
Wieder bin ich ein Jahr älter geworden. An einem Tag Ende Oktober, mitten in der Woche, Tom hatte einen wichtigen Arzttermin am Vormittag, zu dem ich ihn begleiten musste. Ansonsten verlief dieser Geburtstag wie ein gewöhnlicher gemütlicher Wochentag. Besonders waren die Glückwünsche per Telefon und WhatsApp an diesem Tag – fast so wie in den vorherigen Jahren. Die Familie hatte uns bereits am vergangenen Wochenende besucht, bzw. würde am darauffolgenden Wochenende kommen. Also, alles gut? Ja, natürlich. So viele gute Wünsche und liebe Worte hatte ich gelesen und gehört. „Lebe, liebe, lache und nimm dir Zeit für die Dinge, die dich glücklich machen“, schrieb eine meiner Lieblingsmenschen aus dem Team der Ehrenamtlichen, zu denen ich viele Jahre gehört hatte. Leicht gesagt, aber das Herz will vor Freude keine Luftsprünge machen. Es fällt mir schwer, mit den ‚Abgängen‘ , den Verlusten der letzten Wochen klar zu kommen. Die Nachrichten vom Ableben und Erkranken mir nahestehender Menschen nehmen zu, gleichzeitig aber bekomme ich fröhliche Bilder mit unseren beiden Urenkeln und den anderen Familienmitgliedern. So ist eben das Leben, sage ich mir. Es ist, wie es ist. Sei zufrieden, dass es dir gut geht und lass die traurigen Gedanken nicht Überhand gewinnen.
Leichter gesagt als getan. Den entscheidenden Schubs bekam ich von der jüngeren Tochter und dem Schwiegersohn. „Wir kennen dich und wissen, du wünschst dir so sehr, euren kleinen Urenkel in den Arm nehmen zu können.“ Der Kleine war nun zwei Monate alt, wir hatten inzwischen viele Fotos und Videos bekommen – mit ihm, der zweieinhalbjährigen Schwester und den glücklichen Eltern. Aber wie gerne würde ich die kleine Familie in ihren vier Wänden erleben. Wenn nur die Entfernung nicht so groß wäre. Die Familie hatte sich Gedanken gemacht, hatte Variante eins, zwei und drei entwickelt, die ich spontan ablehnte, da sie mit großem Aufwand für meine Lieben verbunden waren. Ich hatte bereits eine Variante vier im Kopf, die mir am vernünftigsten erschien, der gesamten Familie aber Bauchschmerzen bereitete. Kurz: Ich telefonierte mit der Enkelin, buchte ein rollstuhlgerechtes Hotelzimmer, packte die vielen Dinge zusammen, die ich für Toms und mein Wohlbefinden brauchte und startete nach einem guten Frühstück in Richtung Autobahn zur Familie der Enkelin.
Als wir am nächsten Nachmittag wieder zu Hause angekommen waren, ging es mir richtig gut. Welch ein schönes Erlebnis hatten wir gehabt, welch eine stille Freude war in mir. Wie es üblich ist bei uns, meldete ich mich per WhatsApp wieder zurück und musste lachen. Welch eine freudige Reaktion. Kinder, ihr fahrt doch Tag für Tag in dichtem Großstadtverkehr. Ich würde aus den Sorgen doch überhaupt nicht rauskommen, wenn ich mir das vorstelle. Ich aber hatte doch keine Weltreise gemacht oder irgendeine lebenswichtige Prüfung bestanden! Nein, ich war doch lediglich aus unserer Komfortzone ausgebrochen und hatte mit Tom und dem notwendigen Equipment eine etwas längere Autotour mit Hotelübernachtung gemacht. Was ist das schon. Seit 65 Jahren fahr ich Auto, und zwar immer noch gerne. Problemlos kurve ich kreuz und quer durch Rostock, meist mit Tom als Beifahrer, der striktes Fahrverbot hat, vermeide aber stundenlange Autobahnfahrten mit ihm, obwohl es unserem Diesel-Kombi sicher gut gefallen würde. Aber nun – in unserem fortgeschrittenen Alter – wird mit Sorge und Ängstlichkeit unser Tun begleitet.
Übrigens, auf der A20 hatte ich ein Wohnmobil überholt mit einer Aufschrift, die zu meinem Lebensmotto werden könnte: „Irgendwann gibt es nicht für uns! Wann, wenn nicht jetzt!“
So werden wir noch im November zu meinem 87jährigen Bruder fahren. Er lebt nur 150 km entfernt, aber er kann nicht mehr zu uns kommen. Welche Vorwürfe würde ich mir machen, wenn ich den Besuch auf irgendwann verschiebe – und es dann vielleicht zu spät sein würde?
Und so rate ich – nicht nur meinen Kindern und Enkeln: Tut alles, was ihr euch wünscht und möglich machen könnt. Alles, was euch glücklich machen könnte. Tut es so bald als möglich, aber nicht irgendwann!