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Hochzeitstag

Diese Termine kann ich mir gut merken: 16. , 17. November sind Familiengeburtstage, der 18. ist unser Tag, danach kommt der Volkstrauertag. Etwas makaber. Oder? 

Heute also ist unser Tag, der Hochzeitstag. Und das ist wirklich kein Grund zum Trauern. Eigentlich ist es ein Tag wie jeder andere. Morgens, in aller Frühe, ist meine Frage immer dieselbe: „Geht’s dir gut?“ Und die Antwort von meinem Lieblingsmenschen (ich nenne ihn hier in meinem Blog einfach Tom) ist auch immer gleich und er lächelt dabei: „Wenn’s dir gutgeht, dann geht’s auch mir gut.“ Ich weiß, es ist keine Floskel, er meint es ehrlich. Ich würde auf diese Frage auch so antworten. 

Nun könnte man angesichts unseres Alters annehmen, wir wären schon einige Jahrzehnte miteinander verheiratet und hätten sogar schon die Goldene Hochzeit gefeiert.  Aber nein, es sind gerade mal zwölf Jahre. Und wenn ich an diese Hochzeit zurückdenke, muss ich immer wieder lachen. Prosaischer geht’s wirklich nicht. 

Damals kannten wir uns bereits vierzig Jahre und lebten bereits mehrere Jahrzehnte in „wilder Ehe“ zusammen,  kannten gute und schlechte Zeiten, eben Höhen und Tiefen. Aber unter dem Strich blieb ein großer Zugewinn, eben eine Liebe fürs Leben.  So sollte es bleiben, für immer und ewig.

Aber ab und an hatte ich das Gefühl, das kleine i-Tüpfelchen, das Sahnehäubchen, fehlte mir. Irgendwann, in einer Situation, die mir für meine schwerwiegende Frage angemessen erschien, stellte ich sie: „Sag mal, wollen wir nicht mal heiraten?“  Mein Tom sah mich an – tief erschrocken und ein wenig misstrauisch.  „Heiraten? Aber wozu denn? Schöner kann es doch gar nicht mehr werden.“ 

Was sollte ich dazu sagen. Es war mein erster Vorstoß und ich akzeptierte sein diplomatisches Nein. Ich bin ein Waage-Mensch, mag nicht streiten und diskutieren. Außerdem sah ich das Problem von der psychologischen Seite. Tom liebte das ‚Gummiband‘, aber fürchtete eine ‚Kette‘. Ohne liebevolle Diplomatie ging gar nichts. Außerdem liebte er keine verbalen Überfälle, brauchte Zeit zum Überlegen. Er wollte gerne der ‚Kopf‘ sein, mir blieb der ‚Hals‘ – ohne den sich der Kopf weder drehen noch wenden konnte. 

Zu meinem Glück wuchs mit dem Älterwerden auch die Vernunft bei meinem Tom. „So ganz pragmatisch betrachtet ist es vielleicht doch besser, wenn wir heiraten. Es vereinfacht vieles“, meinte er eines Tages.  Oh, er hatte endlich begriffen und ich war glücklich.  Schließlich waren wir beide bei der Siebzig angekommen, zwar gesund und fit. Aber wer weiß, was noch passieren kann. Ich bin nicht besonders waghalsig und risikofreudig, möchte gerne im Fall der Fälle alles geregelt haben.  

So übernahm ich freudig die Vorbereitung auf das große Ereignis, das zwar für uns von Bedeutung war, aber minimalistisch begangen werden sollte. Mit anderen Worten: Ich wurde zur  Geheimnisträgerin und würde erst nach der vollzogenen Handlung Familie und Freunde informieren. Dass Tom etwas verriet, konnte ich ausschließen. 

Und so geschah es: Zum festgelegten Termin fanden wir uns auf dem Standesamt ein – nur wir beide. Ja, ein wenig festlich angezogen hatten wir uns schon, aber Blumen und Ringe wollten wir nicht.  Tom trägt grundsätzlich keinen Schmuck und ich hatte gerade im Sommerurlaub einen wunderschönen Ring von ihm bekommen. Und mit einem festlichen Blumenstrauß mochte ich nicht an einem verregneten Novembertag durch Rostock laufen.  Das Prozedere auf dem Standesamt war in kürzester Zeit absolviert und wie geplant wollten wir danach  ein festliches Essen in einer Gaststätte zu uns nehmen. 

Nun aber kam der erste Stolperstein. Festliches Essen – ohne ein Gläschen Sekt oder Wein? Unser Auto stand nur einen Steinwurf vom Standesamt entfernt. Aber mit Alkohol am Steuer? Und hatten wir überhaupt Appetit? Wir hatten gut gefrühstückt und Mittagessen ließen wir gewöhnlich aus. In unseren Berufen hatten wir dafür keine Zeit gehabt und liebten das abendliche selbst gekochte Essen in unseren vier Wänden. „Magst du überhaupt?“, fragte ich meinen frisch Angetrauten und kannte schon seine Antwort, als ich seinem Blick zur Bäckerei auf der anderen Straßenseite folgte. Lachend kauften wir zwei leckere Zuckerschnecken mit Kirschfüllung und fuhren zu unserem gemütlichen Zuhause. 

Abends – mittlerweile hatten wir unser Lieblingsessen gekocht und eine Flasche Rotwein geöffnet – kam das Allerwichtigste. Mit einer Mischung aus freudiger Erwartung und Angst vor Enttäuschung nahm ich das Telefon in die Hand und wählte die Nummer der ältesten Tochter. „Jetzt nimm bitte mal den Hörer und setz dich in die Küche. Bist du da allein?“ „Mutti, was ist passiert?“  „Nichts Schlimmes. Nur, wir haben heute am richtigen Ort auf die richtige Frage die richtige Antwort gegeben.“ Mein Herz klopfte zum Zerspringen – bis nach einer kurzen Überlegungspause der Freudenschrei kam. „Wirklich? Habt ihr’s wirklich getan? Endlich! Du glaubst gar nicht, wie froh ich bin.“  Und ich war es auch.  Fast identisch reagierte die nur 11 Monate jüngere Tochter. Beide waren übrigens schon seit mehr als zehn Jahren verheiratet und hatten uns vier Enkelkinder geschenkt.

„Weißt du noch?“, fragte ich heute nach dem Frühstück meinen Tom. Natürlich war mir klar, er wusste nichts mehr von diesem Tag vor zwölf Jahren. Und ich erzählte – so wie ich es immer tue in den letzten Jahren. „Was du alles noch weißt“, sagte er und nahm meine Hand. „Schön, dass ich dich habe.“ Ja, so ist es. Und ohne ihn – daran mag ich nicht denken.

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Auf ein Neues!

Spaziergang an der Warnow

Hurra, ich bin wieder da! Mehr als drei Jahre ignorierte ich standhaft meinen „Heide-Blog“, habe keinen Blick hineingeworfen, seit ich über den Sonntagsbesuch der einen Tochterfamilie nach der Corona-Sperre schrieb. Das war am 26. Mai 2020. 

Weshalb diese lange Schreibpause? Was war passiert? Ganz plötzlich nahm mein Lebensweg eine scharfe Kurve. Eine Kurve, die mich fast aus der Bahn geworfen hätte. Habt ihr schon einmal ähnliches erlebt? (Entschuldigt bitte das DU, es schreibt sich einfach leichter.) Um dies zu erklären, muss ich kurz auf mein bisheriges glückliches Seniorenleben zurückblicken.

Mit 77 schrieb ich meinen ersten Blog-Beitrag und meine Welt war damals total in Ordnung. Aber es geht sicher nicht nur mir so: Wer hätte sich damals vorstellen können, dass uns Corona, Kriege, Krisen und Konflikte zu schaffen machen werden? So sind in meiner Retrospektive die Jahre zwischen meinem 65. und 75. Lebensjahr die interessantesten und glücklichsten. Als Jung-Rentnerin hatte ich mein neues Hobby, das Schreiben, entdeckt. Bislang war ich überwiegend Konsument von Sach- und belletristischer Literatur gewesen, hatte es vorwiegend mit Texten meiner fast erwachsenen Schüler zu tun gehabt. Nun aber war die Zeit gekommen, selbst zum Produzenten zu werden,. Ich konnte meiner Fantasie freien Lauf lassen, schrieb Kurzgeschichten und Erzählungen, wurde Mitglied einer Gruppe für kreatives Schreiben am Literaturhaus, gleichzeitig drei Jahre lang Fernstudentin an der Großen Schule des Schreibens in Hamburg, veröffentlichte mit siebzig meinen ersten Roman, dem eine Vielzahl von Lesungen folgten. Dann aber wechselte ich in den Bereich der Sachliteratur und schrieb für die Seniorenseite einer Rostocker Lokalzeitung Artikel, die unsere Altersgruppe interessieren sollte. Dazu kamen Sport, Ehrenamtsarbeit, Reisen mit meinem Mann, der ein ähnlich ausgefülltes Leben an meiner Seite führte. So hätte es ewig weitergehen können. Wir waren gesund und fit, ebenso wie die beiden Töchterfamilien und unsere vier Enkel, die allerdings in NRW und SH leben.

Doch dann passierte es: Meinem Lieblingsmenschen ging es nicht mehr gut und es folgte die Zeit der Operationen, Krankenhausaufenthalte, schlimmen Diagnosen und REHAs. Was war aus meinem sportlichen, kräftigen Mann geworden? Ein Kerl wie ein Baum, mein Fels in der Brandung. Und nun? Körper und Hirn funktionieren auf Sparflamme und ohne mich geht nicht mehr viel.

Aber es ist wie es ist. Alles im Leben hat seine Zeit. Und nun ist eben die Zeit der intensiven Zweisamkeit gekommen, in der ich die Managerin bin und der Gartenzaun quasi meine Grenze geworden ist. Nun denkt bitte nicht, dass ich jammere und unglücklich bin. Nein, ich bin zufrieden, weil er zufrieden und bei mir ist. Es ist ein anderes, ein kleineres Glück, das wir jeden Tag genießen und zu schätzen wissen.

Und mein Schreiben? Ich kann und will es nicht lassen. Vor wenigen Tagen habe ich das Manuskript für meinen neuen Roman einem Verlag übergeben und auch für meinen Heide-Blog heißt es: Weiter geht’s! Denn auch mit einundachtzig möchte ich noch viel erzählen. Also: Macht mit – werdet alt.

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Schluss mit Nikolaus?

Spätestens, wenn das letzte Kalenderblatt umgeschlagen war, packt mich ein besonderer Tatendrang. Es ist, als ob ein alter Motor nach monatelangem Stillstand zum Leben erweckt wird und knatternd und schnaufend seinen Betrieb aufnimmt. Ich suche nach zwei möglichst gleichen Kartons, kaufe Weihnachtspapier, Schleifenband, besorge Tannengrün – und vor allem das, was der Nikolaus bringen soll. Denn die Pakete müssen noch einige hundert Kilometer zurücklegen und pünktlich zum 6. 12. bei den beiden Töchterfamilien sein.

