
Vor einigen Tagen kam ein seltsames Päckchen mit der Post. „Vorsicht Glas!!!“ wurde in fetten Buchstaben gewarnt. Nachdem ich diverse Tesafilm-Lagen abgewickelt und Füllmaterial im Innern entfernt hatte, zog ich sie ehrfurchtsvoll ans Licht meiner Küche: Sie, die Flasche Vin de Porto, den roten Portwein aus Portugal, den wir beide so mögen – die Absenderin und ich. Am Flaschenhals hing die Karte mit einem typischen Heidi-Gruß: „Auf die 30 Tage im November! Auf den Windmond, auf die Welt im Wandel, auf das letzte Blatt im Wind, auf lilafrühen Morgen, auf nebelhellblaue Träume, auf silberkühle Windmondnacht – auf den November, der lacht und lacht. UND AUF DICH!“
Heidi, meine Schreibfreundin und Seelenverwandte – vom Alter her könnte sie fast meine Tochter sein – war vor etwa zehn Jahren in meinem Leben aufgetaucht und wir wussten sofort, dass wir uns nie wieder verlieren wollten, obwohl wir uns selten sehen würden. Es ist ein Geschenk, wenn man in einem Alter, in dem andere dich als Ruheständlerin betrachten, die allmählich abtrainieren und langsamer treten sollte, noch einmal so mitgerissen wird von einem empathischen Energiebündel, intelligent, sensibel … ach, Heidi! Du bist wie ein Wirbelwind in die Gruppe meiner Lieblingsmenschen gestürmt. Nun gehörst du dazu – auch, weil du ein Novemberkind bist, obwohl du doch im Frühling geboren wurdest.
Ich liebe Tage, die mich glücklich und dankbar, aber auch nachdenklich werden lassen. Hab ich früher auch so viel darüber nachgedacht, was mir guttut, was ich brauche, um abends zufrieden einzuschlafen? Bei diesem Gedanken muss ich lachen. Früher, da war der tägliche Kampf, die Balance zu schaffen zwischen Beruf, Kindern, Eltern, Liebe, Freizeit … Früher, das war ein turbulentes Leben, wie es meine erwachsenen Kinder und Enkel heute tagtäglich in ähnlicher Form führen. Es gab gute und schlechte Tage, wir hangelten uns von Woche zu Woche, freuten uns auf die Wochenenden, den Urlaub … Vermutlich musste ich wirklich erst alt werden, um bewusster zu leben, dankbarer zu sein. Das Nachdenken über das was war und ist, gehören dazu.
Nun bin ich gerade zweiundachtzig geworden und suche immer noch nach dem Rezept für mich, wie ich ohne größere Blessuren die kommenden Jahre zufrieden durchleben kann, also gesund und einigermaßen fit zu bleiben, um den täglichen Herausforderungen Paroli bieten zu können. Aber ich bin in guter Gesellschaft: Mein Großcousin hat mich kürzlich zu seinem 90. Geburtstag eingeladen, den er in zwei Jahren feiern wird und jetzt schon plant. Meine Schwester hat ihn bereits vor vier Jahren gefeiert. Und da wir eine gemeinsame Urgroßmutter hatten, deren Abkömmlinge alle fast die Hundert erreichten, bin ich in dieser Frage recht optimistisch. Ja, lacht nur. Ich tue es auch. Denn ob das wirklich erstrebenswert ist, weiß ich nicht.
Kürzlich wurde eine Nachbarin neunzig. Wir wohnen an einem kleinen Rondell mit sechs Häusern und zwei Anliegern, mit Alteingesessenen und Hinzugezogenen, die sich alle gut verstehen. Das Geburtstagsgeschenk für unsere ‚Alterspräsidentin‘: Ein Straßenfest vor ihrer Haustür – mit Kaffee und Kuchen, Rede und gemeinsamem Geschenk. Aber strengste Geheimhaltung war Bedingung, sie sollte nichts von unseren Vorbereitungen erfahren! Die Freude an ihrer Freude war für uns enorm. Jeder hatte sich beteiligt und niemand wird diesen Nachmittag vergessen. Nur, selbstverständlich ist das sicher nicht. Die Jubilarin ist keine lamentierende Mecker-Oma, sondern eine liebenswerte, interessierte Nachbarin, die jeden Tag ihre Rollatoren-Spaziergänge macht. Schön, wenn man das schafft.
Schön auch, wenn man Kontakt mit Gleichgesinnten hat. Nächste Woche werde ich wieder bei der Seniorengruppe unseres Wohngebiets sein. Seit etwa zehn Jahren werde ich zum Lesen eingeladen, immer sollen es selbstgeschriebene Texte sein, zuvor gibt es Kaffee und Kuchen. Vor einiger Zeit stellte ich ihnen meinen jüngsten Roman vor, las die beiden Anfangskapitel, wollte die Wirkung auf künftige Leser testen. Ich las vom kleinen Tablet-Computer, das Manuskript war noch nicht gedruckt. Das Ergebnis: Sie baten mich, ein Hörbuch für sie zu machen, das heißt, ich bin in kürzeren Abständen ihr Gast und mache quasi einen Fortsetzungsroman daraus. Mittlerweile könnten sie den Roman in Buchhandlungen oder im Internet kaufen und ihn selbst lesen. Aber das ist keine Option für sie. Es überfordert sie. Das Zuhören überschaubarer Text-Häppchen, den anschließenden Gedankenaustausch darüber – das mögen sie. Und auch ich lese gerne. Erst kürzlich begriff ich, wie gerne sie mir zuhören. Eine Ehemalige der Seniorengruppe, die nun in einem Heim lebt, stand plötzlich mit einer Betreuerin als Überraschungsgast in der Tür und hoffte auf einen fröhlichen Nachmittag. Ich unterbrach mein Lesen und bot an, zu einem anderen Termin wiederzukommen. Aber der Protest kam einstimmig und ein Kompromiss war schnell gefunden. Die beiden Damen bekamen Kaffee und Kuchen und wurden um Stillschweigen gebeten. Zumindest noch eine gute halbe Stunde, denn sie wollten unbedingt meine Geschichte weiterhören.
Ja, das sind die kleinen Freuden meines Alltags, die Novemberfreuden. Zu ihnen gehört auch der Kampf gegen die Laubberge im Garten und auf dem Gehweg. So viele Igel und Insekten gibt es gar nicht, die ich damit glücklich machen könnte. Deshalb müssen Biotonne und große Laubsäcke mit den herbstbunten Blättern von Kastanie, wildem Wein und Pflaume gefüllt werden.
Zu den großen Freuden gehören Besuche der Familie, dafür Kürbissuppe, Kohlrouladen …. kochen, Kuchen backen, erzählen und Spaziergänge an der Warnow machen. Aber auch Socken stricken für die Enkel, mit Tom durch die Mecklenburger Landschaft fahren und die herrlichen Herbstfarben bewundern, den Nebel in den Tälern, die sonnengefluteten Felder, die Vogelformationen und -schwärme am Himmel und immer wieder die wunderschönen Wolken und Himmelsfärbungen am Morgen und Abend.
Und da sage jemand, der November sei grau und kalt und ungemütlich.Nicht für mich. Und nicht für meine Heidi-Freundin und viele gleichgesinnte Herbstkinder. Es ist aber auch die Zeit für Kerzen, warme Stuben, Lesen und Musik hören. Auch Zeit für gute Gedanken und gute Taten für die, die sich vor Kälte und Dunkelheit fürchten. Und es ist Zeit zum Schreiben.