Das Verwöhnfest naht

Was gibt es Schöneres, als Weihnachten in der Familie zu verbringen. Das höre und lese ich in diesen Tagen fast täglich.  Eine gute Bekannte – sie geht auf die Achtzig zu – erzählte kürzlich, sie habe über die Festtage vierzehn Personen zu bekochen und zu bewirten, Übernachtungen inclusive.  „Aber ich schaff das schon“, sagte sie lächelnd. Die schon längst erwachsenen Kinder mit Anhang erwarteten ein Weihnachten wie früher: Tannenbaum mit Bescherung, Kartoffelsalat mit Würstchen. Und am Ersten gefüllte Gänse, Rotkohl, Klöße – natürlich nichts aus Dose, Tüte oder Tiefkühltruhe – danach Mecklenburger Götterspeise mit geriebenem Schwarzbrot, Schattenmorellen, Schlagsahne. Und nachmittags den traditionellen Frankfurter Kranz und selbstgebackene Pfeffernüsse. „Die Enkel sollen schließlich Weihnachten in Familie kennenlernen und später diese Tradition weitergeben“, erzählte sie voller Überzeugung.

„Und sie schlafen alle bei dir?“, vergewisserte ich mich noch einmal. 

„Ja, anders geht’s doch nicht. Sie wohnen doch nicht hier in der Nähe.“

„Und das wird dir nicht zu viel?“

Sie zuckte mit den Schultern. „Sind ja genug da zum Tisch decken, Abräumen, Spülen.“

„Aber du hast doch einen Geschirrspüler!“, unterbrach ich sie.

„Doch nicht für das gute Goldrandservice und die Kristallgläser. Nein, die müssen per Hand abgewaschen werden. Das mach ich am liebsten alleine, schicke dann die Familie zum Spaziergang. Ich stell mir Weihnachtsmusik an und genieße die Ruhe, während ich abwasche und dann den Tisch wieder zum Kaffee decke. “ Das Schlimmste sei das Planen und Überlegen, was alles eingekauft und vorbereitet werden müsse. So ohne Auto sei das eine ziemliche Schlepperei mit ihrem Hackenporsche. „Ich muss doch alles noch die Treppen in die zweite Etage schlepppen. Und dann die Getränke! Wein, Sekt, Bier … Na, du weißt ja, was alles dazugehört. Zum Glück hab ich meinen Balkon, wo vieles deponiert werden kann. Im November beginne ich schon mit den Einkäufen.“ Sie seufzte leise und ihr Gesicht sah nicht mehr so fröhlich aus. 

„Das wird ja ein ziemlich teures Weihnachten für dich“, überlegte ich laut, „denn Geschenke kommen ja vermutlich noch hinzu?“

„Ja, das stimmt. Aber die Kinder geben mir Geld dazu. Das ist dann mein Weihnachtsgeschenk. Außerdem, ich hab Freude daran, meine Lieben zu verwöhnen.“

„Na, dann wünsch ich dir ein fröhliches Fest und drücke die Daumen, dass es ein harmonisches Zusammensein wird.“ Nachdenklich verabschiedete ich mich.

Weihnachten – das Verwöhnfest, das Fest der Familie, der Liebe. Ein schöner Gedanke. Drei Tage lang Friede, Freude, Harmonie und perfektes Glück für jeden und alle! Könnte das funktionieren? Und vielleicht auch gleich für die Tage, Wochen und Jahre danach? Wer dafür ein Rezept erfindet, sollte für den Friedensnobelpreis prädestiniert sein.

Der Verwöhn-Gedanke beschäftigte mich weiter, besonders als ich auf einem Abreißkalender den Spruch las: „Jemanden verwöhnen heißt, ihm das geben, was er nicht braucht.“ Alice Miller war die Autorin. Leicht irritiert über ihre Aussage wollte ich wissen, wer diese Frau war. Sie sei eine schweizerische Autorin und Psychologin polnisch-jüdischer Herkunft, 1932 geboren, die sich 2010, als schwerkranke Frau, das Leben nahm. Sie selbst hatte sich als zweifache Mutter als Kindheitsforscherin bezeichnet und die Eltern-Kind-Beziehung, vor allem die gewaltfreie Erziehung, zu ihrem Hauptthema gemacht. Ihre persönliche Tragik wird in den Worten ihres Sohnes deutlich: „Es war nicht schön, der Sohn von Alice Miller zu sein.“ Erst nach ihrem Tod hatte er die schwierige Familiengeschichte seiner Mutter erfahren und gelernt, sie zu verstehen. 

Doch zurück zum Zitat. Im Bedeutungswörterbuch fand ich unter dem Stichwort ‚verwöhnen‘ zwei Aussagen: a) Jemanden zu nachgiebig, mit zu großer Fürsorge behandeln und dadurch daran zu gewöhnen, dass jeder Wunsch erfüllt wird. Also – so füge ich hinzu: Eltern verwöhnen z.B. ihren Sohn maßlos, die arme Frau, die den mal heiratet!

b) Durch besondere Zuwendung und Aufmerksamkeit dafür sorgen, dass sich jemand wohlfühlt. Also: ER trägt SIE auf Händen, liest ihr jeden Wunsch von den Augen ab. Die Glückliche! Aber nicht nur die verschiedensten Partnerbeziehungen können als Analogbeispiele herhalten, sondern natürlich auch die Beziehungen zwischen den Generationen. So ist die Kindererziehung eine Gratwanderung, bei der oft a) und b) miteinander vermischt werden. Einerseits wollen wir, dass es den Kleinen gutgeht, dass sie behütet aufwachsen, seelische Stabilität und Urvertrauen entwickeln. Andererseits tun wir ihnen keinen Gefallen, wenn wir ihnen jedes Problemchen aus dem Weg räumen, wenn wir sie verhätscheln, verzärteln und in Watte packen. So entstehen Egoisten und kleine Tyrannen, die keine Grenzen akzeptieren und denen soziale Kompetenz fehlt. Sie werden es im Leben schwer haben. Kinder, die gefordert werden, die ein berechtigtes Nein akzeptieren und auch mal scheitern und verlieren lernen, haben es einfacher. 

Alles dreht sich in den nächsten Wochen ums Weihnachtsfest. Ich wünsche uns, dass wir das richtige Maß, die richtige Mischung finden – sowohl bei der Erziehung als auch bei den Geschenken.

Ich wünsche allen Lesern fröhliche, harmonische und friedliche Weihnachten.

Novemberblues – ohne mich!

Vor einigen Tagen kam ein seltsames Päckchen mit der Post. „Vorsicht Glas!!!“ wurde in fetten Buchstaben gewarnt. Nachdem ich diverse Tesafilm-Lagen abgewickelt und Füllmaterial im Innern entfernt hatte, zog ich sie ehrfurchtsvoll ans Licht meiner Küche: Sie, die Flasche Vin de Porto, den roten Portwein aus Portugal, den wir beide so mögen – die Absenderin und ich. Am Flaschenhals hing die   Karte mit einem typischen Heidi-Gruß: „Auf die 30 Tage im November! Auf den Windmond, auf die Welt im Wandel, auf das letzte Blatt im Wind, auf lilafrühen Morgen, auf nebelhellblaue Träume, auf silberkühle Windmondnacht – auf den November, der lacht und lacht. UND AUF DICH!“

Heidi, meine Schreibfreundin und Seelenverwandte – vom Alter her könnte sie fast meine Tochter sein – war vor etwa zehn Jahren in meinem Leben aufgetaucht und wir wussten sofort, dass wir uns nie wieder verlieren wollten, obwohl wir uns selten sehen würden. Es ist ein Geschenk, wenn man in einem Alter, in dem andere dich als Ruheständlerin betrachten, die allmählich abtrainieren und langsamer treten sollte, noch einmal so mitgerissen wird von einem empathischen Energiebündel, intelligent, sensibel … ach, Heidi! Du bist wie ein Wirbelwind in die Gruppe meiner Lieblingsmenschen gestürmt. Nun gehörst du dazu – auch, weil du ein Novemberkind bist, obwohl du doch im Frühling geboren wurdest.

Ich liebe Tage, die mich glücklich und dankbar, aber auch nachdenklich werden lassen. Hab ich früher auch so viel darüber nachgedacht, was mir guttut, was ich brauche, um abends zufrieden einzuschlafen? Bei diesem Gedanken muss ich lachen. Früher, da war der tägliche Kampf, die Balance zu schaffen zwischen Beruf, Kindern, Eltern, Liebe, Freizeit … Früher, das war ein turbulentes Leben, wie es meine erwachsenen Kinder und Enkel heute tagtäglich in ähnlicher Form führen. Es gab gute und schlechte Tage, wir hangelten uns von Woche zu Woche, freuten uns auf die Wochenenden, den Urlaub … Vermutlich musste ich wirklich erst alt werden, um bewusster zu leben, dankbarer zu sein. Das Nachdenken über das was war und ist, gehören dazu. 

