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Gedankensplitter – 77 und (k)ein bisschen weise
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Irgendwann, vor etwa zehn Jahren mag es gewesen sein, wurde mir klar, es waren zu viele Bücher, die in unserer Wohnung Platz beanspruchten und ich verordnete mir einen Kaufstopp. Um meine Leselust zu befriedigen, stöberte ich in der Stadtbibliothek, lieh mir Bücher aus oder nutzte die Onleihe, um auf dem Tablet lesen zu können. Doch dann sah ich bei meiner technikinteressierter Familie ein kleines Gerät mit dem schlafenden Smiley auf dem Display und begriff, dass dieser eBook-Reader die Lösung für mein Problemchen bot und erwarb einen ‚Tolino‘, der bald zu meinem unverzichtbaren Begleiter werden sollte. Mittlerweile ist es die neuere Variante, die wie sein Vorgänger eine weinrote Schutzhülle bekam und immer griffbereit liegt. Ich nehme ihn mit auf Reisen, zum Friseur und ins Wartezimmer beim Arzt, nutze ihn auf meiner Liege im sonnigen Garten, im Bett , denn dafür benötige ich keine Nachtischlampe und störe Tom nicht beim Schlafen.
So manches Mal spürte ich Gegenwind: „Kannst du dir keinen Kindl leisten?“ Von anderer Seite hieß es: „Ich muss ein ‚lebendiges‘ Buch in der Hand halten, es spüren können und blättern, will mich am Cover und dem Schutzumschlag freuen.“ Bin ich etwa eine seelenlose Banausin, die ihre bibliophilen Kostbarkeiten ihres Bücherschranks nicht mehr wertschätzt? Ganz sicher nicht, aber ich weiß die Vorteile meines Tolino zu schätzen und weiß genau, wann und warum ich ein bestimmtes Buch als eBook-Variante erwerbe.
Wenn ich im Menü des Readers auf zu meinen Büchern tippe, öffnet sich mein digitaler Bücherschrank, in dem ich zurzeit vierundachtzig Bücher gelistet habe. Ich kann sie alphabetisch nach den Verfassern oder den Titeln ordnen, kann sie mir als Cover-Foto anschauen, kann nachsehen, wann ich mit wem ein Buch geteilt habe und kann genauso einfach im Thalia-Shop stöbern, denn ich bin per WLAN verbunden und könnte mir rund um die Uhr neuen Lesestoff kaufen. Übrigens ist die elektronische Variante preislich günstiger als das gedruckte und gebundene Buch.
Die meisten Bücher auf meinem Reeder sind von J.D.Robb. Sicher kennt ihr diese amerikanische Bestsellerautorin unter ihrem eigentlichen Namen, Nora Roberts. Das Pseudonym wählte sie für ihre fiktive Thriller-Serie über die Polizistin und Lieutenant der New Yorker Mordkommission Eve Dallas und ihren Mann, den irischstämmigen Rourke. (Als „In Death-Serie“ ist sie im englischsprachigen Sprachraum bekannt.) Das Pseudonym J.D.Robb entstand aus den Initialen Jason und Dan, dazu die Abkürzung von Roberts. Die Eve-Dallas-Serie ist sicher kein Geheimtipp mehr, denn im Internet ist zu lesen, dass es mittlerweile 61 Bände gibt, deren Handlungen übrigens im New York der 50er und 60er Jahre des 21..Jahrhunderts angesiedelt ist. So gehört die Serie zum Genre der Science-Fiction-Reihen.
Es ist für mich unvorstellbar, dass diese Autorin – sie wird in diesem Jahr ihren 75. Geburtstag begehen und begann erst 1979 mit dem Schreiben – bisher über 225 Romane veröffentlicht hat. Darunter viele gut geschriebene Liebesromane, ich denke an ihre Irland-Trilogie (die „Sturm“-Bücher) und viele andere. Die Autorin schreibt täglich etwa acht Stunden, auch im Urlaub. Alle Neuerscheinungen kommen zuerst in gebundener Form und als eBook zum Leser, später folgen die Taschenbuchausgaben, die schneller auf dem Büchermarkt erscheinen können. Als preiswerteres eBook erreichen sie innerhalb weniger Minuten auf dem elektronischen Reader ihre Leser.
In Abständen habe ich das Bedürfnis, beim Lesen das Genre zu wechseln und mich in die Welt von Eve Dallas zu vertiefen. Ich liebe diese Krimis und es ist wie nach Haus zu kommen, wenn ich Eve und ihre Kollegen, Rourke und die gemeinsamen Freunde vor mir sehe. Ich kenne sie, verstehe sie, habe Bilder in meinem Kopf, die sich von Geschichte zu Geschichte vertiefen und verdichten. Ich bin mir sicher, Eve und Rourke werden sich nie trennen, ihre so besondere Liebe wird immer tiefer werden, sie werden keine Kinder bekommen wollen und Eve wird trotz lebensbedrohender Auseinandersetzungen mit den Kriminellen die Fälle lösen. Ich bin mir sicher, dass es keine Verfilmungen dieser Bücher geben wird. Und das ist auch gut so. Übrigens lese ich die Eve-Dallas-Bücher ausnahmslos auf dem Tolino. Es geht mir nur um den Inhalt und wie J.D.Robb die Geschichten schreibt. Dafür reicht mir die eBook-Variante.
Nicht immer freue ich mich über Romanverfilmungen, bin oft enttäuscht, wenn meine Kopfbilder nicht mit denen der Filmemacher übereinstimmen. Aber natürlich, wie soll das auch funktionieren? Dabei denke ich besonders an „Die Outlander-Saga“ von Diana Gabaldon. Auch diese bislang neun Romane, jedes Buch mit über tausend Seiten, habe ich auf meinem Tolino gespeichert. Ebenso die acht Bände der „Sieben Schwestern“-Reihe von Lucinda Riley und die achtbändige Buchreihe von Jeffrey Archer: „Die Clifton-Saga“. Ich mag die wechselvolle und spannend geschriebene Familiengeschichte der Cliftons und Barringtons im England und Amerika Mitte des 20. Jahrhunderts und denke, kaum eine männliche oder weibliche Leseratte kennt diese Bücher nicht. Es ist ein ganz kleiner Teil der Unterhaltungsliteratur unserer Zeit, interessant und spannend geschrieben, der aber nicht unbedingt in meinem Bücherschrank stehen muss.
