmal möchte ich jemandem eine heimliche Botschaft senden: Lächel doch mal! Leg das Handy weg und zeig deinem Kleinen eine Blume, einen Spatz!

Und dann sehe ich mich in einer Schaufensterscheibe und erschrecke. Lächel doch mal, sage ich dann zu mir.

Hilfe, meine Jacke ist weg!

Welcher Designer hat sich dieses Ding nur ausgedacht, fluche ich lautlos, als zum dritten Mal meine leichte Steppjacke vom Garderobenständer der Arztpraxis runterrutscht und auf dem Boden landet. Das Wartezimmer ist gut gefüllt und ich mache das, was die meisten Patienten tun. Ich döse vor mich hin und warte. Ein älterer Patient hat es geschafft. „Alles in Ordnung“, verkündet er freudestrahlend seiner Frau, „auf nach Hause!“ Forschen Schrittes geht er zum Garderobenständer – und bleibt ratlos stehen. Er inspiziert die Kleidungsstücke, die alle irgendwie gleich aussehen: blau, dunkelgrau, schwarz. Gesteppt, Kapuzen. „Könnte das vielleicht deine sein?“ , fragt er hilflos und hält den Ärmel einer Herrenjacke hoch. „Nein, nicht die“, kommt die empörte Antwort seiner Frau. Sie steht auf und entdeckt nach kurzem Suchen ihre Jacke. Mühsam wird sie herausgezerrt, wobei andere Lieblingsstücke umgehängt werden oder auf dem Boden landen.

„Aber meine find ich nicht“, jammert der eben noch so glückliche Ehemann. „Wenn es sich doch drehen ließe, dieses blöde Ding.“ Seine gute Laune ist endgültig verschwunden. Besonders als seine Frau genervt die Augen verdreht und dem interessierten Publikum mitteilt: „Das kenn ich. Zu Hause findet er auch nie was.“ Aber helfend eingreifen mochte sie auch nicht, denn sie hat mit ihrem Schal zu tun, der nicht so will wie sie. „Nein, die Jacke ist wirklich weg, damit wird wohl ein anderer jetzt durch die Stadt laufen. War ja auch eine schöne Jacke.“ Traurig und ratlos steht er vor dem Ständer.

„Na dann muss da doch eine hängen, die niemandem von uns gehört. Das muss doch rauszukriegen sein“, ruft eine junge Frau. Zustimmendes Gemurmel, das den Hilf- und Jackenlosen aktiv werden lässt. Wie auf einem Basar wird nun jede Jacke abgehängt und hochgehalten und die Besitzer rufen „Meine!“ Bei der vierten aber ruft seine Frau: „Deine!“ So ein fröhliches kollektives Lachen hatte ich zuvor noch nie in einem Warteraum gehört. Leider aber ist der gute Mann völlig humorlos. Mit verkniffenem Gesicht sucht er das Weite, die Jacke über dem Arm. „Typisch mein Mann“, stöhnt die Gattin.

Finden wir unsere Mitte

„Das leben ist wie Fahrrad fahren. Um die Balance zu halten, musst du in Bewegung bleiben.“ Ja, Albert Einstein wird es wissen und er gefällt mir, dieser Satz. Denn der Begriff Balance gehört eindeutig zu meinen Traumwörtern. Ausgeglichenheit, Harmonie, inneres Gleichgewicht, also die seelische Mitte gefunden zu haben – welch schöne Vorstellung. Ohne Stress und Unruhe leben, nicht immer perfekt sein wollen, öfter einmal Nein sagen können, dafür etwas mehr an mich und den Spaß am Leben denken. Nichts komplizierter machen als es schon ist, dafür den Alltag gut strukturieren und planen, aber auch mal verrückt und spontan sein … Noch viel mehr fällt mir ein und da mein Sternzeichen die Waage ist, sollte doch eigentlich alles leicht umsetzbar sein.

Nun ist Einstein wahrlich nicht der Erfinder dieser Balance-Theorie, sondern schon Aristoteles, der kluge Grieche, hat bereits etwa 340 v. Chr. in der Nikomachischen Ethik über die Tugend als das Finden des rechten Maßes philosophiert und dies als Weg zum Glück beschrieben. Aber darüber etwas gelesen zu haben und danach leben – das sind zwei Paar verschiedene Schuhe.

Aber weshalb dieses Thema? Vielleicht hat mich die besonders unter Frauen so gern geführte Unterhaltung zum Thema Achtsamkeit und Selbstfürsorge inspiriert. Oder die Tatsache, dass ich bei Balanceübungen in meiner Sportgruppe oft schier verzweifle. Warum bin ich weit davon entfernt, die elegante Yoga-Übung „Baum“ hinzukriegen? Hab ich nicht früher problemlos die Standwaage auf dem Schwebebalken gekonnt und noch so vieles mehr? Ja früher! Bald kehrt zum Glück die Vernunft zurück und ich weiß, dass ich in meinem Alter kleinere Brötchen backen muss. Wobei mir bewusst ist, wie wichtig es ist, im Gleichgewicht verharren zu können. Denn Gleichgewicht ist unser zentraler Sinn. Wenn er nicht richtig funktioniert, kann es zu Schwindel und Unsicherheiten kommen, ebenso zu Fehlhaltungen und Sturzgefahr. Also heißt es üben, immer wieder üben. Und das kann man beim Telefonieren, Zähne putzen, bei Küchenarbeiten. So jedenfalls raten nicht nur knackige Zwanzigjährige bei einschlägigen Fitnessübungen. Wenn ich mindestens fünf Sekunden mit geschlossenen Augen auf einem Bein stehen kann, bin ich im grünen Bereich und es gelingt mir irgendwann auch 80 Sekunden. Vielleicht zu meinem 80. Geburtstag? Denn nur mit intaktem Gleichgewichtssinn werde ich auch dann noch Fahrrad fahren können. Und das möchte ich gerne, und zwar über die geplante Fußgänger- und Radfahrerbrücke, die 2026 (?) die Warnow überspannen soll.

Traum einer Optimistin