Der Nikolaus, so höre ich den Opa stöhnen, sind die Enkel mittlerweile nicht zu groß für sowas? Zu groß? Wann ist man denn zu groß für ein Geschenk vom Nikolaus, denke ich und überlege schon, was ich denn ihm in den Schuh legen werde. Nein, ich will es mir nicht verderben mit dem Bischof Nikolaus, der immerhin der Schutzpatron vieler ehrbarer Menschen sein soll. Ich denke nur an Seeleute, Bäcker, Bauern, Bierbrauer und Kaufleute.

Aber dann, die vier „Kleinen“ waren mir mittlerweile alle über den Kopf gewachsen – und ich bin immerhin 1,70 groß – kam ich selbst auf die Idee, die Enkel doch mal zu testen. Würden sie sich beim Rostocker Nikolaus etwa beschweren, wenn am Dienstag kein Päckchen eingetroffen war? Oder hatte ich recht mit meiner Vermutung, der Tag, der mir Jahr für Jahr Kopfschmerzen bereitet, habe für sie überhaupt keine Bedeutung mehr. Also: Schluss mit dem Klein-Kinder-Nikolaus, befahl ich mir.

So verging der Samstag, der Sonntagvormittag … Aber ich hätte nicht für möglich gehalten, dass ich mir selbst einen „Beinhacker“ gestellt hatte. Mein schlechtes Gewissen wuchs von Stunde zu Stunde. Was bin ich doch für eine Raben-Oma. Was tue ich den Enkeln nur an? Und vor allem mir? Am Sonntagabend hielt ich es nicht mehr aus.Ich stöberte zwei Kartons auf, füllte sie mit Kleinigkeiten, die ich für den Fall der Fälle im Haus hatte, schmückte sie vorweihnachtlich und legte eine freundliche Entschuldigung vom trödeligen, gestressten Nikolaus obenauf, der es nicht geschafft hatte, die Päckchen pünktlich auszuliefern. Am nächsten Vormittag fuhr ich zur Hauptpost aber war mir sicher: Morgen kommt der Nikolaus, aber das wird die Post niemals schaffen! So dachte ich und war dabei irgendwie traurig.

Aber bereits am nächsten Nachmittag hörte ich die fröhlichen Stimmen der Enkel aus Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein am Telefon. „Omi, wir haben ein Päckchen vom Rostocker Nikolaus bekommen. Ganz lieb, dass er immer noch an uns denkt.“ Und unsere Große, die für ein Jahr im Amiland lebte, schickte ein Foto, auf dem ihre kleinen Schutzbefohlenen ihre Stiefel putzen. „Sie kannten bislang keinen Nikolaustag. Ich hab ihnen von unserer Tradition erzählt und heimlich ihre Schuhe gefüllt. War das eine Freude – für sie und für mich“, so schrieb sie.

Ja, es stimmt: Enkel sind das Dessert des Lebens – und die Post ist (manchmal) besser als ihr Ruf.

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ENDLICH RENTNER – und was nun??

„Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an … mit 66 Jahren, da hat man Spaß daran … Ihr werdet euch noch wundern, wenn ich erst Rentner bin!“ Ich bezweifle, ob Udo Jürgens wirklich wusste, wie Rentner „ticken“ und wie sie sich fühlen, wenn der große Tag gekommen ist, an dem sie entlassen werden in den „wohlverdienten Ruhestand“. Und das gilt natürlich allgemein für die Senioren, also die Rentner und Pensionäre gleichermaßen. Werden sie wirklich alle gleichermaßen HURRA schreien und ein Freudenfest feiern?

Wie habe ich es erlebt: Mit 63 Jahren durfte ich in das Rentnerleben eintreten. Also von Hundert auf Null. Vom Marathonläufer zum Schachspieler. Das Hamsterrad war angehalten worden. Und dieser Absprung vom beruflichen Leistungssport geschah ohne langsames Abtrainieren, also ohne Vorruhestandsregelung. Der Gedanke, plötzlich alle Zeit der Welt zu haben, allen unangenehmen Pflichten entkommen zu sein, führte bei mir anfangs zu einem unbändigen Glücks- und Freiheitsgefühl. Dauerurlaub, der Pflicht konnte die Kür folgen, was gab es Schöneres? Ich hatte mich auf diesen Lebensabschnitt vorbereitet. Hatte Ideen und Pläne, wobei ich auch den Abstieg in eine andere finanzielle Liga eingeplant hatte. Also, in das gefürchtete Loch fiel ich nicht. Wobei ich von WIR sprechen sollte, denn mein Mann hatte zeitgleich mit mir das Berufsleben an den Haken gehängt. Wir hatten weder Langeweile noch irgendwelche Beschäftigungsprobleme.

Doch eines hatte ich – und meinem Mann ging es ebenso – total unterschätzt: Vierzig Jahre und mehr hatte ich als Pädagoge ge- und belehrt, eigene und fremde Kinder gebildet und erzogen und dabei die Hoffnung nie aufgegeben, die Welt durch mein Tun wenigstens geringfügig besser machen zu können. Ich hatte Verantwortung getragen und wurde respektiert. Und nun? Die Erziehungs- und Bildungsobjekte waren plötzlich abhanden gekommen. Mein Wissen wurde nicht mehr gebraucht, mein pädagogischer Zeigefinger schon gar nicht. Das Gefühl, das meine Schüler mir gegeben hatten, wenigstens ab und zu recht zu haben, fehlte plötzlich. Ich stürzte mich auf die Erziehung unseres Hundes. Aber das lastete mich keineswegs aus. Er war klug, geduldig und widerspruchslos. Vermutlich hätte ich eine andere Rasse wählen sollen, um den Schwierigkeitsgrad zu erhöhen.

Ein entspannter Bootsausflug am Warnowufer

Nun, ich will die Geschichte abkürzen: Ich habe die Kurve gekriegt und bin heute – 14 Jahre später – ein glücklicher Mensch, ausgefüllt und zufrieden. Wie schafft man das? Wie kann man die neue Freiheit nutzen, und dabei sich und andere Menschen zufrieden machen? Die Antwort darauf ist so verschieden, wie auch die Menschen es sind. Und viele meiner Alterskollegen – ob Mann oder Frau – empfinden den sogenannten Ruhestand sogar als die schönste, kreativste und erfüllteste Zeit ihres Lebens.

Wie kann ein solches Leben gelingen, wird mancher Neu- oder Noch-nicht-Senior wissen wollen. Ein kleiner RATGEBER soll Tipps und Denkanstöße geben – ohne, dass ich belehren möchte. Ich werde kleine Geschichten erzählen, in denen Anne und Ulli, zwei fiktive pfiffige Rentner, die mitten im Leben stehen, die Hauptpersonen sein werden. Bleiben Sie gespannt!

„Es ist was es ist, sagt die Liebe“

Kennt ihr die neue Netflix-Miniserie His & Hers? „Seine und ihre“, so übersetzte meine Tochter den Titel, als sie mir diese Serie empfahl. „Also verschiedene Sichtweisen, Standpunkte. Es sind sechs Folgen, ist ein verworrenes Drama, ein Psychokrimi, bei dem du nicht nebenbei stricken oder rätseln solltest, sonst kommt man mit der Handlung nicht zurecht. Wir dachten bis zum Ende, dass wir den Täter für die grausamen Morde kennen würden. Aber dann! Das Ende! Unfassbar und absolut nicht voraussehbar. Sieh sie dir doch mal an. Wir sind gespannt, ob die Serie dir gefällt.“ 

Natürlich machte sie mich neugierig und an zwei Abenden lebte ich in der düsteren Atmosphäre einer amerikanischen Kleinstadt, versuchte, die verworrene Handlung der zwei Zeitebenen zu verstehen, begriff von Folge zu Folge mehr, wie die handelnden Personen miteinander verstrickt waren, und war am Ende fassungslos von der unerwarteten Wendung. Fast hätte ich mir alles noch einmal angesehen, dann aber mit dem Wissen, wie die Geschichte endet. Natürlich wäre es unverzeihlich, wenn ich hier den Schluss verraten würde. Aber er brachte mich auf den Gedanken, meinen Blogbeitrag mit der Überschrift Mütter und Töchter zu versehen. Denn während ich mich abends in die Krimiwelt vertiefte, blätterte ich tagsüber in dem Buch, das ich schon seit etwa zehn Jahren in meinem Bücherregal stehen hatte und in das ich hin und wieder mal hineinschaute. Nun hatte ich gerade beschlossen, es einer meiner Enkelinnen zu schicken,  die uns vor einigen Monaten zum zweiten Mal zu Urgroßeltern gemacht hatte. Es trägt den Titel „Was ich dir sagen will – Mütter schreiben ihren Töchtern“.

Kristine van Raden und Molly Davis hatten Mütter in aller Welt gebeten, einen Brief an ihre Töchter zu schreiben. Sie wollten erfahren, was sich Mütter für ihre Töchter wünschen, unabhängig von ihren Lebensumständen, ihrer Herkunft, Ausbildung, ihrem Glauben , ihrer Kultur. Die vielen Gedanken und Weisheiten, die in den 43 ausgewählten Briefen zu Papier gebracht wurden, berühren mich immer wieder und machen mich nachdenklich und dankbar. Denn es ist wirklich nicht selbstverständlich, dass – wie bei uns – vier Generationen einer Familie in herzlicher Verbundenheit zueinander leben., obwohl die räumliche Entfernung nicht unerheblich ist. Und deshalb gefällt mir dieses Büchlein so sehr. Ich empfinde es als Appell – nicht nur an die Mütter – ihre Gedanken und Empfindungen in Worte zu fassen, aufzuschreiben, was uns bedrückt, was uns glücklich und dankbar macht und dies auch unsere Lieben wissen zu lassen.

Ich habe schon seit Jahren eine Datei „BRIEFE“ in meinem Computer. Es sind Schreiben an die Familie, an Freunde und mir wichtige Menschen, die ich zu besonderen Anlässen verschickt hatte. Zugegeben, solche Briefe wurden selten handschriftlich verfasst, aber je nach Empfänger liebevoll gestaltet. Ich habe ein Grauen davor, wenn ich mir vorstelle, dass es irgendwann völlig unüblich sein könnte, einen persönlichen Brief zu schreiben. Irgendwann werden auch bei uns die gelben Briefkästen verschwinden, weil das digitale Schreiben und Versenden doch so  einfach ist. Ein Argument, das durchaus seine Berechtigung hat. Während mir die Handschriften meiner Töchter und einiger befreundeter Frauen vertraut sind, kenne ich das Schriftbild meiner Enkel und Enkelinnen nicht.  Wir telefonieren, schreiben uns Mails oder besuchen uns. Es ist wie es ist. Ich akzeptiere es – ohne darüber traurig zu sein. Und damit bin ich schon bei meinem nächsten Stolperstein, der meine Gedanken in eine ähnliche Richtung führte. 

