Kummer, der Preis für große Liebe

    Endlich ein richtiger Julitag mit blauem Himmel, leichtem Wind, 28 Grad. Herrlich! Ich sitze im Garten, Tom hält seine Kaffeetasse in der Hand, liest die Lokalzeitung, d.h. er blättert sie durch, liest Überschriften, Untertitel, schaut sich die Fotos an, fragt mich hin und wieder nach ihm unverständlichen Wörtern, rätselt ein wenig – und irgendwann wird er wieder von vorne beginnen, wird wieder nach der Bedeutung derselben Wörter fragen. Aber es stört mich nicht, wir sind zufrieden. Keiner hat das Verlangen, die „Warnemünder Woche“ zu besuchen oder in unser früher so geliebtes Graal-Müritz oder nach Markgrafenheide zu fahren. Es wäre kein Problem. Ich müsste nur den Rollstuhl aus der Garage holen, ihn im Auto verstauen. Nein, heute nicht!

    Ich denke, grüble, telefoniere mit der Freundin im fernen Strausberg, erinnere mich an den Sonntagsbesuch bei der Schwester im Pflegeheim. In zwei Wochen wird sie 94 und ist mir immer noch eine kluge Ratgeberin. Aber auch sie braucht einen Rollstuhl. Ich muss auf andere Gedanken kommen und lese ein paar Seiten in Ute Lempers Autobiografie. Nein, ich kann mich nicht konzentrieren, schade um den interessanten Lesestoff. Immer wieder schweifen meine Gedanken ab.

     Gestern war ein Tag, den ich nicht einfach abhaken kann. Erledigt, der nächste bitte. Was war passiert? Tom hatte von einer Fachärztin eine Überweisung plus Brief an einen Fachkollegen, Professor in der Unimedizin,  bekommen. Das heißt, ich hatte dies bekommen, denn ich war in Sorge um seine Gesundheit. So ist das eben bei uns. Es ging vorerst um ein Beratungsgespräch, zu dem ich ohne Tom kommen konnte. Der Arzt hörte sich meine Sorgen an, ließ sich Symptome und Toms Krankengeschichte beschreiben, sah sich ein Foto von ihm auf meinem Handy an,  hatte seine  Krankenakte auf dem Computer vor sich. Er fragte, hörte mir aufmerksam zu, nahm sich Zeit für mich. Kurz, es war ein vertrauensvolles Gespräch, das ich so nur von unserer Hausärztin kenne. Er riet mir, mich in Ruhe – wenn möglich mit Tom gemeinsam- zu entscheiden. Es könne ein Tumor sein, der sein Unwesen treibe, es könnten aber auch ganz simple Ursachen sein, die zu den Symptomen passen würden. Eine Untersuchung – unter Narkose – könnte Klarheit bringen. „Und was dann? Wollen Sie es wirklich wissen und möchten Sie die eventuellen Konsequenzen für Ihren Mann, für sich und die Familie wirklich erleben? Es würden schwere Zeiten auf Sie zukommen und Ihr Mann wird das mit seinen fast 84 Jahren und seiner medizinischen Vorgeschichte nicht einfach wegstecken können. Und Sie?“ 

Nachdenklich, aber irgendwie erleichtert fuhr ich wieder nach Hause. Nein, wir werden optimistisch denken. Alles wird gut und gut bleiben, möglichst noch für ein paar Jahre. Als ich das einer meiner Töchter am Telefon erzählte, bestärkte sie mich in meinen Gedanken, stellte mir aber gleich darauf eine weitere Denkaufgabe, mit deren Lösung ich mich nun herumschlage.  „Jedes Mal, wenn wir wissen, du bist ohne Tom unterwegs, machen wir uns Sorgen. Nicht wegen deiner Fahrtüchtigkeit, sondern einfach deswegen, dir könnte irgendwas passieren. Ein dummer Unfall, du brichst dir das Bein, ein Blödmann fährt dir ins Auto. Du kommst nicht nach Hause, kannst Tom nicht benachrichtigen, da er nicht ans Telefon geht. Er wartet verzweifelt, ist ohne dich hilflos. Du weißt, er braucht dich rund um die Uhr. Wer sagt ihm und uns Bescheid? Wer sorgt für ihn ein paar Stunden, bis wir in Rostock sein können. Du kennst die Entfernungen zwischen uns und euch.“ 