Nun bin ich gerade zweiundachtzig geworden und suche immer noch nach dem Rezept für mich, wie ich ohne größere Blessuren die kommenden Jahre zufrieden durchleben kann, also gesund und einigermaßen fit zu bleiben, um den täglichen Herausforderungen Paroli bieten zu können. Aber ich bin in guter Gesellschaft: Mein Großcousin hat mich kürzlich zu seinem 90. Geburtstag eingeladen, den er in zwei Jahren feiern wird und jetzt schon plant. Meine Schwester hat ihn bereits vor vier Jahren gefeiert. Und da wir eine gemeinsame Urgroßmutter hatten, deren Abkömmlinge alle fast die Hundert erreichten, bin ich in dieser Frage recht optimistisch. Ja, lacht nur. Ich tue es auch. Denn ob das wirklich erstrebenswert ist, weiß ich nicht. 

Kürzlich wurde eine Nachbarin neunzig. Wir wohnen an einem kleinen Rondell mit sechs Häusern und zwei Anliegern, mit Alteingesessenen und Hinzugezogenen, die sich alle gut verstehen. Das Geburtstagsgeschenk für unsere ‚Alterspräsidentin‘: Ein Straßenfest vor ihrer Haustür – mit Kaffee und Kuchen, Rede und gemeinsamem Geschenk. Aber strengste Geheimhaltung war Bedingung, sie sollte nichts von unseren Vorbereitungen erfahren!  Die Freude an ihrer Freude war für uns enorm. Jeder hatte sich beteiligt und niemand wird diesen Nachmittag vergessen. Nur, selbstverständlich ist das sicher nicht. Die Jubilarin ist keine lamentierende Mecker-Oma, sondern eine liebenswerte, interessierte Nachbarin, die jeden Tag ihre Rollatoren-Spaziergänge macht. Schön, wenn man das schafft. 

Schön auch, wenn man Kontakt mit Gleichgesinnten hat. Nächste Woche werde ich wieder bei der Seniorengruppe unseres Wohngebiets sein. Seit etwa zehn Jahren werde ich zum Lesen eingeladen, immer sollen es selbstgeschriebene Texte sein, zuvor gibt es Kaffee und Kuchen. Vor einiger Zeit stellte ich ihnen meinen jüngsten Roman vor, las die beiden Anfangskapitel, wollte die Wirkung auf künftige Leser testen. Ich las vom kleinen Tablet-Computer, das Manuskript war noch nicht gedruckt.  Das Ergebnis: Sie baten mich, ein Hörbuch für sie zu machen, das heißt, ich bin in kürzeren Abständen ihr Gast und mache quasi einen Fortsetzungsroman daraus. Mittlerweile könnten sie den Roman in Buchhandlungen oder im Internet kaufen und ihn selbst lesen. Aber das ist keine Option für sie. Es überfordert sie. Das Zuhören überschaubarer Text-Häppchen, den anschließenden Gedankenaustausch darüber – das mögen sie.  Und auch ich lese gerne. Erst kürzlich begriff ich, wie gerne sie mir zuhören. Eine Ehemalige der Seniorengruppe, die nun in einem Heim lebt, stand plötzlich mit einer Betreuerin als Überraschungsgast in der Tür und hoffte auf einen fröhlichen Nachmittag. Ich unterbrach mein Lesen und bot an, zu einem anderen Termin wiederzukommen. Aber der Protest kam einstimmig und ein Kompromiss war schnell gefunden. Die beiden Damen bekamen Kaffee und Kuchen und wurden um Stillschweigen gebeten. Zumindest noch eine gute halbe Stunde, denn sie wollten unbedingt meine Geschichte weiterhören. 

Ja, das sind die kleinen Freuden meines Alltags, die Novemberfreuden. Zu ihnen gehört auch der Kampf gegen die Laubberge im Garten und auf dem Gehweg. So viele Igel und Insekten gibt es gar nicht, die ich damit glücklich machen könnte. Deshalb müssen Biotonne und große Laubsäcke mit den herbstbunten Blättern von Kastanie, wildem Wein und Pflaume gefüllt werden. 

Zu den großen Freuden gehören Besuche der Familie, dafür Kürbissuppe, Kohlrouladen …. kochen, Kuchen backen, erzählen und Spaziergänge an der Warnow machen. Aber auch Socken stricken für die Enkel, mit Tom durch die Mecklenburger Landschaft fahren und die herrlichen Herbstfarben bewundern, den Nebel in den Tälern, die sonnengefluteten Felder, die Vogelformationen und -schwärme am Himmel und immer wieder die wunderschönen Wolken und Himmelsfärbungen am Morgen und Abend.

Und da sage jemand, der November sei grau und kalt und ungemütlich.Nicht für mich. Und nicht für meine Heidi-Freundin und viele gleichgesinnte Herbstkinder. Es ist aber auch die Zeit für Kerzen, warme Stuben, Lesen und Musik hören. Auch Zeit für gute Gedanken und gute Taten für die, die sich vor Kälte und Dunkelheit fürchten. Und es ist Zeit zum Schreiben. 

Bemerkenswerte Begegnungen

„Eben ist Detlef gestorben. Ich bin untröstlich. Sonja“ Entsetzt las ich die Nachricht auf meinem Handy. Detlef war tot? Noch drei Tage – dann hätten er und mein Tom ihre Geburtstage feiern wollen. Detlef wäre 85 geworden, Tom 84.  Ich konnte es nicht fassen.  

Seit Ewigkeiten kannten wir uns. Ewigkeiten? Nun, es waren immerhin siebenundsechzig Jahre. Sonja und ich hatten uns seit dem ersten Schultag in der neunten Klasse vier Jahre lang einen Schultisch geteilt und waren bis zum Abitur unzertrennlich geblieben, obwohl sie sich nach wenigen Schulwochen in Detlef verliebt hatte. Und nun war er gestorben? Einfach so?

Ich rief Sonja an. Sie ging nicht ans Telefon. War Detlef in einer Klinik gestorben und sie war noch bei ihm? Weshalb hatten wir nicht gewusst, dass er krank gewesen war? Ich schrieb eine Nachricht:     „Wir sind tief erschüttert. Was kann ich tun? Soll ich vorbeikommen?“                                                    Ihre Antwort kam umgehend: „Wär schön.“                                                                                            Ich schrieb zurück: „Bin 15 Uhr bei dir.“

Pünktlich klingelte ich, der Türöffner summte, ich stieg in den Fahrstuhl, die Wohnungstür war geöffnet. Ich nahm Sonja in die Arme.                                             

„Geh schon mal ins Zimmer und setz dich, ich bin gleich bei dir, muss noch für den Bestatter ein paar Sachen zusammensuchen.“                                                                                                                        Nun kenne ich natürlich ihre Wohnung und die elegante Sitzgarnitur, auf der wir zu viert schon viele gemütliche Stunden miteinander verbracht hatten. Gerade wollte ich mich auf meinen gewohnten Platz setzen, als ich erstarrte. Fassungslos sah ich zum Zweisitzer neben mir, denn da lag er – Detlef. Der tote Detlef. Er trug einen sommerlichen Schlafanzug, lag auf der Seite, den Kopf in die Armbeuge geschmiegt, die Augen geschlossen. Schlief er vielleicht nur? War er wirklich tot – war alles nur ein Irrtum? „Detlef?“ Leise flüsterte ich seinen Namen. Aber natürlich kam keine Reaktion. Rückwärts ging ich zur Tür, traf dort auf Sonja.                                                                                                          

 „Ich ruf gleich den Bestatter an, er kann jetzt abgeholt werden“, erklärte sie.                                     Wir saßen noch eine Weile am Esstisch und redeten miteinander, der tote Detlef war aus meinem Gesichtskreis verschwunden.

