Erinnerungen an dich, Rosi

In meiner Erinnerung gehe ich 15 Jahre zurück. Tom und ich hatten dich in Berlin besucht, in deiner Neubauwohnung an der östlichen Stadtgrenze der Hauptstadt. Wir waren mit S- und U-Bahn kreuz und quer durch die Stadt gefahren, von der wir bislang nur den DDR-Teil einigermaßen gekannt hatten und machten zu dritt lange Spaziergänge zu deinen Lieblingsorten in der Stadt.  Ja, es ging dir gut damals. So glaubten wir. 

Aber kurz darauf – bald würden wir unsere 70. Geburtstage feiern – kam dein Anruf, der mich völlig überraschte. Du hattest dich verliebt. Verliebt in ein märkisches Dorf und wolltest der Hauptstadt adieu sagen. „Rosi, du bist verrückt“, sagte ich entsetzt. „Du Berliner Großstadtpflanze willst im märkischen Sandboden Wurzeln schlagen? Vergiss diese Idee!“ Aber meine Single-Freundin war gewillt, ihrem Leben einen neuen Kick zu geben und aus der anonymen Großstadt in die Einöde einer Dorfidylle irgendwo in Richtung polnischer Grenze ziehen. Ein Fiasko schien vorprogrammiert und ich sah mich schon – ausgestattet mit einer Großpackung Tempotaschentüchern – auf der Landstraße, um ihre Tränen zu trocknen. 

Mein Besuch trieb ihr wirklich die Tränen in die Augen. Ich hatte mich in den frühen Morgenstunden ins Auto gesetzt, um sie zu ihrem Siebzigsten zu überraschen, parkte vor der Haustür und gratulierte ihr per Handy. „Geh doch mal ans Fenster und schau auf die Straße“, bat ich schließlich. Ich hörte noch ihren quietschenden Überraschungsschrei, als sie mich auf der Straße sah und wusste, ich hatte voll ins Schwarze getroffen.  Wir hatten einen wunderschönen Tag miteinander.

Voller Stolz zeigte Rosi mir ihren neuen Lebensmittelpunkt, der sich keineswegs als tristes Dorf entpuppte. Denn plötzlich wurde bei mir zum Leben erweckt, wovon sie so oft am Telefon erzählt hatte: Die alte Feldsteinkirche aus dem 13. Jahrhundert mit der Buchsbaumlilie, der Tourismus-Pavillon, in dem sie oft aushalf, die schönen Sommerbilder, die beim deutsch-polnischen Hobbymaler-Pleinair entstanden waren, während Rosi per Fahrrad die Versorgung der Maler mit Getränken übernahm. Und dann wanderten wir ein Stück auf dem Rehfelder Liederweg. Wandern und dabei singen? Das gibt es noch, und zwar nicht im Großstadt-Berlin, sondern im überhaupt nicht langweiligen grünen Tor zur Märkischen Schweiz. Auf einem 12 km langen Rundkurs führt der Liederweg von Stein zu Stein. Auf 33 behauenen Granit- und Feldsteinen sind Tafeln angebracht, auf denen jeweils der Titel eines deutschen oder polnischen Volksliedes steht, daneben ein Notenschlüssel mit dem Namen des Stifters. Natürlich hatte auch Freundin Rosi sich an der Spur der Steine beteiligt und sich mit dem Lied „Die Gedanken sind frei“ verewigt.  

Übrigens fällt mir dabei mein Text über das „Lied vom einfachen Frieden“ ein, den ihr in meinem Blog findet. Ich schrieb den Beitrag vor einigen Jahren und er würde auch zu meinen Erinnerungen heute passen.

Noch einen anderen Text finde ich: Wenn die Seele traurig ist , so hatte ich ihn damals betitelt: 

„Vielleicht ist Glück am Ende nicht mehr und nicht weniger, als deine Zeit mit denen zu teilen, die du liebst“. Ein Spruch aus dem Büchlein „Glücklich machMomente für meine beste Freundin“, das Rosi mir kürzlich geschickt hatte. Ja, Rosi, gerade dich hätte ich jetzt so dringend gebraucht – und du bist unerreichbar. Irgendwo an der polnischen Ostseeküste lässt du dir den Wind um die Nase wehen und dein Handy hat sicher den Geist aufgegeben, hat einen leeren Akku oder liegt in irgendeinem Hotelzimmer auf dem Tisch. Aber es gibt eben Momente, in denen man kreuzunglücklich ist, sich Sorgen macht, aber nicht mal mit den erwachsenen Töchtern darüber reden mag. Sollen etwa auch sie sich Sorgen machen? Nein, bloß nicht. Aber Rosi, beste Freundin, Zuhörerin und Ratgeberin, verschwiegen und loyal, du könntest mich aus dem momentanen Tief erlösen. Wenn du denn erreichbar wärest!

So versuche ich es eben mit dem Büchlein, das griffbereit vor mir liegt. Es ist wirklich eine pfiffige Idee der Autorin, soll inspirierend und aufbauend wirken in allen Momenten des Lebens. Je nach Situation soll dazu eine Doppelseite aufgeschnitten werden und wie aus einer Wundertüte fallen mehr oder weniger kluge Ratschläge entgegen. „Öffne mich, wenn du eine stressige Woche hattest!“ Nein, die Seite bleibt geschlossen. „Öffne mich, wenn ich gerade nicht persönlich für dich da sein kann!“ Ein Griff zur Schere, ich lese – und bin enttäuscht. Bin ich etwa fünfzehn? Bin ich ein unglücklich verliebter Teenager oder eine verkaterte Partymaus, die nun der besten Freundin etwas ins Büchlein kritzeln soll? Ich muss lachen über den offensichtlichen Fehlkauf meiner Rosi. Aber wie sollte sie auch wissen, was zwischen den verschlossenen Seiten steht? Sie hat es gut gemeint – nur das zählt. Und in diesem Moment fällt mir ein, wie ich aus dem Loch, das eigentlich gar nicht so tief ist, herausklettern kann: Ich werde ihr einen langen Brief schreiben. Es ist schon immer meine beste Therapie gewesen, seit ich halbwegs vernünftig lesen und schreiben kann. 

Kaum gedacht, klingelt mein Telefon: „Ich bin wieder zu Hause. Ist alles in Ordnung bei euch?“ „Natürlich. Hattest du eine schöne Zeit? Ich ruf dich heute Abend mal an.“ 

Veröffentlicht von hedera77

Bin ein echtes Ostseekind, geboren in Rostock an der Warnow und noch heute glücklich - hier in meinem Elternhaus. Seit 18 Jahren bin ich im Ruhestand, der alles andere als ruhig ist. Immer noch bin ich neugierig - im Sinne von wissbegierig - und teile gerne meine Gedanken mit anderen denkfreudigen Menschen, egal welchen Alters.

Hinterlasse einen Kommentar