Wieder war es mein Küchenradio, das mich beim Frühstückvorbereiten überraschte, diesmal aber mit einem Gedicht, das mir nicht ganz unbekannt war,  über das ich aber nie zuvor nachgedacht hatte. Der Radiomoderator bezeichnete es als sein ganz persönliches Gedicht des Jahres. Anlass für mich, mein Handy arbeiten zu lassen und mich genauer mit dem Text zu befassen. Ich las ihn mehrfach, ließ ihn von einem professionellen Sprecher lesen und war begeistert, wie einfach und verständlich es plötzlich wurde. Gleichzeitig erfuhr ich, dass ich damit eine Fundgrube entdeckt hatte. Ob Liebes- oder Naturlyrik, Balladen unserer großen Dichter oder … Nun, ich weiß, dass ich mich künftig öfter von seiner einfühlsamen Stimme ins Reich der Lyrik begleiten lassen werde. 

Es ist das wohl bekannteste Gedicht des österreichischen Lyrikers Erich Fried (1921 – 1988) über die Kraft der Liebe und gehört zu den schönsten deutschsprachigen Liebesgedichten. Es trägt den Titel Was es ist 

Es ist Unsinn sagt die Vernunft. Es ist was es ist, sagt die Liebe.

Es ist Unglück, sagt die Berechnung. Es ist nichts als Schmerz, sagt die Angst. Es ist aussichtslos, sagt die Einsicht. Es ist was es ist, sagt die Liebe.

Es ist lächerlich, sagt der Stolz. Es ist leichtsinnig, sagt die Vorsicht. Es ist unmöglich, sagt die Erfahrung.  Es ist was es ist, sagt die Liebe.

Tief empfundene menschliche Erfahrungen werden hier in einer einfachen, aber kraftvollen Sprache wiedergegeben. Akzeptieren wir Dinge, die wir nicht verändern können. Der Verstand, der mit dem ABER und WARUM sich herumschlägt, kann die Liebe nicht verhindern. Denn sie gehört zum Menschsein, ist essenziell und ist nicht zu verbieten.  Sie ist unentbehrlich und unvermeidlich. Es ist, was es ist, sagt die Liebe.

Nun will ich keinesfalls den Begriff Liebe analysieren und sezieren. Schon gar nicht, ihn auf die Mutter-Tochter-Beziehung beschränken. Jeder weiß schließlich, wie komplex dieser Begriff ist und dass er sich nicht allein auf die zwischenmenschlichen Beziehungen beschränkt. Doch darüber einmal nachzudenken lohnt sich wirklich. Stellt euch nur einmal ein Leben ohne Liebe vor. Oder lasst es lieber sein, denn mich fröstelt bei diesem Gedanken.  Euch wünsche ich ein schönes Jahr mit ‚Liebe ohne Leiden.‘ 

Kochen mit Musik

Ein Morgen Anfang Dezember : sonnige Kälte, windstill, Reif auf den kahlen Bäumen, kuschelige Wärme im Haus. „Haben wir heute was vor?“, will Tom wissen. Nein, nichts zwingt uns, das Haus zu verlassen. Der Garten ist winterbereit, also werde ich Zeit für die Küche haben. Ich liebe das Kochen und Backen ohne Zeitdruck und das zwingende Muss im Nacken zu haben und dabei zu wissen, dass Tom sich freut, wenn ich in der Küche bin. Denn gutes Essen ist immer noch seine große Leidenschaft.

Das Radio einzuschalten gehört immer dazu, wenn ich die Küche betrete. Je nach Stimmung und Zeit suche ich einen Podcast, stelle den Klassik-Sender ein oder – und das passierte an diesem Vormittag – ich ’stolperte‘ über den Schlagersender MV.  Während ich den Hokkaido-Kürbis zerkleinerte, die Porree- Stange, je zwei Möhren, Äpfel, Zwiebeln und Kartoffeln schnippelte, dudelte das Radio vor sich hin,  ab und zu durch Werbung und launige Ratespielchen unterbrochen.  Doch plötzlich zuckte ich zusammen. Diese Stimme, dieses Lied, so vertraut, als habe ich sie erst gestern gehört. Jedes Wort kannte ich und hatte sofort das Bild der Sängerin vor Augen, die hübsche Blondine mit den Grübchen, die ich nie persönlich zu Gesicht bekommen hatte. „Damals, damals war alles so schön“ sang Bärbel Wachholz im Radio und ich sehe mich in Gedanken als Teenager das Lied mittträllern.  Himmel, wie lange war das schon her! Was war eigentlich aus ihr und dem Lied geworden? 

Ich legte mein Messer zur Seite und griff zum Handy. 1959 war also dieser Hit herausgekommen, ich war damals siebzehn, die angehimmelte Sängerin nur vier Jahre älter – so alt wie mein Bruder damals. Ich staunte, als ich nun im Internet las, dass sie einen weißen ‚Tschaika‘ fuhr – die Luxuslimousine der SED-Spitze – dass Lotte Ulbricht sie adoptieren wollte, ein syrischer Scheich 300 Kamele für sie bot und Juri Gagarin – der sowjetische Kosmonaut – sie vergöttert hatte.  Dass sie mit eigener Bühnenshow nicht nur in allen Ländern des damaligen Ostblocks auftrat, sondern auch in Frankreich, Syrien und den Niederlanden.  Dann aber erhielt sie Berufsverbot! Schluss mit „Damals“! Sie hatte sich offenbar nicht an die Spielregeln gehalten, wollte im Westen bleiben, liebte den Alkohol zu sehr, wurde sogar kurzzeitig inhaftiert. Mit nur 46 Jahren starb sie. Was ist Wahrheit, was Legende? So heißt es auch im allwissenden Internet.  Auch ich weiß es nicht. Irgendwann war Bärbel Wachholz auch hinter meinem Horizont verschwunden. Ich hatte andere Favoriten, mein Musikgeschmack hatte sich mit mir und der Zeit verändert.

Was aber ist aus „Damals“ geworden? Dass das Lied nach kurzer Lebenszeit in der DDR nicht mehr zu hören war, leuchtet mir ein. Damals, dieser nostalgisch- schwärmerische Text erinnerte an eine glückliche Zeit („damals war alles so schön, doch wir waren viel zu jung, um unser Glück zu verstehen“). Bärbel Wachholz wurde 1938 geboren, war in der schweren Nachkriegszeit aufgewachsen. Was, wen verherrlichte sie? Welches Glück meinte sie? Doch nicht etwa die NS-Zeit? Erstaunlich, dass kritische Textanalytiker nicht schon eher misstrauisch geworden waren. Erstaunlich auch, dass „Damals“ auch nach dem Mauerfall und dem Ende der DDR nur kurzzeitig zu hören war, dann aber aus dem Schlagerrepertoire der Sender ganz herausgenommen wurde. Sollte nun etwa die DDR-Geschichte verherrlicht werden? Nein, Schluss mit Nostalgie dieser Art! Aber das schien nur eine kurzzeitige Entscheidung gewesen zu sein, denn sonst hätte ich Damals ja eben nicht im Radio hören können.

Während ich das Gemüse in meinem Bräter anschwitzte, würzte und mit Kokosmilch und Sahne auffüllte, wanderten meine Gedanken wieder zurück in die Fünfziger- und Sechzigerjahre. Ich dachte an meinen vier Jahre älteren Bruder, er war damals mein großer Held, der eine wunderschöne Gesangsstimme hatte. Als Kind eine glockenhelle Sopranstimme, nach dem Stimmbruch sang er als Tenor und durfte im Schulchor oft die Soli singen. Auf dem Abiturball 1957 wurde er von seinen Mitschülern gebeten, ein Abschlusslied zu singen. Und was wünschten sie sich? Ganz Paris träumt von der Liebe“! 

Es war für Caterina Valente der erfolgreichste Schlager, der ihr drei  Jahre zuvor den Durchbruch am Musikhimmel gebracht hatte. Ursprünglich war er für ein Musical in New York als Instrumentalversion komponiert worden,  Caterina Valente hatte es gehört und da sie in Paris geboren worden war, wollte sie es singen. dafür ließ sie einen Text schreiben, in deutscher Sprache. Es wurde ihr Lieblingslied und der Beginn ihrer Karriere in Deutschland.  Immer wieder wurde es in den nächsten Jahren gecovert. Der Wechsel von Moll zu Dur reizte offensichtlich viele Sängerinnen und Sänger, damit ihr Glück zu versuchen. Und auch mein achtzehnjähriger Bruder sang es, allerdings hatte er keine Gesangskarriere dabei im Sinn. 

Nun musste ich mich konzentrieren, denn mein Brotbackautomat sollte gefüttert werden: Dazu brauchte ich 375 ml warmes Wasser, 2 TL Salz, 2 TL Brotgewürz. Dann musste ich 500 g Bio-Dinkelmehl abwiegen, mit einer geraspelten Möhre und gemahlenen Nüssen vermischen,  auf das gewürzte Wasser schütten und zuletzt eine Tüte Backhefe vorsichtig in eine kleine Vertiefung geben. Das Metallgefäß nun in den Automaten geben, das richtige Programm einstellen – und nach vier Stunden würde ich ein duftendes Brot herausnehmen können, das uns mindestens drei Tage lang schmecken würde.  

Die Schlagersender- Moderatoren hatten auf aktuelle Infos aus MV und schließlich die Wetteraussichten umgeschaltet und ich pürierte meine Kürbissuppe. Noch etwas mehr Würze, entschied ich. Aber erst mussten die Hackbällchen in die Suppe, ehe ich sie tellerfein machen konnte. Wir lieben die kleinen Geschmacksprofis in der Suppe, die kräftig gewürzt gebraten werden und dann mit dem Bratensud in die Suppe kommen. Schmeckt super!

Meine Gedanken wanderten wieder zurück zur Musik. Ist es nicht seltsam,  wie im Laufe des Lebens der Musikgeschmack sich wandelt? Weder Bärbel Wachholz noch Caterina Valente können mich heute noch begeistern. Und wenn ich einen Vormittag lang die Schlager non stopp gehört hatte, dann würde ich erst mal für einige Tage Pause machen. Doch dann hörte ich Der Morgen danach“. Welch eine Stimme – und dann dieser Text! Wer singt so? Wieder öffnete ich mein Handy. Na klar, das war Maite Kelly. Ich hörte mir den Song noch einmal an und las den Text dazu. Jeder, der eine glückliche Beziehung erlebt oder erlebt hat, wird sich angesprochen fühlen. Niemals, wirklich niemals hätte man ein solches Lied in meiner Jugendzeit im Radio hören können. Ganz abgesehen davon, dass ich den Text überhaupt nicht begriffen hätte. Meine große Schwester – sie ist jetzt 95 – erzählte mir, dass sie als Verlobte Anfang der Fünfzigerjahre noch befürchtet hatte, nach einem Kuss schwanger zu werden.  Und ich als Nesthäkchen war natürlich nicht klüger als sie. Unsere Eltern hatten einen großen Bogen um das Wort Aufklärung gemacht.