Am nächsten Abend bekam ich eine ungewöhnlich lange Mail von Sonja. Ihre Tochter war angereist und sie hatten beide den Nachmittag an der Ostsee verbracht. „Wir haben etwas Seltsames erlebt“, schrieb sie. „Wir schlenderten auf der Warnemünder Promenade und redeten miteinander. Eine Frau überholte uns, sie war außer Atem, als wäre sie gelaufen. Sie stellte sich vor mich, umfasste meine Hände und sagte, sie habe eine Botschaft für mich. Dabei legte sie einen Stein, einen Rosenquarz, in meine Hände. Der Rosenquarz stehe für Trauer und Liebe, erklärte sie. Und Sie haben etwas Schweres erlebt? Meine Tochter sagte leise: Mein Papa ist gestern verstorben. Sie nickte verstehend, wandte sich plötzlich ab und ging mit schnellen Schritten davon.                                                              Später sahen wir einen Verkaufsstand, an dem Schmucksteine angeboten wurden. Wir zeigten dem Verkäufer den Stein, den er sofort wiedererkannte und sich auch an die Käuferin erinnerte. Nein, er kannte sie nicht. Wer war diese Frau? Wer hatte sie zu uns geschickt? Woher wusste sie von Detlefs Tod? Ich versteh das alles nicht. Du???“

Nein! Kannte Sonja mich so wenig? Ich bin so entsetzlich anti-spirituell, habe für Esoterik, Mystik, Schicksalsglaube … nichts übrig.  Selbst die Zauberei betrachte ich mit Misstrauen. Nicht mal die Ehrlich-Brothers können mich begeistern, sondern höchstens verblüffen oder auch ärgern, weil ich ihr Tun nicht begreifen kann. Kurz: Ich mag das Wissen, das auf wahren und gerechtfertigten Tatsachen beruht. Ich will verstehen und nachvollziehen können. Deshalb besitze ich vermutlich auch keine Schutzengel, die meinen Lebensweg bewachen. Also: Selbst ist die Frau! Selbstfürsorge ist mein Motto! Und damit lebe ich munter und gesund – hoffentlich noch recht lange.

Nun aber eine Begegnung, bei der ich herzlich lachen musste, aber auch nachdenklich wurde.               Freitag im Supermarkt. Ich schlenderte zwischen den Regalen für alkoholfreies Bier, kannte noch kein Getränk dieser Art, das die Chance bekommen würde, in die Kategorie Lieblingsgetränke aufgenommen zu werden. 

„Lass das!“, hörte ich eine energische weibliche Stimme. Erschrocken stellte ich den Sechserpack wieder zurück ins Regal und sah mich um. Niemand zu sehen. War ein Hund gemeint? Unsinn! Ein Hund im Supermarkt? Verboten!                                                                                                                „Was willst du denn noch alles haben! Das brauchen wir nicht! Leg’s wieder hin!“  Die Stimme war noch einige Grade schärfer geworden.                                                                                                 Nun wollte ich’s wissen. Wem gehörte diese genervte Kommandostimme ? Dann wusste ich’s: Eine Frau in den Siebzigern, hager, dunkel gefärbter Kurzhaarschnitt, sportliche Kleidung – mit verkniffenem Gesicht, zusammengezogenen Brauen. Ihr Blick war in Richtung ihres Befehlsempfängers gerichtet. Es schien ihr Ehemann zu sein, zumindest passte das Outfit, das stark auf Partnerlook hinwies. Das Kühlregal für Fleisch- und Wurstwaren vor sich, hatte er gerade zwei Kammsteaks aus dem Einkaufswagen wieder der Kühlung zugeführt, nun aber mit triumphierendem Blick ein Päckchen mit fingerdicken Salamiwürstchen entdeckt und es durch die Luft geschwenkt – mit Blick zur Gattin. Ob er wohl durfte? Nein, er durfte nicht.  War doch klar.                                     „Leg sofort die Hundewurst weg. Sofort. Vergiss es!“                                                                               „Hundewurst? Das ist ein kleiner Snack. Schmeckt sicher super zum Bierchen.“ Empört, aber auch mit einem kleinen verlegenen Lächeln sah er mich an und grinste schließlich verschwörerisch. „Das ist doch keine Hundewurst! Sagen Sie es ihr doch mal.“                                                                            Oh weh, war ich nun noch zwischen die Ehefronten geraten? Das hatte ich nun von meiner Neugier. Ich schüttelte ein wenig den Kopf und sagte freundlich: „Hundewurst? Nein ganz sicher nicht, dann würde sie ja bei der Tiernahrung zu finden sein.“ Wir lachten beide.                                                   Das rief seine Frau auf den Plan, die derweil schon den Käse ins Visier genommen hatte. Sie kam näher und blickte mich dabei misstrauisch an.  Aber ich schien ihr harmlos genug, um als Kontrahentin nicht in Betracht zu kommen. Im Gegenteil, sie vertraute mir ihren Kummer an: „Sie haben’s ja mitgekriegt. So geht das Tag für Tag, Jahr für Jahr. Dieser Kerl macht mich einfach verrückt. Aber im negativen Sinn. Wenn ich nur wüsste, wie ich ihn loswerden könnte.“                           

Mir schoss der Schreck in die Glieder und sofort hatte ich das Bild vom toten Detlef wieder vor mir. „Versuchen Sie’s doch mal mit ein wenig Verständnis und Freundlichkeit. Dann wird es einfacher – und schöner.“ Sie ging kopfschüttelnd in Richtung Käse zurück. Und ich war glücklich, dass ich gleich wieder bei meinem Tom sein würde.

Der Humor und ich

„Wie würden Sie sich selbst beschreiben?“, wollte kürzlich der Moderator einer Kochsendung von einem aufgeregten Kandidaten wissen. Lieber Himmel, der kann doch kaum Luft holen vor wildem Herzrasen. Und dann diese Frage? Ich hätte vermutlich einen totalen Blackout bekommen in einer solchen Situation. So dachte ich und testete meinen Tom mit dieser Frage. „Ruhig, ausgeglichen, immer  freundlich.“ Er konnte sich kaum bremsen bei der Aufzählung seiner Vorzüge und ich musste laut lachen. „Nicht total daneben, aber …“ Ich verkniff mir die Fortsetzung des Satzes, beschloss aber, irgendwann ernsthaft über diese Frage nachzudenken, die dann mich betreffen sollte. Doch der Kandidat schien gut vorbereitet worden zu sein, fand schnell eine Antwort und eine gewisse Gelassenheit. „Meine Freunde würden sagen, ich bin hilfsbereit, für jeden Spaß zu haben und humorvoll.“

Humorvoll! Witzig! Schlagfertig! Absolute Lieblings- und Sympathiewörter. Doch leider, so denke ich zumindest, Tom und ich sind beide nicht oder nur minimal gesegnet mit diesen Eigenschaften. Und hin und wieder erscheint mir dies als ein riesengroßes Manko. Ich beneide Leute, die die Begabung haben, schwierige Situationen mit Witz und Leichtigkeit zu entspannen und Zuhörer zu einem Lächeln oder Lachen zu bringen. Ohne krampfhaftes Überlegen finden sie – so ganz nebenbei – genau die richtigen Worte zum richtigen Zeitpunkt.  Aber man soll es lernen können, bzw. es üben, mit einer bestimmten inneren Haltung gelassener den kleinen Alltagswidrigkeiten zu begegnen.

Das wollte ich genauer wissen. Das ‚kluge und allwissende Internet‘ verriet mir sieben Tipps und praktische Übungen, um ein humorvoller Mensch zu werden. Und das sollte bei jedem in jedem Alter funktionieren, falls die genetische Veranlagung etwas sparsam diese Charaktereigenschaften  hinterlassen hatte. Man sollte:

  • den Perspektivwechsel üben
  • positive Gesellschaft suchen
  • über sich selbst lachen
  • authentisch sein
  • eine positive Einstellung entwickeln
  • humorvolle Literatur lesen
  • Selbstvertrauen aufbauen

Der Vollständigkeit wegen fragte ich dann das Internet über humorlose Menschen aus. Sie seien meist wenig intelligent, befangen, verklemmt, gehemmt, unentspannt und verkrampft. „Das ist doch totaler Unsinn“,  schimpfte ich und lachte gleich darauf erleichtert. Denn nichts davon traf auf mich und Tom zu. Also, und das erschien mir logisch, sind die wertvollen positiven Charaktereigenschaften mit Sicherheit auch bei uns vorhanden, wahrscheinlich aber zeitweise verschüttet und wenig trainiert worden.  Wie hätten wir sonst wohl über vierzig Jahre im Lehrerberuf überleben und nicht nur halbwüchsigen Schülern, sondern auch wohlgeratenen Kindern, Enkeln und einem Urenkelchen den Weg ins Leben ebnen können. Zumindest haben wir einen kleinen Anteil daran. Hoffentlich! Das kann doch nur mit einer gehörigen Portion Humor funktioniert haben. Also, alles ist gut, wir sind noch zu retten.                                                                                                                                                  Aber ich wollte es genauer wissen, besser gesagt, ich wollte uns testen. Endlich war es an der Zeit, die „Rentner-Witze“ aus meinem Bücherschrank zu kramen, um auch die Rubrik ‚humorvolle Literatur lesen‘ abhaken zu können. Irgendwann hatten wohlmeinende Kaffeegäste dieses Mitbringsel überreicht, aber gelesen hatte wir darin nie.  Eigentlich hätte ich es wissen müssen: Begeisterung kam nicht auf. Die Rentner-Witze waren nicht unser Ding und Mario Barth nebst Kolleginnen und Kollegen mögen uns verzeihen, wenn wir sie auch künftig ignorieren werden. Wir gehören einfach nicht zu ihnen, den kreischenden, johlenden, auf die Schenkel klopfenden Hauptsache-wir-haben-Spaß-Zeitgenossen. Vielleicht sind wir zu norddeutsch-kühl, zu introvertiert? Nun reicht’s aber mit dem Seelen-Striptease, beschloss ich. Schluss. Wir sind wie wir sind und mögen uns auch so!

