Ausgeknockt, niedergestreckt – und das ich?

Brunnen „Warnemünder Umgang“

Fast hatte ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich auf Fragen nach meinem Befinden lächelnd beteuern konnte, dass es mir wirklich gut gehe. Selbst kleinste Wehwehchen machten einen Bogen um mich. Körper und Geist funktionierten problemlos und taten was sie sollten. So wie es war, so sollte es bleiben. Ja, so musste es bleiben, denn mein Tom braucht mich, seine gesundheitlichen Baustellen benötigen meine physische und mentale Kraft.

Doch dann passierte es: Tom hatte einen Arzttermin, d. h. ich musste viermal den Rollstuhl in den Kofferraum unseres Kombis hieven und später durch den frischgefallenen Schnee zur Praxis schieben und wieder zurück zum Parkhaus. Aber was soll’s. Ich nahm es wie immer als sportliche Herausforderung. Das Problem kam in der folgenden Nacht durch einen defekten Blasenkatheter, wodurch Toms Bett „geflutet“ wurde. Das war in den vielen Jahren noch nie passiert. Ich sprang aus dem Bett um zu retten, was zu retten war. Nun will ich das Malheur nicht im Detail beschreiben. Nur soviel: Nach Ersthilfe in der Nacht begann am nächsten Vormittag die große Sanierung. Ich hievte die schwere Matratze aus dem Bett, demontierte sie soweit es ging, um zu waschen, was waschbar war. Später alles wieder retour. Insgesamt eine Herkulesarbeit, die mir mein Rücken nicht verzieh.

Ich humpelte zur Apotheke, um mich mit ThermaCare zu bevorraten, denn das Wochenende stand bevor. Dabei war ich immer noch im Glauben, es wird schon wieder werden. Was von alleine kommt, das geht auch wieder alleine. Aber die Schmerzen blieben, bzw. wurden immer schlimmer. Das hatte ich noch nie erlebt: Ich lag nachts im Bett, hatte das dringende Bedürfnis, mich auf die Seite zu legen oder auch aufzustehen. Nichts ging, wie gelähmt konnte ich mich in keine Richtung bewegen, geschweige denn aufstehen. Und dann schlich sich ein Gefühl der Panik in meine Gedanken. Was soll nur werden, was sollte mit Tom werden, wenn ich ihm nicht helfen kann, weil ich nicht mal aus dem Bett komme? Und am Montag um 8 Uhr hatte ich einen wichtigen Termin beim Hautarzt, den ich schon seit einem viertel Jahr hatte. Vorsorge – das musste sein.

Ich will’s kurz machen: Was muss, das muss. Irgendwie kam ich aus dem Bett. Mit Hilfe guter Nachbarn wurde Schnee vorm Haus gefegt, ich zum Arzt und wieder nach Hause gebracht, am dritten Tag quälte ich mich ins Auto, um zum Orthopäden, später zum Röntgen und zur Physiotherapie zu kommen. Alles mit starken Schmerzmitteln.

Mein Tom sah mich mitfühlend und hilflos an: „Tut dir was weh? Kann ich helfen?“ Obwohl ich ihm ständig etwas vorjammerte und vor Schmerzen quiekte, vergaß er gleich darauf, was mich quälte und ich wurde nach kurzer Zeit erneut gefragt.

Doch etwas Gutes hat die Geschichte – und deshalb erzähle ich sie auch: Endlich hatte ich begriffen, dass auch mein ewiger Gesundheitssonnenschein ganz plötzlich in Gewitter und Regen umschlagen konnte. Also wurde ich aktiv: Bestellte einen Hausnotruf, der fast umgehend geliefert und eingerichtet wurde. Dazu einen Schlüsselsafe, damit potentielle Nothelfer auch ins Haus kommen konnten. Unser geliebtes alkoholfreies Abendessen-Bier wurde per Bringedienst geliefert, ebenso HelloFresh, um das Einkaufen und Kochen für mich zu reduzieren. Ich klopfte mir anerkennend auf die Schulter, dass ich mit Handy und Internet umgehen kann, um das alles organisieren zu können. Vor allem, dass ich nette Nachbarn habe, die ich seit Ewigkeiten kenne und die in der Not helfen und schließlich, dass ich eine leidenschaftliche Autofahrerin bin und somit zu Arzt, Apotheke und Physio komme, obwohl jede Bodenwelle mir durch ‚Mark und Bein‘ schoss.

Apropos Physio. Sebastian, den Therapeuten, kenne ich schon seit der Zeit, als ich meinen Tom begleitete und quasi bei ihm hospitierte. Nun war ich selber seine Patientin. „Sie müssen mehr an sich denken“, mahnte er. „Es ist zu viel für Sie, Ihr Mann braucht Sie rund um die Uhr, Sie aber sind krank, brauchen Schonung, können sich nur sehr vorsichtig bewegen. Sie brauchen Hilfe!“ „Und was schlagen Sie vor?“ Ich ahnte schon seine Antwort. „Tagespflege! Ihr Mann wird morgens abgeholt und nachmittags wieder zu Ihnen zurückgebracht. Das wäre die Lösung für Sie!“

Natürlich kenne ich diese Möglichkeit, aber ich kenne auch meinen Tom. Er ist liebevoll und pflegeleicht, leidet nicht unter seinen körperlichen und geistigen Defiziten, sondern ist zufrieden, wenn er in seinem Sessel sitzend die Zeitung kreuz und quer lesen kann – vor allem aber, wenn ich in seiner Nähe bin. Er ist introvertiert, braucht keine „Leidensgefährten“, mit denen er kommunizieren könnte. Wie sollte ich gesund werden, wenn Tom tief unglücklich sein würde? Und so philosophierten wir ein wenig – Sebastian und ich, fast 60 Jahre liegen zwischen uns, – über den Wandel der Liebe im Leben eines Paars. „Es ist, wie es ist, sagt die Liebe. Irgendwie werden wir aus dieser kleinen Talsohle wieder herausfinden. Ganz bestimmt. Und zum Wochenende reisen die Kinder an, die sich mehr Sorgen machen als ich.

Bleibt gesund und passt auf euch auf!

Veröffentlicht von hedera77

Bin ein echtes Ostseekind, geboren in Rostock an der Warnow und noch heute glücklich - hier in meinem Elternhaus. Seit 18 Jahren bin ich im Ruhestand, der alles andere als ruhig ist. Immer noch bin ich neugierig - im Sinne von wissbegierig - und teile gerne meine Gedanken mit anderen denkfreudigen Menschen, egal welchen Alters.

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