Kochen mit Musik

Ein Morgen Anfang Dezember : sonnige Kälte, windstill, Reif auf den kahlen Bäumen, kuschelige Wärme im Haus. „Haben wir heute was vor?“, will Tom wissen. Nein, nichts zwingt uns, das Haus zu verlassen. Der Garten ist winterbereit, also werde ich Zeit für die Küche haben. Ich liebe das Kochen und Backen ohne Zeitdruck und das zwingende Muss im Nacken zu haben und dabei zu wissen, dass Tom sich freut, wenn ich in der Küche bin. Denn gutes Essen ist immer noch seine große Leidenschaft.

Das Radio einzuschalten gehört immer dazu, wenn ich die Küche betrete. Je nach Stimmung und Zeit suche ich einen Podcast, stelle den Klassik-Sender ein oder – und das passierte an diesem Vormittag – ich ’stolperte‘ über den Schlagersender MV.  Während ich den Hokkaido-Kürbis zerkleinerte, die Porree- Stange, je zwei Möhren, Äpfel, Zwiebeln und Kartoffeln schnippelte, dudelte das Radio vor sich hin,  ab und zu durch Werbung und launige Ratespielchen unterbrochen.  Doch plötzlich zuckte ich zusammen. Diese Stimme, dieses Lied, so vertraut, als habe ich sie erst gestern gehört. Jedes Wort kannte ich und hatte sofort das Bild der Sängerin vor Augen, die hübsche Blondine mit den Grübchen, die ich nie persönlich zu Gesicht bekommen hatte. „Damals, damals war alles so schön“ sang Bärbel Wachholz im Radio und ich sehe mich in Gedanken als Teenager das Lied mittträllern.  Himmel, wie lange war das schon her! Was war eigentlich aus ihr und dem Lied geworden? 

Ich legte mein Messer zur Seite und griff zum Handy. 1959 war also dieser Hit herausgekommen, ich war damals siebzehn, die angehimmelte Sängerin nur vier Jahre älter – so alt wie mein Bruder damals. Ich staunte, als ich nun im Internet las, dass sie einen weißen ‚Tschaika‘ fuhr – die Luxuslimousine der SED-Spitze – dass Lotte Ulbricht sie adoptieren wollte, ein syrischer Scheich 300 Kamele für sie bot und Juri Gagarin – der sowjetische Kosmonaut – sie vergöttert hatte.  Dass sie mit eigener Bühnenshow nicht nur in allen Ländern des damaligen Ostblocks auftrat, sondern auch in Frankreich, Syrien und den Niederlanden.  Dann aber erhielt sie Berufsverbot! Schluss mit „Damals“! Sie hatte sich offenbar nicht an die Spielregeln gehalten, wollte im Westen bleiben, liebte den Alkohol zu sehr, wurde sogar kurzzeitig inhaftiert. Mit nur 46 Jahren starb sie. Was ist Wahrheit, was Legende? So heißt es auch im allwissenden Internet.  Auch ich weiß es nicht. Irgendwann war Bärbel Wachholz auch hinter meinem Horizont verschwunden. Ich hatte andere Favoriten, mein Musikgeschmack hatte sich mit mir und der Zeit verändert.

Was aber ist aus „Damals“ geworden? Dass das Lied nach kurzer Lebenszeit in der DDR nicht mehr zu hören war, leuchtet mir ein. Damals, dieser nostalgisch- schwärmerische Text erinnerte an eine glückliche Zeit („damals war alles so schön, doch wir waren viel zu jung, um unser Glück zu verstehen“). Bärbel Wachholz wurde 1938 geboren, war in der schweren Nachkriegszeit aufgewachsen. Was, wen verherrlichte sie? Welches Glück meinte sie? Doch nicht etwa die NS-Zeit? Erstaunlich, dass kritische Textanalytiker nicht schon eher misstrauisch geworden waren. Erstaunlich auch, dass „Damals“ auch nach dem Mauerfall und dem Ende der DDR nur kurzzeitig zu hören war, dann aber aus dem Schlagerrepertoire der Sender ganz herausgenommen wurde. Sollte nun etwa die DDR-Geschichte verherrlicht werden? Nein, Schluss mit Nostalgie dieser Art! Aber das schien nur eine kurzzeitige Entscheidung gewesen zu sein, denn sonst hätte ich Damals ja eben nicht im Radio hören können.

Während ich das Gemüse in meinem Bräter anschwitzte, würzte und mit Kokosmilch und Sahne auffüllte, wanderten meine Gedanken wieder zurück in die Fünfziger- und Sechzigerjahre. Ich dachte an meinen vier Jahre älteren Bruder, er war damals mein großer Held, der eine wunderschöne Gesangsstimme hatte. Als Kind eine glockenhelle Sopranstimme, nach dem Stimmbruch sang er als Tenor und durfte im Schulchor oft die Soli singen. Auf dem Abiturball 1957 wurde er von seinen Mitschülern gebeten, ein Abschlusslied zu singen. Und was wünschten sie sich? Ganz Paris träumt von der Liebe“! 

