Ein Leben ohne Gestern

Ein Tag ohne ein gutes Buch? Bitte nicht. Wer die Kategorie Leselust in meinem Blog kennt, erinnert sich vielleicht auch an das nebenstehende Titelfoto und meinen Beitrag „Meine Lieblingsbücher“. Damals war ich tief beeindruckt von diesem Roman. Und zwar so, dass ich vor einiger Zeit das Buch erneut las. Und wieder war ich fasziniert und tief berührt. Deshalb wollte ich mehr von Lisa Genova lesen, der Schriftstellerin, promovierten Psychologin und Neurowissenschaftlerin aus den USA. Als ihre Großmutter an Alzheimer erkrankte, gab sie ihre wissenschaftliche Karriere auf, um Bücher zu schreiben, in denen sie aufklären und Krankheiten entstigmatisieren wollte. Und Schreiben kann sie! Eindrucksvoll versetzt sie sich in die Gedankenwelt und Gefühle ihrer gehirnverletzten Protagonisten und schaffte dadurch schon mit ihrem Debütroman einen internationalen Bestseller, der wenig später verfilmt wurde und einen Oscar erhielt.

Kürzlich wagte ich mich an diesen Erstling heran, an „Still Alice – Mein Leben ohne Gestern“ und schaute mir danach den gleichnamigen Film mit Julianne Moore in der Rolle der Alice Howland und Alec Baldwin als deren Ehemann an (der Film ist u.a. bei Prime-Video im Streaming-Angebot). Für ihre Darstellung als Alice erhielt Julianne Moore einen Oscar als beste Hauptdarstellerin. Aber nicht nur das: Die Filmcrew wurde 44 Mal für einen Preis nominiert, 34 Mal erhielt sie Auszeichnungen.

Roman/ Buch oder Film? Meistens favorisiere ich das Buch, denn es weckt bei mir noch stärkere Emotionen als ein nachfolgender Film. Mein Kopfkino läuft auf Hochtouren während ich lese. Ich entwickle konkrete Vorstellungen von den handelnden Personen und ihren Lebensumständen und bin natürlich dann oft enttäuscht, wenn der Film meinen Vorstellungen nicht entspricht. Nicht aber bei „Still Alice“. Julianne Moore war die perfekte Besetzung für Alice. Und ich habe sie ständig vor Augen, wenn ich über den Roman nachdenke.

Worum geht es? Alice Howland ist eine 50jährige Professorin für Linguistik an der Harvard-Universität. Voller Leidenschaft befasst sie sich mit der wissenschaftlichen Erforschung der menschlichen Sprache, hält Vorlesungen, betreut Doktoranden, reist ins Ausland zu internationalen Symposien, sie ist Mutter von drei erwachsenen Kindern und eine glückliche Ehefrau. Doch plötzlich bemerkt sie voller Besorgnis Sprachfindungsstörungen, hat Orientierungsschwierigkeiten beim morgendlichen Joggen, die sich nicht länger ignorieren lassen. Sie lässt sich fachärztlich testen und erhält die Diagnose, dass sie an einer erblichen, früh einsetzenden Form der Alzheimer-Krankheit leidet. Auch ihre älteste Tochter, die mit Zwillingen schwanger ist, hat dieses Alzheimer-Gen geerbt.

Ich möchte den Verlauf des Romans bzw. des Films nicht weitererzählen. Aber ich denke, niemand wird dieses Buch so nebenbei durchlesen können. Mich hat es mehr mitgenommen, als ich voraussehen konnte und so manches Mal kamen mir Tränen, die ich beim Lesen kaum bemerkte. Später, als ich mir den Film ansah, begriff ich, weshalb Julianne Moore für ihre Darstellung den Oscar bekommen hatte. Welch eine schauspielerische Leistung, die Entwicklung der Alice zu zeigen – von der gesunden, hochmotivierten Wissenschaftlerin zur Frau, die ihr Gedächtnis und damit sich selbst verliert.

Immer wieder erlebte Alice Situationen, die ich selbst nur zu gut kannte, weil ich sie täglich mit meinem Tom erlebe. Nun hat er zwar keine Alzheimer-Krankheit, sondern eine vaskuläre Demenz. Außerdem ist er nicht 50, sondern 86 Jahre alt. Aber auch er führt ein Leben ohne Gestern, in dem es keinerlei Erinnerungen mehr gibt. Selbst was nur wenige Minuten zuvor geschah, ist schon gleich wieder verschwunden. Das mag den Vorteil haben, dass er nichts vermisst, nichts bedauert, weil er sich nicht an ein Früher erinnert. Er lebt im Jetzt und damit ist er zufrieden. Meistens.

Noch ein Wort zu dem Titel von Buch und Film: Still Alice. Dieses STILL (engl.) sollte übersetzt heißen: Noch immer Alice, denn obwohl sie ihr Gedächtnis, Sprache und ihre Persönlichkeit schrittweise verliert, so bleibt sie im Kern immer noch die Person Alice, die sich schließlich selbst vergisst. Von ihren Mitmenschen aber verdient sie Respekt, Achtung und Liebe. Ihr Leben könnte auch unser Leben werden.

„Warum liest du solche Bücher“, hatte mich kürzlich meine Tochter gefragt, „gerade jetzt!“ Ja, ich hatte mich darauf eingelassen, obwohl ich um das Thema des Romans wusste. Aber irgendein anderes beliebiges Buch hätte mir gerade jetzt nicht geholfen.

Übrigens, der zweite Roman von Lisa Genova wartet schon auf meinem Tolino auf mich und bessere Zeiten. Er trägt den Titel „Mehr als nur ein halbes Leben“. Auch hier geht es um eine selbstbewusste Frau, eine hochbegabte Managerin eines international agierenden Unternehmens, verheiratet und Mutter von drei kleinen Kindern. Sahra glaubt, unverwüstlich zu sein und ihr kompliziertes Leben im Griff zu haben. Dann aber verursacht sie einen Verkehrsunfall, bei dem ihr Vorderhirn so schwer verletzt wird, dass ihr Leben sich drastisch verändert. Ohne Hilfe ist sie nicht mehr lebensfähig.

An dieser Stelle angekommen, habe ich meinen Tolino ausgeschaltet. Vorerst. Irgendwann werde ich Sahras Geschichte weiterlesen. Nun aber brauche ich ein Kontrastprogramm und stelle mir im TV „Ninja Warrior Germany“ an.

Alles Gute und bleibt gesund!

Veröffentlicht von hedera77

Bin ein echtes Ostseekind, geboren in Rostock an der Warnow und noch heute glücklich - hier in meinem Elternhaus. Seit 18 Jahren bin ich im Ruhestand, der alles andere als ruhig ist. Immer noch bin ich neugierig - im Sinne von wissbegierig - und teile gerne meine Gedanken mit anderen denkfreudigen Menschen, egal welchen Alters.

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