
Ich will es gleich vorwegnehmen: Zurzeit bin ich nach einem Höhenflug auf Wolke sieben gelandet und fühle mich rundherum wohl und glücklich. Eigentlich. Denn es gibt ein großes ABER, eine latente Absturzgefahr, die mich wütend und besorgt werden lässt. Nicht, dass ich eine gespaltene Persönlichkeit wäre, mit mehreren Identitäten und vielleicht reif für den Psychiater. Unsinn! Ich bin psychisch und physisch kerngesund. Davon bin ich zumindest fest überzeugt.
Nun sollte ich natürlich die ersten Sätze erklären. Der Sommer, besonders der Juli und August, war für Handwerkerarbeiten geplant. Unser Haus, in dem ich vor vielen Jahrzehnten geboren wurde, begeht gerade seinen 90. Geburtstag und hatte eine Verschönerungskur verdient. So waren Maler, Zimmermann und Gerüstbauer im Einsatz und schließlich wurde auch die in die Jahre gekommene Holztreppe abgerissen und durch eine Granittreppe mit stabilem Edelstahlgeländer ersetzt. Alles geschah parallel und zügig und ich hatte meine Freude daran, wie kollegial und hilfsbereit die Männer der verschiedenen Gewerke miteinander arbeiteten. Sag mir keiner, die Handwerker seien faul oder arbeiteten ohne rechte Fachkompetenz. „Meine“ jedenfalls nicht. Und als dann vor einigen Tagen das Ende abzusehen war und auch die Gerüstbauer mir ihrem XXL-Auto kamen, um das Haus aus dem Gefängnis zu erlösen, war ich einfach nur glücklich.
Dass wir für die Kosten dieser Schönheitskur zum Beispiel eine Kreuzfahrt hätten machen können, stört uns nicht, denn es ist wie es ist, so Toms Lieblingssatz. Verreisen – wohin auch immer – ist seit einigen Jahren unmöglich geworden und wir akzeptieren dies. Als dann, nach einem erholsamem Wochenende, einer unserer Enkel uns von seiner Verlobung erzählte und während unseres Telefonats unsere älteste Enkelin unser zweites Urenkelchen auf die Welt brachte, hatte ich Wolke sieben erreicht. Was für ein Glücksgefühl, welche Freude! So soll es sein, so darf es bleiben.
Und doch, dieses beunruhigende ABER lässt sich einfach nicht verdrängen. Ich versuche, mich abzulenken, vertiefe mich erneut in den vor Jahrzehnten schon einmal gelesenen „Zauberberg“ von Thomas Mann, der Konzentration und Mitdenken erfordert. Daneben lese ich auf dem Handy im CICERO, dem Magazin für politische Kultur, oder in den NachDenkSeiten. Ich brauche ein Gegengewicht zu unserer Lokalzeitung, in der Horrormeldungen aus aller Welt, großformatige Werbeanzeigen und Sportereignisse überwiegen. Nur die Lokalseiten interessieren mich, außerdem liest Tom den ganzen Tag in ihr – wenn es auch nur die Überschriften und Bilderklärungen sind.
Gestern las ich im erstgenannten Magazin den Artikel des namhaften Wirtschaftswissenschaftlers Thomas Mayer „Der Untergang des Versorgungsstaates – Deutschland blockiert sich selbst“, der mir auf überzeugende Weise bestätigte, was ich vermutete, bzw. schon wusste. Diese erschreckende Analyse unserer wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Situation sollte jeden wachrütteln, der es immer noch nicht wahrhaben will. Ohne umfassende Reformen wird es ein Fiasko geben! Jeder hat es sicher schon gehört: Nicht nur das Kapital wandert ab, sondern auch zunehmend inländische Bürger, und zwar gut ausgebildete, leistungswillige Menschen, die sich im Ausland größere Chancen versprechen, also unsere Leistungsträger, Steuerzahler. Natürlich sind es nicht oder nur sehr selten die Empfänger staatlicher Transferleistungen, die Nutznießer des Versorgungsstaates sind und von den Leistungen (Steuern) der ersten Gruppe profitieren. Also auch die Beamten, Politiker u.a.
Was können die wichtigen Leistungsträger gegen ihre Ausnutzung und Ausbeutung tun, so fragt sich der Autor. Es gibt drei Möglichkeiten für sie: Entweder sie wandern aus oder sie beschweren sich und fordern Änderungen oder sie finden sich zähneknirschend mit ihrer Situation ab und bleiben im Land. Mayer schreibt, dass 15,3 Millionen Inländer in den Jahren 2005 bis 2024 ausgewandert sind und sich in den verschiedensten Ländern der Welt ein neues leben aufgebaut haben. In den meisten Fällen waren es keine Empfänger staatlicher Transfers.
Aber seit 2005 wanderten auch 23 Millionen Menschen nach Deutschland ein, sodass unsere Bevölkerungsanzahl sogar gestiegen ist. Nur, die allermeisten Immigranten sind viele Jahre auf die Sozialleistungen angewiesen und werden danach meist als Aushilfskräfte tätig sein. Dadurch – so der Autor – entstand ein Bruttowertschöpfungsverlust von 926 Milliarden Euro, das sind 1,7% der gesamten Bruttowertschöpfung.
Ich will den Artikel nicht weiter wiedergeben. Unter Neueste Beiträge von Thomas Mayer ist er im Internet nachzulesen. Übrigens, die letzte Teilüberschrift lautet: Wo bleibt der Widerstand derjenigen Leistungsträger, die nicht auswandern wollen oder können?
Ich habe dies Thema gewählt, weil mir einer ‚meiner‘ Handwerker genau das aus seiner Sicht geschildert hatte. Vor einigen Jahren hatte er achtzehn Mitarbeiter und volle Auftragsbücher. Nun sind sie nur noch zu viert. Nicht, weil die Aufträge fehlen, sondern weil er nicht mehr die melkende Kuh sein wollte, damit es sich andere gutgehen lassen. Doch er drückte sich anders aus, drastisch, zornig. Ich spürte seinen Zorn und die Wut, obwohl wir uns kaum kannten. Etwas resigniert meinte er schließlich, dass seine Frau nicht mit ihm an einem Strang ziehe, mache ihn etwas traurig. Es seien Kinder, Enkel, Freunde und eben die Heimat, die sie nicht verlassen wolle. „Und wohin wollten Sie ausreisen?“ Er habe in früheren Jahren die halbe Welt bereist und schließlich sein Traumfleckchen im Süden Brasiliens gefunden. Später sei auch Portugal infrage gekommen. Aber das sei ja auch Europa, dann könne er auch hierbleiben.
Verdammt, es kommt mir alles so bekannt vor. Hatte ich nicht gedacht, das alles läge hinter uns? Republikflucht, in den ‚Westen abhauen‘ – so die einen, die ‚Stille Revolution‘ der anderen, die an den schweigenden Montagsmärschen teilnahmen, weil sie nicht mehr loyal sein wollten, es nicht mehr ertragen konnten, wie durch unfähige Politiker die DDR allmählich kollabierte.
So kann ich wirklich mit Heinrich Heine abschließen: „Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht.“ Die große Sorge betrifft ganz sicher nicht mich und Tom. Wir hatten ein langes und interessantes Leben und werden hoffentlich noch einige Bonus-Jahre vor uns haben. Nein, es sind die Kinder, Enkel und die noch ganz kleinen Urenkel, um die ich mich sorge. Wie wird ihr Deutschland, das Europa, die Welt sich entwickeln? Und welchen Platz werden sie dort einnehmen?
Doch das ist ein Thema für später.