Doch wir kam ich überhaupt auf dieses Thema? Vermutlich ist es die immanente Sorge und Traurigkeit, die mich bedrückt. Zum Glück hat sie nichts mit unserer persönlichen Lebenssituation zu tun, die kaum besser sein könnte. Aber schließlich leben wir nicht allein auf Wolke sieben im Nirgendwo, sondern sind Teil eines Ganzen, einer Gemeinschaft. Und dieses Ganze beunruhigt mich zutiefst und wäre auch nicht mit Humor zu ertragen.

Ein kleines Beispiel? Mein Tom braucht rund um die Uhr meine Betreuung und Unterstützung. Wohin er auch muss, ich bin dabei, fahre ihn zu Terminen mit dem Auto (Rollstuhl /Rollator im Kofferraum) und hin und wieder benutzen wir auch die Öffis. Nun gibt es sicher nicht nur in Rostock Parkplatzprobleme und oft sehe ich wehmütig die leeren Behindertenparkplätze, für die ich mit Tom keine Parkberechtigung habe. So kam mir die Idee, einen Antrag für einen Schwerbehindertenausweis für meinen Lieblingsmenschen zu stellen. Das tat ich im März beim örtlichen Versorgungsamt, nachdem ich und auch unsere Hausärztin diverse Formulare ausgefüllt, ärztliche Gutachten und Diagnosen kopiert hatte. Mitte Juni, also nach drei Monaten, wurde die Schwerbehinderung rückwirkend anerkannt. Der Grad der Behinderung: 100, die Buchstaben G (gehbehindert) und B (Begleitung notwendig) – sind auf dem Ausweis zu lesen. Doch mir ging es vor allem um das blaue Rollstuhl-Piktogramm, das im Auto angebracht wird und mir die Legitimation erteilen soll, dass ich einen entsprechenden Parkplatz nutzen kann, wenn Tom mein Beifahrer ist. In meiner anfänglichen Naivität glaubte ich, mit dem Ausweis in der Hand bei Autozubehör, Sanitätshaus, Ordnungsamt oder ähnlichen Anlaufpunkten fündig zu werden. Beim Ordnungsamt wurde mir Adresse und Telefonnummer vom Tiefbauamt mitgeteilt, denn dem wiederum sei eine Abteilung untergeordnet, die Sondernutzungserlaubnisse, Ausnahmegenehmigungen und Parkberechtigungen erteilt. Hurra, wieder was dazugelernt. Nach einem weiteren Telefonat wurden mir per Mail wieder Formulare zugeschickt, die ich ausdrucken, ausfüllen und dem Amt zusenden sollte. Ich staunte, denn nun sollte ich den Schwerbehindertenausweis und Toms Personalausweis kopieren, wiederum ärztliche Diagnosen einreichen und auch meine Personalausweis-Kopie plus Vollmacht, die mich als Betreuerin meines Ehemannes ausweist, hinzufügen. Fragen sollten beantwortet werden, die mir bereits im März vom Versorgungsamt gestellt worden waren und deren Antwort die Grundlage für die anerkannte Schwerbehinderung bildeten. Ich verstand die Welt nicht mehr.  Zwei Ämter einer Stadtbehörde, hätte da nicht ein kollegiales Telefonat oder ein innerbetrieblicher Mailverkehr genügt? Sei wie’s sei, als braver Staatsbürger tat ich meine Pflicht, steckte alles in einen Umschlag und versenkte es in den behördlichen Briefkasten. Das geschah Ende Juni. Jetzt haben wir Mitte August, aber eine blaue Rollstuhlplakette ist immer noch nicht in Sicht.

Heute ergab eine freundliche Nachfrage, dass mein ‚Antrag auf Erteilung einer Parkerleichterung für Schwerbehinderte‘ nun zur Anhörung zurück zum Versorgungsamt geschickt worden sei. Also zu der Stelle, die den Ausweis ausgestellt hatte. Nun wird dort geprüft, ob die Anforderungen für eine Parkerleichterung erfüllt sind oder nicht. Das Ergebnis werde dann wieder ans Tiefbauamt zurückgeschickt und irgendwann uns mitgeteilt werden. Vielleicht als Weihnachtsgeschenk?

Nun wundert mich auch nicht, weshalb die Behindertenparkplätze meist leer sind. Der  Behördenmarathon wird viele abschrecken und der Humor ist mir wieder mal abhanden gekommen, obwohl ich ihn mit Perspektivwechsel, positiver Einstellung und Selbstvertrauen anzulocken versuchte.

Ich weiß, ich weiß, das sind doch nur Bagatellen, Peanuts, Rentner haben doch Zeit. Da gibt es doch ganz andere und viel gravierendere Beispiele, echte Missstände, die ganze Betriebe zugrunde richten. Ja, und das ist es eben.

Trotzdem, vergesst das Lachen nicht und verliert euren Humor nicht ganz.

Kummer, der Preis für große Liebe

    Endlich ein richtiger Julitag mit blauem Himmel, leichtem Wind, 28 Grad. Herrlich! Ich sitze im Garten, Tom hält seine Kaffeetasse in der Hand, liest die Lokalzeitung, d.h. er blättert sie durch, liest Überschriften, Untertitel, schaut sich die Fotos an, fragt mich hin und wieder nach ihm unverständlichen Wörtern, rätselt ein wenig – und irgendwann wird er wieder von vorne beginnen, wird wieder nach der Bedeutung derselben Wörter fragen. Aber es stört mich nicht, wir sind zufrieden. Keiner hat das Verlangen, die „Warnemünder Woche“ zu besuchen oder in unser früher so geliebtes Graal-Müritz oder nach Markgrafenheide zu fahren. Es wäre kein Problem. Ich müsste nur den Rollstuhl aus der Garage holen, ihn im Auto verstauen. Nein, heute nicht!

    Ich denke, grüble, telefoniere mit der Freundin im fernen Strausberg, erinnere mich an den Sonntagsbesuch bei der Schwester im Pflegeheim. In zwei Wochen wird sie 94 und ist mir immer noch eine kluge Ratgeberin. Aber auch sie braucht einen Rollstuhl. Ich muss auf andere Gedanken kommen und lese ein paar Seiten in Ute Lempers Autobiografie. Nein, ich kann mich nicht konzentrieren, schade um den interessanten Lesestoff. Immer wieder schweifen meine Gedanken ab.

     Gestern war ein Tag, den ich nicht einfach abhaken kann. Erledigt, der nächste bitte. Was war passiert? Tom hatte von einer Fachärztin eine Überweisung plus Brief an einen Fachkollegen, Professor in der Unimedizin,  bekommen. Das heißt, ich hatte dies bekommen, denn ich war in Sorge um seine Gesundheit. So ist das eben bei uns. Es ging vorerst um ein Beratungsgespräch, zu dem ich ohne Tom kommen konnte. Der Arzt hörte sich meine Sorgen an, ließ sich Symptome und Toms Krankengeschichte beschreiben, sah sich ein Foto von ihm auf meinem Handy an,  hatte seine  Krankenakte auf dem Computer vor sich. Er fragte, hörte mir aufmerksam zu, nahm sich Zeit für mich. Kurz, es war ein vertrauensvolles Gespräch, das ich so nur von unserer Hausärztin kenne. Er riet mir, mich in Ruhe – wenn möglich mit Tom gemeinsam- zu entscheiden. Es könne ein Tumor sein, der sein Unwesen treibe, es könnten aber auch ganz simple Ursachen sein, die zu den Symptomen passen würden. Eine Untersuchung – unter Narkose – könnte Klarheit bringen. „Und was dann? Wollen Sie es wirklich wissen und möchten Sie die eventuellen Konsequenzen für Ihren Mann, für sich und die Familie wirklich erleben? Es würden schwere Zeiten auf Sie zukommen und Ihr Mann wird das mit seinen fast 84 Jahren und seiner medizinischen Vorgeschichte nicht einfach wegstecken können. Und Sie?“ 

