Dezemberzauber

Verflixt, sie hat mich wieder gepackt! Sie? Ja, diese seltsame Anspannung in der Adventszeit, die ich doch in diesem Jahr nicht zulassen wollte. War ich nicht alt, erfahren und abgeklärt genug, um mich völlig unaufgeregt einfach nur freuen zu können auf die schönste Zeit im Jahr?

Natürlich, der Schnee war schuld, er irritierte mich. Gestern noch blühten die Geranien in meinen Blumenkästen, Birke und Pappel waren voller Laub – aber dann, sachte und lautlos, hatte in der Nacht herrlicher Pulverschnee Garten und Straßen bedeckt, unser Gehweg war in aller Frühe schon vom Nachbarn gefegt worden – so, wie in den Jahren zuvor. Aber es war doch viel zu früh, kaum Dezember, dass der Winter zeigen musste, dass er’s noch kann. Keine Hektik, beruhigte ich mich. Doch ich kenne mich. Wie ein alter Motor, erst unwillig stolpernd, dann aber zuverlässig rotierend, begann das gewohnte Ritual. Geranien abschneiden, Tannenzweige mit Lichterkette in die Blumenkästen stecken, Adventsschmuck vom Boden holen …

Ein langer Blick auf den Kalender ließ mich allerdings leicht zusammenzucken: Wo ist der vierte Advent? Wer hat diese unsägliche Kopplung zugelassen? Aber mir fiel zum Glück das Gelassenheitsgebet ein, denn daran konnte ich nun wirklich nichts ändern.

Ändern kann ich auch nichts an der Menge von Spendenwünschen, die wie jedes Jahr um diese Zeit in unserem Briefkasten landen.  Oft waren Kalender, Weihnachtskarten oder Fotos mit traurig blickenden Hunden beigefügt. Leute, bin ich Millionärin? Wisst ihr nicht, dass ich seit Jahren  regelmäßig zahlende zuverlässige Spenderin bin, der das Wohl von Pflanze, Tier und Mensch am Herzen liegt? Und nun noch die Indianerkinder in Amerika, blinde Auszubildende, rumänische Straßenhunde? Und doch: „Ein Herz für Kinder“, die TV-Sendung am Samstagabend ist fest eingeplant und es gibt mir ein gutes Gefühl, wenn am Schluss eine schöne Summe zusammengekommen ist, zu der ich ein wenig beigetragen hatte. 

Doch den größten gedanklichen Raum nimmt die Familie ein und wie in jedem Jahr ist es eine logistische Meisterleistung, das Besuchsprogramm zu organisieren. Mittlerweile wissen wir, wer wann mit wem kommt. Wohin? Natürlich zu uns. Anders geht’s nicht, das ist allen klar. Außerdem war es schon immer so. Irgendwie lustig, dass sich das Besuchen in diesem Jahr notgedrungen in die Länge zieht – bis Mitte Januar. Und wieder ist der Kalender schuld, aber auch die immer größer werdende Familie, die fehlenden Urlaubs- und Brückentage, die weiten Entfernungen und und und. Aber wer kennt das nicht? Schlimm, nein entsetzlich und unvorstellbar, wenn solche Überlegungen nicht stattfinden würden – weil es überhaupt keine Familie gibt oder man sich nicht sehen möchte oder kann.

Nun kann ich meinen Motor einen Gang runterschalten und in Ruhe alles weitere überlegen.  Dazu haben wir einige Rituale entwickelt, die uns lieb geworden sind. Nach dem Frühstück suchen Tom und ich das aktuelle Türchen unseres Adventskalenders „Rätsel & Tee“, den unsere jüngste Enkelin uns schon im Oktober geschenkt hatte. Dazu müssen wir unsere Mathekenntnisse reaktivieren, brauchen die Grundrechenarten und sollen Wurzeln ziehen können, damit wir das aktuelle Datumskästchen mit dem Teebeutel für den Nachmittag finden. Die beiden Teetassen dazu schenkten uns unsere jungen Enkeleltern. Enttäuschend nichtssagend sahen sie aus, als ich sie in den Händen hielt. Außen schwarz, innen weiß. Aber dann, als ich das kochende Wasser auf die Teebeutel goss, entstand wie von Zauberhand ein Foto von mir mit der lachenden kleinen Urenkelin auf dem Arm und dazu ein Satz, der auch mein Herz erwärmt. Tom, der Uropa, hatte eine ähnlich gestaltete Tasse bekommen,

Dezemberzauber in der Adventszeit. Halten wir ihn fest und genießen ihn, anstatt auf das norddeutsche Schmuddelwetter zu schimpfen, das den Pulverschnee schmelzen ließ. Spätestens mit der Knallerei am 31. ist er sowieso wieder verflogen.

Verflogen. Dabei fällt mir ein: Das Polarlicht kenn ich leider nur von Fotos. Dafür entschädigt hat mich aber schon mehrmals die ISS, die Internationale Raumstation, die am abendlichen Himmel langsam vorüberzog. (Im Internet sind die Zeiten der Überflüge veröffentlicht!)

Habt eine schöne Zeit und bleibt gesund.

Veröffentlicht von hedera77

Bin ein echtes Ostseekind, geboren in Rostock an der Warnow und noch heute glücklich - hier in meinem Elternhaus. Seit 18 Jahren bin ich im Ruhestand, der alles andere als ruhig ist. Immer noch bin ich neugierig - im Sinne von wissbegierig - und teile gerne meine Gedanken mit anderen denkfreudigen Menschen, egal welchen Alters.

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