Ende der Rosi-Geschichte

Ich hab heute Nacht von dir geträumt, Rosi. Noch jetzt, viele Stunden später, sehe ich dich vor meiner Haustür stehen, du lächelst mich fröhlich an, hinter dir stehen ein mir unbekannter junger Mann – und zwei Sessel. Ein gemütlich aussehender Ohrensessel mit dunkelorangem Bezug, daneben ein kleiner mit hellem Leder. Was für einen Blödsinn hatte ich nur geträumt. Was für ein seltsamer Traum, mit dem ich rein gar nichts anzufangen wusste. Niemals in meinem Leben hatte ich solche Sessel gesehen. Und du, Rosi? Seit  dem 20. April lebst du nicht mehr. Und doch bist du in meinen Träumen und Erinnerungen präsent, auch wenn ich das Warum und Weshalb manchmal nicht begreife.  Allerdings,  am Donnerstag wurde die diesjährige Hanse Sail eröffnet, so wie seit vielen Jahren am zweiten Augustwochenende. Und oft warst du dann bei uns. Rostock, Schiffe, Warnow, Ostsee – das liebtest du. Träumte ich deshalb von dir und deinem Besuch? Siegmund Freud, der große Neurophysiologe, hätte sicher eine schlüssige Antwort für mich.

So werde ich nun meine Rosi-Geschichte zuende schreiben und meine Gedanken wandern zurück zum Anfang dieses Jahres, als es dir zusehends schlechter ging. Ich bemerkte, dass du dir Sorgen machtest um dich. Über den Begriff Selbstfürsorge hatten wir oft gesprochen und als dein Gesprächsbedarf größer wurde und du mir oft mehrmals am Tag WhatsApp-Nachrichten schriebst, wurde ich unruhiger. Was war mit dir? Wo waren Optimismus und Lebensfreude geblieben? Du hattest plötzlich Sorgen und Angst vor dem Leben, vor allem vor dem Baulärm, den Problemen und Einschränkungen in der nächsten Zeit. Ja, einerseits verstand ich dich. Monatelang  solltet ihr Senioren in einem eingerüsteten Haus leben, die heißgeliebten Balkone sollten abgerissen und durch verglaste Wintergärten ersetzt werden. Aber andererseits: Könnte das nicht auch ein Grund für Luftsprünge sein? Für große Freude? Irgendwann wäre alles überstanden und du hättest einen wunderschönen Raum zusätzlich. All meine Versuche, dich zu beruhigen, meine Einladungen, zu uns nach Rostock zu kommen, lehntest du ab. „Ich brauche Ruhe, nur Ruhe“, hörte ich stattdessen. 

Deine Familie versuchte, dich abzulenken und dir Gutes zu tun. Ein Fest mit deinen Lieben zum 83., ein Wellness-Wochenende mit dem erwachsenen Enkel, nur weg von dem Baustellen-Zuhause. Eine Etage unter dir wurde gerade die Wohnung generalsaniert. „Mit drei Presslufthämmern gleichzeitig arbeiten sie in den Räumen“, stöhntest du abends am Telefon. Natürlich nützten da weder Ohropax noch Kopfhörer. Und Dauerspaziergänge am winterlichen Straussee waren auch keine Lösung.

„Mit meinem Kopf stimmt was nicht. Ich mach mir ernsthaft Sorgen“, sagtest du eines Tages. Ich war froh, dass du es selbst erkanntest. Immer wieder wunderte ich mich über deine Mails, die du schriebst. Rosi, was ist mit dir? Was schreibst du für einen Blödsinn? So dachte ich, wenn ich deine unvollendeten Sätze, unsinnigen Wiederholungen und Buchstabendoppelungen sah, die nicht auf die Autokorrektur deines Handys zurückzuführen waren.  Scroll doch mal, dachte ich, wenn ich immer wieder dasselbe las. Dann gab es auch wieder hoffnungsvolle Gespräche, in denen du zu verstehen schienst, dass etwas nicht mit dir stimmte.

