
Was gibt es Schöneres, als Weihnachten in der Familie zu verbringen. Das höre und lese ich in diesen Tagen fast täglich. Eine gute Bekannte – sie geht auf die Achtzig zu – erzählte kürzlich, sie habe über die Festtage vierzehn Personen zu bekochen und zu bewirten, Übernachtungen inclusive. „Aber ich schaff das schon“, sagte sie lächelnd. Die schon längst erwachsenen Kinder mit Anhang erwarteten ein Weihnachten wie früher: Tannenbaum mit Bescherung, Kartoffelsalat mit Würstchen. Und am Ersten gefüllte Gänse, Rotkohl, Klöße – natürlich nichts aus Dose, Tüte oder Tiefkühltruhe – danach Mecklenburger Götterspeise mit geriebenem Schwarzbrot, Schattenmorellen, Schlagsahne. Und nachmittags den traditionellen Frankfurter Kranz und selbstgebackene Pfeffernüsse. „Die Enkel sollen schließlich Weihnachten in Familie kennenlernen und später diese Tradition weitergeben“, erzählte sie voller Überzeugung.
„Und sie schlafen alle bei dir?“, vergewisserte ich mich noch einmal.
„Ja, anders geht’s doch nicht. Sie wohnen doch nicht hier in der Nähe.“
„Und das wird dir nicht zu viel?“
Sie zuckte mit den Schultern. „Sind ja genug da zum Tisch decken, Abräumen, Spülen.“
„Aber du hast doch einen Geschirrspüler!“, unterbrach ich sie.
„Doch nicht für das gute Goldrandservice und die Kristallgläser. Nein, die müssen per Hand abgewaschen werden. Das mach ich am liebsten alleine, schicke dann die Familie zum Spaziergang. Ich stell mir Weihnachtsmusik an und genieße die Ruhe, während ich abwasche und dann den Tisch wieder zum Kaffee decke. “ Das Schlimmste sei das Planen und Überlegen, was alles eingekauft und vorbereitet werden müsse. So ohne Auto sei das eine ziemliche Schlepperei mit ihrem Hackenporsche. „Ich muss doch alles noch die Treppen in die zweite Etage schlepppen. Und dann die Getränke! Wein, Sekt, Bier … Na, du weißt ja, was alles dazugehört. Zum Glück hab ich meinen Balkon, wo vieles deponiert werden kann. Im November beginne ich schon mit den Einkäufen.“ Sie seufzte leise und ihr Gesicht sah nicht mehr so fröhlich aus.
„Das wird ja ein ziemlich teures Weihnachten für dich“, überlegte ich laut, „denn Geschenke kommen ja vermutlich noch hinzu?“
„Ja, das stimmt. Aber die Kinder geben mir Geld dazu. Das ist dann mein Weihnachtsgeschenk. Außerdem, ich hab Freude daran, meine Lieben zu verwöhnen.“
„Na, dann wünsch ich dir ein fröhliches Fest und drücke die Daumen, dass es ein harmonisches Zusammensein wird.“ Nachdenklich verabschiedete ich mich.
Weihnachten – das Verwöhnfest, das Fest der Familie, der Liebe. Ein schöner Gedanke. Drei Tage lang Friede, Freude, Harmonie und perfektes Glück für jeden und alle! Könnte das funktionieren? Und vielleicht auch gleich für die Tage, Wochen und Jahre danach? Wer dafür ein Rezept erfindet, sollte für den Friedensnobelpreis prädestiniert sein.
Der Verwöhn-Gedanke beschäftigte mich weiter, besonders als ich auf einem Abreißkalender den Spruch las: „Jemanden verwöhnen heißt, ihm das geben, was er nicht braucht.“ Alice Miller war die Autorin. Leicht irritiert über ihre Aussage wollte ich wissen, wer diese Frau war. Sie sei eine schweizerische Autorin und Psychologin polnisch-jüdischer Herkunft, 1932 geboren, die sich 2010, als schwerkranke Frau, das Leben nahm. Sie selbst hatte sich als zweifache Mutter als Kindheitsforscherin bezeichnet und die Eltern-Kind-Beziehung, vor allem die gewaltfreie Erziehung, zu ihrem Hauptthema gemacht. Ihre persönliche Tragik wird in den Worten ihres Sohnes deutlich: „Es war nicht schön, der Sohn von Alice Miller zu sein.“ Erst nach ihrem Tod hatte er die schwierige Familiengeschichte seiner Mutter erfahren und gelernt, sie zu verstehen.
Doch zurück zum Zitat. Im Bedeutungswörterbuch fand ich unter dem Stichwort ‚verwöhnen‘ zwei Aussagen: a) Jemanden zu nachgiebig, mit zu großer Fürsorge behandeln und dadurch daran zu gewöhnen, dass jeder Wunsch erfüllt wird. Also – so füge ich hinzu: Eltern verwöhnen z.B. ihren Sohn maßlos, die arme Frau, die den mal heiratet!
b) Durch besondere Zuwendung und Aufmerksamkeit dafür sorgen, dass sich jemand wohlfühlt. Also: ER trägt SIE auf Händen, liest ihr jeden Wunsch von den Augen ab. Die Glückliche! Aber nicht nur die verschiedensten Partnerbeziehungen können als Analogbeispiele herhalten, sondern natürlich auch die Beziehungen zwischen den Generationen. So ist die Kindererziehung eine Gratwanderung, bei der oft a) und b) miteinander vermischt werden. Einerseits wollen wir, dass es den Kleinen gutgeht, dass sie behütet aufwachsen, seelische Stabilität und Urvertrauen entwickeln. Andererseits tun wir ihnen keinen Gefallen, wenn wir ihnen jedes Problemchen aus dem Weg räumen, wenn wir sie verhätscheln, verzärteln und in Watte packen. So entstehen Egoisten und kleine Tyrannen, die keine Grenzen akzeptieren und denen soziale Kompetenz fehlt. Sie werden es im Leben schwer haben. Kinder, die gefordert werden, die ein berechtigtes Nein akzeptieren und auch mal scheitern und verlieren lernen, haben es einfacher.
Alles dreht sich in den nächsten Wochen ums Weihnachtsfest. Ich wünsche uns, dass wir das richtige Maß, die richtige Mischung finden – sowohl bei der Erziehung als auch bei den Geschenken.
Ich wünsche allen Lesern fröhliche, harmonische und friedliche Weihnachten.