Es war für Caterina Valente der erfolgreichste Schlager, der ihr drei  Jahre zuvor den Durchbruch am Musikhimmel gebracht hatte. Ursprünglich war er für ein Musical in New York als Instrumentalversion komponiert worden,  Caterina Valente hatte es gehört und da sie in Paris geboren worden war, wollte sie es singen. dafür ließ sie einen Text schreiben, in deutscher Sprache. Es wurde ihr Lieblingslied und der Beginn ihrer Karriere in Deutschland.  Immer wieder wurde es in den nächsten Jahren gecovert. Der Wechsel von Moll zu Dur reizte offensichtlich viele Sängerinnen und Sänger, damit ihr Glück zu versuchen. Und auch mein achtzehnjähriger Bruder sang es, allerdings hatte er keine Gesangskarriere dabei im Sinn. 

Nun musste ich mich konzentrieren, denn mein Brotbackautomat sollte gefüttert werden: Dazu brauchte ich 375 ml warmes Wasser, 2 TL Salz, 2 TL Brotgewürz. Dann musste ich 500 g Bio-Dinkelmehl abwiegen, mit einer geraspelten Möhre und gemahlenen Nüssen vermischen,  auf das gewürzte Wasser schütten und zuletzt eine Tüte Backhefe vorsichtig in eine kleine Vertiefung geben. Das Metallgefäß nun in den Automaten geben, das richtige Programm einstellen – und nach vier Stunden würde ich ein duftendes Brot herausnehmen können, das uns mindestens drei Tage lang schmecken würde.  

Die Schlagersender- Moderatoren hatten auf aktuelle Infos aus MV und schließlich die Wetteraussichten umgeschaltet und ich pürierte meine Kürbissuppe. Noch etwas mehr Würze, entschied ich. Aber erst mussten die Hackbällchen in die Suppe, ehe ich sie tellerfein machen konnte. Wir lieben die kleinen Geschmacksprofis in der Suppe, die kräftig gewürzt gebraten werden und dann mit dem Bratensud in die Suppe kommen. Schmeckt super!

Meine Gedanken wanderten wieder zurück zur Musik. Ist es nicht seltsam,  wie im Laufe des Lebens der Musikgeschmack sich wandelt? Weder Bärbel Wachholz noch Caterina Valente können mich heute noch begeistern. Und wenn ich einen Vormittag lang die Schlager non stopp gehört hatte, dann würde ich erst mal für einige Tage Pause machen. Doch dann hörte ich Der Morgen danach“. Welch eine Stimme – und dann dieser Text! Wer singt so? Wieder öffnete ich mein Handy. Na klar, das war Maite Kelly. Ich hörte mir den Song noch einmal an und las den Text dazu. Jeder, der eine glückliche Beziehung erlebt oder erlebt hat, wird sich angesprochen fühlen. Niemals, wirklich niemals hätte man ein solches Lied in meiner Jugendzeit im Radio hören können. Ganz abgesehen davon, dass ich den Text überhaupt nicht begriffen hätte. Meine große Schwester – sie ist jetzt 95 – erzählte mir, dass sie als Verlobte Anfang der Fünfzigerjahre noch befürchtet hatte, nach einem Kuss schwanger zu werden.  Und ich als Nesthäkchen war natürlich nicht klüger als sie. Unsere Eltern hatten einen großen Bogen um das Wort Aufklärung gemacht.

Die Gedanken an meine Kinder- und Jugendjahre ließen mich nicht los. Wir vier Geschwister mit Eltern und Oma hatten damals ein einziges Radio. Also weder Plattenspieler, Tonbandgeräte, Fernseher oder andere Medien. Und doch bin ich noch heute erstaunt, wie stark ich durch den Musikgeschmack meiner Eltern beeinflusst wurde. So wuchs ich mit Sinfonien, Violinkonzerten,  Opern- und Operettenarien auf und freute mich, wenn Willi Schneider “ Man müsste nochmal zwanzig sein“ sang und die Eltern sich verliebte Blicke schenkten. Nichts vermisste ich, im Gegenteil. Dankbar bin ich, wenn ich zurückblicke auf eine behütete Kindheit mit Musik, Büchern und Gemälden. 

Nur noch zum Schluss: Nach diesem Kurztrip in die vergangene und gegenwärtige Musikwelt und meine Erinnerungen freute ich mich auf das TV-Abendprogramm mit dem Musik-Krimi „The Voice of Germany“.  Ich war wieder angekommen im Heute und Jetzt, nahm mir aber vor, meine klassische Musikseite aus dem Dornröschen-Schlaf zu wecken. Nicht irgendwann, sondern noch in diesem Jahr!

 

Veröffentlicht von hedera77

Bin ein echtes Ostseekind, geboren in Rostock an der Warnow und noch heute glücklich - hier in meinem Elternhaus. Seit 18 Jahren bin ich im Ruhestand, der alles andere als ruhig ist. Immer noch bin ich neugierig - im Sinne von wissbegierig - und teile gerne meine Gedanken mit anderen denkfreudigen Menschen, egal welchen Alters.

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