Nachdenklich, aber irgendwie erleichtert fuhr ich wieder nach Hause. Nein, wir werden optimistisch denken. Alles wird gut und gut bleiben, möglichst noch für ein paar Jahre. Als ich das einer meiner Töchter am Telefon erzählte, bestärkte sie mich in meinen Gedanken, stellte mir aber gleich darauf eine weitere Denkaufgabe, mit deren Lösung ich mich nun herumschlage.  „Jedes Mal, wenn wir wissen, du bist ohne Tom unterwegs, machen wir uns Sorgen. Nicht wegen deiner Fahrtüchtigkeit, sondern einfach deswegen, dir könnte irgendwas passieren. Ein dummer Unfall, du brichst dir das Bein, ein Blödmann fährt dir ins Auto. Du kommst nicht nach Hause, kannst Tom nicht benachrichtigen, da er nicht ans Telefon geht. Er wartet verzweifelt, ist ohne dich hilflos. Du weißt, er braucht dich rund um die Uhr. Wer sagt ihm und uns Bescheid? Wer sorgt für ihn ein paar Stunden, bis wir in Rostock sein können. Du kennst die Entfernungen zwischen uns und euch.“ 

Ich beruhigte sie, verwies auf Notfall-Nummern, die in meinem Führerschein und den anderen Ausweisen stecken, redete von Verhinderungspflege durch Pflegeheime, vom Pflegedienst, den ich zwar nicht mehr in Anspruch nehme, der aber unsere Situation durch die notwendigen Beratungsgespräche gut kennt. Ja, aber natürlich hatte die Tochter recht. Das Zwischenglied fehlt. Jemand, der einen Schlüssel hat, uns seine Handynummer und sein Vertrauen gibt. Jemand, dem Tom vertraut, der weiß, was im Notfall zu tun ist und der in der Nähe wohnt. Verflixt, es gibt leider Situationen, in denen ich Tom und seinen Rollstuhl nicht mitnehmen kann. (Gerade erhielt ich per Mail eine Einladung zur Signierstunde für meinen Roman. Es sind doch maximal nur zwei Stunden!)

    Noch ganz in Gedanken,  klingelte das Telefon. Nur einen halben Satz brauchte ich zu hören, da wusste ich schon, es war etwas passiert.  „Annes Tochter ist gestorben! Wollen wir uns nächste Woche trotzdem bei mir treffen? Was meinst du?“ Das durfte einfach nicht wahr sein. Annes einzige Tochter, gleicher Vorname, gleiches Alter wie unsere Jüngste, mit der ich gerade telefoniert hatte, lebte nicht mehr? Ich war zutiefst erschüttert. „Nein, natürlich verschieben wir es, wollen wir etwa alle wie im Chor in Tränen ausbrechen?“ Wie konnte das passiert sein? Wie sollten wir reagieren? Würden die  verzweifelten Eltern überhaupt ans Telefon gehen? 

Wir, das ist eine Gruppe von neun ehemaligen Kolleginnen von Tom, die lange Jahre in einer Betriebsakademie gearbeitet hatten. Sie, ihre Ehepartner und Kinder waren im Laufe der Jahre echte Freunde geworden und hatten das „Sozialistische Kollektiv“ mit Leben erfüllt. Weder die Auflösung unseres Betriebes und der dazugehörenden Akademie nach der Wende, der Tod einiger Freunde, später die Corona-Jahre oder der Umzug unserer fast neunzigjährigen Veteraninnen in Pflegeheime konnten an unserem Zusammenhalt und unserer Vertrautheit etwas ändern. Anne und ich – beide Anfang achtzig – gehören zu den Jüngsten unserer Gruppe.

Heute Vormittag telefonierte ich mit ihr. „Sie hatte Krebs, es gab keine Hoffnung mehr. “ Bis zuletzt hatten die Eltern nicht gewusst, dass sie ihre Tochter verlieren würden.  Mich packte hilfloser Zorn. Mit Mitte fünfzig schon sterben? Ich weiß, es gibt keine Reihen- oder Rangfolge und auch schon Kinder und Jugendliche können auf diese Weise ihr Leben verlieren. Ist das Leben ein einziges Lotteriespiel, in dem der große Gewinner derjenige ist,  dessen Familie von diesem Leid verschont bleibt? Verdient hat niemand einen solchen Kummer und Gerechtigkeit gibt es schon gar nicht in diesem Lebensspiel. Also wünschen wir von ganzem Herzen Gesundheit und Glück allen, die wir lieben und mögen. Dazu Umsicht und Vorsicht, Verstand und viel Empathie für Betroffene und Hinterbliebene. 

„I have a dream“

Die Abba-Gruppe mit Kinderchor trug diesen Song um die Welt. Ob Nana Mouskouri oder die Westlife-Jungs, ob Gospelsänger oder Schulchöre – sie sangen danach auf ihre Weise Lieder vom großen Traum zur Abba-Melodie.  Der Traum von Liebe, Freiheit, Gleichheit und Menschlichkeit, der seit Anbeginn der Menschheit in unseren Köpfen lebt und leben wird. 

Jedes Jahr – es ist immer der dritte Montag im Januar – begehen die US-Amerikaner ihren Martin-Luther-King-Day, einen Gedenk- und Feiertag, der eigentlich schul- und arbeitsfrei sein sollte.  Stevie Wonder, dem afroamerikanischen blinden Soul- und Popsänger, haben seine Landsleute zu verdanken, dass dieser Gedenktag in allen 50 Bundesstaaten der USA seit 1983 Gesetz ist. 

Zwanzig Jahre zuvor hielt der schwarze Baptistenpfarrer und Bürgerrechtler Martin Luther King seine berühmteste Rede vor 250 000 Menschen am Lincoln-Memorial in Washington. Als Meisterwerk der Rhetorik wird sie auch bezeichnet. Er beendete seine Ansprache mit fünf Visionen zum gewaltfreien Sieg über Diskriminierung und Menschenverachtung und schloss: “ Ich habe einen Traum, dass meine vier kleinen Kinder eines Tages in einer Nation leben werden, in der man sie nicht nach ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilt. “ Wie glücklich wäre er bei Obamas Amtsübernahme gewesen.

Übrigens, 1964 besuchte er auf Einladung Willy Brandts Westberlin. Ohne Reisepass, nur mit den Angaben für seine Identität auf der Kreditkarte, durfte er auch den Osten Berlins betreten, um in der überfüllten Marienkirche und danach in der Sophienkirche zu predigen. Im Dezember desselben Jahres wurde ihm der Friedensnobelpreis verliehen. Vier Jahre darauf wurde er auf dem Balkon eines Motels in Memphis, Tennessee, erschossen. 50 000 Menschen kamen zu seiner Beerdigung. 

       Und sein Traum? Wir wissen, er ist so aktuell wie nie zuvor und betrifft schon lange nicht mehr nur das Rassenproblem in den USA, sondern ist – zusammen mit der tiefen Sehnsucht nach Frieden – ein Menschheitstraum geblieben.

Es gab in meinem Leben Zeiten,  in denen ich gedacht hatte,  mich niemals mehr mit Fragen von Krieg und Frieden ernsthaft auseinandersetzen zu müssen.  Erwachsen geworden war ich mit dem „Lied vom einfachen Frieden“, den Aufrufen „Schwerter zu Pflugscharen“ und „Frieden schaffen- ohne Waffen“, wusste natürlich auch von der großen Friedensbewegung im „Westen“, den Massendemonstrationen gegen Vietnamkrieg , NATO-Doppelbeschluss, den Ostermärschen. Nie wieder Krieg! Dieser Satz einte die Menschen in Deutschland und Europa. Und endlich kam das große Aufatmen.  Der Kalte Krieg war vorüber, Ost und West näherten sich an, die Mauer fiel.  Nun, jeder kennt die Geschichte und weiß, wie es weiterging.

Und heute? Entsetzen und Enttäuschung machen mich fassungslos und bereiten mir schlaflose Nächte. Hier in Deutschland lebe ich.  Mitten in Europa. Und die Bundeswehr soll kriegstüchtig gemacht werden! Die Rüstungsindustrie erlebt goldene Zeiten! Die Zivilbevölkerung soll wieder umdenken und sich an die Bilder von Krieg und Terror gewöhnen. Und nicht nur das.