Die Gedanken an meine Kinder- und Jugendjahre ließen mich nicht los. Wir vier Geschwister mit Eltern und Oma hatten damals ein einziges Radio. Also weder Plattenspieler, Tonbandgeräte, Fernseher oder andere Medien. Und doch bin ich noch heute erstaunt, wie stark ich durch den Musikgeschmack meiner Eltern beeinflusst wurde. So wuchs ich mit Sinfonien, Violinkonzerten,  Opern- und Operettenarien auf und freute mich, wenn Willi Schneider “ Man müsste nochmal zwanzig sein“ sang und die Eltern sich verliebte Blicke schenkten. Nichts vermisste ich, im Gegenteil. Dankbar bin ich, wenn ich zurückblicke auf eine behütete Kindheit mit Musik, Büchern und Gemälden. 

Nur noch zum Schluss: Nach diesem Kurztrip in die vergangene und gegenwärtige Musikwelt und meine Erinnerungen freute ich mich auf das TV-Abendprogramm mit dem Musik-Krimi „The Voice of Germany“.  Ich war wieder angekommen im Heute und Jetzt, nahm mir aber vor, meine klassische Musikseite aus dem Dornröschen-Schlaf zu wecken. Nicht irgendwann, sondern noch in diesem Jahr!

 

Wann, wenn nicht jetzt!

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Wieder bin ich ein Jahr älter geworden.  An einem Tag Ende Oktober, mitten in der Woche, Tom hatte einen wichtigen Arzttermin am Vormittag, zu dem ich ihn begleiten musste.  Ansonsten verlief dieser Geburtstag wie ein gewöhnlicher gemütlicher Wochentag.  Besonders waren die Glückwünsche per Telefon und WhatsApp  an diesem Tag – fast so wie in den vorherigen Jahren. Die Familie hatte uns bereits am vergangenen Wochenende besucht, bzw. würde am darauffolgenden Wochenende kommen. Also, alles gut? Ja, natürlich. So viele gute Wünsche und liebe Worte hatte ich gelesen und gehört. „Lebe, liebe, lache und nimm dir Zeit für die Dinge, die dich glücklich machen“, schrieb eine meiner Lieblingsmenschen aus dem Team der Ehrenamtlichen, zu denen ich viele Jahre gehört hatte. Leicht gesagt, aber das Herz will vor Freude keine Luftsprünge machen. Es fällt mir schwer, mit den ‚Abgängen‘ , den Verlusten der letzten Wochen klar zu kommen. Die Nachrichten vom Ableben und Erkranken mir nahestehender Menschen nehmen zu, gleichzeitig aber bekomme ich fröhliche Bilder mit unseren beiden Urenkeln und den anderen Familienmitgliedern. So ist eben das Leben, sage ich mir. Es ist, wie es ist. Sei zufrieden, dass es dir gut geht und lass die traurigen Gedanken nicht Überhand gewinnen. 

Leichter gesagt als getan. Den entscheidenden Schubs bekam ich von der jüngeren Tochter und dem Schwiegersohn. „Wir kennen dich und wissen, du wünschst dir so sehr, euren kleinen Urenkel in den Arm nehmen zu können.“ Der Kleine war nun zwei Monate alt, wir hatten inzwischen viele Fotos und Videos bekommen – mit ihm, der zweieinhalbjährigen Schwester und den glücklichen Eltern. Aber wie gerne würde ich die kleine Familie in ihren vier Wänden erleben. Wenn nur die Entfernung nicht so groß wäre. Die Familie hatte sich Gedanken gemacht, hatte Variante eins, zwei und drei entwickelt, die ich spontan ablehnte, da sie mit großem Aufwand für meine Lieben verbunden waren. Ich hatte bereits eine Variante vier im Kopf, die mir am vernünftigsten erschien, der gesamten Familie aber Bauchschmerzen bereitete. Kurz: Ich telefonierte mit der Enkelin, buchte ein rollstuhlgerechtes Hotelzimmer, packte die vielen Dinge zusammen, die ich für Toms und mein Wohlbefinden brauchte und startete nach einem guten Frühstück in Richtung Autobahn zur Familie der Enkelin.

Als wir am nächsten Nachmittag wieder zu Hause angekommen waren, ging es mir richtig gut. Welch ein schönes Erlebnis hatten wir gehabt, welch eine stille Freude war in mir. Wie es üblich ist bei uns, meldete ich mich per WhatsApp wieder zurück und musste lachen. Welch eine freudige Reaktion. Kinder, ihr fahrt doch Tag für Tag in dichtem Großstadtverkehr. Ich würde aus den Sorgen doch überhaupt nicht rauskommen, wenn ich mir das vorstelle.  Ich aber hatte doch keine Weltreise gemacht oder irgendeine lebenswichtige Prüfung bestanden! Nein, ich war doch lediglich aus unserer Komfortzone ausgebrochen und hatte mit Tom und dem notwendigen Equipment eine etwas längere Autotour mit Hotelübernachtung gemacht. Was ist das schon. Seit 65 Jahren fahr ich Auto, und zwar immer noch gerne. Problemlos kurve ich kreuz und quer durch Rostock, meist mit Tom als Beifahrer, der striktes Fahrverbot hat, vermeide aber stundenlange Autobahnfahrten mit ihm, obwohl es unserem Diesel-Kombi sicher gut gefallen würde.  Aber nun – in unserem fortgeschrittenen Alter – wird mit Sorge und Ängstlichkeit unser Tun begleitet. 

Übrigens, auf der A20 hatte ich ein Wohnmobil überholt mit einer Aufschrift, die zu meinem Lebensmotto werden könnte: „Irgendwann gibt es nicht für uns! Wann, wenn nicht jetzt!“ 

So werden wir noch im November zu meinem 87jährigen Bruder fahren. Er lebt nur 150 km entfernt, aber er kann nicht mehr zu uns kommen. Welche Vorwürfe würde ich mir machen, wenn ich den Besuch auf irgendwann verschiebe – und es dann vielleicht zu spät sein würde?

Und so rate ich – nicht nur meinen Kindern und Enkeln: Tut alles, was ihr euch wünscht und möglich machen könnt. Alles, was euch glücklich machen könnte. Tut es so bald als möglich, aber nicht irgendwann!

 

3. Oktober 1990 – ein persönlicher Rückblick

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„Ich bin eine richtige Deutsche. Eine richtige“, hatte unsere jüngste Enkelin selbstbewusst behauptet. Damals war sie ein aufgewecktes fünfjähriges Kita-Mädchen und hatte keine Vorstellung davon, wie ihr heutzutage dieser Satz ausgelegt werden könnte. Natürlich sollte sie ihn begründen. „Mein Papa kommt aus dem Sauerland und meine Mama aus Rostock an der Ostsee. Und ich wurde am 3.Oktober geboren“, erklärte sie mit strahlendem Lächeln. Heute begeht sie ihren 22. Geburtstag und ist mit ihrer Mama in Amsterdam, wo sie hoffentlich drei schöne Tage verbringen werden.

Ihr merkt schon, unsere Familie ist eine Ost-West-Familie geworden, die harmonischer nicht zusammenleben könnte. Die vier Enkel wurden im Abstand von jeweils zwei Jahren in SH und NRW geboren, ihre Eltern und sie haben zu unserer Freude ihre Mecklenburger Wurzeln nicht vergessen und sind so oft es geht bei uns an der Warnow.

Heute Morgen, Tom und ich saßen beim Frühstückskaffee, erinnerten wir uns an die bewegten Jahre 1989/90. Das heißt, ich erinnerte mich und erzählte – Tom hörte zu und staunte („Was du alles noch weißt!“). Sicher, meine Erinnerungen sind subjektiv gefärbt, deshalb einmalig und unverwechselbar. Und wenn hundert Menschen nach ihren Erinnerungen gefragt würden, so würden hundert einmalige Geschichten entstehen. Als wir das erste Mal den Begriff WENDE im Zusammenhang mit einer politischen Neuorientierung hörten, konnten wir uns wenig darunter vorstellen. Wir hockten damals in unserem Schrebergarten auf dem Weg und Tom malte mit einem Stock ein großes U in den Sand., so wie wir diesen Begriff vom Schwimmsport oder von einer Autofahrt kannten. Geht’s wieder zurück, dahin, wo wir schon mal waren? Wer hat sich diesen Unsinn ausgedacht? Wollen wir nicht eine bessere DDR? Raus aus dem Schlamassel, so wie Gorbatschows Glasnost und Perestroika es forderten? Wozu denn sonst die Schweigemärsche durch das abendliche Rostock, die besetzten Botschaften in Prag und Budapest – und all das andere, das uns DDR-Bürger damals verzweifeln ließ.

Und dann geschah das Unglaubliche: Die Berliner Mauer musste geöffnet werden. Diesen Tag, den 9.  November 1989 und die darauffolgenden Wochen wird wohl kein DDR-Bürger je vergessen und ich hatte mir gewünscht, dass dies der große Festtag der Deutschen werden würde, obwohl damals von einer Vereinigung der beiden deutschen Staaten noch nicht die Rede war. Gerade dieses geschichtsträchtige Datum, das nun so positiv besetzt worden war, hätte es verdient. Welch eine Freude, welche Begeisterung und Hoffnung. Waren wir damals nicht das glücklichste Volk auf der ganzen Welt? Fraglich allerdings, ob die Bayern, Hessen und viele andere im uns unbekannten Westen es ebenso sahen.

Aber Glück und Leid liegen oft nahe beieinander.1989 starb unsere Mutter, wenige Monate auch der Vater. Da ich mit meiner Familie und den Eltern unter einem Dach lebte, hatten wir die Eltern bzw. Großeltern bis zu ihrem Tod betreut. Nun sollte unser Elternhaus mir gehören, so jedenfalls hatten die Eltern es mit ihren vier Kindern besprochen und auch schriftlich festgelegt (leider nur mit Schreibmaschine und handschriftlicher Unterschrift). Aber dann kam die DM und die Immobilien- und Grundstückspreise stiegen um das Mehrfache. Einer meiner Brüder sah seine Chance auf ein kleines Vermögen in Westgeld und mit Hilfe eines cleveren Rechtsanwalts forderte er den vierten Teil des Schätzwertes, der nun auch den damals aktuellen Preisen angepasst wurde. Beim Notartermin verzichteten zwei meiner Geschwister zu meinen Gunsten auf ihren Haus- Erbteil, den anderen Bruder musste ich auszahlen. Aber wovon? Ich erinnere mich gut an meine Sorgen und die schlaflosen Nächte. Damit war auch unsere harmonische Vierer-Geschwisterliebe beendet, und wir drei erfuhren wenige Jahre später aus der Zeitung vom Tod des großen Bruders. Das kleine Vermögen hatte ihn offensichtlich nicht glücklich werden lassen.

