Von Absicht bis Zuversicht

Hin und wieder brauche ich meine ganz persönliche Einschlafhilfe, die ich euch nur wärmstens empfehlen kann. Nein, es ist keine Schlaftablette oder ähnliches. Aber was tun, wenn das Umschalten von Buch oder Fernsehfilm in den Schlafmodus nicht gelingen will? Auf Befehl funktioniert nichts, dafür aber mein Selbsthilfeprogramm, das mich meist schnell ins Reich der Träume bringt. Es ist ein Denkspiel mit unterschiedlichen Themen, bei dem ich den Kopf anstrengen muss, aber nicht zu sehr, denn sonst geht der Schuss nach hinten los und ich werde munterer als zuvor.

Kürzlich entschied ich mich für das Nachdenken über verschiedene Sichtweisen. Von ABSICHT bis ZUVERSICHT wollte ich das Alphabet durchforsten, um möglichst viele zu finden und sie dann mit Beispielen belegen. Verrückt? Macht nichts, denn bei mir klappte es. Auf Anhieb – noch hellwach – zählte ich nach Absicht die Begriffe Ansicht, Einsicht, Nachsicht, Rücksicht, Übersicht, Vorsicht und Zuversicht auf. Mit Sicherheit waren mir nicht alle eingefallen, außerdem schweifte ich schon bei ANSICHT ab und meine Gedanken gerieten auf Nebenstraßen, verloren sich in Erinnerungen und Erlebnissen und irgendwann schlief ich tief und fest.

Kein Hexenwerk, denn ich hatte an diesem Tag wieder meinen Seniorennachmittag erlebt. Zur Erklärung: In meiner Wohngegend, in der ich nun seit einundachtzig Jahren lebe, gibt es eine Seniorengruppe, die mich seit vielen Jahren zu Lesungen einlädt. Einige der Zuhörer kenne ich bereits aus meiner Schulzeit, ebenso den Raum, in dem ich schon als Konfirmandin gesessen hatte. Es ist üblich, dass es erst Kaffee und Kuchen gibt, danach beginnt mein Lesen. Anfang des Jahres bat ich sie, sich als Testhörer für einen Leseabschnitt aus meinem neuen Roman zur Verfügung zu stellen. Das Manuskript war bereits als Datei beim Verlag und wird noch im Mai als Buch erscheinen. Nun wollte ich aber wissen, ob ich die Geschichte verständlich und plausibel geschrieben hatte und sie die Spannung besitzt, die zum Weiterlesen einlädt. So begann ich mit dem Anfang, war erstaunt, wie interessiert und aufmerksam meine Zuhörer waren und auf mein „So, ich denke das reicht“ gab es Proteste und schließlich die Bitte, in Abständen von wenigen Wochen die Fortsetzung hören zu dürfen. „Bald wird es ein richtiges Buch sein, dann kann doch jeder es zu Hause gemütlich lesen“, stellte ich in Aussicht. Nein, selbst lesen und dann alleine sein mit seinen Gedanken? Das gefiel ihnen nicht.

Ich weiß, ich habe ein brisantes Thema gewählt, das mich verfolgt, seit ich ein Schulkind und eine junge Frau war, da ich die Geschichte teilweise selbst erlebt hatte. Die drängenden Fragen nach dem Warum, die ich mir seit dieser Zeit immer wieder stellte, konnte mir niemand beantworten. So gab ich mir als über sechzigjährige Rentnerin selbst die Antwort in Form einer Erzählung, also einer fiktiven Handlung, in der ich die Leerstellen mit meiner Fantasie füllte. Damit nahm ich erfolgreich an einem Literaturwettbewerb teil und die Erzählung wurde zweimal in Anthologien veröffentlicht. Aber Menschen, die von Literatur etwas verstehen, sagten mir: Das ist ein Romanstoff! Schreib ihn! Nun, leichter gesagt. Als wäre das so einfach. Ich versuchte es, schrieb vor zehn Jahren meinen Erstling über ein anderes Thema und begriff, wie beglückend das Schreiben und die nachfolgenden Lesungen und Gespräche mit den Zuhörern sein können. Und wieder vergingen Jahre bis ich soweit war, mir die kleine Erzählung und die „unendliche Geschichte“ erneut vorzunehmen. Es war Herbst, der Garten aufgeräumt, winterfest gemacht. Wann, wenn nicht jetzt? Ich schrieb in jeder freien Minute, bis ich schließlich auf Seite 412 den letzten Punkt machen konnte. Voller ZUVERSICHT vertraute ich das Manuskript einem engagierten Rostocker Verlag an und wurde nicht enttäuscht. Nun ist unsere Arbeit vorerst getan, der Grafiker hat für Inhalt, Einband und die Klappentexte eine ansprechende ANSICHT gefunden – und das gute Stück ist nun in der Druckerei. Ich bin glücklich, gespannt und sehr skeptisch. Bei den abertausend Büchern in den Buchhandlungen soll ausgerechnet dieses gekauft werden? Egal, ich habe endlich eine Antwort für mich gefunden. Und ich hoffe, dass ihr mir diese kleine Eigenwerbung nicht verübeln werdet.

Veröffentlicht von hedera77

Bin ein echtes Ostseekind, geboren in Rostock an der Warnow und noch heute glücklich - hier in meinem Elternhaus. Seit 18 Jahren bin ich im Ruhestand, der alles andere als ruhig ist. Immer noch bin ich neugierig - im Sinne von wissbegierig - und teile gerne meine Gedanken mit anderen denkfreudigen Menschen, egal welchen Alters.

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