„Ich werde morgen zu meiner Hausärztin gehen und mich in eine Klinik einweisen lassen“, teiltest du  mir eines Tages entschlossen mit. „Ich möchte mal richtig durchgecheckt werden, es muss ja einen Grund für meine Kopfprobleme geben.“ 

Und so geschah es – und du kamst nie mehr zurück in deine Wohnung am Straussee. Die Ursache war relativ schnell gefunden und im Beisein der Töchter dir mitgeteilt: Krebs im Endstadium, Tumor in der Lunge, Metastasen im Gehirn … es hatte dich wirklich voll erwischt. Du kamst nach der Diagnose sofort in eine Spezialklinik für Lungenerkrankungen. Da dir aber dort nicht mehr geholfen werden konnte – du hattest in deiner Patientenverfügung eindeutige Anweisungen gegeben – wurdest du wenig später in ein Hospiz am Scharmützelsee gebracht. Es wurde deine Endstation. Wenige Wochen, dann verstarbst du dort im Beisein deiner Kinder.

Zuvor konnte unser Kontakt noch einigermaßen aufrechterhalten bleiben. Aber bald schafftest du es nicht mehr, dein Handy zu bedienen, sodass eine deiner Töchter es übernahm, mir in regelmäßigen Abständen Grüße zu bestellen und mit mir über dich und deine Krankheit zu reden. Von ihr erfuhr ich auch die Diagnose, die du, Rosi, mir nur angedeutet hattest. Wenn ich genauer nachfragte, bist du ausgewichen. „Sie reden ja nicht mit mir, ich weiß auch nichts Genaues.“ Du tatest optimistisch und ich spürte, du wolltest mich nicht belasten. Aber dann kam doch noch ein Anruf von dir, auf den ich durch die Tochter schon vorbereitet war. „Ich möchte mich von dir verabschieden, von meiner besten Freundin, die ich je gehabt habe.“ Deine Stimme schwankte, klang brüchig, als du noch einige Sätze sagtest, die mich zu Tränen rührten.  Ich war fassungslos, wollte es nicht wahrhaben. Zum Sterben verabschieden. Macht man das so?

„Sie klang doch eben noch klar und ganz vernünftig. Das kann’s doch jetzt nicht gewesen sein mit Rosi und mir!“ Aber auch Tom konnte mich nicht trösten. Sein Lieblingssatz, mit dem er auch oft seine eigenen Probleme kommentierte, klang wie eine hohle Phrase: „Es ist, wie es ist! Du wirst es akzeptieren müssen, es ist ihr letzter Wunsch an dich.“ Verdammt, so kann das nicht funktionieren. Wie ein trotziges Kind wartete ich auf das Bing meines Handys, hoffte wider alle Vernunft, dass du es dir anders überlegt hattest. Aber natürlich schwieg das Ding eisern. „Was nun? Ich kann doch nicht warten, was nun passieren wird? Oder anrufen: Hallo, lebst du noch?“ Tom schüttelte nur den Kopf über mich. 

Dann aber kam der gefürchtete Anruf der Tochter, dass du friedlich eingeschlafen bist – für immer. Der einzige Trost für mich, ein langer und elender Leidensweg war dir und deinen Lieben erspart geblieben. 

Dass du seitdem immer wieder in meinen Erinnerungen und Träumen auftauchst und schaust, wie es mir geht, das ist mir sehr, sehr recht. Du warst eben etwas ganz Besonderes.

Veröffentlicht von hedera77

Bin ein echtes Ostseekind, geboren in Rostock an der Warnow und noch heute glücklich - hier in meinem Elternhaus. Seit 18 Jahren bin ich im Ruhestand, der alles andere als ruhig ist. Immer noch bin ich neugierig - im Sinne von wissbegierig - und teile gerne meine Gedanken mit anderen denkfreudigen Menschen, egal welchen Alters.

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