Die Töchter waren mittlerweile Anfang zwanzig und ‚ausgeflogen‘. Tom und ich stürzten uns in die Haussanierung, vor allem aber in unsere beruflichen Herausforderungen. Wir hatten in Bildungseinrichtungen der HO (staatliche Handelsorganisation)  gearbeitet, die es aber nach dem Zerfall der DDR nicht mehr gab. Die Berufsschule, in der ich unterrichtete, bekam als zweites Standbein ein Wirtschaftsgymnasium – mit Fächern und Lehrinhalten, die uns völlig unbekannt waren. Von einem Tag auf den anderen wurde ich Fachlehrerin für Gemeinschaftskunde, denn als ausgebildete Geschichtslehrerin, ohne den ‚Makel‘,  jemals Staatsbürgerkunde unterrichtet oder SED-Genossin gewesen zu sein, schien ich prädestiniert zu sein für dieses Fach. Aber es war natürlich der westdeutsche Lehrplan, der nun für uns galt. Doch was wusste ich vom BRD-Grundgesetz, von Demokratietheorien, von der Geschichte der Antike? Was nutzten mir die vielbändigen Ausgaben der Geschichte der Arbeiterbewegung oder der Weltgeschichte aus sowjetischer Sicht? Die meisten meiner bisherigen Ratgeber waren reif für die Mülltonne. Und dann kam die nächste Überraschung: „Du musst auch noch Philosophie unterrichten!“ Unsere Direktorin hatten wir aus unserer Mitte ausgewählt sich zu bewerben und hatten ihr Hilfe und Unterstützung versprochen, wann immer sie sie benötigen sollte. So hatte ich keine Wahl, stellte aber die Bedingung für eine gründliche Ausbildung, denn mit meinen Kenntnissen von Marxismus-Leninismus oder dialektischem und historischem Materialismus aus meinem Studium in den 60er Jahren konnte ich nichts anfangen. Und so kam ich gemeinsam mit 24 ebenso unbedarften Kollegen und Kolleginnen aus ganz MV in eine Studiengruppe. In drei Jahren würden wir mit Staatsexamen und Lehrbefähigung für das Fach Philosophie in der gymnasialen Oberstufe abschließen. Und das alles neben dem regulären Unterricht und diversen Fortbildungen an unseren jeweiligen Schulen.

Es wurden schwierige, anspruchsvolle, aber unvorstellbar schöne Jahre. Unsere beiden Dozenten kamen aus Kiel und von der Insel Föhr, waren emeritierter Phil.-Professor bzw. pensionierter Gymnasiallehrer, als gestandene Wessis die Besten, die es für uns in dieser Situation geben konnte. Nie hätte ich gedacht, dass diese Jahre zu den schönsten und bereicherndsten in meinem Berufsleben werden würden. Wir verlängerten die Zeit durch Fortbildungen und gemeinsame Reisen zum Peleponnes, nach Kreta und in die ehemals griechischen Kolonien an der Westküste der Türkei, die wir als Gruppe privat organisierten und natürlich auch bezahlten. Unser verehrter Lehrer, Bruno Heller aus Wyk/Föhr mit seiner Frau. waren dabei kompetente Reiseleiter. 

Ein weiteres Sahnehäubchen war in diesen Jahren ein besonderer Schüler, der mir noch heute in bester Erinnerung ist. Dass er nach seinem fantastischen Abitur Philosophie und Gräzistik studierte, als Student immer wieder zu Vorträgen und Diskussionsrunden mit Schülern unseren Unterricht bereicherte oder später als LT-Abgeordneter meine Schüler und mich in das Schweriner Landtagsschloss einlud, noch später Minister für Bildung, Wissenschaft und Kultur und danach auch für Finanzen in MV wurde, nun als Autor und freischaffender Journalist u.a. für Cicero schreibt – das alles macht mich fast ein wenig stolz.

Aber ich will zum Schluss kommen. Welch interessante und verrückte Zeit waren diese Jahre nach der Wende. Vielleicht könnt ihr euch meine Empörung vorstellen, als Altkanzler Schröder vor 25 Jahren die Lehrer als ‚faule Säcke‘ bezeichnete. Meine Kollegen und mich hat er mit Sicherheit nicht gekannt.

So denke ich gerne und oft an diese Jahre der Hoffnung und Zuversicht für dieses neue Deutschland. Vieles hat sich erfüllt, aber nie hätte ich gedacht, dass ich in meinem Alter noch einmal von Politikern und Medien ideologisch gesteuert werden soll in Richtung Kriegstüchtigkeit und Rüstungsnotwendigkeit. Zum Glück habe ich gelernt, zwischen Fakten und Meinungen zu unterscheiden.

Alles Gute für euch!

„Die Route wird neu berechnet“

Kennt ihr solche Situationen? Alles auf der Lebensstraße läuft wie gewohnt, so wie es soll. Aber dann passiert etwas Besonderes – gewollt und geplant oder spontan entschieden. Aber vielleicht zwingt auch eine unerwünschte mittlere Alltagskatastrophe zum Stopp, zum Abbiegen, Umweg oder sogar zur Umkehr. 

An solche Haltepunkte im Leben, an denen man sich neu orientieren muss, grübelt, abwägt und sich schließlich entscheidet, erinnert man sich noch im hohen Alter. Gerne? Mit Grauen? Sei wie’s sei. Damals war man sich sicher, schließlich die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Deshalb sollte man nichts bereuen.

Wie komme ich auf dieses Thema? Tom, mein Mann, erlebte einen besonderen Geburtstag, seinen 85. – die Familie war aus allen Richtungen angereist und wir hatten zwei wunderschöne Tage miteinander, die noch lange in mir nachwirken werden. In mir, schreibe ich ganz bewusst, denn Tom hat sie schon wieder vergessen. Und doch war auch er zufrieden, so wie er es immer ist, und hat sich gefreut, als die Töchter, Schwiegersöhne und Enkel ihn hochleben ließen. 

In den Tagen zuvor hatte ich mir zwischen Kochen, Backen, Überraschungs-Besuchen und Telefonaten immer wieder Zeit genommen, um Tom auf den besonderen Tag einzustimmen. Wir waren uns einig bei der Beantwortung der Fragen: Was ist gutes Leben? Worauf kommt es in unserem Alter an? Was macht uns zufrieden? Es sind die Freuden des Alters, die Nachbarn und Freunde, vor allem aber die Familie, die durch Schwiegerenkel und zwei Urenkelchen vergrößert wurde und uns das Gefühl gibt, geliebt und gebraucht, nicht aber als Belastung angesehen zu werden. Könnte es doch noch lange so bleiben. Es war ein tiefes Gefühl der Dankbarkeit, das ich nach der Abreise der Kinder empfand.

Nun, ich schreibe und denke von UNS, vom WIR, wobei ich an dieser Stelle noch einmal erwähnen muss, dass ich zwar meine Gedanken und Empfindungen ausspreche, Tom mir aufmerksam zuhört und zustimmend nickt, aber an eine Unterhaltung, einen Gedankenaustausch ist nicht zu denken. Diese verfluchte Demenz! Pardon, aber ich empfinde oft eine große Traurigkeit, dass von unserer fünfzigjährigen Zweisamkeit und Toms interessantem Berufsleben kaum noch etwas in seinen Erinnerungen erhalten geblieben ist. Mittlerweile ist der Grad seiner Behinderung auf der Höchststufe, wobei die Demenz nur eine seiner ‚Baustellen‘ ist. Doch es ist, wie es ist. Und das habe ich gelernt zu akzeptieren und meine unzufriedenen, ungeduldigen und traurigen Momente sind seltener geworden.

Was aber häufiger und intensiver geworden ist, das ist das Nachdenken über das Thema ALTWERDEN. Falsches Thema? Nein! Zwar stimmt das WERDEN in diesem Substantiv für mich nicht und für Tom schon gar nicht, denn wir gehören mit unseren 83 und 85 Jahren weder zu den alternden noch zu den älteren Menschen, sondern wir SIND bereits ALTE. Falls wir es schaffen, werden wir ab dem 91. Lebensjahr zu den sehr alten Menschen gehören. Diese Einteilung jedenfalls hat die WHO entschieden. Irgendwie fällt es mir schwer, die zugewiesene Gruppe zu akzeptieren und mich da einzuordnen. Aber was sind schon Zahlen? 

Kürzlich las ich über eine Therapeutin, die mit einem Gedankenspiel ihren Ratsuchenden die Anregung gab, ihre eigene Grabrede zu schreiben. Das klang zuerst recht makaber für mich, doch damit forderte sie zum Nachdenken und Sortieren auf zu wichtigen Fragen: 

  • was ist die Quintessenz meines Lebens?
  • Was möchte ich erreicht haben?
  • Was möchte ich nicht verpasst haben?
  • Was soll von mir in Erinnerung bleiben?
  • Worauf möchte ich stolz sein können?

Ist es nicht eine gute Idee, sich mit solchen Wünschen, Zielen und Prioritäten zu beschäftigen, die zum roten Lebensfaden werden könnten, wenn man früh genug damit anfängt? Wobei hin und wieder innegehalten werden sollte, um ‚Inventur‘ zu machen und möglicherweise zu entscheiden : Die Route muss neu berechnet werden. 

Andersherum, wäre es nicht entsetzlich, wenn du am Lebensende erkennen musst, dass es keine Highlights gegeben hat, dass nichts passiert ist, worauf du stolz sein kannst. Und das Schlimmste: niemand wird dich vermissen, wenn das Leben in dir erloschen ist.

Ja, wie macht man es richtig, dass das Leben gelingt, dass man zufrieden ist, weil man im Rahmen seiner Möglichkeiten sein Bestes gegeben und dazu beigetragen hat, dass das Leben in neuen Generationen weitergeht?

Also, neue Überschrift: TRAUMBERUF LEBENSKÜNSTLER.

Bis bald!

Sorgenvolle Glücksgedanken

Ich will es gleich vorwegnehmen: Zurzeit bin ich nach einem Höhenflug auf Wolke sieben gelandet und fühle mich rundherum wohl und glücklich. Eigentlich. Denn es gibt ein großes ABER, eine latente Absturzgefahr, die mich wütend und besorgt werden lässt. Nicht, dass ich eine gespaltene Persönlichkeit wäre, mit mehreren Identitäten und vielleicht reif für den Psychiater. Unsinn! Ich bin psychisch und physisch kerngesund. Davon bin ich zumindest fest überzeugt.