Nie wieder Krieg! Ja, was denn sonst? Eine Alternative sollte es doch nie wieder geben. Ich bin im Krieg geboren worden und kann mich noch sehr gut an das Trümmerfeld meiner Heimatstadt  erinnern.  Und nun sehe ich tagtäglich die Trümmerfelder in ukrainischen Städten und den zerbombten Gaza-Streifen. Meine Kinder und Enkel sollen und wollen ähnliches nicht erleben müssen.  Wo sind die kompetenten Politiker, vor allem die guten Diplomaten, die ihren Eid und die Sorgen der Menschen ernst nehmen? 

Vielleicht brauchen wir auch wieder Musik, und zwar solche, die die Welt aufrüttelt. Dabei denke ich wieder an Stevie Wonder, der es 1985 gemeinsam mit Michael Jackson und vielen berühmten Sängerinnen und Sängern schaffte,  dass mit ihrem Projekt „USA for Africa“ der Song „We are the world“ fast über Nacht die Welt auf den Hunger in Afrika aufmerksam gemacht wurde. Den Erlös dieser Aktion spendeten sie für Afrika. Ein fantastischer Dokumentarfilm mit Gänsehaut-Feeling ist darüber entstanden. 

Wie komme ich auf dieses Thema? Heute ist der 06.06. 2024 – vor achtzig Jahren landeten die westlichen Alliierten in der Normandie zum Todesstoß gegen das Hitlerregime.

Von Absicht bis Zuversicht

Hin und wieder brauche ich meine ganz persönliche Einschlafhilfe, die ich euch nur wärmstens empfehlen kann. Nein, es ist keine Schlaftablette oder ähnliches. Aber was tun, wenn das Umschalten von Buch oder Fernsehfilm in den Schlafmodus nicht gelingen will? Auf Befehl funktioniert nichts, dafür aber mein Selbsthilfeprogramm, das mich meist schnell ins Reich der Träume bringt. Es ist ein Denkspiel mit unterschiedlichen Themen, bei dem ich den Kopf anstrengen muss, aber nicht zu sehr, denn sonst geht der Schuss nach hinten los und ich werde munterer als zuvor.

Kürzlich entschied ich mich für das Nachdenken über verschiedene Sichtweisen. Von ABSICHT bis ZUVERSICHT wollte ich das Alphabet durchforsten, um möglichst viele zu finden und sie dann mit Beispielen belegen. Verrückt? Macht nichts, denn bei mir klappte es. Auf Anhieb – noch hellwach – zählte ich nach Absicht die Begriffe Ansicht, Einsicht, Nachsicht, Rücksicht, Übersicht, Vorsicht und Zuversicht auf. Mit Sicherheit waren mir nicht alle eingefallen, außerdem schweifte ich schon bei ANSICHT ab und meine Gedanken gerieten auf Nebenstraßen, verloren sich in Erinnerungen und Erlebnissen und irgendwann schlief ich tief und fest.

Kein Hexenwerk, denn ich hatte an diesem Tag wieder meinen Seniorennachmittag erlebt. Zur Erklärung: In meiner Wohngegend, in der ich nun seit einundachtzig Jahren lebe, gibt es eine Seniorengruppe, die mich seit vielen Jahren zu Lesungen einlädt. Einige der Zuhörer kenne ich bereits aus meiner Schulzeit, ebenso den Raum, in dem ich schon als Konfirmandin gesessen hatte. Es ist üblich, dass es erst Kaffee und Kuchen gibt, danach beginnt mein Lesen. Anfang des Jahres bat ich sie, sich als Testhörer für einen Leseabschnitt aus meinem neuen Roman zur Verfügung zu stellen. Das Manuskript war bereits als Datei beim Verlag und wird noch im Mai als Buch erscheinen. Nun wollte ich aber wissen, ob ich die Geschichte verständlich und plausibel geschrieben hatte und sie die Spannung besitzt, die zum Weiterlesen einlädt. So begann ich mit dem Anfang, war erstaunt, wie interessiert und aufmerksam meine Zuhörer waren und auf mein „So, ich denke das reicht“ gab es Proteste und schließlich die Bitte, in Abständen von wenigen Wochen die Fortsetzung hören zu dürfen. „Bald wird es ein richtiges Buch sein, dann kann doch jeder es zu Hause gemütlich lesen“, stellte ich in Aussicht. Nein, selbst lesen und dann alleine sein mit seinen Gedanken? Das gefiel ihnen nicht.

Ich weiß, ich habe ein brisantes Thema gewählt, das mich verfolgt, seit ich ein Schulkind und eine junge Frau war, da ich die Geschichte teilweise selbst erlebt hatte. Die drängenden Fragen nach dem Warum, die ich mir seit dieser Zeit immer wieder stellte, konnte mir niemand beantworten. So gab ich mir als über sechzigjährige Rentnerin selbst die Antwort in Form einer Erzählung, also einer fiktiven Handlung, in der ich die Leerstellen mit meiner Fantasie füllte. Damit nahm ich erfolgreich an einem Literaturwettbewerb teil und die Erzählung wurde zweimal in Anthologien veröffentlicht. Aber Menschen, die von Literatur etwas verstehen, sagten mir: Das ist ein Romanstoff! Schreib ihn! Nun, leichter gesagt. Als wäre das so einfach. Ich versuchte es, schrieb vor zehn Jahren meinen Erstling über ein anderes Thema und begriff, wie beglückend das Schreiben und die nachfolgenden Lesungen und Gespräche mit den Zuhörern sein können. Und wieder vergingen Jahre bis ich soweit war, mir die kleine Erzählung und die „unendliche Geschichte“ erneut vorzunehmen. Es war Herbst, der Garten aufgeräumt, winterfest gemacht. Wann, wenn nicht jetzt? Ich schrieb in jeder freien Minute, bis ich schließlich auf Seite 412 den letzten Punkt machen konnte. Voller ZUVERSICHT vertraute ich das Manuskript einem engagierten Rostocker Verlag an und wurde nicht enttäuscht. Nun ist unsere Arbeit vorerst getan, der Grafiker hat für Inhalt, Einband und die Klappentexte eine ansprechende ANSICHT gefunden – und das gute Stück ist nun in der Druckerei. Ich bin glücklich, gespannt und sehr skeptisch. Bei den abertausend Büchern in den Buchhandlungen soll ausgerechnet dieses gekauft werden? Egal, ich habe endlich eine Antwort für mich gefunden. Und ich hoffe, dass ihr mir diese kleine Eigenwerbung nicht verübeln werdet.

Das Leben ist eine Achterbahn

Es reicht mir – endlich. Gerade eben habe ich den zwei Illustrierten gekündigt und meinem Tom versprochen, ihn auf anderem Wege mit Rätseln zu versorgen.  Der Satz „Nichts lenkt so schön von den eigenen Problemen ab wie die intensive Beschäftigung mit den Problemen anderer“ scheint der wichtigste Slogan für die Macher der Rubrik Klatsch & Tratsch in einigen Lifestylezeitschriften zu sein. Sollen  Ängste und beunruhigende Gedanken relativiert oder einfach weggewischt werden, wenn ich erfahre, dass auch die Reichen, Mächtigen und Schönen unserer Erde sich mit ähnlichen Problemen herumschlagen und schlaflose Nächte haben  wie Lieschen Müller aus Kleinkleckersdorf – oder auch ich? 

Um es vorwegzunehmen: Es ist doch eigentlich eine Binsenweisheit, dass Geld, Macht und Talent wenig nützen, wenn Liebe und soziale Bindungen fehlen, wenn die Gesundheit abhanden gekommen, die Trauer nach dem Tod eines geliebten Menschen kaum zu ertragen ist oder das Leben im Alter nur aus Einsamkeit und Stolpersteinen zu bestehen scheint.  Tröstlich scheint mir eher die große Gerechtigkeit im menschlichen Dasein, dass das Leben für jeden endlich ist. Irgendwann und irgendwie trifft es uns alle. Den einen früher, den anderen später.  Und lehrt uns alle nicht auch die Erfahrung, das Leben ist eine Achterbahn? Wer kennt schon ein immerwährendes Glücksgefühl, ein ständig himmelhohes Jauchzen. Das zu Tode betrübt sein, gehört eben auch zum Leben. Nur wer selbst diesen Wechsel der Gefühle kennengelernt hat, kann sich in traurige und verzweifelte Menschen hineinversetzen, sie trösten und Beistand geben. Vor allem kann er sich selbst aus einem Jammertal befreien – ohne sich am Leid irgendwelcher Promis laben zu müssen. Aber ich will an dieser Stelle nicht schon wieder über Resilienz schreiben (ihr wisst vielleicht, er gehört zu meinen Lieblingsbegriffen).