Ich beruhigte sie, verwies auf Notfall-Nummern, die in meinem Führerschein und den anderen Ausweisen stecken, redete von Verhinderungspflege durch Pflegeheime, vom Pflegedienst, den ich zwar nicht mehr in Anspruch nehme, der aber unsere Situation durch die notwendigen Beratungsgespräche gut kennt. Ja, aber natürlich hatte die Tochter recht. Das Zwischenglied fehlt. Jemand, der einen Schlüssel hat, uns seine Handynummer und sein Vertrauen gibt. Jemand, dem Tom vertraut, der weiß, was im Notfall zu tun ist und der in der Nähe wohnt. Verflixt, es gibt leider Situationen, in denen ich Tom und seinen Rollstuhl nicht mitnehmen kann. (Gerade erhielt ich per Mail eine Einladung zur Signierstunde für meinen Roman. Es sind doch maximal nur zwei Stunden!)

    Noch ganz in Gedanken,  klingelte das Telefon. Nur einen halben Satz brauchte ich zu hören, da wusste ich schon, es war etwas passiert.  „Annes Tochter ist gestorben! Wollen wir uns nächste Woche trotzdem bei mir treffen? Was meinst du?“ Das durfte einfach nicht wahr sein. Annes einzige Tochter, gleicher Vorname, gleiches Alter wie unsere Jüngste, mit der ich gerade telefoniert hatte, lebte nicht mehr? Ich war zutiefst erschüttert. „Nein, natürlich verschieben wir es, wollen wir etwa alle wie im Chor in Tränen ausbrechen?“ Wie konnte das passiert sein? Wie sollten wir reagieren? Würden die  verzweifelten Eltern überhaupt ans Telefon gehen? 

Wir, das ist eine Gruppe von neun ehemaligen Kolleginnen von Tom, die lange Jahre in einer Betriebsakademie gearbeitet hatten. Sie, ihre Ehepartner und Kinder waren im Laufe der Jahre echte Freunde geworden und hatten das „Sozialistische Kollektiv“ mit Leben erfüllt. Weder die Auflösung unseres Betriebes und der dazugehörenden Akademie nach der Wende, der Tod einiger Freunde, später die Corona-Jahre oder der Umzug unserer fast neunzigjährigen Veteraninnen in Pflegeheime konnten an unserem Zusammenhalt und unserer Vertrautheit etwas ändern. Anne und ich – beide Anfang achtzig – gehören zu den Jüngsten unserer Gruppe.

Heute Vormittag telefonierte ich mit ihr. „Sie hatte Krebs, es gab keine Hoffnung mehr. “ Bis zuletzt hatten die Eltern nicht gewusst, dass sie ihre Tochter verlieren würden.  Mich packte hilfloser Zorn. Mit Mitte fünfzig schon sterben? Ich weiß, es gibt keine Reihen- oder Rangfolge und auch schon Kinder und Jugendliche können auf diese Weise ihr Leben verlieren. Ist das Leben ein einziges Lotteriespiel, in dem der große Gewinner derjenige ist,  dessen Familie von diesem Leid verschont bleibt? Verdient hat niemand einen solchen Kummer und Gerechtigkeit gibt es schon gar nicht in diesem Lebensspiel. Also wünschen wir von ganzem Herzen Gesundheit und Glück allen, die wir lieben und mögen. Dazu Umsicht und Vorsicht, Verstand und viel Empathie für Betroffene und Hinterbliebene. 

Veröffentlicht von hedera77

Bin ein echtes Ostseekind, geboren in Rostock an der Warnow und noch heute glücklich - hier in meinem Elternhaus. Seit 18 Jahren bin ich im Ruhestand, der alles andere als ruhig ist. Immer noch bin ich neugierig - im Sinne von wissbegierig - und teile gerne meine Gedanken mit anderen denkfreudigen Menschen, egal welchen Alters.

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