An dieser Stelle möchte ich meine LESELUST-Texte abschließen. Ich merke, wie viele Bücher ich nicht erwähnt habe, obwohl sie mir enorm wichtig waren und sind. Denkt nicht, der große Bereich SACHLITERATUR existiert nicht für mich. Fehlanzeige! So lese ich gerade ein weiteres Buch von Frank Fabian: „Die größten Lügen der Geschichte“ und freue mich, dass die Beschäftigung im Garten Ablenkung und Nachdenkzeit zugleich schenkt. Habt auch ihr eine schöne Zeit – mit oder ohne Buch.

Denkt bitte nicht, ich favorisiere Liebesromane, bei denen man nach den ersten Seiten schon das Ende vorhersagen kann. Nein, ich kenne z.B. keinen einzigen Roman von Rosamunde Pilcher. Dafür aber bin ich bekennende Verehrerin von Biografien, wenn sie selbst geschriebene Autobiografien von mir bekannten Personen aus verschiedensten Lebensbereichen sind. Biografien oder Memoiren, evtl. von Ghostwritern geschrieben oder mit realitätsfernen Darstellungen und eindeutigen ‚Erinnerungslücken‘ gespickt, gehe ich gerne aus dem Wege.
Das Problem: Wem kann ich vertrauen, wem traue ich zu, sich ehrlich mit sich selbst auseinanderzusetzen und das auch noch stilsicher zu Papier zu bringen? Ist es heutzutage doch nicht einmal illegitim, wenn jemand z.B. seine Masterarbeit von Schreibprofis schreiben oder lektorieren lässt. Ist das nicht unanständig? Oder ist es verzeihlich, wenn ich einen Profi hinzuziehe, weil ich etwas ‚der Welt‘ mitteilen möchte oder muss, mir aber ausgerechnet die sprachliche und schreibtechnische Begabung fehlt?
Trotzdem lese ich gerne Biografien, suche aber möglichst nach einem ‚doppelten Boden‘. Ein Beispiel? 1976 erschien der Roman „Kindheitsmuster“ von Christa Wolf, in dem die Autorin der Frage nachging: Wie sind wir so geworden, wie wir heute sind? Der Roman trägt eindeutig autobiografische Züge und erinnerte mich damals stark an den Aufsatz, den wir künftigen Abiturienten Ende der Fünfziger in der DDR schreiben mussten. „Darstellung meiner Entwicklung“ hieß das ungeliebte Thema. Wir wussten weder, ob unsere Deutschlehrerin ein Schweigegelübde zum Inhalt unserer Lebensdarstellung abgelegt hatte, noch zu welchem Zweck wir Auskunft darüber geben mussten, wer und was unsere Entwicklung beeinflusst hatte. Ich bin mir sicher, kaum jemand gab eine ehrliche Lebensanalyse ab.

1998, die DDR existierte nur noch in unseren Erinnerungen, begann die damals 25jährige Enkelin von Christa und Gerhard Wolf, Jana Simon, lange Gespräche mit ihren Großeltern zu führen. Es ging um die Herkunft ihrer Familie, um die Haltung der Großeltern zu Nationalsozialismus und DDR, über Freundschaften und politisches Engagement. So entwickelte sich ein Dialog der Generationen, in der die Enkelin – mittlerweile freie Journalistin und Autorin – tiefen Einblick in das Leben und Denken der Großeltern gewann und die Gespräche schließlich mit dem Titel „Sei dennoch unverzagt“ im Fischer-Verlag veröffentlichte.

Um das Bild, das ich nun von Christa Wolf hatte, abzurunden, las ich das 2024 beim Insel-Taschenbuch-Verlag erschienene Buch von Carolin Würfel: „Drei Frauen träumten vom Sozialismus“. Es geht hier um Maxie Wander, Brigitte Reimann und Christa Wolf, die drei Ikonen der DDR-Literatur. Auf der Cover-Rückseite heißt es: „… Was sie zusammenbrachte, war die Begeisterung für das Versprechen einer besseren Welt. Mit Empathie und kluger Distanz erzählt Carolin Würfel vom Ringen dieser schreibenden Frauen mit einem System, an das sie glauben wollten und an dem sie verzweifelten, sie erzählt von Freundschaft und Solidarität und fragt, was von jenem Traum geblieben ist.“
Damit konnte ich ein gedankliches Häkchen zum Thema Christa Wolf machen.
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Sehr gerne habe ich mich der literarischen Reise durch das Leben von Ute Lemper angeschlossen. die ich sehr verehre. „Die Zeitreisende zwischen Gestern und Morgen“ wählte sie als Titel. Kaum zu glauben, dass diese vielseitige und jung gebliebene Künstlerin, die zu den wenigen noch lebenden deutschen Weltstars gehört, sich dieses Buch zu ihrem 60. Geburtstag zum Geschenk gemacht hat. Hier ein kurzer Auszug aus einer Rezension: „Sie berichtet von den wichtigen künstlerischen Begegnungen in ihrem Leben und reflektiert die parallelen zeitgeschichtlichen Ereignisse der sich rapide wandelnden Welt – die literarische Zeitreise einer außergewöhnlichen Frau, ein beeindruckendes Dokument unserer Zeitgeschichte.“

Ich bewundere diese vielseitige Künstlerin, ihr Können als Tänzerin, Musical-Darstellerin, Sängerin, mag aber vor allem ihre Haltung, ich mag was und wie sie singt. Ob ihre Hommage an Marlene Dietrich, die Kurt Weill-Lieder, die Songs und Lieder aus Musicals. Erst durch die Autobiografie begriff ich in vollem Umfang was diese Künstlerin geleistet hat. Und sie ist doch erst sechzig! Besonders gefiel mir der Epilog, i-Punkt und Sahnehäubchen, geschrieben von ihrer Tochter Stella. Ihr solltet wenigstens den Beginn des Epilogs kennenlernen: „Ich bin die Tochter einer renommierten deutschen Sängerin und eines amerikanischen Schriftstellers, den meine Mutter 1992 in Berlin kennenlernte, wo er als professionaler Komiker gearbeitet hat. Heute Abend, während ich am Rande der Bühne stehe und, versteckt hinter einem dicken Samtvorhang beobachte, wie das Publikum gebannt dem Zauber meiner Mutter folgt, spüre ich tatsächlich Neid in mir. Ich beneide die Zuschauer um ihre jungfräulichen Augen und Ohren, die sie zum ersten Mal erleben. In den vergangenen sechsundzwanzig Jahren meines Lebens habe ich sie bestimmt über zweihundert Mal auf der Bühne gesehen und ich wünsche mir von ganzem Herzen, so einen Auftritt wenigstens einmal mit den Augen und Ohren einer Fremden zu erleben, die sie nicht ‚Mom‘ nennt, wenn der Vorhang gefallen ist. Eines Menschen, der ihr nicht in letzter Minute hilft, den Reißverschluss des Kleides zu schließen, und ihr nicht sagt, das Mikro habe zu viel Hall oder der Lidschatten sei zu dunkel oder die Kinder seien in der Pause eingeschlafen. Das sind einige der Pflichten und Privilegien, die ich als Stella Lemper habe, Tochter der Frau, mit der Sie gerade mehr als dreihundert Seiten verbracht haben, der Frau, deren vierzigjährige Karriere die Konzerthäuser von Deutschland über New York bis nach Tokio gefüllt hat, der Frau, die mich am 30. Juli 1996 im Amerikanischen Krankenhaus in Paris per Kaiserschnitt zur Welt brachte…“ Und Stella schreibt weiter, zwanzig Seiten über ihr Tochter-Mutter-Verhältnis. Berührend und schön.
