Bitte lächeln!

„Dreh dich mal um. Da, das Pärchen am Cabrio“, flüstert die junge Kassiererin halblaut ihrem Kollegen an der Nachbarkasse zu. „Die hatten aber eben Zoff miteinander. Der arme Kerl wird heute Abend nichts zu lachen haben, so wie die ihn wütend angeblitzt hat.“ Sie kichert vergnügt. Ich lege derweil ein paar Einkäufe aufs Band und amüsiere mich. Erschrocken sieht sie mich an. „Das war eben nicht böse gemeint“, sagt sie verlegen. „Aber es macht mir einfach Spaß, Leute zu beobachten. Ein paar Satzfetzen aufschnappen, dazu die Mimik und so. Oft bin ich froh, dass andere sich genauso verhalten wie ich mich auch. Es kracht wohl überall mal in der Beziehung.“

Ich nicke zustimmend. „Und dann macht man sich einen schönen Abend und alles ist wieder gut. Sind ja meist nur Kleinigkeiten, über die man sich ärgert“, ergänze ich. Nun lächeln wir beide und wünschen uns ein schönes Wochenende.

Eine Alltagsbagatelle, nichts Besonderes, eigentlich nicht erzählenswert. Trotzdem freue ich mich, eine Gleichgesinnte getroffen zu haben. Menschen im Alltag begegnen, ob als Paar, als Eltern mit Kindern, Großeltern mit Enkeln, junge Leute … es macht mir Spaß sie zu beobachten. Manche gestresst, genervt, schlecht gelaunt, wobei oft Kinder oder Partner als Blitzableiter herhalten müssen. Andere wiederum wie glückliche Dauerverliebte, die offensichtlich jede Minute ihres Lebens wie einen köstlichen Eisbecher genießen. Dabei empfinde ich keinerlei voyeuristische Ambitionen, wie sie Spannern oder übertrieben Neugierigen eigen sind. Nicht im entferntesten möchte ich jemandem zu nahe treten und ihn in seiner Privatsphäre stören. Es ist wohl eher der psychologische Aspekt oder das allgemeine Interesse am sozialen Miteinander meiner Mitmenschen, weshalb ich mit wachen Augen und Ohren durch die Gegend gehe. Wie sonst könnte ich Geschichten erfinden und sie aufschreiben, wenn mir Menschen gleichgültig wären.

Allerdings, manchmal möchte ich jemandem eine heimliche Botschaft senden: Lächel doch mal! Leg das Handy weg und zeig deinem Kleinen eine Blume, einen Spatz!

Und dann sehe ich mich in einer Schaufensterscheibe und erschrecke. Lächel doch mal, sage ich dann zu mir.

Veröffentlicht von hedera77

Bin ein echtes Ostseekind, geboren in Rostock an der Warnow und noch heute glücklich - hier in meinem Elternhaus. Seit 15 Jahren bin ich im Ruhestand, der alles andere als ruhig ist. Immer noch bin ich neugierig - im Sinne von wissbegierig - und teile gerne meine Gedanken mit anderen denkfreudigen Menschen, egal welchen Alters.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: