
Kennt ihr die neue Netflix-Miniserie His & Hers? „Seine und ihre“, so übersetzte meine Tochter den Titel, als sie mir diese Serie empfahl. „Also verschiedene Sichtweisen, Standpunkte. Es sind sechs Folgen, ist ein verworrenes Drama, ein Psychokrimi, bei dem du nicht nebenbei stricken oder rätseln solltest, sonst kommt man mit der Handlung nicht zurecht. Wir dachten bis zum Ende, dass wir den Täter für die grausamen Morde kennen würden. Aber dann! Das Ende! Unfassbar und absolut nicht voraussehbar. Sieh sie dir doch mal an. Wir sind gespannt, ob die Serie dir gefällt.“
Natürlich machte sie mich neugierig und an zwei Abenden lebte ich in der düsteren Atmosphäre einer amerikanischen Kleinstadt, versuchte, die verworrene Handlung der zwei Zeitebenen zu verstehen, begriff von Folge zu Folge mehr, wie die handelnden Personen miteinander verstrickt waren, und war am Ende fassungslos von der unerwarteten Wendung. Fast hätte ich mir alles noch einmal angesehen, dann aber mit dem Wissen, wie die Geschichte endet. Natürlich wäre es unverzeihlich, wenn ich hier den Schluss verraten würde. Aber er brachte mich auf den Gedanken, meinen Blogbeitrag mit der Überschrift Mütter und Töchter zu versehen. Denn während ich mich abends in die Krimiwelt vertiefte, blätterte ich tagsüber in dem Buch, das ich schon seit etwa zehn Jahren in meinem Bücherregal stehen hatte und in das ich hin und wieder mal hineinschaute. Nun hatte ich gerade beschlossen, es einer meiner Enkelinnen zu schicken, die uns vor einigen Monaten zum zweiten Mal zu Urgroßeltern gemacht hatte. Es trägt den Titel „Was ich dir sagen will – Mütter schreiben ihren Töchtern“.
Kristine van Raden und Molly Davis hatten Mütter in aller Welt gebeten, einen Brief an ihre Töchter zu schreiben. Sie wollten erfahren, was sich Mütter für ihre Töchter wünschen, unabhängig von ihren Lebensumständen, ihrer Herkunft, Ausbildung, ihrem Glauben , ihrer Kultur. Die vielen Gedanken und Weisheiten, die in den 43 ausgewählten Briefen zu Papier gebracht wurden, berühren mich immer wieder und machen mich nachdenklich und dankbar. Denn es ist wirklich nicht selbstverständlich, dass – wie bei uns – vier Generationen einer Familie in herzlicher Verbundenheit zueinander leben., obwohl die räumliche Entfernung nicht unerheblich ist. Und deshalb gefällt mir dieses Büchlein so sehr. Ich empfinde es als Appell – nicht nur an die Mütter – ihre Gedanken und Empfindungen in Worte zu fassen, aufzuschreiben, was uns bedrückt, was uns glücklich und dankbar macht und dies auch unsere Lieben wissen zu lassen.
Ich habe schon seit Jahren eine Datei „BRIEFE“ in meinem Computer. Es sind Schreiben an die Familie, an Freunde und mir wichtige Menschen, die ich zu besonderen Anlässen verschickt hatte. Zugegeben, solche Briefe wurden selten handschriftlich verfasst, aber je nach Empfänger liebevoll gestaltet. Ich habe ein Grauen davor, wenn ich mir vorstelle, dass es irgendwann völlig unüblich sein könnte, einen persönlichen Brief zu schreiben. Irgendwann werden auch bei uns die gelben Briefkästen verschwinden, weil das digitale Schreiben und Versenden doch so einfach ist. Ein Argument, das durchaus seine Berechtigung hat. Während mir die Handschriften meiner Töchter und einiger befreundeter Frauen vertraut sind, kenne ich das Schriftbild meiner Enkel und Enkelinnen nicht. Wir telefonieren, schreiben uns Mails oder besuchen uns. Es ist wie es ist. Ich akzeptiere es – ohne darüber traurig zu sein. Und damit bin ich schon bei meinem nächsten Stolperstein, der meine Gedanken in eine ähnliche Richtung führte.
Wieder war es mein Küchenradio, das mich beim Frühstückvorbereiten überraschte, diesmal aber mit einem Gedicht, das mir nicht ganz unbekannt war, über das ich aber nie zuvor nachgedacht hatte. Der Radiomoderator bezeichnete es als sein ganz persönliches Gedicht des Jahres. Anlass für mich, mein Handy arbeiten zu lassen und mich genauer mit dem Text zu befassen. Ich las ihn mehrfach, ließ ihn von einem professionellen Sprecher lesen und war begeistert, wie einfach und verständlich es plötzlich wurde. Gleichzeitig erfuhr ich, dass ich damit eine Fundgrube entdeckt hatte. Ob Liebes- oder Naturlyrik, Balladen unserer großen Dichter oder … Nun, ich weiß, dass ich mich künftig öfter von seiner einfühlsamen Stimme ins Reich der Lyrik begleiten lassen werde.
Es ist das wohl bekannteste Gedicht des österreichischen Lyrikers Erich Fried (1921 – 1988) über die Kraft der Liebe und gehört zu den schönsten deutschsprachigen Liebesgedichten. Es trägt den Titel Was es ist
Es ist Unsinn sagt die Vernunft. Es ist was es ist, sagt die Liebe.
Es ist Unglück, sagt die Berechnung. Es ist nichts als Schmerz, sagt die Angst. Es ist aussichtslos, sagt die Einsicht. Es ist was es ist, sagt die Liebe.
Es ist lächerlich, sagt der Stolz. Es ist leichtsinnig, sagt die Vorsicht. Es ist unmöglich, sagt die Erfahrung. Es ist was es ist, sagt die Liebe.
Tief empfundene menschliche Erfahrungen werden hier in einer einfachen, aber kraftvollen Sprache wiedergegeben. Akzeptieren wir Dinge, die wir nicht verändern können. Der Verstand, der mit dem ABER und WARUM sich herumschlägt, kann die Liebe nicht verhindern. Denn sie gehört zum Menschsein, ist essenziell und ist nicht zu verbieten. Sie ist unentbehrlich und unvermeidlich. Es ist, was es ist, sagt die Liebe.
Nun will ich keinesfalls den Begriff Liebe analysieren und sezieren. Schon gar nicht, ihn auf die Mutter-Tochter-Beziehung beschränken. Jeder weiß schließlich, wie komplex dieser Begriff ist und dass er sich nicht allein auf die zwischenmenschlichen Beziehungen beschränkt. Doch darüber einmal nachzudenken lohnt sich wirklich. Stellt euch nur einmal ein Leben ohne Liebe vor. Oder lasst es lieber sein, denn mich fröstelt bei diesem Gedanken. Euch wünsche ich ein schönes Jahr mit ‚Liebe ohne Leiden.‘