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Zwei andere Frauen, eine ist die Schauspielerin und Theaterregisseurin Hannelore Hoger, die andere die ehemalige US-amerikanische First Lady Michelle Obama, haben mich mit ihren Autobiografien ebenso stark berührt, bzw. interessiert. Zuerst las ich „BECOMING: Meine Geschichte“ von Michelle Obama. Mit Sicherheit ist ihre Lebensgeschichte äußerst lesenswert, obwohl ich nicht beurteilen kann, inwieweit sie Schreibmitarbeiter engagiert hatte. Immerhin ist es teilweise eine etwas pikante Gratwanderung, wenn die Autorin in ihrer politischen und gesellschaftlichen Höchststellung aus dem Nähkästchen plaudert und hinter die Kulissen des Weißen Hauses blicken lässt. Aber Michelle Obama hatte schon mit ihrer ‚Amtsübernahme‘ meine Sympathie, sodass ich später auch die Biografie von Barack Obama las: „Ein verheißenes Land“, die ich mir aus der Bibliothek auslieh. Letztere war nicht unbedingt eine leichte Kost, aber der Autor war schließlich acht Jahre lang der 44. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika.
Im Jahre 2017 hat die ‚Bella-Block-Kriminalistin‘ Hannelore Hoger mit ihrer autobiografischen Darstellung „Ohne Liebe trauern die Sterne – Bilder aus meinem Leben“ meinen Lesenerv voll getroffen. Natürlich weiß ich, dass ich ihr mit der Reduzierung auf die Bella-Block-Rolle großes Unrecht antun würde. Schon seit Langem gehörte Hannelore Hoger zu meinen Lieblingsschauspielerinnen und ich sehe mir nicht nur jeden Film oder jede Fernsehserie an, in der ihr Name in der Darstellerliste auftaucht, sondern mich interessierte auch, wie sie ihre Popularität nutzte. Zum Glück tingelte sie nicht durch Talk-Shows oder war meines Wissens auch nicht in den Social-Medien Dauergast. Aber ich will hier über Bücher – über Biografien – schreiben, nicht über ihre bemerkenswerten Filmrollen. Aber Stopp! Gerade, als ich ihr Buch aus dem Regal nehmen wollte um nachzuschauen, ob und wie mein Lieblingsfilm „Nichts für Feiglinge“ dort Erwähnung findet, wurde mir bewusst, dass ich es einer guten Freundin geschenkt hatte.
Das wäre nicht passiert, wenn … Aber dazu werde ich demnächst etwas schreiben.

Natürlich las ich, erlebte eine Lesereise, denn in Kolumbien und anderen Ländern des amerikanischen Kontinents war ich noch nie. Und trotzdem – oder gerade deswegen- faszinieren mich diese Bücher. Neben Isabel Allendes Romane las ich auch die weltberühmten von Gabriel Garcia Marquez „Hundert Jahre Einsamkeit“ und „Die Liebe in Zeiten der Cholera“. Der Autor, ein Kolumbianer, hat eine interessante Biografie: 1927 wurde er als ältester Sohn eines Apothekers geboren, neun Geschwister folgten. Er bekam ein Stipendium, studierte Jura, wechselte aber bald zur Literatur. Von den Werken Ernest Hemingways, Virginia Woolfs und William Faulkners wurde er stark beeinflusst. Als Fidel Castro ihn bat, ein Werk über die kubanische Revolution zu schreiben, veränderte dies sein Leben. Eine tiefe Freundschaft zu Castro entstand und Marquez wurde zum bekennenden Sozialisten.
Der Roman „Hundert Jahre Einsamkeit“ , 1967 veröffentlicht, in 32 Sprachen übersetzt und über 30 Millionen Mal verkauft, wurde zum meistgelesenen Roman weltweit und wird als berühmtester Roman Lateinamerikas gesehen. 1982 erhielt Marquez für seine Werke den Nobelpreis für Literatur. Das Preisgeld verwendete er für die Gründung einer Tageszeitung und wurde Mitbesitzer einer Zeitschrift. Ich denke, kein Literaturbegeisterter kommt an diesem Autor vorbei.

Zurück nach Europa. Gerne las ich auch den Roman von Pascal Mercier „Nachtzug nach Lissabon“. Hinter dem Autorenpseudonym steckt der schweizer Philosoph Peter Bieri. Im Roman trifft der 57jährige Berner Gymnasiallehrer Gregorius eine unvorhersehbare Entscheidung, die sein bisher wohlgeordnetes Leben infrage stellt. Die Begegnung mit einer Frau und einem kleinen Buch treiben ihn nach Portugal. Mit dem Nachtzug reist er nach Lissabon und geht auf die Suche. Wonach? Findet es heraus, indem ihr lest. Denn ihr seid dabei. Über zwei Millionen Mal wurde dieser europäische Bestseller allein im deutschsprachigen Raum verkauft und in 32 Sprachen übersetzt.
Danach las ich weitere Romane von Mercier, so zum Beispiel „Perlmanns Schweigen“ und „Der Klavierstimmer“. Auch an ihnen reizte mich besonders die psychologische Gestaltung seiner Figuren und die Themen, die sicher nicht nur mich zu ethischen Auseinandersetzungen führten.
