Himmelhoch jauchzen! Aber dann …

Winter auf Rügen

Seit über drei Monaten lebte ich mit einer inneren Freude auf diesen Tag, den 20.März. Enkel Nr.3 (vom Alter her gesehen) hatte die lange Autofahrt von Jena über Rostock zurück ins Sauerland auf sich genommen, um uns, seine Großeltern, zu seiner Hochzeit einzuladen. „Wir würden uns riesig freuen, wenn ihr dabei sein würdet. Was meinst du, Omi, schaffst du die lange Autofahrt mit Opi?“ Was für eine Frage. Natürlich würden wir kommen. Seit über sechzig Jahren fahr ich Auto, fast täglich bin ich unterwegs, hatte mit Tom ein paar Wochen zuvor gerade den jüngsten Urenkel in der Hamburger Gegend kennengelernt, also Autobahn, Hotelübernachtung, mit Navi durch fremde Städte, Tom und Rollstuhl – das alles ging problemlos, war alles nur eine Frage der Logistik.

So kreisten in den nächsten Wochen meine Gedanken immer öfter um dieses große Ereignis. Die Eltern des Bräutigams, also unsere Tochter und Schwiegersohn, hatten beizeiten die Unterkünfte für uns ausgesucht. Sie sollten in der Nähe des Standesamts und des Restaurants für die Feier liegen, sollten mit Rollstuhl gut erreichbar und besonders für Tom bequem und gemütlich sein. Unsere Kinder schickten Fotos mit Treppenstufen und Parkplätzen und versprachen Hilfe, wann immer wir sie benötigten. Ich versuchte unterdessen, meine Rückenschmerzen zu besiegen und die tausend kleinen, aber wichtigen Dinge zu überlegen, die ich vor allem für Tom benötigte.

Etwa zwei Wochen vor der Abreise rief mich ein mir sehr nahestehender Vertrauter an, den ich seit frühester Kindheit kenne. Ich kann kaum noch zählen, wie oft wir in der Vergangenheit zu viert unsere Geburtstage gefeiert, in den Urlaub gefahren sind, uns besucht und über Gott und die Welt miteinander geredet hatten. Als ich ihm von unserer bevorstehenden Hochzeitsreise erzählte, zu der eine Fahrt per Bahn nicht möglich war, sagte er: „Fahr doch alleine, du kannst zwischenzeitlich Tom in diese Verhinderungspflege bringen. Er kriegt doch sowieso nichts mehr mit, vergisst doch alles gleich wieder.“ Zum Glück klingelte es in diesem Moment an der Haustür und ich beendete das Gespräch. Selten, dass mich ein Satz so getroffen, empört und gleichzeitig traurig gemacht hatte. Als ich Tom von dem Gespräch erzählte, sagte er: „Wie kommt er darauf? Der kann mir gestohlen bleiben, zu dem fahr ich nie wieder hin!“

Nach einigen Stunden des Nachdenkens schrieb ich eine WhatsApp. „Du scheinst keine Ahnung zu haben, wie sehr unsere Familie miteinander verbunden ist und wie wichtig Tom auch für die Schwiegersöhne und Enkelkinder ist. Ganz zu schweigen davon, dass ich keine fröhliche und glückliche Minute auf dieser Reise hätte, wäre Tom nicht bei mir. Wann ist der Mensch ein Mensch? Hört er für dich auf, geliebt und respektiert zu werden, wenn er nicht mehr hundertprozentig funktioniert?“ Seine Antwort auf diese Mail zeigte Unverständnis, er habe doch in erster Linie an mich und mein Wohlbefinden gedacht. Ich brauche doch mal eine Auszeit, Pflege sei anstrengend. Er könne meine Empörung nicht nachvollziehen. Das war’s dann wohl mit uns? Ich weiß es nicht.

Wir hatten vier wunderschöne Tage in Paderborn und im Sauerland. Das Wichtigste aber war die Hochzeit. Die beiden Glückskinder hatten sich vor fast zehn Jahren, mit sechzehn, ineinander verliebt und waren auch nach dem Abi unzertrennlich geblieben. Freunde aus der Schulzeit waren ihre Trauzeugen, dazu kamen Kollegen, Nachbarn, Handballfrauen, die vom Bräutigam trainiert werden, und natürlich die Familie. Es tut einfach nur gut, so viel Liebe, Freundschaft und herzliche Verbundenheit zu spüren. Möge es ewig so bleiben.

Am Sonntag nach dem gemeinsamen Frühstück starteten wir zur Rückreise. Keine Trucks auf der Autobahn, kaum Staus, sonniges Frühlingswetter. In fünf Stunden würden wir in Rostock sein. So dachten wir. Doch dann kam das Maschener Kreuz, A7, südlich von Hamburg, Großbaustelle, von drei Spuren auf eine, mehr stehen als fahren. Wir schlichen voran – und plötzlich begann es!

