
Denkt bitte nicht, ich favorisiere Liebesromane, bei denen man nach den ersten Seiten schon das Ende vorhersagen kann. Nein, ich kenne z.B. keinen einzigen Roman von Rosamunde Pilcher. Dafür aber bin ich bekennende Verehrerin von Biografien, wenn sie selbst geschriebene Autobiografien von mir bekannten Personen aus verschiedensten Lebensbereichen sind. Biografien oder Memoiren, evtl. von Ghostwritern geschrieben oder mit realitätsfernen Darstellungen und eindeutigen ‚Erinnerungslücken‘ gespickt, gehe ich gerne aus dem Wege.
Das Problem: Wem kann ich vertrauen, wem traue ich zu, sich ehrlich mit sich selbst auseinanderzusetzen und das auch noch stilsicher zu Papier zu bringen? Ist es heutzutage doch nicht einmal illegitim, wenn jemand z.B. seine Masterarbeit von Schreibprofis schreiben oder lektorieren lässt. Ist das nicht unanständig? Oder ist es verzeihlich, wenn ich einen Profi hinzuziehe, weil ich etwas ‚der Welt‘ mitteilen möchte oder muss, mir aber ausgerechnet die sprachliche und schreibtechnische Begabung fehlt?
Trotzdem lese ich gerne Biografien, suche aber möglichst nach einem ‚doppelten Boden‘. Ein Beispiel? 1976 erschien der Roman „Kindheitsmuster“ von Christa Wolf, in dem die Autorin der Frage nachging: Wie sind wir so geworden, wie wir heute sind? Der Roman trägt eindeutig autobiografische Züge und erinnerte mich damals stark an den Aufsatz, den wir künftigen Abiturienten Ende der Fünfziger in der DDR schreiben mussten. „Darstellung meiner Entwicklung“ hieß das ungeliebte Thema. Wir wussten weder, ob unsere Deutschlehrerin ein Schweigegelübde zum Inhalt unserer Lebensdarstellung abgelegt hatte, noch zu welchem Zweck wir Auskunft darüber geben mussten, wer und was unsere Entwicklung beeinflusst hatte. Ich bin mir sicher, kaum jemand gab eine ehrliche Lebensanalyse ab.

1998, die DDR existierte nur noch in unseren Erinnerungen, begann die damals 25jährige Enkelin von Christa und Gerhard Wolf, Jana Simon, lange Gespräche mit ihren Großeltern zu führen. Es ging um die Herkunft ihrer Familie, um die Haltung der Großeltern zu Nationalsozialismus und DDR, über Freundschaften und politisches Engagement. So entwickelte sich ein Dialog der Generationen, in der die Enkelin – mittlerweile freie Journalistin und Autorin – tiefen Einblick in das Leben und Denken der Großeltern gewann und die Gespräche schließlich mit dem Titel „Sei dennoch unverzagt“ im Fischer-Verlag veröffentlichte.

Um das Bild, das ich nun von Christa Wolf hatte, abzurunden, las ich das 2024 beim Insel-Taschenbuch-Verlag erschienene Buch von Carolin Würfel: „Drei Frauen träumten vom Sozialismus“. Es geht hier um Maxie Wander, Brigitte Reimann und Christa Wolf, die drei Ikonen der DDR-Literatur. Auf der Cover-Rückseite heißt es: „… Was sie zusammenbrachte, war die Begeisterung für das Versprechen einer besseren Welt. Mit Empathie und kluger Distanz erzählt Carolin Würfel vom Ringen dieser schreibenden Frauen mit einem System, an das sie glauben wollten und an dem sie verzweifelten, sie erzählt von Freundschaft und Solidarität und fragt, was von jenem Traum geblieben ist.“
Damit konnte ich ein gedankliches Häkchen zum Thema Christa Wolf machen.
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Sehr gerne habe ich mich der literarischen Reise durch das Leben von Ute Lemper angeschlossen. die ich sehr verehre. „Die Zeitreisende zwischen Gestern und Morgen“ wählte sie als Titel. Kaum zu glauben, dass diese vielseitige und jung gebliebene Künstlerin, die zu den wenigen noch lebenden deutschen Weltstars gehört, sich dieses Buch zu ihrem 60. Geburtstag zum Geschenk gemacht hat. Hier ein kurzer Auszug aus einer Rezension: „Sie berichtet von den wichtigen künstlerischen Begegnungen in ihrem Leben und reflektiert die parallelen zeitgeschichtlichen Ereignisse der sich rapide wandelnden Welt – die literarische Zeitreise einer außergewöhnlichen Frau, ein beeindruckendes Dokument unserer Zeitgeschichte.“