Fast muss ich lachen über meine neunmalklugen Gedanken und dabei ist mir zum Lachen nun wirklich nicht zumute. Die Achterbahn rast zurzeit mit mir durch den Alltag, dass mir schwindlig wird. Und ich mag keine Achterbahn! Nie würde ich freiwillig einsteigen. Nur das gemächlich kreisende Riesenrad liebe ich. Die Weite sehen, den Horizont, die Silhouette einer Stadt erahnen. Aber ich werde nicht gefragt – die Achterbahn ist Pflichtprogramm und kennt kein Tempolimit.

An einem einzigen Tag kam die Beisetzung einer lieben Freundin und der Schlaganfall der 93jährigen Schwester, wenige Stunden später sehe ich fröhliche Fotos auf meinem Handy mit der kleinen Urenkelin, die ihre ersten Gehversuche macht, das Pflanzenpaket für unseren Garten trifft ein und der Verlag teilt mir mit, dass in vier Wochen mein neuer Roman erscheinen wird. Dabei rast die Achterbahn schon wieder in die Tiefe. Die Schwester muss notoperiert werden. Mit dreiundneunzig? Hat sie das wirklich gewollt? Alle drücken die Daumen und halten den Atem an. „Sie erkennt uns nicht, kann nicht sprechen“, so sagen die Kinder, die reihum ihre Mutter besuchen und mich täglich darüber informieren. „Sie soll sich nicht quälen, hatte doch ein gutes Leben. Ohne sie wären wir achtundzwanzig doch überhaupt keine Familie geworden.“ Aber irgendwann ist eben auch für sie die Uhr abgelaufen.

Ich gehe in den Garten, kümmere mich um die Pflänzchen, die in die Erde müssen, schließe Oscar, meinen kleinen Mähroboter, ans Netz, programmiere ihn und rede ihm gut zu, dass er die Stellen mit dem neu angesäten Rasen sensibel behandeln soll. Natürlich begreift er nichts, die KI ist bei ihm noch nicht angekommen, aber es tut mir gut, mit ihm zu reden. Ich genieße den Frühlingsgarten, das Vogelzwitschern und die laue Luft – vor allem aber, dass die Achterbahn im Ruhemodus zu sein scheint. Die richtige Zeit, mich um unsere Pappel zu kümmern. Sie ist uralt, ich denke, sie ist sogar noch ein paar Jahre älter als ich, denn  in diesem Haus mit der Pappel in der Grundstücksecke wurde ich geboren. Als ich ein kleines Kind war, sagte mein Vater immer, wenn es blitzte und donnerte: „Hab keine Angst, die Pappel ist unser Blitzableiter.“ Und wirklich, niemals wurde weder sie noch das Haus von einem Blitz getroffen.

Aber irgendwann wurde sie zur Gefahr für Menschen, das Haus und parkende Autos, besonders wenn schwere Stürme an ihren Ästen rüttelten. Schweren Herzens ließen wir sie rapide kürzen. Und dann? Von unserer geliebten und umsorgten Pappel blieb nur noch ein etwa zweieinhalb Meter hoher Stumpf übrig. Es war ein Bild des Jammers! Das musste die Pappel (ja, durfte sie überhaupt noch diese Bezeichnung tragen? Aber natürlich!!), das musste sie wohl ebenso empfunden haben, denn im nächsten Frühling aktivierte sie alle Lebenskräfte und entwickelte wieder zarte Zweige, die sich bald zu kräftigen Ästen mauserten. Kurioserweise entwickelten sie sich lediglich auf der Sonnenseite, während die Nordseite kahl blieb. 

Unsere Kinder schenkten uns eine kleine Eule, die den Kopf drehen konnte und auf dem Pappelstumpf befestigt wurde. Daneben kam eine Pflanzschale mir rankenden Geranien. Bald richteten sich Bienen, Hummeln und Wespen unter der uralten, aufgeplatzten Borke ein Hotel ein – und die Viertel-Pappel wuchs und wuchs. Wir aber – und besorgte Nachbarn – befürchteten, die einseitige Last würde für die alte Dame bald nicht mehr zu balancieren sein. Wieder kam eine Amputation, besser gesagt, die größten Äste wurden gekürzt. Wir hatten eine Sorge weniger und baten unseren Lieblingsbaum um Verständnis und neuen Lebensmut. Und wir wurden nicht enttäuscht – ihr Leben geht weiter.

Nein, ich werde nicht wieder von Resilienz schreiben. Aber aus Freude und Dankbarkeit habe ich eine Rambler-Rose an ihren Stamm gepflanzt. Meine Vision: Eine Symbiose von rauer, zerklüfteter Borke mit vielen Eingängen für Bienen und Hummeln und zartrosa blühenden Rosenranken, die den Baum umschlingen, ihn umarmen. Jung und alt vereint. Total kitschig, Oder?

Gerade kam ein Anruf eines Neffen. Meine Schwester hat das Schlimmste überstanden. Sie spricht wieder, erkennt ihre Kinder und macht fleißig die Übungen der Therapeuten und Logopäden. Und in wenigen Monaten werden wir ihren vierundneunzigsten Geburtstag feiern – und ich will vorerst nichts mehr hören von Achterbahn und traurigen Lebensgeschichten. Nur über Resilienz denke ich noch weiter nach.

„Das hab ich nicht gewusst“

Brunnen der Lebensfreude am Rostocker Universitätsplatz

„Natürlich kenn ich das Blücherdenkmal. Aber was heißt schon kennen? Ich weiß, dass es da hinter dem Brunnen der Lebensfreude steht, oft umringt von Touristen, die alles erklärt bekommen. Aber wir Rostocker? Keine Ahnung, warum und unter welchen Umständen es da hinkam. “ 

Solche und ähnliche Sätze machen mich nachdenklich. Was wissen wir eigentlich über unsere Stadt, in der wir oft schon seit Jahrzehnten leben. Kürzlich hörte ich das Gespräch zweier Studentinnen, die an einer Ampel auf Grün warteten. Eine Einheimische mühte sich, ihrer Kommilitonin die in Sichtweite liegende Wallanlage, den Rosengarten und das Konservatorium zu erklären – und mir sträubten sich die Nackenhaare. Es war nicht einmal Halbwissen, das sie von sich gab. Und bald stellte sie fröhlich lachend fest, sie kenne zwar die Kröpi mit der Uni,  den Geschäften und Restaurants, aber ansonsten habe sie null Ahnung von der Stadt. „Aber du bist doch hier aufgewachsen und zur Schule gegangen“, staunte die Begleiterin. Ich sah nur noch ihr Schulterzucken, bevor wir die Straße überquerten. 

Zum Glück kenne ich auch viele Beispiele positiver Art, engagierte Fischköppe und Küstenkinder, die Rostock als die Liebe ihres Lebens bezeichnen – kleine Makel und Macken inbegriffen, denn  schließlich ist perfekt auch langweilig. Doch eine Liebe entsteht nicht im Selbstlauf, sie entwickelt sich und muss immer wieder gefestigt und auf den Prüfstand gestellt werden. Wie leicht werden wir betriebsblind, laufen von A nach B, ohne auf sanierte Fassaden, Speicher, Giebel zu achten oder die gelungene Symbiose von alten und neuen Gebäuden zu bestaunen. Bausünden und misslungene Gebäude machen uns wütend, ebenso wie Geldverschwendung und Dauerbaustellen. Aber in welcher Stadt ist das nicht so? 

Übrigens, das kleine Mädchen mit Eis und gelber Regenjacke auf dem Foto ist unsere mittlerweile zwanzigjährige Enkelin aus NRW, die vor wenigen Tagen erstmals ihren Freund mitbrachte, um ihn  ihren Großeltern vorzustellen, aber auch um ihm Rostock, Warnemünde und die geliebte Ostsee zu zeigen.  Denn durch unzählige Besuche mit und ohne Eltern und großem Bruder ist unsere Stadt zu ihrer zweiten Heimat geworden.  Sie liebt Spaziergänge in der Dunkelheit an der Warnow und freut sich über die leuchtende Stadtsilhuette am anderen Ufer.  Sie kennt sich aus in der Stadt und mit den Öffis, hat ihre Lieblingsplätze in Rostock  und Warnemünde, lässt sich durch die frechen  Möwen ihr geliebtes Fischbrötchen und Fränkis Currywurst  nicht vermiesen,  macht Unmengen von Fotos und Videos. Entdeckungen, Bemerkenswertes, viel Strand,  Wasser und Möwen kommen in den Fundus für Erinnerungen. Wen wundert es, wenn ihr Freund das alles nachempfinden soll. Und wir als Großeltern kennen das alles, denn ihre Eltern und die drei älteren Enkelkinder haben es ebenso gemacht.  „Darf ich wiederkommen?“, fragte zum Abschied der junge Mann und Tom und ich wussten, er war ein neuer Fan geworden und unsere „Kleine“ hatte gute Arbeit als Botschafterin geleistet.