Eine weitere Tochter-Empfehlung war wieder ein Spanien-Roman, den die griechisch-englische Autorin Victoria Hislop schrieb. „Das Herz der Tänzerin“, wieder ein Fessel-Roman, der mich gemeinsam mit mit der Protagonistin – der jungen Engländerin Sonia – nach Spanien reisen ließ, wo sie mit einer Freundin einen Flamenco-Tanzkurs gebucht hatte. Dabei ahnte sie nicht, dass sie ihre eigene Familiengeschichte kennenlernen wird, als sie von der ergreifenden Liebesgeschichte zwischen der berühmten Flamencotänzerin Mercedes und Javier mitten im spanischen Bürgerkrieg der Franco-Zeit erfährt. Zwei Erzählebenen, wobei mich besonders der historische Teil fasziniert hat.
So, nun habe ich einen großen gedanklichen Umweg gemacht und werde den Weg zurückgehen zu Sonia Laredo und „Das Glück der Worte“. (Erinnert ihr euch an den 5. Text von „Leselust“?)

Welch ein Geschenk, wenn jemand so schreiben kann wie diese Spanierin Sonia Laredo. Und es ist ihr Debüt-Roman! Ich sehe während des Lesens dieses Örtchen Nuba in den spanischen Bergen, am Pilgerpfad auf dem Weg nach Santiago de Compostela gelegen, erlebe die arbeitslose Lektorin Brianda in ihrem kleinen Mietwagen, die am Eingang des kleinen Ortes ein Schild sieht. „Nachfolger für Antiquariat gesucht“. Es kann eigentlich gar nicht anders kommen. Diese Information ist der Wegweiser für ihr künftiges Leben und der alte Don Lorenzo wird der väterliche Freund, den sie so dringend braucht.
Also, alles vorhersehbar? Der Leser kennt bereits das Happy end? Oh nein! Ich habe es miterlebt, das Glück der Worte und der Liebe – nicht nur zu den Büchern. Eine zauberhafte Geschichte, voller Farben und Düften – und voller Lebensweisheiten, die die belesene und kluge Brianda an ihre Kunden weitergibt und sich dabei selbst verändert. Also: Frauen, die lesen, sind begehrt! Entschuldigt, liebe männliche Lesebegeisterte, das soll keineswegs diskriminierend gemeint sein.
Natürlich kommt bald meine Fortsetzung!
So bin ich: Einen Krimi mit Mord und Totschlag im TV sehe ich mir selten an. Überhaupt gehe ich seit einiger Zeit Reportagen und Dokus über das Elend der Welt möglichst aus dem Weg. Es ist meine Art von Selbstschutz, den ich brauche. Bei Büchern ist das anders. Dies wurde mir erst kürzlich bewusst, als ich aus dem kleinen Stapel der noch Ungelesenen auf den Roman von Lisa Genova „Im Traum höre ich dich spielen“ stieß. Der Name der Autorin war mir fremd, deshalb googelte ich und erfuhr, dass sie eine Neurowissenschaftlerin aus den USA sei, die als Jahrgangsbeste an der Harvard-Universität promoviert hatte, daneben die Alzheimer-Erkrankung ihrer Großmutter miterlebte, Mutter von zwei Kindern wurde und schließlich eine wissenschaftliche Karriere ausschlug und alleinerziehende Schriftstellerin wurde. Dass ihr Roman „Still Alice“ über die Alzheimer-Erkrankung verfilmt wurde – Hauptrolle Julianne Moore – und 2015 einen Oscar erhielt, machte mich neugierig auf die Autorin. Ich war mir sicher, meine älteste Tochter habe mir den Roman geschenkt und ich wusste, Bücher von ihr sind immer kleine Sahnehäubchen in meinem Alltag.

Und wieder passierte es: Ich las und las, war gefesselt von diesem Buch und dankbar, dass mein Tom zufrieden war, denn ich war in seiner Nähe, obwohl geistig abwesend. Als ich den letzten Satz gelesen hatte, schrieb ich meiner Tochter eine WhatsApp: „….Ich bin fix und fertig, hab eben dein Buch beendet. Kennst du es? Hast du es vorher auch schon gelesen? Hab die letzten Tage fast ununterbrochen gelesen und hätte dabei nur heulen können. Wunderbar geschrieben, aber grausam schön. Es gehört viel Mut dazu es zu lesen, wenn man weiß, worum es geht. Nur kurz: Einer der weltbesten Pianisten, geschieden von einer ebenfalls hochtalentierten Pianistin, die ihre Karriere zurückstellte, weil sie Mutter wurde, bekommt ALS! Detailliert, fast minutiös genau, wird das Fortschreiten dieser Krankheit geschildert – bis zu seinem Tod. Es ist die grausamste Krankheit, die ich mir vorstellen kann. Du kennst doch Stephen Hawking, den britischen Astrophysiker? Und nun stell dir einen weltberühmten Pianisten vor, mit dieser Krankheit!“
Gleich darauf klingelte das Telefon. Meine Tochter schien untröstlich, konnte sich aber nicht erinnern, mir dieses Buch geschenkt zu haben. Ein Buch ja, aber ein anderes! Ich schickte ihr ein Foto mit dem Cover des Romans, aber sie blieb dabei. „Niemals würde ich dir ein Buch schenken, das dich zu traurigen Tränen rührt“, sagte sie und riet mir, den Film „Deine Juliet“ anzusehen, der mich ganz sicher vom traurigen ALS-Thema ablenken werde. Mittlerweile hatte ich meinen Denkfehler selbst begriffen und wusste, woher ich das Buch bekommen hatte.
Und wenig später hielt ich auch das ‚richtige‘ Tochter-Buch in den Händen. Es war der Roman von Sonia Laredo „Das Glück der Worte“. Auf der Buchrückseite las ich: „Eine sinnliche Erzählung voller Farben und Düfte, über das, was im Leben am meisten zählt: Freundschaft, Liebe, Glück – und das richtige Buch.“ Ich verordnete mir eine kurze Abstinenz vom Lesen emotionsgeladener Romane, so wie ich manchmal auch tagelang um eine Schachtel mit belgischen Pralinen herumschleiche. Aber dann, es war ein regnerischer Januartag, die letzten Advents- und Weihnachtsutensilien waren auf dem Boden verstaut und die Wohnung wirkte wie jedes Jahr um diese Zeit ungewohnt kahl und aufgeräumt, da begann ich mit einem neuen Leseabenteuer und mir wurde wieder warm ums Herz. Schon nach den ersten Sätzen war mir klar: Ja, das war ein Tochterbuch, denn es entführte mich an einem sonnigen Frühlingsmorgen nach Madrid und ich lernte Brianda, eine Lektorin und Literaturverliebte kennen, deren Geschichte mich mit Sicherheit fesseln würde.
