
„Ich bin eine richtige Deutsche. Eine richtige“, hatte unsere jüngste Enkelin selbstbewusst behauptet. Damals war sie ein aufgewecktes fünfjähriges Kita-Mädchen und hatte keine Vorstellung davon, wie ihr heutzutage dieser Satz ausgelegt werden könnte. Natürlich sollte sie ihn begründen. „Mein Papa kommt aus dem Sauerland und meine Mama aus Rostock an der Ostsee. Und ich wurde am 3.Oktober geboren“, erklärte sie mit strahlendem Lächeln. Heute begeht sie ihren 22. Geburtstag und ist mit ihrer Mama in Amsterdam, wo sie hoffentlich drei schöne Tage verbringen werden.
Ihr merkt schon, unsere Familie ist eine Ost-West-Familie geworden, die harmonischer nicht zusammenleben könnte. Die vier Enkel wurden im Abstand von jeweils zwei Jahren in SH und NRW geboren, ihre Eltern und sie haben zu unserer Freude ihre Mecklenburger Wurzeln nicht vergessen und sind so oft es geht bei uns an der Warnow.
Heute Morgen, Tom und ich saßen beim Frühstückskaffee, erinnerten wir uns an die bewegten Jahre 1989/90. Das heißt, ich erinnerte mich und erzählte – Tom hörte zu und staunte („Was du alles noch weißt!“). Sicher, meine Erinnerungen sind subjektiv gefärbt, deshalb einmalig und unverwechselbar. Und wenn hundert Menschen nach ihren Erinnerungen gefragt würden, so würden hundert einmalige Geschichten entstehen. Als wir das erste Mal den Begriff WENDE im Zusammenhang mit einer politischen Neuorientierung hörten, konnten wir uns wenig darunter vorstellen. Wir hockten damals in unserem Schrebergarten auf dem Weg und Tom malte mit einem Stock ein großes U in den Sand., so wie wir diesen Begriff vom Schwimmsport oder von einer Autofahrt kannten. Geht’s wieder zurück, dahin, wo wir schon mal waren? Wer hat sich diesen Unsinn ausgedacht? Wollen wir nicht eine bessere DDR? Raus aus dem Schlamassel, so wie Gorbatschows Glasnost und Perestroika es forderten? Wozu denn sonst die Schweigemärsche durch das abendliche Rostock, die besetzten Botschaften in Prag und Budapest – und all das andere, das uns DDR-Bürger damals verzweifeln ließ.
Und dann geschah das Unglaubliche: Die Berliner Mauer musste geöffnet werden. Diesen Tag, den 9. November 1989 und die darauffolgenden Wochen wird wohl kein DDR-Bürger je vergessen und ich hatte mir gewünscht, dass dies der große Festtag der Deutschen werden würde, obwohl damals von einer Vereinigung der beiden deutschen Staaten noch nicht die Rede war. Gerade dieses geschichtsträchtige Datum, das nun so positiv besetzt worden war, hätte es verdient. Welch eine Freude, welche Begeisterung und Hoffnung. Waren wir damals nicht das glücklichste Volk auf der ganzen Welt? Fraglich allerdings, ob die Bayern, Hessen und viele andere im uns unbekannten Westen es ebenso sahen.
Aber Glück und Leid liegen oft nahe beieinander.1989 starb unsere Mutter, wenige Monate auch der Vater. Da ich mit meiner Familie und den Eltern unter einem Dach lebte, hatten wir die Eltern bzw. Großeltern bis zu ihrem Tod betreut. Nun sollte unser Elternhaus mir gehören, so jedenfalls hatten die Eltern es mit ihren vier Kindern besprochen und auch schriftlich festgelegt (leider nur mit Schreibmaschine und handschriftlicher Unterschrift). Aber dann kam die DM und die Immobilien- und Grundstückspreise stiegen um das Mehrfache. Einer meiner Brüder sah seine Chance auf ein kleines Vermögen in Westgeld und mit Hilfe eines cleveren Rechtsanwalts forderte er den vierten Teil des Schätzwertes, der nun auch den damals aktuellen Preisen angepasst wurde. Beim Notartermin verzichteten zwei meiner Geschwister zu meinen Gunsten auf ihren Haus- Erbteil, den anderen Bruder musste ich auszahlen. Aber wovon? Ich erinnere mich gut an meine Sorgen und die schlaflosen Nächte. Damit war auch unsere harmonische Vierer-Geschwisterliebe beendet, und wir drei erfuhren wenige Jahre später aus der Zeitung vom Tod des großen Bruders. Das kleine Vermögen hatte ihn offensichtlich nicht glücklich werden lassen.
