
Rosis Kindheitserlebnisse machten mich sehr nachdenklich. Ich machte mir Vorwürfe und grübelte, welche Bedeutung hatte sie für mich damals gehabt und weshalb mochte ich ihr wichtig gewesen sein? Wieso hatte ich sie vergessen können, während sie mich doch offensichtlich vermisst und nach fünfzig Jahren gesucht hatte?
Sie erklärte es mir: „Ich mochte deine fröhliche Unbekümmertheit. Du warst so, wie ich gerne gewesen wäre. Dir merkte man an, du warst zufrieden mit dir und deinem Leben. Du fühltest dich aufgehoben in einer intakten Familie, wurdest geliebt von Eltern und Geschwistern, konntest zurückblicken auf eine Kette von mecklenburger Vorfahren. Und dieses Geborgensein, dieses Urvertrauen, mit dem jedes Kind aufwachsen sollte, strahltest du aus. Ich wusste, du hattest noch andere Freundinnen, wurdest in der Schule gemocht. Um es einfach zu sagen: Du hast damals meinen Traum vom glücklichen Leben verkörpert. Nur, das hatte ich zwar so empfunden, brauchte aber noch eine Menge Zeit, um mir dessen bewusst zu werden.“
Ja, sie hatte recht, so war meine Kindheit. Und ich hatte dies als Selbstverständlichkeit angesehen und nicht darüber nachgedacht, welch ein Privileg damit verbunden war. Rosi aber musste bei Null anfangen, hatte keine Familie, kannte keine Vorfahren, hatte kein ‚Netz‘, das sie auffangen konnte, wenn sie Hilfe brauchte. Ihr fehlte Vertrauen zu sich selbst und zu ihren Mitmenschen und sie hatte keine Ahnung, wie ihre Zukunft aussehen sollte. Und dann diese Pflegemutter!
Nun verstand ich, weshalb Rosi Lehrerin geworden war, weshalb sie früh geheiratet und drei Kinder bekommen hatte, die sie allein großzog, da ihre Ehe bald in die Brüche ging. Ich verstand, dass sie nach der Wende im Kindernotdienst Berlin arbeitete und als Ehrenamtliche am Unfallkrankenhaus zu den ‚Grünen Damen‘ gehörte, die sich um Verunfallte kümmern, die keine Angehörigen vor Ort haben.
Rosi, was habe ich alles von dir gelernt. Was habe ich dir zu verdanken. Deine Lebenserfahrung, deine Klugheit und Belesenheit, dein soziales und kulturelles Engagement haben mich tief beeindruckt. Vor allem aber, wie du dieses Leben gestaltet und geführt hast: konsequent, gradlinig – manchmal warst du sicher auch unbequem für deine Mitmenschen. Hierin unterschieden wir uns. Ich ging lieber den Weg der Kompromisse, suchte Konflikten und Risiken aus dem Weg zu gehen, passte mich an, statt auf Konfrontations-Kurs zu gehen. Ich bin eben ein richtiger Waage-Mensch.
Wir lebten damals im Jahre 2006, als ich mir – angeregt durch die Gespräche mit Rosi – ernsthaft Gedanken machte über meine Vorfahren-Kette, für die ich mich nicht allzu sehr interessiert hatte. Das musste sich ändern. So begann ich mit Recherchen, besuchte alte Friedhöfe und den Wohnort unserer Urgroßeltern, studierte Aufzeichnungen und Unterlagen, die meine Eltern betrafen, redete mit meinen Geschwistern und entfernten Verwandten. Schließlich schrieb ich einen langen Brief an meine vier Enkelkinder, die damals zwischen zehn und vier Jahre alt waren. Natürlich wusste ich, dass sie vorerst wenig Interesse am Inhalt haben würden. Aber irgendwann! Die entstandenen hundert Seiten ergänzte ich durch Fotos und gescannte Quellenauszüge, druckte alles mehrfach aus und beschenkte meine Familie mit meinem Büchlein. Im Vorwort erklärte ich den Grund für diesen Familien-Brief, erzählte von Rosi, der wiedergefundenen Freundin aus Kinderzeiten, die ihre Wurzeln nicht kannte. Meinen Kindern und Enkeln sollte das nicht passieren.
Wie viele Anregungen gabst du mir, Rosi. Wie viele Texte entstanden, weil du dich für Dinge und Menschen interessiertest, die uns beide verbanden. Du wolltest wissen, was aus meinen Geschwistern und den Eltern geworden waren? Ich antwortete auf solche Fragen gerne mit Kurzgeschichten, die oft auch in verschiedenen Anthologien veröffentlicht wurden. Schließlich schrieb ich zwei Romane, für die ich dich zu meiner Testleserin machte, bevor ich sie Verlagen anbot. Auch kleine Episoden über uns beide entstanden in den letzten Jahren.
Wenn ihr sie lesen mögt, dann habt ein paar Tage Geduld