Durch meine älteste Tochter hatte ich die spanische, portugiesische und lateinamerikanische Literatur kennen- und lieben gelernt und ihre Buchtipps trafen bei mir immer ins Schwarze. Mit der chilenisch-US-amerikanischen Schriftstellerin und Journalistin Isabel Allende und ihrem Debütroman „Das Geisterhaus“ begann meine Lesereise, die mir eine neue Welt eröffnete. Von den vielen Romanen und Erzählungen dieser Autorin beeindruckten mich neben „Eva Luna“ besonders „Paula“, als das wohl emotionalste Buch von Isabel Allende. Paula ist die schwer erkrankte Tochter, die ins Koma gefallen war und der die verzweifelte Mutter am Krankenbett ihre Familiengeschichte erzählte: „Hör mir zu, Paula, ich werde dir eine Geschichte erzählen, damit du, wenn du erwachst, nicht gar so verloren bist.“ Es folgt die Geschichte Chiles und die der Familie Allende, zu der auch der Onkel Salvador Allende gehörte. Die traurige Mutter legte ihr Herz in die Erzählung, die nach Paulas Tod die Grundlage für einen autobiografischen Roman wird. Ich habe beim Lesen die tiefe Verzweiflung der erzählenden Mutter gespürt, habe mit ihr gelitten, denn ich wusste, die Tochter würde nie mehr erwachen. Ob Paula gehört, gespürt hatte, dass ihre Mutter an ihrem Bett saß und erzählte, erzählte? Übrigens wurden die Werke Isabel Allendes bereits in 27 Sprachen übersetzt und mehr als 51 Millionen Mal verkauft.

Im Rückblick auf die vergangenen Jahrzehnte kann ich selbst kaum glauben, dass ich meine Liebe zur Belletristik ignorieren konnte. Die so genannte Wendezeit hatte es in sich. Ich hatte keine Zeit für die geliebten Romane, Erzählungen, Novellen – besser gesagt: ich konnte sie mir nicht nehmen. Dafür las ich verstärkt Sachliteratur, gab mein Geld für Lexika und Fachliteratur aus, begann mit Fünfzig ein Studium für eine zusätzliche Lehrbefähigung, unterrichtete und studierte parallel, las und korrigierte Unmengen von Klausuren und Hausarbeiten meiner Schüler, die das Abitur anstrebten. Mein Leben war prall gefüllt mit Pflichten und anderen Hobbys, die mir enorm wichtig waren und die keinen Platz für schöngeistige Literatur übrigließen.
Erst als ich mein berufliches Leben beendet hatte, auch die familiären Pflichten sich verringerten und ich mehr an mich denken konnte, begann eine Phase in meinem Leben, die ich als die interessanteste und befriedigendste Zeit in meinem Leben ansehe. Damals war ich dreiundsechzig. Also seit fast zwanzig Jahren lebe ich im Seniorenstatus – und bin glücklich damit. Die Liebe zur Literatur, wobei ich immer noch die Belletristik favorisiere, ist wieder jung und frisch wie eh und je.
Ich mache jetzt einen großen Sprung in die Gegenwart. Vielleicht habt auch ihr die Roman-Verfilmungen in der ARTE-Mediathek gesehen? Und kennt ihr „Bridgerton“ und „Königin Charlotte“? Eigentlich wollte ich einen großen Bogen um diese Serien machen, begriff aber bald die Verbindung mit der Geschichte Mecklenburgs – und war fasziniert.
Und als ich kurz danach „The Paradies“ bei ARTE nach der Romanvorlage von Emile Zola „Das Paradies der Damen“ sah, war diese Serie wie eine Initialzündung für einen Lesemarathon. Die bedeutendsten Romane dieses französischen Schriftstellers des 19. Jahrhunderts standen in meinem Bücherschrank – ungelesen. Das änderte sich im vergangenen Sommer und ich vertiefte mich in den zwanzigbändigen Zyklus zur Geschichte der Rougon-Macquart-Familien, die sowohl der Ober- als auch der Unterschicht im Frankreich des zweiten Kaiserreichs angehörten. „Das Geld“, „Germinal“, „Nana“, „Der Totschläger“ und andere warteten auf mich. Ich tauchte ein in eine mir völlig andere Welt. Der einzige Wermutstropfen: Die Bücher waren Mitte der Fünfzigerjahre unter dem Dach des Aufbau-Verlags bei Rütten & Löning herausgegeben worden und hatten eine für meine Augen winzige Schriftgröße (6 Punkte?) auf gelblichem Papier und die Seiten waren mit je 37 Zeilen gefüllt. Es war anstrengend und nicht sehr leserfreundlich gedacht, dafür sicher sehr ökonomisch für den Verlag.
Und welches sind deine Lieblingsbücher? So werde ich hin und wieder gefragt. Es gibt eine Reihe von Gegenwartsromanen, die ich in den letzten Jahren gelesen haben, die mich tief beeindruckt haben. Ganz oben – und er sollte zur Pflichtliteratur für alle jungen Mädchen und Frauen erhoben werden – steht der Roman von Bonnie Garmus: „Eine Frage der Chemie“. Welch eine wunderbare Frau ist diese Elizabeth Zott! Gerne zitiere ich wieder Elke Heidenreich, die mir aus der Seele schreibt: „In Elizabeth Zott verliebt man sich total. Sie ist so toll und natürlich dargestellt, dass ich sie sogar gegoogelt habe. Die muss es doch wirklich geben, habe ich gedacht! Lange habe ich nicht ein so unterhaltendes, witziges und kluges Buch gelesen wie dieses.“ Ich habe diesen Roman mehrfach verschenkt, natürlich an Frauen!
Letzteres gilt auch für den Roman von Delia Owens: „Der Gesang der Flusskrebse“, die Nummer 1 der Spiegel-Bestsellerliste 2023. Kya Clark, das Marschmädchen wird jedem ans Herz wachsen, jedem, der Kinder und Naturschönheiten liebt. Es ist Liebesgeschichte und Gerichtsdrama zugleich, ein Roman, der die Probleme des Erwachsenwerdens schildert, wenn soziale Einbindung und Zuwendung der Mitmenschen fehlen. Die Protagonistin überträgt ihre tiefe Liebe zur Natur auf den Leser und hinterlässt ein Gänsehaut-Erlebnis. Bei mir war es so.
Text Nr. 5 wird gleich folgen!