Unser Golf stotterte, rote Leuchten ploppten mit einem kurzen *Bing* auf dem Armaturenbrett, das Gaspedal reagierte kaum noch – Golfi streikte oder er konnte nicht mehr, der Ärmste. Oh, wie ich diese Symptome doch kannte. Sofort wusste ich, dass die Einspritzdüse Nr.3 seinen Geist aufgegeben hatte. Nr.1 hatte auf der Fahrt zu einer Goldenen Hochzeit in Buxtehude 2018 ihr Lebenslicht ausgeblasen, Nr.2 geschah das gleiche vor eineinhalb Jahren, als wir von der Hochzeit unserer Enkelin in der Hamburger Gegend gekommen waren – und nun war es wieder eine Hochzeit! Unser treuer Golf Variant, an dem uns nichts, aber rein gar nichts störte, litt an diesem lebenswichtigen Problem. Wir waren Opfer des Diesel-Skandals, das Auto hatte damals eine neue Software bekommen, und damit fing das Dilemma an, sofern man überwiegend Kurzstrecken fährt, so wie wir. Die erste Reparatur bezahlte VW, die zweite mussten wir selbst bezahlen. Und nun – es würde eine teure Hochzeitsreise werden.

Ich wusste, was zu tun war. Vor allem musste ich von der Baustelle weg, um parken und das Warndreieck aufstellen zu können, dann ADAC-Abschlepper anfordern, der nach relativ kurzer Wartezeit kam und uns nach Seevetal auf sein Werkgelände brachte und Golfi wieder auf die Erde setzte. Ich staunte über Tom, der sich mit Unterstützung des Fahrers klaglos auf den Beifahrersitz des Abschleppwagens quälte und am Zielort wieder runterkletterte. Eine Großraumtaxe wurde bestellt, Rollstuhl, Rollator, Koffer, Kleidersack eingeladen und wir fuhren nach Hamburg, wo wir ein Leihauto bekommen sollten. Alles klappte, obwohl es mittlerweile später Nachmittag geworden war.

Dann kam der rettende Pkw, ein VW Polo. mit kleinem Kofferraum, der bis unters Dach vollgepackt wurde. Der Wagen war durch den Mitarbeiter rückwärts herausgefahren worden. „So, dann mal gute Fahrt!“, wünschte er uns. Was, ich sollte rückwärts auf die belebte Hamburger Straße fahren, ohne die geringste Ahnung, wie ich zur Autobahn Richtung Lübeck kommen sollte? Vor allem aber: Ich saß in einem Automatik-Pkw. Noch nie in meinem Leben hatte ich ein solches Auto gefahren. Also, lebensmüde bin ich nun wirklich nicht. Aber ich wollte mit Tom endlich nach Hause. Schließlich wurde mir dann das Navi auf Rostock eingestellt, aber so, dass ich nur die freundliche Frauenstimme hörte, das Display aber von Firmenwerbung versperrt wurde. Eine genervte Kurzunterweisung wurde gegeben – aber schließlich stand ich kurz nach zwanzig Uhr vor unserer Rostocker Haustür.

Nachdem ich Tom ins Haus gebracht hatte, schrieb ich sofort in unsere Familiengruppe, dass wir gut gelandet seien. Ein großes Aufatmen war das Echo, sie hatten uns schon sonstwo vermutet, nachdem ich am Vormittag von unserer Autobahnpanne berichtet hatte, dann aber niemand wusste, wo wir geblieben waren. Nun wurde ich zur ‚Heldin der Familie‘ ernannt und die Freude war groß.

Morgen kann ich Golfi wieder abholen. Er war per Sammeltransporter nach Rostock in das VW Autozentrum gebracht worden, in der wir ihn gekauft hatten und wo seine chronische Krankheit bekannt war. Meine Diagnose wurde bestätigt, Einspritzdüse Nr.3 war total defekt, Nr.4 wird nun ebenfalls ausgewechselt – und dann kann Golfi mit uns weiter alt werden. Und wenn unser Enkel Nr.2 heiraten möchte, oder vielleicht die 22jährige Enkelin, die übrigens mit einem Gipsarm an der Hochzeit teilnahm, weil ihr eine Bisamratte ins Fahrrad gelaufen und beide gestürzt waren, dann also sind wir gern wieder dabei. Bis dahin hab ich sicher schon längst vergessen, wie teuer die Reparatur sein wird. Nicht vergessen aber werde ich, wie beruhigend eine ADAC-plus Mitgliedschaft ist. Danke für die umfassende Hilfe.

Übrigens, Tom hat wirklich schon viel vergessen von unserem Abenteuer „Hochzeit“. Aber wenn wir gemeinsam die vielen schönen Fotos ansehen, lächelt er glücklich. Und wenn es ihm gut geht, dann geht es auch mir gut.

Habt eine schöne Osterzeit.

Veröffentlicht von hedera77

Bin ein echtes Ostseekind, geboren in Rostock an der Warnow und noch heute glücklich - hier in meinem Elternhaus. Seit 18 Jahren bin ich im Ruhestand, der alles andere als ruhig ist. Immer noch bin ich neugierig - im Sinne von wissbegierig - und teile gerne meine Gedanken mit anderen denkfreudigen Menschen, egal welchen Alters.

Hinterlasse einen Kommentar