„Die Route wird neu berechnet“

Kennt ihr solche Situationen? Alles auf der Lebensstraße läuft wie gewohnt, so wie es soll. Aber dann passiert etwas Besonderes – gewollt und geplant oder spontan entschieden. Aber vielleicht zwingt auch eine unerwünschte mittlere Alltagskatastrophe zum Stopp, zum Abbiegen, Umweg oder sogar zur Umkehr. 

An solche Haltepunkte im Leben, an denen man sich neu orientieren muss, grübelt, abwägt und sich schließlich entscheidet, erinnert man sich noch im hohen Alter. Gerne? Mit Grauen? Sei wie’s sei. Damals war man sich sicher, schließlich die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Deshalb sollte man nichts bereuen.

Wie komme ich auf dieses Thema? Tom, mein Mann, erlebte einen besonderen Geburtstag, seinen 85. – die Familie war aus allen Richtungen angereist und wir hatten zwei wunderschöne Tage miteinander, die noch lange in mir nachwirken werden. In mir, schreibe ich ganz bewusst, denn Tom hat sie schon wieder vergessen. Und doch war auch er zufrieden, so wie er es immer ist, und hat sich gefreut, als die Töchter, Schwiegersöhne und Enkel ihn hochleben ließen. 

In den Tagen zuvor hatte ich mir zwischen Kochen, Backen, Überraschungs-Besuchen und Telefonaten immer wieder Zeit genommen, um Tom auf den besonderen Tag einzustimmen. Wir waren uns einig bei der Beantwortung der Fragen: Was ist gutes Leben? Worauf kommt es in unserem Alter an? Was macht uns zufrieden? Es sind die Freuden des Alters, die Nachbarn und Freunde, vor allem aber die Familie, die durch Schwiegerenkel und zwei Urenkelchen vergrößert wurde und uns das Gefühl gibt, geliebt und gebraucht, nicht aber als Belastung angesehen zu werden. Könnte es doch noch lange so bleiben. Es war ein tiefes Gefühl der Dankbarkeit, das ich nach der Abreise der Kinder empfand.

Nun, ich schreibe und denke von UNS, vom WIR, wobei ich an dieser Stelle noch einmal erwähnen muss, dass ich zwar meine Gedanken und Empfindungen ausspreche, Tom mir aufmerksam zuhört und zustimmend nickt, aber an eine Unterhaltung, einen Gedankenaustausch ist nicht zu denken. Diese verfluchte Demenz! Pardon, aber ich empfinde oft eine große Traurigkeit, dass von unserer fünfzigjährigen Zweisamkeit und Toms interessantem Berufsleben kaum noch etwas in seinen Erinnerungen erhalten geblieben ist. Mittlerweile ist der Grad seiner Behinderung auf der Höchststufe, wobei die Demenz nur eine seiner ‚Baustellen‘ ist. Doch es ist, wie es ist. Und das habe ich gelernt zu akzeptieren und meine unzufriedenen, ungeduldigen und traurigen Momente sind seltener geworden.

Was aber häufiger und intensiver geworden ist, das ist das Nachdenken über das Thema ALTWERDEN. Falsches Thema? Nein! Zwar stimmt das WERDEN in diesem Substantiv für mich nicht und für Tom schon gar nicht, denn wir gehören mit unseren 83 und 85 Jahren weder zu den alternden noch zu den älteren Menschen, sondern wir SIND bereits ALTE. Falls wir es schaffen, werden wir ab dem 91. Lebensjahr zu den sehr alten Menschen gehören. Diese Einteilung jedenfalls hat die WHO entschieden. Irgendwie fällt es mir schwer, die zugewiesene Gruppe zu akzeptieren und mich da einzuordnen. Aber was sind schon Zahlen? 

Kürzlich las ich über eine Therapeutin, die mit einem Gedankenspiel ihren Ratsuchenden die Anregung gab, ihre eigene Grabrede zu schreiben. Das klang zuerst recht makaber für mich, doch damit forderte sie zum Nachdenken und Sortieren auf zu wichtigen Fragen: 

  • was ist die Quintessenz meines Lebens?
  • Was möchte ich erreicht haben?
  • Was möchte ich nicht verpasst haben?
  • Was soll von mir in Erinnerung bleiben?
  • Worauf möchte ich stolz sein können?

Ist es nicht eine gute Idee, sich mit solchen Wünschen, Zielen und Prioritäten zu beschäftigen, die zum roten Lebensfaden werden könnten, wenn man früh genug damit anfängt? Wobei hin und wieder innegehalten werden sollte, um ‚Inventur‘ zu machen und möglicherweise zu entscheiden : Die Route muss neu berechnet werden. 

Andersherum, wäre es nicht entsetzlich, wenn du am Lebensende erkennen musst, dass es keine Highlights gegeben hat, dass nichts passiert ist, worauf du stolz sein kannst. Und das Schlimmste: niemand wird dich vermissen, wenn das Leben in dir erloschen ist.

Ja, wie macht man es richtig, dass das Leben gelingt, dass man zufrieden ist, weil man im Rahmen seiner Möglichkeiten sein Bestes gegeben und dazu beigetragen hat, dass das Leben in neuen Generationen weitergeht?

Also, neue Überschrift: TRAUMBERUF LEBENSKÜNSTLER.

Bis bald!

Veröffentlicht von hedera77

Bin ein echtes Ostseekind, geboren in Rostock an der Warnow und noch heute glücklich - hier in meinem Elternhaus. Seit 18 Jahren bin ich im Ruhestand, der alles andere als ruhig ist. Immer noch bin ich neugierig - im Sinne von wissbegierig - und teile gerne meine Gedanken mit anderen denkfreudigen Menschen, egal welchen Alters.

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