Hätte mich jemand als Achtzehnjährige gefragt, wie ich mir meinen Traummann vorstelle, hätte ich sofort antworten können: wie Konstantin, der Bruder von Lydia im Roman „Bruder und Schwester“ von Leonhard Frank. 1929 erschienen, gehörte er ebenfalls zu meinen damaligen Lieblingsbüchern. Eine bezaubernde emotionsgeladene Liebesgeschichte zwischen zwei jungen Menschen wird erzählt, die lange Zeit nicht ahnen, dass sie Geschwister sind. Lange wird der Leser in Spannung gehalten, wie diese verbotene inzestuöse Beziehung überhaupt entstehen konnte und wie sie sich entwickeln wird. Konstantin ist der favorisierte Männertyp in Leonhard Franks Büchern – und ich liebte ihn, sah ihn gedanklich vor mir. Einen solchen Mann, einen Traummann wie diesen, den hätte ich auch irgendwann haben wollen.
Aber neben der Schwärmerei für die Protagonisten in diesem Roman interessierte mich grundsätzlich der Geschwister-Aspekt in der Literatur. Ich bin die Jüngste von vier Geschwistern, die jeweils im Vierjahresabstand auf die Welt gekommen waren. Besonders zu meinem vier Jahre älteren Bruder habe ich eine enge Bindung. Er war so etwas wie Vorbild und Wegbereiter, obwohl unsere Beziehung nicht immer problemlos funktionierte. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass ich den 1963 erschienenen Roman von Brigitte Reimann „Die Geschwister“ mit enormer Anteilnahme las und diskutierte. Das waren wir Geschwister und unsere Ängste, die Eltern könnten in den Fünfzigerjahren mit oder ohne ihre zum Teil erwachsenen Kinder die DDR verlassen wollen. Wir als Familie, als Geschwister, könnten auseinandergerissen werden – eine Möglichkeit, die uns Angst machte. Als 1961 die Berliner Mauer kam, waren wir insofern beruhigt. Ich hatte zu jener Zeit gerade meine Studienzulassung für Germanistik und Geschichte an der Rostocker Uni erhalten.
Mein Lesestoff in den nächsten Jahren, aus eigenem Antrieb oder als Bedingung für ein erfolgreiches Studium, kam unter anderem aus der aktuellen DDR-Literatur. So las ich also u.a. Hermann Kant und Christa Wolf, Erwin Strittmatter, Dieter Noll und Jurek Becker, Anna Seghers, Maxie Wander, hörte Wolf Biermann in der Aula unserer Uni, diskutierte über Literatur, Politik , Geschichte und reiste so oft es ging nach Berlin, um mit meinem Freund und Kommilitonen im Berliner Ensemble oder dem Deutschen Theater Aufführungen anzusehen, schwärmte für Eberhard Esche, aber auch für unser Rostocker Theater unter der Intendanz von Hanns Anselm Perten.
Es waren spannende und interessante Jahre, in denen mich Unmengen an Büchern begleiteten, sodass die große Uni-Bibliothek und der Lesesaal zu meinem zweiten Zuhause wurden und die lange Leseliste zum Literaturexamen sich problemlos füllen ließ. Obwohl diese Prüfung vor fast sechzig Jahren stattfand, erinnere ich mich noch sehr genau an den Unmut meines Professors, als ich mich als Leonhard-Frank-Fan outete. Er wollte wissen, wie der Pazifismus dieses Autors mich begeistern könne angesichts der Tatsache, dass ich in einem Deutschland lebe, indem es Nationale Volksarmee und Allgemeine Wehrpflicht gebe, wir dem Warschauer Pakt angehören und der Kalte Krieg uns belaste. Aber dann wurde ihm offenbar bewusst, dass dies keine Geschichtsprüfung oder Staatsbürgerstunde war, er winkte resigniert ab und die einstündige Prüfung nahm ihren Lauf.
Leider hatten wir an der Uni offiziell so gut wie nichts über die Literatur aus dem deutschsprachigen Raum der westlichen Welt gehört, sofern sie nicht auch bei uns verlegt wurde. Heinrich Böll, Friedrich Dürrenmatt, Ingeborg Bachmann, Elfriede Jelinek, Martin Walser, Kafka – wie gerne hätten wir mehr über sie erfahren.
Als Lehrerin hatte ich vorerst weder mit Literatur noch Geschichte zu tun, denn ich wurde an einer Berufsschule eingesetzt, wo es um Deutsch für schreib- und sprechintensive Berufe ging. Das Fach hieß Sprachkommunikation. Mein neues Berufs- und Familienleben kostete Zeit, die beiden kleinen Töchter und vielfältige Pflichten vereinnahmten mich – und bald wurde mir bewusst: Frauen, die lesen, sind gefährdet! Und dabei dachte ich an Uroma Carolina, denn auch ich bemerkte, dass ich die Welt um mich vergaß, wenn ein Buch mich fesselte. Ja, nehmt es wörtlich: Ein Buch vermag zu fesseln. Ich erinnere mich an eine dreitägige Fortbildung, Übernachtungen waren vorgesehen, obwohl ich nach einer Autofahrt von 35 Minuten wieder zuhause hätte sein können. Und ich wollte wieder nach Hause, denn dort wartete „Jane Eyre“ von Charlotte Bronte auf mich. Ich liebe mittlerweile diese literarischen Reisen in die Vergangenheit, mag Mode, Ausstattung, Sitten und Gebräuche und kann in meinem Kopf ein Kaleidoskop von Bildern entfalten, die mich süchtig machen. Aber – die Lesezeit fehlte mir. Ich zwang mich zur Vernunft und ging den Fesseln aus dem Weg. Jede berufstätige Mutter, die mit ihren alten Eltern in einer Wohngemeinschaft lebt und auch für Haus und Garten zuständig ist, kann das sicher verstehen. Aber es sollten auch wieder andere Zeiten kommen.

Ich war mitten im Teenager-Alter (der Begriff Pubertät war uns damals fremd), ein großes, schlaksiges Mädchen, das mit sich und der Welt eine Menge Probleme hatte, war Schülerin einer Rostocker Oberschule und auf der Suche nach Vorbildern, einem Lebensziel und irgendwann wollte ich auch die große liebe finden.