Ich bewundere diese vielseitige Künstlerin, ihr Können als Tänzerin, Musical-Darstellerin, Sängerin, mag aber vor allem ihre Haltung, ich mag was und wie sie singt. Ob ihre Hommage an Marlene Dietrich, die Kurt Weill-Lieder, die Songs und Lieder aus Musicals. Erst durch die Autobiografie begriff ich in vollem Umfang was diese Künstlerin geleistet hat. Und sie ist doch erst sechzig! Besonders gefiel mir der Epilog, i-Punkt und Sahnehäubchen, geschrieben von ihrer Tochter Stella. Ihr solltet wenigstens den Beginn des Epilogs kennenlernen: „Ich bin die Tochter einer renommierten deutschen Sängerin und eines amerikanischen Schriftstellers, den meine Mutter 1992 in Berlin kennenlernte, wo er als professionaler Komiker gearbeitet hat. Heute Abend, während ich am Rande der Bühne stehe und, versteckt hinter einem dicken Samtvorhang beobachte, wie das Publikum gebannt dem Zauber meiner Mutter folgt, spüre ich tatsächlich Neid in mir. Ich beneide die Zuschauer um ihre jungfräulichen Augen und Ohren, die sie zum ersten Mal erleben. In den vergangenen sechsundzwanzig Jahren meines Lebens habe ich sie bestimmt über zweihundert Mal auf der Bühne gesehen und ich wünsche mir von ganzem Herzen, so einen Auftritt wenigstens einmal mit den Augen und Ohren einer Fremden zu erleben, die sie nicht ‚Mom‘ nennt, wenn der Vorhang gefallen ist. Eines Menschen, der ihr nicht in letzter Minute hilft, den Reißverschluss des Kleides zu schließen, und ihr nicht sagt, das Mikro habe zu viel Hall oder der Lidschatten sei zu dunkel oder die Kinder seien in der Pause eingeschlafen. Das sind einige der Pflichten und Privilegien, die ich als Stella Lemper habe, Tochter der Frau, mit der Sie gerade mehr als dreihundert Seiten verbracht haben, der Frau, deren vierzigjährige Karriere die Konzerthäuser von Deutschland über New York bis nach Tokio gefüllt hat, der Frau, die mich am 30. Juli 1996 im Amerikanischen Krankenhaus in Paris per Kaiserschnitt zur Welt brachte…“ Und Stella schreibt weiter, zwanzig Seiten über ihr Tochter-Mutter-Verhältnis. Berührend und schön.
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Zwei andere Frauen, eine ist die Schauspielerin und Theaterregisseurin Hannelore Hoger, die andere die ehemalige US-amerikanische First Lady Michelle Obama, haben mich mit ihren Autobiografien ebenso stark berührt, bzw. interessiert. Zuerst las ich „BECOMING: Meine Geschichte“ von Michelle Obama. Mit Sicherheit ist ihre Lebensgeschichte äußerst lesenswert, obwohl ich nicht beurteilen kann, inwieweit sie Schreibmitarbeiter engagiert hatte. Immerhin ist es teilweise eine etwas pikante Gratwanderung, wenn die Autorin in ihrer politischen und gesellschaftlichen Höchststellung aus dem Nähkästchen plaudert und hinter die Kulissen des Weißen Hauses blicken lässt. Aber Michelle Obama hatte schon mit ihrer ‚Amtsübernahme‘ meine Sympathie, sodass ich später auch die Biografie von Barack Obama las: „Ein verheißenes Land“, die ich mir aus der Bibliothek auslieh. Letztere war nicht unbedingt eine leichte Kost, aber der Autor war schließlich acht Jahre lang der 44. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika.
Im Jahre 2017 hat die ‚Bella-Block-Kriminalistin‘ Hannelore Hoger mit ihrer autobiografischen Darstellung „Ohne Liebe trauern die Sterne – Bilder aus meinem Leben“ meinen Lesenerv voll getroffen. Natürlich weiß ich, dass ich ihr mit der Reduzierung auf die Bella-Block-Rolle großes Unrecht antun würde. Schon seit Langem gehörte Hannelore Hoger zu meinen Lieblingsschauspielerinnen und ich sehe mir nicht nur jeden Film oder jede Fernsehserie an, in der ihr Name in der Darstellerliste auftaucht, sondern mich interessierte auch, wie sie ihre Popularität nutzte. Zum Glück tingelte sie nicht durch Talk-Shows oder war meines Wissens auch nicht in den Social-Medien Dauergast. Aber ich will hier über Bücher – über Biografien – schreiben, nicht über ihre bemerkenswerten Filmrollen. Aber Stopp! Gerade, als ich ihr Buch aus dem Regal nehmen wollte um nachzuschauen, ob und wie mein Lieblingsfilm „Nichts für Feiglinge“ dort Erwähnung findet, wurde mir bewusst, dass ich es einer guten Freundin geschenkt hatte.
Das wäre nicht passiert, wenn … Aber dazu werde ich demnächst etwas schreiben.