Nun sollte ich natürlich die ersten Sätze erklären. Der Sommer, besonders der Juli und August, war für Handwerkerarbeiten geplant. Unser Haus, in dem ich vor vielen Jahrzehnten geboren wurde, begeht gerade seinen 90. Geburtstag und hatte eine Verschönerungskur verdient. So waren Maler, Zimmermann und Gerüstbauer im Einsatz und schließlich wurde auch die in die Jahre gekommene Holztreppe abgerissen und durch eine Granittreppe mit stabilem Edelstahlgeländer ersetzt. Alles geschah parallel und zügig und ich hatte meine Freude daran, wie kollegial und hilfsbereit die Männer der verschiedenen Gewerke miteinander arbeiteten. Sag mir keiner, die Handwerker seien faul oder arbeiteten ohne rechte Fachkompetenz. „Meine“ jedenfalls nicht. Und als dann vor einigen Tagen das Ende abzusehen war und auch die Gerüstbauer mir ihrem XXL-Auto kamen, um das Haus aus dem Gefängnis zu erlösen, war ich einfach nur glücklich.

Dass wir für die Kosten dieser Schönheitskur zum Beispiel eine Kreuzfahrt hätten machen können, stört uns nicht, denn es ist wie es ist, so Toms Lieblingssatz. Verreisen – wohin auch immer – ist seit einigen Jahren unmöglich geworden und wir akzeptieren dies. Als dann, nach einem erholsamem Wochenende, einer unserer Enkel uns von seiner Verlobung erzählte und während unseres Telefonats unsere älteste Enkelin unser zweites Urenkelchen auf die Welt brachte, hatte ich Wolke sieben erreicht. Was für ein Glücksgefühl, welche Freude! So soll es sein, so darf es bleiben.

Und doch, dieses beunruhigende ABER lässt sich einfach nicht verdrängen. Ich versuche, mich abzulenken, vertiefe mich erneut in den vor Jahrzehnten schon einmal gelesenen „Zauberberg“ von Thomas Mann, der Konzentration und Mitdenken erfordert. Daneben lese ich auf dem Handy im CICERO, dem Magazin für politische Kultur, oder in den NachDenkSeiten. Ich brauche ein Gegengewicht zu unserer Lokalzeitung, in der Horrormeldungen aus aller Welt, großformatige Werbeanzeigen und Sportereignisse überwiegen. Nur die Lokalseiten interessieren mich, außerdem liest Tom den ganzen Tag in ihr – wenn es auch nur die Überschriften und Bilderklärungen sind. 

Gestern las ich im erstgenannten Magazin den Artikel des namhaften Wirtschaftswissenschaftlers Thomas Mayer „Der Untergang des Versorgungsstaates – Deutschland blockiert sich selbst“, der mir auf überzeugende Weise bestätigte, was ich vermutete, bzw. schon wusste. Diese erschreckende Analyse unserer wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Situation sollte jeden wachrütteln, der es immer noch nicht wahrhaben will. Ohne umfassende Reformen wird es ein Fiasko geben! Jeder hat es sicher schon gehört: Nicht nur das Kapital wandert ab, sondern auch zunehmend inländische Bürger, und zwar gut ausgebildete, leistungswillige Menschen, die sich im Ausland größere Chancen versprechen, also unsere Leistungsträger, Steuerzahler. Natürlich sind es nicht oder nur sehr selten die Empfänger staatlicher Transferleistungen, die Nutznießer des Versorgungsstaates sind und von den Leistungen (Steuern) der ersten Gruppe profitieren. Also auch die Beamten, Politiker u.a. 

Was können die wichtigen Leistungsträger gegen ihre Ausnutzung und Ausbeutung tun, so fragt sich der Autor. Es gibt drei Möglichkeiten für sie: Entweder sie wandern aus oder sie beschweren sich und fordern Änderungen oder sie finden sich zähneknirschend mit ihrer Situation ab und bleiben im Land. Mayer schreibt, dass 15,3 Millionen Inländer in den Jahren 2005 bis 2024 ausgewandert sind und sich in den verschiedensten Ländern der Welt ein neues leben aufgebaut haben. In den meisten Fällen waren es keine Empfänger staatlicher Transfers. 

Aber seit 2005 wanderten auch 23 Millionen Menschen nach Deutschland ein, sodass unsere Bevölkerungsanzahl sogar gestiegen ist. Nur, die allermeisten Immigranten sind viele Jahre auf die Sozialleistungen angewiesen und werden danach meist als Aushilfskräfte tätig sein.  Dadurch – so der Autor – entstand ein Bruttowertschöpfungsverlust von 926 Milliarden Euro, das sind 1,7% der gesamten Bruttowertschöpfung. 

Ich will den Artikel nicht weiter wiedergeben. Unter Neueste Beiträge von Thomas Mayer ist er im Internet nachzulesen. Übrigens, die letzte Teilüberschrift lautet: Wo bleibt der Widerstand derjenigen Leistungsträger, die nicht auswandern wollen oder können? 

Ich habe dies Thema gewählt, weil mir einer ‚meiner‘ Handwerker genau das aus seiner Sicht geschildert hatte. Vor einigen Jahren hatte er achtzehn Mitarbeiter und volle Auftragsbücher. Nun sind sie nur noch zu viert. Nicht, weil die Aufträge fehlen, sondern weil er nicht mehr die melkende Kuh sein wollte, damit es sich andere gutgehen lassen.  Doch er drückte sich anders aus, drastisch, zornig. Ich spürte seinen Zorn und die Wut, obwohl wir uns kaum kannten. Etwas resigniert meinte er schließlich, dass seine Frau nicht mit ihm an einem Strang ziehe, mache ihn etwas traurig.  Es seien Kinder, Enkel, Freunde und eben die Heimat, die sie nicht verlassen wolle. „Und wohin wollten Sie ausreisen?“ Er habe in früheren Jahren die halbe Welt bereist und schließlich sein Traumfleckchen im Süden Brasiliens gefunden.  Später sei auch Portugal infrage gekommen. Aber das sei ja auch Europa, dann könne er auch hierbleiben. 

Verdammt, es kommt mir alles so bekannt vor. Hatte ich nicht gedacht, das alles läge hinter uns? Republikflucht, in den ‚Westen abhauen‘ – so die einen, die ‚Stille Revolution‘ der anderen, die an den schweigenden Montagsmärschen teilnahmen, weil sie nicht mehr loyal sein wollten, es nicht mehr ertragen konnten, wie durch unfähige Politiker die DDR allmählich kollabierte. 

So kann ich wirklich mit Heinrich Heine abschließen: „Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht.“ Die große Sorge betrifft ganz sicher nicht mich und Tom. Wir hatten ein langes und interessantes Leben und werden hoffentlich noch einige Bonus-Jahre vor uns haben.  Nein, es sind die Kinder, Enkel und die noch ganz kleinen Urenkel, um die ich mich sorge. Wie wird ihr Deutschland, das Europa, die Welt sich entwickeln?  Und welchen Platz werden sie dort einnehmen? 

Doch das ist ein Thema für später.

Ende der Rosi-Geschichte

Ich hab heute Nacht von dir geträumt, Rosi. Noch jetzt, viele Stunden später, sehe ich dich vor meiner Haustür stehen, du lächelst mich fröhlich an, hinter dir stehen ein mir unbekannter junger Mann – und zwei Sessel. Ein gemütlich aussehender Ohrensessel mit dunkelorangem Bezug, daneben ein kleiner mit hellem Leder. Was für einen Blödsinn hatte ich nur geträumt. Was für ein seltsamer Traum, mit dem ich rein gar nichts anzufangen wusste. Niemals in meinem Leben hatte ich solche Sessel gesehen. Und du, Rosi? Seit  dem 20. April lebst du nicht mehr. Und doch bist du in meinen Träumen und Erinnerungen präsent, auch wenn ich das Warum und Weshalb manchmal nicht begreife.  Allerdings,  am Donnerstag wurde die diesjährige Hanse Sail eröffnet, so wie seit vielen Jahren am zweiten Augustwochenende. Und oft warst du dann bei uns. Rostock, Schiffe, Warnow, Ostsee – das liebtest du. Träumte ich deshalb von dir und deinem Besuch? Siegmund Freud, der große Neurophysiologe, hätte sicher eine schlüssige Antwort für mich.

So werde ich nun meine Rosi-Geschichte zuende schreiben und meine Gedanken wandern zurück zum Anfang dieses Jahres, als es dir zusehends schlechter ging. Ich bemerkte, dass du dir Sorgen machtest um dich. Über den Begriff Selbstfürsorge hatten wir oft gesprochen und als dein Gesprächsbedarf größer wurde und du mir oft mehrmals am Tag WhatsApp-Nachrichten schriebst, wurde ich unruhiger. Was war mit dir? Wo waren Optimismus und Lebensfreude geblieben? Du hattest plötzlich Sorgen und Angst vor dem Leben, vor allem vor dem Baulärm, den Problemen und Einschränkungen in der nächsten Zeit. Ja, einerseits verstand ich dich. Monatelang  solltet ihr Senioren in einem eingerüsteten Haus leben, die heißgeliebten Balkone sollten abgerissen und durch verglaste Wintergärten ersetzt werden. Aber andererseits: Könnte das nicht auch ein Grund für Luftsprünge sein? Für große Freude? Irgendwann wäre alles überstanden und du hättest einen wunderschönen Raum zusätzlich. All meine Versuche, dich zu beruhigen, meine Einladungen, zu uns nach Rostock zu kommen, lehntest du ab. „Ich brauche Ruhe, nur Ruhe“, hörte ich stattdessen. 

Deine Familie versuchte, dich abzulenken und dir Gutes zu tun. Ein Fest mit deinen Lieben zum 83., ein Wellness-Wochenende mit dem erwachsenen Enkel, nur weg von dem Baustellen-Zuhause. Eine Etage unter dir wurde gerade die Wohnung generalsaniert. „Mit drei Presslufthämmern gleichzeitig arbeiten sie in den Räumen“, stöhntest du abends am Telefon. Natürlich nützten da weder Ohropax noch Kopfhörer. Und Dauerspaziergänge am winterlichen Straussee waren auch keine Lösung.

„Mit meinem Kopf stimmt was nicht. Ich mach mir ernsthaft Sorgen“, sagtest du eines Tages. Ich war froh, dass du es selbst erkanntest. Immer wieder wunderte ich mich über deine Mails, die du schriebst. Rosi, was ist mit dir? Was schreibst du für einen Blödsinn? So dachte ich, wenn ich deine unvollendeten Sätze, unsinnigen Wiederholungen und Buchstabendoppelungen sah, die nicht auf die Autokorrektur deines Handys zurückzuführen waren.  Scroll doch mal, dachte ich, wenn ich immer wieder dasselbe las. Dann gab es auch wieder hoffnungsvolle Gespräche, in denen du zu verstehen schienst, dass etwas nicht mit dir stimmte.