Was wäre aus mir geworden, wenn ich die Erzählungen, Romane und Novellen von Leonhard Frank nicht kennengelernt hätte? Ich weiß es nicht. Der Aufbau-Verlag in (Ost) Berlin hatte 1957 seine Gesammelten Werke herausgegeben und ich per Zufall den Roman „Die Jünger Jesu“ in die Hände bekommen. Ohne viel über den Autor zu wissen, faszinierte mich die Handlung und die Art zu schreiben, die mich mitleiden und -hoffen ließ: Das zerstörte Würzburg 1946 unter amerikanischer Besatzung war die Kulisse. Elf Kinder, Jungs, hatten sich als ‚Vollstrecker der Gerechtigkeit‘ zusammengetan, um den Reichen zu nehmen und den Armen zu geben. Schuhe, eine warme Decke, eine Hose, kleine Mengen Lebensmittel wechselten die Besitzer. Damals wusste ich nicht, dass Leonhard Frank zu dieser Zeit in den USA lebte, er war ein Exilant, der in Würzburg geboren worden war und zweimal als Verfolgter Deutschland verlassen musste. (Übrigens, wenige Tage nach dem Mauerbau 1961 starb er in München. Ich hatte gerade mein Abitur gemacht.)
Weshalb faszinierte mich dieser Roman damals so? Ich wuchs nicht in Würzburg auf, sondern im stark zerstörten Rostock, und besonders die zerbombte Altstadt hatte eine große Bedeutung für unsere Familiengeschichte. In der Grundschule hatten wir die Erzählung des sowjetischen Schriftstellers Arkadi Gaidar: „Timur und sein Trupp“ gelesen, in der der vierzehnjährige Timur mit Gleichaltrigen heimlich Nachbarschaftshilfe für Angehörige der Frontsoldaten der Roten Armee leistete. Uns Kindern wurden mit dieser Erzählung Begriffe wie Hilfsbereitschaft, Freundschaft und Solidarität erklärt. Und zwar so, dass wir ebenfalls Timur-Trupps bildeten, um besonders alten Menschen und anderen Hilfsbedürftigen eine Freude zu machen.
Ähnlich nachhaltig erinnere mich mich an Willi Bredels Novelle „Die Frühlingssonate“, die später zur geliebten Pflichtliteratur im Deutschunterricht gehörte, ebenso „Djamila“ von Tschingis Aitmatow. Diese Novelle ist für mich übrigens eine der schönsten Liebesgeschichten, und ich las in den nächsten Jahren alles von diesem Schriftsteller aus Kirgistan, was in der DDR veröffentlicht wurde.
Doch zurück zu Leonhard Frank. Weihnachten 1960, ich war achtzehn, erfüllten mir die Eltern meinen größten Wunsch: Sie schenkten mir die sechsbändige Ausgabe der Gesammelten Werke meines damaligen Lieblingsautors. In hellem Leineneinband und durchsichtiger Schutzfolie – so standen sie auf der kleinen Anrichte im Wohnzimmer und ich fühlte mich, als sei ich der glücklichste Mensch auf der Welt. Mittlerweile wusste ich mehr über Leonhard Frank, konnte ihn einordnen als einen der bedeutendsten deutschen Schriftsteller seiner Zeit, wusste, dass er ein sozialkritischer und pazifistischer Erzähler war, der aus den Erfahrungen aus zwei Weltkriegen, der NS-Geschichte, durch Verfolgung und Exil zu seiner humanen und solidarisch geprägten Haltung gekommen war, die mich stark beeindruckte.
Ich weiß nicht, wie oft ich zum Beispiel die Novelle „Karl und Anna“ gelesen habe, eine zutiefst berührende Liebesgeschichte, die Leonhard Frank 1926 geschrieben hatte. Obwohl ich nach dem ersten Lesen den Ausgang kannte, wurde ich auch später immer wieder hineingezogen in diese tragisch-schöne Handlung. Nur kurz: Zwei deutsche Kriegsgefangene sind gezwungen, in der einsamen russischen Steppe Gräben auszuheben. Tag für Tag erzählt Richard seinem Kameraden Karl von seiner Sehnsucht nach Anna, seiner jungen Ehefrau. Karl weiß mittlerweile alles von ihr, der Wohnung, er kennt jedes kleinste Detail aus dem Alltag der beiden Liebenden – und verliebt sich schließlich in diese fremde Frau, wünscht sich, er wäre ihr Mann. Und dann kommt das Unvorhergesehene: Karl gelingt die Flucht aus der Gefangenschaft und sein langer Weg führt ihn zurück nach Deutschland – zu Anna.
Und nun? Ihr solltet die Geschichte selbst lesen. Bis zum Ende ist sie voller Spannung und ethischer Probleme. Übrigens, die Novelle wurde verfilmt, dramatisiert, in viele Sprachen übersetzt und mehrfach adaptiert.
Beim Schreiben dieses Textes bin ich verwundert, wie oft ich mich besonders an diese Art von Literatur erinnere. Gemeinsam ist ihnen die Auseinandersetzung mit Krieg und Nachkriegszeit, die mir als Kind und Jugendliche half, eine Art Kompass zu finden, einen festen Standpunkt zu entwickeln, der mich im Wesentlichen noch heute begleitet. Wen wundert es, dass ich später Germanistik, Geschichte und Philosophie studierte, Lehrerin wurde und mir als Seniorin den Traum vom Schreiben erfüllte. (siehe roter Punkt im Foto, das einen Regalausschnitt bei Thalia zeigt, in dem ein Roman von mir steht.)
Mögt ihr lesen, welche weiteren Bücher mich auf meinem Lebensweg begleiteten? Text (3) folgt bald.

Lieblingsfreundin Rosi schenkte mir vor vielen Jahren einen Bildband mit diesem Titel. Der Autor und Herausgeber Stefan Bollmann hatte lesende Frauen aus neun Jahrhunderten – dargestellt auf Gemälden, Zeichnungen und Fotografien – ausgewählt und diese Darstellungen mit interessanten Erläuterungen ergänzt. Elke Heidenreich schrieb das Vorwort und erklärte in ihrer unnachahmlichen Weise den Titel so: „Wer liest, denkt nach, wer nachdenkt, bildet sich eine Meinung, wer eine Meinung hat, weicht ab, wer abweicht, ist ein Gegner. So einfach lässt sich das erklären.“
Wie glücklich kann ich mich doch schätzen, dass meine Eltern mich niemals vom Lesen abgehalten haben. Im Gegenteil, ihr großer Bücherschrank – übrigens ihr erstes Möbelstück, das sie sich als verliebte Verlobte in den ‚Goldenen Zwanzigern‘ kauften – wurde später Schritt für Schritt gefüllt mit Werken der deutschen Klassik und Bestsellern ihrer Zeit. Als ich Anfang der Fünfzigerjahre lesen und schreiben gelernt hatte, fand ich dort zwar keine Kinderbücher, dafür aber genügend Lesestoff für Erwachsene. Und ich verschlang alles, was lesbar war. Ein Tabu gab es nicht, meine Eltern schienen mir zu vertrauen, dass ich nur das las, was ich auch einigermaßen verstand. Noch heute erinnere ich mich an die beiden Romane des Norwegers Trygve Gulbransson „Und ewig singen die Wälder“ und „Das Erbe von Björndal“, die ich als etwa Zehnjährige las, die in den Sechzigern verfilmt wurden und noch heute als Bücher gekauft, gelesen oder per Streaming angesehen werden können.