Ein Stadtbummel mit Neu- oder Wiederentdeckungen kreuz und quer durch unsere Stadt – sofern man  noch gut zu Fuß ist – lohnt sich zu jeder Jahreszeit.  Allein der sanierte Rosengarten, ein echtes Juwel der Gartenbaukunst, ist einen Besuch und die über vier Millionen Euro für die Neuanlage wert. Im vergangenen November wurde er nach über einjähriger Bauphase eingeweiht.  4200 Rosen, 200 Hochstämmige und über 6000 Frühblüher-Zwiebeln wurden gepflanzt und werden demnächst zum ersten Mal blühen. (Übrigens, Hobby-Gärtner konnten als Rosen-Retter sich der alten Pflanzen annehmen und sie in den eigenen Garten pflanzen.) Der saftig grüne Rasen, die gepflegten Rabatten, das Plätschern des Springbrunnens aus dem 19. Jh.  vollenden das Bild und nie hätte ich gedacht, dass sich auch die Neubauten entlang der August-Bebel-Straße so harmonisch einfügen würden.  Also, sei nicht immer so skeptisch, wenn du Bauzäune und Straßensperrungen siehst, sage ich mir.  Ob ich auch das künftige Theater und die Brücke nach Gehlsdorf irgendwann so freudig begrüßen werde? Aber das sind die berühmten ungelegten Eier, an die ich vorläufig noch nicht denken mag. 

Es ist nur ein kurzer Weg vom Rosengarten zurück zum Brunnen der Lebensfreude und dem schon erwähnten Blücherdenkmal vor dem Hauptgebäude der Universität, die 1419 gegründet als älteste im Ostseeraum gilt. Jeder Rostocker und Besucher unserer Stadt sollte sich unbedingt die überlebensgroße Bronzestatue genauer ansehen. Nicht nur, weil Marschall Blücher der erste Rostocker Ehrenbürger war und jeder ihn aus dem Geschichtsunterricht bereits kennen sollte, sondern auch, weil die Entstehung dieses Denkmals mit einer äußerst kuriosen Anekdote verbunden war. Dass der berühmte Künstler von Schadow und der Dichter J. W. von Goethe sich mit dieser Statue ebenfalls verewigten, will ich nicht unerwähnt lassen.

Aber nun kommt ein Sahnehäubchen zum Schluss. Während der Brunnen leise plätschert, macht das Carillon, das Glockenspiel am Fünfgiebelhaus Ecke Breite Straße darauf aufmerksam, dass hier, in diesem gerade erst von Grund auf sanierten Gebäude, ein Gesamtkunstwerk wartet. Kürzlich las ich in der Ostsee-Zeitung: “ Feliks Büttner sitzt im La Plaza an seinem Stammtisch, zeichnet und trinkt ein Glas Rotwein.“ Nun sitzt er natürlich nicht ständig dort, aber für die Gestaltung des Restaurants hat der mittlerweile weltberühmte Rostocker Maler und Kussmund-Zeichner der AIDA-Flotte einen Stammtisch bekommen, der nur ihm vorbehalten ist und an dem ihm Essen und Getränke serviert werden – natürlich gratis. Ich will nicht zu viel verraten, und auch keine Werbung machen, aber es ist ein künstlerisches und gastronomisches Erlebnis, hier seine müden Füße unter einen Tisch zu strecken. Und nicht nur das.

Nur ein kleines PS: Macht noch einen kurzen Abstecher ins Souterrain, denn hier findet ihr die WCs. Aber ich wollte ja nicht zu viel verraten.   

Von ollen Kamellen und dem Internet

Vor wenigen Stunden hatte mein Handy geklingelt und mir auf dem Display neben dem Symbol für Videotelefon das lachende Gesicht der ältesten Enkelin gezeigt.  Die kleine Urenkelin – in einem Monat wird sie ihren ersten Geburtstag erleben – machte fröhlich Winke-Winke, als sie Uropa Tom und mich auf dem Handy sah, dann krabbelte sie vom Schoß ihrer Mama auf den Fußboden, während wir mit der Enkelin erzählten und per Handy-Kamera der Kleinen zuschauten. 

„Ist das nicht eine tolle Erfindung, so ein Handy?“ Tom nickte lächelnd, obwohl er keine Ahnung hat, wie man so ein Ding bedient. Weder Handy, Tablet noch Computer konnten ihn jemals begeistern, obwohl er alles anderes als ein Technik-Muffel war und ich mit Geduld und all meinem pädagogischen Geschick versucht hatte, ihm dieses Technik-Wunder schmackhaft zu machen. „Es reicht doch, wenn du damit klarkommst“, meinte er und ignorierte sogar das Navi in seinem Auto.

Ich aber hatte bereits Mitte der Neunzigerjahre begonnen, mich mit Computer & Co anzufreunden. Heute, mit über achtzig, denke ich, es war ein großes Geschenk, das ich mir damit gemacht habe.  Unvorstellbar, wie mein Leben ausgesehen hätte ohne den Zugang zur digitalen Welt. Nicht, dass ich zu den Spielern und Zockern gehöre oder zu den Leuten, die mit dem kleinen Display vor der Nase durch die Gegend laufen.  Aber ich brauche sie – das Handy und die großen Geschwister Tablet und Laptop – vor allem als Speichergerät für Adressen, Termine, Notizen, für WhatsApp, Ideen und Fotos,  besonders aber, um meine Wissbegier und Schreiblust zu befriedigen. 

Kürzlich lernte ich im TV Dagmar Hirche kennen, fünfzehn Jahre jünger als ich gehört sie zu den engagierten Jungseniorinnen, die ihre Lebensaufgabe gefunden haben. „Wege aus der Einsamkeit“ heißt der Verein, den sie gegründet hat, um die 65plus-Generation mit der digitalen Welt vertraut zu machen. YouTube-Videos, Vorträge, Workshops sollen helfen, ihnen den Zugang zum Internet leichter zu machen. Ihr Motto „Wir versilbern das Netz“ ist besser zu verstehen, wenn sie mit einem freundlichen Lächeln auf ihren silberweißen Kurzhaarschnitt deutet. Hut ab vor dieser energiegeladenen Frau. 

Und doch weiß ich: Es wird immer Menschen geben, die nicht dafür zu begeistern sind, bzw. denen wichtige Voraussetzungen fehlen: Das Interesse einerseits, aber auch die finanziellen, motorischen und geistigen Bedingungen.  Auch mein Tom wird bis zum Ende seiner Tage keine elektronischen Geräte bedienen können und wollen.  Aber er mag zuhören, liebt es, wenn ich erzähle, vorlese und auf verschiedenste Weise versuche, ihn an unser gemeinsam erlebtes Leben zu erinnern. Denn selbst lesen, das Gelesene speichern, sich dabei konzentrieren – all dies wird zunehmend schwieriger für ihn. Aber er hat ja mich. Und es ist, wie es ist. 

Wisst ihr, wie viele alte Menschen es gibt, die niemanden haben, der sich die Zeit nimmt ihnen zuzuhören und auch gemeinsam mit ihnen in die Vergangenheit und ihr Leben einzutauchen? „Du mit deinen ollen Kamellen,  wen interessiert das denn noch,  wir haben doch genug Probleme heutzutage. So sagen sie dann und meine Erinnerungen interessieren niemanden in meiner Familie.“ Traurige Worte, die ich kürzlich von einer Gleichaltrigen hörte.  Und deshalb bin ich der Meinung, so wichtig Handy und Internetnutzung auch sind, wichtiger ist das „lebendige“ Gespräch mit anderen Menschen, das Zuhören und Reden, das Lachen und vielleicht auch mal das Trösten oder Weinen.  Das sollte in der Familie, kann aber auch im kleinen Freundeskreis oder in einer Gruppe im Seniorenklub bei Kaffee und Kuchen möglich sein. Denn kleine oder größere Wehwehchen und Sorgen sind leichter zu ertragen, wenn man darüber reden oder sogar lachen kann. Aber sich zu Hause verkriechen, sich einigeln, selbst bedauern und den Kopf in den Sand stecken – all das sind keine Optionen. 

Doch dazu muss es einen freundlichen Anschub bekommen: Komm doch mal mit, lass uns einen Spaziergang machen, ein Käffchen miteinander trinken, erzähl doch mal, was bedrückt dich …