„Ich werde morgen zu meiner Hausärztin gehen und mich in eine Klinik einweisen lassen“, teiltest du  mir eines Tages entschlossen mit. „Ich möchte mal richtig durchgecheckt werden, es muss ja einen Grund für meine Kopfprobleme geben.“ 

Und so geschah es – und du kamst nie mehr zurück in deine Wohnung am Straussee. Die Ursache war relativ schnell gefunden und im Beisein der Töchter dir mitgeteilt: Krebs im Endstadium, Tumor in der Lunge, Metastasen im Gehirn … es hatte dich wirklich voll erwischt. Du kamst nach der Diagnose sofort in eine Spezialklinik für Lungenerkrankungen. Da dir aber dort nicht mehr geholfen werden konnte – du hattest in deiner Patientenverfügung eindeutige Anweisungen gegeben – wurdest du wenig später in ein Hospiz am Scharmützelsee gebracht. Es wurde deine Endstation. Wenige Wochen, dann verstarbst du dort im Beisein deiner Kinder.

Zuvor konnte unser Kontakt noch einigermaßen aufrechterhalten bleiben. Aber bald schafftest du es nicht mehr, dein Handy zu bedienen, sodass eine deiner Töchter es übernahm, mir in regelmäßigen Abständen Grüße zu bestellen und mit mir über dich und deine Krankheit zu reden. Von ihr erfuhr ich auch die Diagnose, die du, Rosi, mir nur angedeutet hattest. Wenn ich genauer nachfragte, bist du ausgewichen. „Sie reden ja nicht mit mir, ich weiß auch nichts Genaues.“ Du tatest optimistisch und ich spürte, du wolltest mich nicht belasten. Aber dann kam doch noch ein Anruf von dir, auf den ich durch die Tochter schon vorbereitet war. „Ich möchte mich von dir verabschieden, von meiner besten Freundin, die ich je gehabt habe.“ Deine Stimme schwankte, klang brüchig, als du noch einige Sätze sagtest, die mich zu Tränen rührten.  Ich war fassungslos, wollte es nicht wahrhaben. Zum Sterben verabschieden. Macht man das so?

„Sie klang doch eben noch klar und ganz vernünftig. Das kann’s doch jetzt nicht gewesen sein mit Rosi und mir!“ Aber auch Tom konnte mich nicht trösten. Sein Lieblingssatz, mit dem er auch oft seine eigenen Probleme kommentierte, klang wie eine hohle Phrase: „Es ist, wie es ist! Du wirst es akzeptieren müssen, es ist ihr letzter Wunsch an dich.“ Verdammt, so kann das nicht funktionieren. Wie ein trotziges Kind wartete ich auf das Bing meines Handys, hoffte wider alle Vernunft, dass du es dir anders überlegt hattest. Aber natürlich schwieg das Ding eisern. „Was nun? Ich kann doch nicht warten, was nun passieren wird? Oder anrufen: Hallo, lebst du noch?“ Tom schüttelte nur den Kopf über mich. 

Dann aber kam der gefürchtete Anruf der Tochter, dass du friedlich eingeschlafen bist – für immer. Der einzige Trost für mich, ein langer und elender Leidensweg war dir und deinen Lieben erspart geblieben. 

Dass du seitdem immer wieder in meinen Erinnerungen und Träumen auftauchst und schaust, wie es mir geht, das ist mir sehr, sehr recht. Du warst eben etwas ganz Besonderes.

Erinnerungen an dich, Rosi

In meiner Erinnerung gehe ich 15 Jahre zurück. Tom und ich hatten dich in Berlin besucht, in deiner Neubauwohnung an der östlichen Stadtgrenze der Hauptstadt. Wir waren mit S- und U-Bahn kreuz und quer durch die Stadt gefahren, von der wir bislang nur den DDR-Teil einigermaßen gekannt hatten und machten zu dritt lange Spaziergänge zu deinen Lieblingsorten in der Stadt.  Ja, es ging dir gut damals. So glaubten wir. 

Aber kurz darauf – bald würden wir unsere 70. Geburtstage feiern – kam dein Anruf, der mich völlig überraschte. Du hattest dich verliebt. Verliebt in ein märkisches Dorf und wolltest der Hauptstadt adieu sagen. „Rosi, du bist verrückt“, sagte ich entsetzt. „Du Berliner Großstadtpflanze willst im märkischen Sandboden Wurzeln schlagen? Vergiss diese Idee!“ Aber meine Single-Freundin war gewillt, ihrem Leben einen neuen Kick zu geben und aus der anonymen Großstadt in die Einöde einer Dorfidylle irgendwo in Richtung polnischer Grenze ziehen. Ein Fiasko schien vorprogrammiert und ich sah mich schon – ausgestattet mit einer Großpackung Tempotaschentüchern – auf der Landstraße, um ihre Tränen zu trocknen. 

Mein Besuch trieb ihr wirklich die Tränen in die Augen. Ich hatte mich in den frühen Morgenstunden ins Auto gesetzt, um sie zu ihrem Siebzigsten zu überraschen, parkte vor der Haustür und gratulierte ihr per Handy. „Geh doch mal ans Fenster und schau auf die Straße“, bat ich schließlich. Ich hörte noch ihren quietschenden Überraschungsschrei, als sie mich auf der Straße sah und wusste, ich hatte voll ins Schwarze getroffen.  Wir hatten einen wunderschönen Tag miteinander.

Voller Stolz zeigte Rosi mir ihren neuen Lebensmittelpunkt, der sich keineswegs als tristes Dorf entpuppte. Denn plötzlich wurde bei mir zum Leben erweckt, wovon sie so oft am Telefon erzählt hatte: Die alte Feldsteinkirche aus dem 13. Jahrhundert mit der Buchsbaumlilie, der Tourismus-Pavillon, in dem sie oft aushalf, die schönen Sommerbilder, die beim deutsch-polnischen Hobbymaler-Pleinair entstanden waren, während Rosi per Fahrrad die Versorgung der Maler mit Getränken übernahm. Und dann wanderten wir ein Stück auf dem Rehfelder Liederweg. Wandern und dabei singen? Das gibt es noch, und zwar nicht im Großstadt-Berlin, sondern im überhaupt nicht langweiligen grünen Tor zur Märkischen Schweiz. Auf einem 12 km langen Rundkurs führt der Liederweg von Stein zu Stein. Auf 33 behauenen Granit- und Feldsteinen sind Tafeln angebracht, auf denen jeweils der Titel eines deutschen oder polnischen Volksliedes steht, daneben ein Notenschlüssel mit dem Namen des Stifters. Natürlich hatte auch Freundin Rosi sich an der Spur der Steine beteiligt und sich mit dem Lied „Die Gedanken sind frei“ verewigt.  

Übrigens fällt mir dabei mein Text über das „Lied vom einfachen Frieden“ ein, den ihr in meinem Blog findet. Ich schrieb den Beitrag vor einigen Jahren und er würde auch zu meinen Erinnerungen heute passen.

Noch einen anderen Text finde ich: Wenn die Seele traurig ist , so hatte ich ihn damals betitelt: 

„Vielleicht ist Glück am Ende nicht mehr und nicht weniger, als deine Zeit mit denen zu teilen, die du liebst“. Ein Spruch aus dem Büchlein „Glücklich machMomente für meine beste Freundin“, das Rosi mir kürzlich geschickt hatte. Ja, Rosi, gerade dich hätte ich jetzt so dringend gebraucht – und du bist unerreichbar. Irgendwo an der polnischen Ostseeküste lässt du dir den Wind um die Nase wehen und dein Handy hat sicher den Geist aufgegeben, hat einen leeren Akku oder liegt in irgendeinem Hotelzimmer auf dem Tisch. Aber es gibt eben Momente, in denen man kreuzunglücklich ist, sich Sorgen macht, aber nicht mal mit den erwachsenen Töchtern darüber reden mag. Sollen etwa auch sie sich Sorgen machen? Nein, bloß nicht. Aber Rosi, beste Freundin, Zuhörerin und Ratgeberin, verschwiegen und loyal, du könntest mich aus dem momentanen Tief erlösen. Wenn du denn erreichbar wärest!

So versuche ich es eben mit dem Büchlein, das griffbereit vor mir liegt. Es ist wirklich eine pfiffige Idee der Autorin, soll inspirierend und aufbauend wirken in allen Momenten des Lebens. Je nach Situation soll dazu eine Doppelseite aufgeschnitten werden und wie aus einer Wundertüte fallen mehr oder weniger kluge Ratschläge entgegen. „Öffne mich, wenn du eine stressige Woche hattest!“ Nein, die Seite bleibt geschlossen. „Öffne mich, wenn ich gerade nicht persönlich für dich da sein kann!“ Ein Griff zur Schere, ich lese – und bin enttäuscht. Bin ich etwa fünfzehn? Bin ich ein unglücklich verliebter Teenager oder eine verkaterte Partymaus, die nun der besten Freundin etwas ins Büchlein kritzeln soll? Ich muss lachen über den offensichtlichen Fehlkauf meiner Rosi. Aber wie sollte sie auch wissen, was zwischen den verschlossenen Seiten steht? Sie hat es gut gemeint – nur das zählt. Und in diesem Moment fällt mir ein, wie ich aus dem Loch, das eigentlich gar nicht so tief ist, herausklettern kann: Ich werde ihr einen langen Brief schreiben. Es ist schon immer meine beste Therapie gewesen, seit ich halbwegs vernünftig lesen und schreiben kann. 

Kaum gedacht, klingelt mein Telefon: „Ich bin wieder zu Hause. Ist alles in Ordnung bei euch?“ „Natürlich. Hattest du eine schöne Zeit? Ich ruf dich heute Abend mal an.“ 

Rosi, hab‘ Dank!

Rosis Kindheitserlebnisse machten mich sehr nachdenklich. Ich machte mir Vorwürfe und grübelte, welche Bedeutung hatte sie für mich damals gehabt und weshalb mochte ich ihr wichtig gewesen sein? Wieso hatte ich sie vergessen können, während sie mich doch offensichtlich vermisst und nach fünfzig Jahren gesucht hatte?

Sie erklärte es mir: „Ich mochte deine fröhliche Unbekümmertheit. Du warst so, wie ich gerne gewesen wäre. Dir merkte man an, du warst zufrieden mit dir und deinem Leben. Du fühltest dich aufgehoben in einer intakten Familie, wurdest geliebt von Eltern und Geschwistern, konntest zurückblicken auf eine Kette von mecklenburger Vorfahren. Und dieses Geborgensein, dieses Urvertrauen, mit dem jedes Kind aufwachsen sollte, strahltest du aus.  Ich wusste, du hattest noch andere Freundinnen, wurdest in der Schule gemocht. Um es einfach zu sagen: Du hast damals meinen Traum vom glücklichen Leben verkörpert. Nur, das hatte ich zwar so empfunden, brauchte aber noch eine Menge Zeit, um mir dessen bewusst zu werden.“

Ja, sie hatte recht, so war meine Kindheit. Und ich hatte dies als Selbstverständlichkeit angesehen und nicht darüber nachgedacht, welch ein Privileg damit verbunden war. Rosi aber musste bei Null anfangen, hatte keine Familie, kannte keine Vorfahren, hatte kein ‚Netz‘, das sie auffangen konnte, wenn sie Hilfe brauchte. Ihr fehlte Vertrauen zu sich selbst und zu ihren Mitmenschen und sie hatte keine Ahnung, wie ihre Zukunft aussehen sollte. Und dann diese Pflegemutter!