Woher kam meine Leseleidenschaft, die in gleichem Maße auch mein älterer Bruder besaß? Unserem Vater war es klar: Die beiden kommen nach ihrer Urgroßmutter, die in der Familie nur ‚die kluge Großmutter Carolina‘ genannt wurde. Sie wurde 1853 geboren, arbeitete auf einem Gut unweit von Rostock als Meierin und verliebte sich in den Stellmacher Ludwig, Sie heirateten und bekamen sieben Kinder. Ich fragte mich oft, wie sie das mit ihrer Leidenschaft für Literatur und Geografie vereinbaren konnte und vor allem, wie war diese Frau zu ihrer Bildung gekommen? Ich weiß nur, dass ihre Vorfahren einst als Hugenotten aus Frankreich geflohen waren und sich in Mecklenburg niedergelassen hatten.
Urgroßmutter Carolina war nicht nur Mutter der großen Kinderschar, sondern hatte auf dem Gut die Verantwortung für alles, was mit Milch zu tun hatte, vor allem die Butter- und Käseherstellung für den Bedarf des Gutes, aber auch für die Vermarktung der Produkte. Sie soll – so würden wir heute sagen – eine clevere und emanzipierte Frau gewesen sein. In jeder freien Minute las sie, las alles, was ihr in die Hände kam, in Reichweite lag immer ein Atlas, und sie erwartete von ihren Besuchern aus der großen Familie, dass sie ihr immer Lesestoff mitbrachten. Mein Vater verlebte als Schuljunge seine Ferien bei seinen Großeltern auf dem Lande und hat dabei eine große Portion Wissensdurst und Klugheit mitbekommen, aber auch erlebt, dass der Haussegen manches Mal schief hing, weil das Essen nicht rechtzeitig auf dem Tisch stand, denn Carolina hatte wieder mal die Welt um sich herum vergessen. Sie hatte gelesen. Mit neunzig Jahren starb sie.
So bin ich sehr, sehr dankbar, dass ich in einer Familie aufgewachsen bin, in der Bildung – und damit Bücher – einen ganz großen Stellenwert besaß. Blicke ich heute zurück und versuche, mich an die unendlich vielen Bücher zu erinnern, die ich in meinem bisherigen Leben gelesen habe, dann bedauere ich besonders, dass ich mir zu selten Notizen gemacht habe. Als ich mir Ende der Achtzigerjahre meinen ersten Computer kaufte, auf dem ich anfangs noch viel übte und ausprobierte, richtete ich mir zuerst eine Datei ein, in der ich Bemerkungen zu den gelesenen Büchern speicherte. Dummerweise hat die Datei nicht überlebt, als ein neuer Computer Einzug hielt. Nun ist es zu spät und ich vertraue auf mein Gedächtnis. Aber ich bin mir sicher, dass die Bücher mich, mein Denken und Verhalten, stark beeinflusst haben.
Gerne möchte ich euch in meiner neuen Kategorie LESELUST an meinen Erinnerungen teilhaben lassen.

Na klar, 2025 soll ein superschönes Jahr werden. An gutem Willen und einer Menge Optimismus mangelt es nun wirklich nicht bei mir. Vor allem nicht an viel, viel Hoffnung. Ich will keine Wunder, keine Lotto- oder Bingo -Gewinne, erwarte keinen neuen Familienzuwachs in diesem so besonderen Jahr. Nein, ich hoffe nur auf Zufriedenheit und Gesundheit von Menschen, die mir nahestehen, und auf Frieden in der Welt. Was sich so simpel und banal anhört, ist so wichtig für mich wie nichts anderes. Und ich bin mir sicher, dass mein Wunsch von den meisten Menschen auf der Welt geteilt wird.
Apropos Wünsche und Hoffnungen. Vor wenigen Tagen bekam ich eine weitergeleitete WhatsApp von einer lieben Freundin, die für die 60 plus-Generation gedacht ist:
„Wir haben ziemlich alles, was wir vor 60 Jahren gern wollten: Wir gehen nicht mehr zur Schule und nicht mehr arbeiten, wir haben ein monatliches Taschengeld und menschenwürdige Wohnungen. Wir sind nicht gezwungen, pünktlich nach Hause zu kommen. Manche haben einen Führerschein und sogar ein eigenes Auto. Menschen in unserem Alter haben keine Angst, schwanger zu werden oder jung zu sterben, denn wir haben das große Glück, alt geworden zu sein. Das Leben hat es bisher also gut mit uns gemeint. Außerdem: Wir sind unglaublich klug. Unser Gehirn ist allerdings langsamer geworden, weil es mit Wissen überladen ist, und deshalb länger unter den Tonnen von Wissen und Erlebtem nach den notwendigen Fakten suchen muss. Auch drücken die Unmengen von angesammelten Gedanken manchmal auf das Innenohr, weshalb einige von uns schlechter hören. Es ist, als würde sich eine Computerfestplatte verlangsamen, weil sie voller Dateien ist. Unser Gehirn ist also nicht schwächer geworden, sondern hat manchmal zu viele Informationen angesammelt.
Einige von uns klagen darüber, dass sie hin und wieder in ein Zimmer kommen und plötzlich nicht mehr wissen, was sie dort eigentlich wollten. Oder sie können sich nicht erinnern, wo sie etwas deponiert hatten, das sie nun aber vermissen. Das ist wie ein Blackout, den wohl auch unsere Kinder kennen. Warum ist das so? Das ist kein Speicherproblem! Sondern die Natur zwingt uns damit, wenigstens ein wenig mehr in Bewegung zu bleiben, indem wir suchen, an den Ausgangspunkt zurückgehen …
Wir wollen es auf den Punkt bringen. FÜR ALLE ÜBER 60:
Ihr werdet gemerkt haben, manches sollten wir mit einem `Augenzwinkern‘ lesen. Und doch, der anonyme Verfasser fordert uns zum Mit- und Nachdenken auf – sicher in der Hoffnung, dass es für jeden von uns ein schönes Jahr werden wird. Machen wir was draus, aus diesem besonderen Jahr, das mit hundertprozentiger Sicherheit in die Geschichtsbücher eingehen wird. Den Inhalt bestimmt jeder von uns mit!