Die Töchter waren mittlerweile Anfang zwanzig und ‚ausgeflogen‘. Tom und ich stürzten uns in die Haussanierung, vor allem aber in unsere beruflichen Herausforderungen. Wir hatten in Bildungseinrichtungen der HO (staatliche Handelsorganisation) gearbeitet, die es aber nach dem Zerfall der DDR nicht mehr gab. Die Berufsschule, in der ich unterrichtete, bekam als zweites Standbein ein Wirtschaftsgymnasium – mit Fächern und Lehrinhalten, die uns völlig unbekannt waren. Von einem Tag auf den anderen wurde ich Fachlehrerin für Gemeinschaftskunde, denn als ausgebildete Geschichtslehrerin, ohne den ‚Makel‘, jemals Staatsbürgerkunde unterrichtet oder SED-Genossin gewesen zu sein, schien ich prädestiniert zu sein für dieses Fach. Aber es war natürlich der westdeutsche Lehrplan, der nun für uns galt. Doch was wusste ich vom BRD-Grundgesetz, von Demokratietheorien, von der Geschichte der Antike? Was nutzten mir die vielbändigen Ausgaben der Geschichte der Arbeiterbewegung oder der Weltgeschichte aus sowjetischer Sicht? Die meisten meiner bisherigen Ratgeber waren reif für die Mülltonne. Und dann kam die nächste Überraschung: „Du musst auch noch Philosophie unterrichten!“ Unsere Direktorin hatten wir aus unserer Mitte ausgewählt sich zu bewerben und hatten ihr Hilfe und Unterstützung versprochen, wann immer sie sie benötigen sollte. So hatte ich keine Wahl, stellte aber die Bedingung für eine gründliche Ausbildung, denn mit meinen Kenntnissen von Marxismus-Leninismus oder dialektischem und historischem Materialismus aus meinem Studium in den 60er Jahren konnte ich nichts anfangen. Und so kam ich gemeinsam mit 24 ebenso unbedarften Kollegen und Kolleginnen aus ganz MV in eine Studiengruppe. In drei Jahren würden wir mit Staatsexamen und Lehrbefähigung für das Fach Philosophie in der gymnasialen Oberstufe abschließen. Und das alles neben dem regulären Unterricht und diversen Fortbildungen an unseren jeweiligen Schulen.
Es wurden schwierige, anspruchsvolle, aber unvorstellbar schöne Jahre. Unsere beiden Dozenten kamen aus Kiel und von der Insel Föhr, waren emeritierter Phil.-Professor bzw. pensionierter Gymnasiallehrer, als gestandene Wessis die Besten, die es für uns in dieser Situation geben konnte. Nie hätte ich gedacht, dass diese Jahre zu den schönsten und bereicherndsten in meinem Berufsleben werden würden. Wir verlängerten die Zeit durch Fortbildungen und gemeinsame Reisen zum Peleponnes, nach Kreta und in die ehemals griechischen Kolonien an der Westküste der Türkei, die wir als Gruppe privat organisierten und natürlich auch bezahlten. Unser verehrter Lehrer, Bruno Heller aus Wyk/Föhr mit seiner Frau. waren dabei kompetente Reiseleiter.
Ein weiteres Sahnehäubchen war in diesen Jahren ein besonderer Schüler, der mir noch heute in bester Erinnerung ist. Dass er nach seinem fantastischen Abitur Philosophie und Gräzistik studierte, als Student immer wieder zu Vorträgen und Diskussionsrunden mit Schülern unseren Unterricht bereicherte oder später als LT-Abgeordneter meine Schüler und mich in das Schweriner Landtagsschloss einlud, noch später Minister für Bildung, Wissenschaft und Kultur und danach auch für Finanzen in MV wurde, nun als Autor und freischaffender Journalist u.a. für Cicero schreibt – das alles macht mich fast ein wenig stolz.
Aber ich will zum Schluss kommen. Welch interessante und verrückte Zeit waren diese Jahre nach der Wende. Vielleicht könnt ihr euch meine Empörung vorstellen, als Altkanzler Schröder vor 25 Jahren die Lehrer als ‚faule Säcke‘ bezeichnete. Meine Kollegen und mich hat er mit Sicherheit nicht gekannt.
So denke ich gerne und oft an diese Jahre der Hoffnung und Zuversicht für dieses neue Deutschland. Vieles hat sich erfüllt, aber nie hätte ich gedacht, dass ich in meinem Alter noch einmal von Politikern und Medien ideologisch gesteuert werden soll in Richtung Kriegstüchtigkeit und Rüstungsnotwendigkeit. Zum Glück habe ich gelernt, zwischen Fakten und Meinungen zu unterscheiden.
Alles Gute für euch!