Nun verstand ich, weshalb Rosi Lehrerin geworden war, weshalb sie früh geheiratet und drei Kinder bekommen hatte, die sie allein großzog, da ihre Ehe bald in die Brüche ging. Ich verstand, dass sie nach der Wende im Kindernotdienst Berlin arbeitete und als Ehrenamtliche am Unfallkrankenhaus zu den ‚Grünen Damen‘ gehörte, die sich um Verunfallte kümmern, die keine Angehörigen vor Ort haben.

Rosi, was habe ich alles von dir gelernt. Was habe ich dir zu verdanken. Deine Lebenserfahrung, deine Klugheit und Belesenheit, dein soziales und kulturelles Engagement haben mich tief beeindruckt. Vor allem aber, wie du dieses Leben gestaltet und geführt hast: konsequent, gradlinig – manchmal warst du sicher auch unbequem für deine Mitmenschen. Hierin unterschieden wir uns. Ich ging lieber den Weg der Kompromisse, suchte Konflikten und Risiken aus dem Weg zu gehen, passte mich an, statt auf Konfrontations-Kurs zu gehen. Ich bin eben ein richtiger Waage-Mensch.

Wir lebten damals im Jahre 2006, als ich mir – angeregt durch die Gespräche mit Rosi – ernsthaft Gedanken machte über meine Vorfahren-Kette, für die ich mich nicht allzu sehr interessiert hatte. Das musste sich ändern.  So begann ich mit Recherchen, besuchte alte Friedhöfe und den Wohnort unserer Urgroßeltern, studierte Aufzeichnungen und Unterlagen, die meine Eltern betrafen, redete mit meinen Geschwistern und entfernten Verwandten.  Schließlich schrieb ich einen langen Brief an meine vier Enkelkinder, die damals zwischen zehn und vier Jahre alt waren. Natürlich wusste ich, dass sie vorerst wenig Interesse am Inhalt haben würden. Aber irgendwann! Die entstandenen hundert Seiten ergänzte ich durch Fotos und gescannte Quellenauszüge, druckte alles mehrfach aus und beschenkte meine Familie mit meinem Büchlein.  Im Vorwort erklärte ich den Grund für diesen Familien-Brief, erzählte von Rosi, der wiedergefundenen Freundin aus Kinderzeiten, die ihre Wurzeln nicht kannte. Meinen Kindern und Enkeln sollte das nicht passieren.  

Wie viele Anregungen gabst du mir,  Rosi. Wie viele Texte entstanden, weil du dich für Dinge und Menschen interessiertest, die uns beide verbanden. Du wolltest wissen, was aus meinen Geschwistern und den Eltern geworden waren? Ich antwortete auf solche Fragen gerne mit Kurzgeschichten, die oft auch in verschiedenen Anthologien veröffentlicht wurden. Schließlich schrieb ich zwei Romane, für die ich dich zu meiner Testleserin machte, bevor ich sie Verlagen anbot.  Auch kleine Episoden über uns beide entstanden in den letzten Jahren.  

Wenn ihr sie lesen mögt, dann habt ein paar Tage Geduld

Rosis Geheimnis

Digital StillCamera

Ihr erinnert euch? Rosi hatte nach ihrem Blitzbesuch versprochen, sie werde mich anrufen. Natürlich war ich gespannt auf ihre Lebensgeschichte. Aber war es überhaupt möglich, diesen Zeitgraben von fünfzig Jahren zu überspringen und unsere damalige Kinderfreundschaft wieder aufleben zu lassen? Tom möchte etwas über sie wissen und hilft mir damit, mich zu erinnern. Ich zeige ihm alte Klassenfotos und bin dankbar, dass an jedem Schuljahresende ein Fotograf gekommen war, der unsere Rasselbande samt Klassenlehrerin verewigte. 

„Das ist sie!“ Ich wies auf die kleine Zehnjährige mit den dunklen Wuschelhaaren, fast schwarzen Augen, ernstem Gesicht, akkurat gekleidet. Obwohl nur der Oberkörper zu sehen war und der weiße Blusenkragen, der unter einem dunklen Pullover hervorblitzte, erkannte ich dich sofort und in meinem Kopf tauchte die gesamte Gestalt der kleinen Rosi auf. Warum warst du nur immer so ernst, irgendwie traurig? Ich konnte mich an kein herzliches Lachen, albernes Kichern oder fröhliches Spiel erinnern. Niemals musste dich ein Lehrer ermahnen oder kritisieren. Doch damals hatte mich dies nicht gestört oder zum Nachdenken gebracht. Schließlich hatte ich noch andere Spielgefährten in der Nachbarschaft, hatte so was wie Freunde für alle Fälle. Du warst Rosi. Und so wie du warst, so mochte ich dich. Aber weshalb du so plötzlich verschwunden warst, das musste sie mir unbedingt erklären.

Rosi hielt Wort. Noch am nächsten Abend rief sie mich an und es folgten ungezählte Telefonate. Ja, es schien zu funktionieren. Wir freuten uns aufeinander. Mal riefs du an, mal ich. Wir hatten die Abendstunden vereinbart, in denen wir ungestört reden und zuhören konnten.  Und wir hatten viel zu fragen, zu verstehen und zu erinnern. Immerhin war es ein Sprung, den wir als Vierzehnjährige ins Rentenalter verkraften mussten. Dazwischen lagen weitere Schul- und die Studienjahre, wir hatten interessante Berufsjahre hinter uns, hatten geheiratet und Kinder bekommen, waren mittlerweile  Großmütter und mit Ehrenämtern beschäftigt. Seltsam, dass wir denselben Beruf gewählt, ähnliche Interessen entwickelt hatten und dass auch unsere familiären Situationen sich sehr ähnelten. Aber meine Frage, die ich unbedingt beantwortet haben wollte, schobst du energisch von dir: „Nein, nicht am Telefon. Aber ich werde es dir erzählen. Später. In Rostock.“

Ich lud sie zur nächsten Hanse-Sail Anfang August ein, buchte einen Segeltörn auf Warnow und Ostsee und freute mich auf ein paar schöne Tage mit ihr. Und wieder hielt Rosi Wort. „Lange konnte ich nicht nach Rostock kommen“, begann sie, „denn diese Stadt erinnert mich an meine schlimmsten Lebenserfahrungen. Nur eine Therapie und die Erinnerungen an dich und deine Familie halfen mir letztlich, mein Trauma zu überwinden.“ Und dann erfuhr ich von ihrer Tragödie, die mich fassungslos machte.

Mit vier Jahren waren Rosi und ihr jüngerer Bruder von ihrer Mutter verlassen worden. Einen Vater hatte sie nie gekannt. Als sie eines Morgens wach wurde, war die Mutter nicht mehr da. „Bis heute weiß ich nichts über sie und die Gründe für ihr Verschwinden. Wir Kinder waren schuld, wir hatte sie dazu gebracht, dass sie ein Leben ohne uns wollte. Das jedenfalls redete ich mir damals ein.“ Viele Jahre später hat ihr Bruder Nachforschungen angestellt und erfahren, dass sie in Dänemark lebt. 

Die Geschwister kamen ins Kinderheim, an das sie sich nicht ungern erinnerte. Nur, wenn potenzielle Pflege- oder Adoptiveltern ins Heim kamen, dann habe sie vor Angst gezittert. Oder war es Hoffnung? Dann mussten sie sich in einer Reihe aufstellen und wurden begutachtet. Eins Tages kamen ihre späteren Pflegeeltern. SIE sagte – als sie das Interesse ihres Mannes spürte: „Die nicht, die sieht ja wie eine Zigeunerin aus.“ Aber ER setzte sich durch und Rosi durfte als Pflegetochter eines angesehenen Architekten das Heim verlassen. Ihren Bruder wollte niemand, er blieb ein Heimkind und wurde als erwachsener Mann ‚Kapitän auf großer Fahrt‘ und Familienvater. 

Das Verhältnis zu ihrem Pflegevater war von großer Zuneigung geprägt. Die beiden mochten sich, ihm hat Rosi ihr großes Kunstverständnis und ihr Wissen über Kultur und Architektur zu verdanken. Nur, er war sehr selten zu Hause, sein Arbeitsort wurde Berlin. Hier lehrte er an einer Hochschule und fungierte als Berater beim Wiederaufbau der DDR-Hauptstadt. So ahnte er nichts von den Torturen und Schikanen, denen Rosi durch ihre Pflegemutter ausgesetzt war. Sie wurde wie eine Haussklavin gehalten, beschimpft, geschlagen, mit allen möglichen Strafen gequält, wenn sie die Haus- und Gartenarbeit nicht korrekt genug erledigte. 

Als ich auf Rosis Schilderungen etwas ungläubig reagierte, streckte sie mir ihre Arme entgegen. „Sieh mal hier, meine Handgelenke.“ Ja, sie sahen seltsam aus, vernarbt, leicht verkrüppelt. Ihr war beim Staubwischen ein Milchkännchen aus Bürgeler Keramik aus den Händen gerutscht und der Henkel war abgebrochen. „SIE hat meine meine Arme gepackt und mich so geschüttelt, dass meine Handgelenke gebrochen wurden. Ich musste dem Arzt und allen, die  mich fragten erzählen, ich sei aus dem Birnbaum im Garten gefallen. Auch meinen Pflegevater musste ich anlügen.“

„Und du hast das alles so hingenommen? Hast niemandem von deinem Leben dort erzählt? Auch mir nicht!“ 

„Einmal hab ich mich unserem Klassenlehrer anvertraut. Du erinnerst dich doch an Herrn H.?“ Ja natürlich erinnerte ich mich. Aber er hatte Rosi nicht geglaubt, hatte es nicht für möglich gehalten, dass im Haushalt der so geachteten Familie dergleichen passiert sei. „Und dann bin ich weggelaufen. Aber die Polizei hat mich gefunden und zurückgebracht. Seitdem hatte ich nur noch Hausarrest. „

„Aber warum hast du mir nichts erzählt. ich hab nicht das Geringste mitbekommen.“ Ich war fassungslos. Wie konnte das passieren. War ich damals so unsensibel und empathielos gewesen, dass ich die Nöte meiner Freundin nicht bemerkt hatte? Ich verstand mich nicht und meine Schuldgefühle stiegen ins Unermessliche. 

„Wenn ich dir etwas erzählt hätte, wäre ich noch schlimmer bestraft worden und hätte auch dich verloren. Du warst doch meine einzige Freundin.“ Schließlich – wir hatten die Jahre an der Grundschule beendet – war sie mutig und erwachsen genug gewesen, um sich ans Jugendamt zu wenden und die Pflegeeltern zu verlassen. Sie bekam einen Platz an einer Oberschule mit Internat in einer anderen Stadt und nahm ihr Leben schließlich in die eigenen Hände. 

(Es geht noch weiter!)