
Lieblingsfreundin Rosi schenkte mir vor vielen Jahren einen Bildband mit diesem Titel. Der Autor und Herausgeber Stefan Bollmann hatte lesende Frauen aus neun Jahrhunderten – dargestellt auf Gemälden, Zeichnungen und Fotografien – ausgewählt und diese Darstellungen mit interessanten Erläuterungen ergänzt. Elke Heidenreich schrieb das Vorwort und erklärte in ihrer unnachahmlichen Weise den Titel so: „Wer liest, denkt nach, wer nachdenkt, bildet sich eine Meinung, wer eine Meinung hat, weicht ab, wer abweicht, ist ein Gegner. So einfach lässt sich das erklären.“
Wie glücklich kann ich mich doch schätzen, dass meine Eltern mich niemals vom Lesen abgehalten haben. Im Gegenteil, ihr großer Bücherschrank – übrigens ihr erstes Möbelstück, das sie sich als verliebte Verlobte in den ‚Goldenen Zwanzigern‘ kauften – wurde später Schritt für Schritt gefüllt mit Werken der deutschen Klassik und Bestsellern ihrer Zeit. Als ich Anfang der Fünfzigerjahre lesen und schreiben gelernt hatte, fand ich dort zwar keine Kinderbücher, dafür aber genügend Lesestoff für Erwachsene. Und ich verschlang alles, was lesbar war. Ein Tabu gab es nicht, meine Eltern schienen mir zu vertrauen, dass ich nur das las, was ich auch einigermaßen verstand. Noch heute erinnere ich mich an die beiden Romane des Norwegers Trygve Gulbransson „Und ewig singen die Wälder“ und „Das Erbe von Björndal“, die ich als etwa Zehnjährige las, die in den Sechzigern verfilmt wurden und noch heute als Bücher gekauft, gelesen oder per Streaming angesehen werden können.
Woher kam meine Leseleidenschaft, die in gleichem Maße auch mein älterer Bruder besaß? Unserem Vater war es klar: Die beiden kommen nach ihrer Urgroßmutter, die in der Familie nur ‚die kluge Großmutter Carolina‘ genannt wurde. Sie wurde 1853 geboren, arbeitete auf einem Gut unweit von Rostock als Meierin und verliebte sich in den Stellmacher Ludwig, Sie heirateten und bekamen sieben Kinder. Ich fragte mich oft, wie sie das mit ihrer Leidenschaft für Literatur und Geografie vereinbaren konnte und vor allem, wie war diese Frau zu ihrer Bildung gekommen? Ich weiß nur, dass ihre Vorfahren einst als Hugenotten aus Frankreich geflohen waren und sich in Mecklenburg niedergelassen hatten.
Urgroßmutter Carolina war nicht nur Mutter der großen Kinderschar, sondern hatte auf dem Gut die Verantwortung für alles, was mit Milch zu tun hatte, vor allem die Butter- und Käseherstellung für den Bedarf des Gutes, aber auch für die Vermarktung der Produkte. Sie soll – so würden wir heute sagen – eine clevere und emanzipierte Frau gewesen sein. In jeder freien Minute las sie, las alles, was ihr in die Hände kam, in Reichweite lag immer ein Atlas, und sie erwartete von ihren Besuchern aus der großen Familie, dass sie ihr immer Lesestoff mitbrachten. Mein Vater verlebte als Schuljunge seine Ferien bei seinen Großeltern auf dem Lande und hat dabei eine große Portion Wissensdurst und Klugheit mitbekommen, aber auch erlebt, dass der Haussegen manches Mal schief hing, weil das Essen nicht rechtzeitig auf dem Tisch stand, denn Carolina hatte wieder mal die Welt um sich herum vergessen. Sie hatte gelesen. Mit neunzig Jahren starb sie.
So bin ich sehr, sehr dankbar, dass ich in einer Familie aufgewachsen bin, in der Bildung – und damit Bücher – einen ganz großen Stellenwert besaß. Blicke ich heute zurück und versuche, mich an die unendlich vielen Bücher zu erinnern, die ich in meinem bisherigen Leben gelesen habe, dann bedauere ich besonders, dass ich mir zu selten Notizen gemacht habe. Als ich mir Ende der Achtzigerjahre meinen ersten Computer kaufte, auf dem ich anfangs noch viel übte und ausprobierte, richtete ich mir zuerst eine Datei ein, in der ich Bemerkungen zu den gelesenen Büchern speicherte. Dummerweise hat die Datei nicht überlebt, als ein neuer Computer Einzug hielt. Nun ist es zu spät und ich vertraue auf mein Gedächtnis. Aber ich bin mir sicher, dass die Bücher mich, mein Denken und Verhalten, stark beeinflusst haben.
Gerne möchte ich euch in meiner neuen Kategorie LESELUST an meinen Erinnerungen teilhaben lassen.
Und wie dankbar bin ich, dass du diese Erinnerung hier geteilt und damit das Lesen als eine wunderbare Bereicherung im Leben gewürdigt hast!!! Glücklicherweise ist die Begeisterung dafür auch auf die nachfolgenden Generationen übergegangen. Auch wir können uns an schönen Worten, guten Texten und Geschichten, welcher Art auch immer, erfreuen. Damit wird die „Leselust“ zu einer neuen, spannenden Kategorie. Ich freue mich drauf.
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