
„Warum liest du solche Bücher“, wunderte sich meine Tochter. „Lies etwas, das weniger problembeladen ist, dir Freude macht, aber dich nicht traurig werden lässt. Gerade jetzt.“
Oh nein, hatte meine Jüngste etwa Sorge, ich könnte depressiv werden oder vor Kummer stundenlang Tränen vergießen? Gerade jetzt? Etwas verwundert war ich schon darüber, dass ich in den vergangenen Wochen keine einzige Träne vergossen hatte, obwohl mein vier Jahre älterer Bruder so plötzlich verstorben war und ich fast ununterbrochen über ihn und uns nachdenken musste.
Mitte August erfuhr ich in einem Telefongespräch, dass Bruder Klaus eine Geschichte schreiben wolle über ein Thema, das ihm sehr am Herzen liege. Geschwister solle sie betitelt werden, einige Exemplare würde er ausdrucken und eins werde er mir sofort per Post zukommen lassen. Er werde sich beeilen mit dem Schreiben. Sein angestrengtes Atmen, das mit Pausen und Räuspern unterbrochene Telefonat zeigte mir, wie er sich beim Sprechen quälte. Natürlich kannte ich seine schweren Lungenprobleme und wir beide wussten, dass er daran eine große Portion Eigenschuld trug.
Am 2. September brachte der Postbote das schmale Büchlein, ich las es abends durch und hatte sofort das dringende Bedürfnis, meine Version unserer Geschwisterliebe – wir waren ein Quartett gewesen – zu schreiben. Was hast du dir dabei gedacht, weshalb hast du so vieles ausgelassen, anderes völlig falsch dargestellt? Ich führte Selbstgespräche, zweifelte an seinem Verstand, aber nicht an meinem Erinnerungsvermögen – ich grübelte, tauchte in die Vergangenheit und freute mich schon auf meinen Gegenentwurf, den ich sofort schreiben und ihm in den nächsten Tagen schicken würde. Wieder einmal wurde mir bewusst, wie besonders ich unsere Geschwisterbeziehung empfand.
Ich schrieb ihm noch an diesem Abend eine WhatsApp und kündigte mein Vorhaben an. Meine Schwägerin antwortete am nächsten Morgen. „Lass es, sieh die Geschichte als Abschiedsgeschenk.“ Am nächsten Tag wurde mir mitgeteilt, dass unser Klaus-Bruder verstorben war. Nicht die Lungenkrankheit COPD hatte dich umgebracht, sondern der Krebs, den du so tapfer vor uns verbergen wolltest.
Deine Geschichte ging mir nicht aus dem Kopf und ich begriff, dass du mit dir ins Reine kommen, dir verzeihen musstest und uns Schwestern um Nachsicht bitten wolltest. Nur so warst du vermutlich zu deinem inneren Seelenfrieden gekommen und konntest für immer die Augen schließen. Wie wichtig waren wir Schwestern dir also gewesen, waren die Gedanken an uns doch das Letzte, was du auf deinem Laptop geschrieben und ausgedruckt hattest. Und das trotz der höllischen Schmerzen, die nur noch mit hohen Morphium-Dosen auszuhalten waren, wie wir später erfuhren.
Nun weiß jeder Mensch, dass er im Laufe seines Lebens eine Vielzahl verschiedenster Rollen einnimmt, gewollt und voller Freude oder durch Umstände, die das Leben mit sich bringt. Bruder und Schwester zu werden, kann sich niemand aussuchen. Und eine vier Jahre jüngere und eine acht Jahre ältere Schwester zu haben, ist sicher nicht der größte Traum eines Bruders. Ich dagegen, als Jüngste des Quartetts, war immer stolz gewesen, zwei große Brüder und eine zwölf Jahre ältere Schwester zu haben. Beschützt, geborgen und vielfach geliebt fühlte ich mich in dieser Familie. Besonders durch dich, meinem Klaus-Bruder, dem Helden meiner Kinderjahre. Was haben wir alles miteinander erlebt, was habe ich alles von dir und durch dich gelernt. Wie gerne wäre ich nur annähernd so intelligent, musikalisch, eloquent, witzig und schlagfertig gewesen. Natürlich vergaß ich bei meiner Schwärmerei, dass uns vier Jahre trennten und deine Fußstapfen noch zu groß für mich waren.
Die schlimmste Familienkatastrophe kam, als du unseren Eltern dein Abiturzeugnis überreichtest und gleichzeitig mitteiltest, dass du demnächst Vater werden würdest. Was sollten die Leute denken. Welch eine Schande für unsere Eltern! Mitte der Fünfzigerjahre bedeutete das: Heiraten! Statt Germanistikstudium und Lehrerberuf würdest du eine Banklehre beginnen, denn bald würde deine Karriere als Familienvater starten – mit knapp zwanzig Jahren.
Ich, bzw. meine Jungfräulichkeit, wurde danach von unseren Eltern bewacht, als sei ich der Goldschatz von Fort Knox. Dafür durfte ich den Traum von Klaus-Bruder leben, studierte Germanistik, heiratete zwei Wochen nach der letzten Examensprüfung meinen damaligen Traummann, wurde Lehrerin und bekam zwei Töchter. Damit beglückte ich unsere Eltern mit zwei Enkelinnen, nachdem meine Geschwister sie zuvor mit sieben männlichen Enkeln beschenkt hatten. Damit waren unsere Eltern endgültig besänftigt und zum Glück hatten diese Jahre unserer Geschwisterharmonie nicht geschadet.
Das alles fehlt in deiner Geschwister-Geschichte. Und nicht nur das. Auch die Glücksjahre fehlen. Unsere vielen gemeinsamen Urlaubsreisen durch Europa, du und ich mit unseren Partnern.
Dann aber kam der große Bruch in unserem Geschwisterleben. Eine lange und quälende Eiszeit begann, weil du alles kaputtmachtest, was uns Geschwistern wichtig war und unserer Harmonie fast den Todesstoß gabst. Fast! Denn schließlich waren wir doch Geschwister, waren eine Familie, die nun einen tiefen Riss bekommen hatte. Und daran warst nur du schuld. Das allerdings fehlt nicht in deiner Geschichte und du hast sicher viel Mühe aufwenden müssen, diese Jahre deines Lebens schönzuschreiben. ‚Ecken und Kanten‘ in deinem Leben wurden euphemistisch umschifft oder geebnet, bis die Bilanz für dich stimmte.
So denken wir – und damit meine ich auch meine 96jährige Schwester – traurig an dich zurück. In wenigen Tagen wärst du 88 Jahre alt geworden. Du hattest ein langes Leben, aber mit Sicherheit war es kein erfülltes und glückliches. Und das ist nicht nur die Ansicht deiner hinterbliebenen Schwestern.
P.S. Und weshalb lese ich diese traurigen Bücher, die meine Tochter anfangs erwähnte? Demnächst werde ich darüber schreiben.