
„Eben ist Detlef gestorben. Ich bin untröstlich. Sonja“ Entsetzt las ich die Nachricht auf meinem Handy. Detlef war tot? Noch drei Tage – dann hätten er und mein Tom ihre Geburtstage feiern wollen. Detlef wäre 85 geworden, Tom 84. Ich konnte es nicht fassen.
Seit Ewigkeiten kannten wir uns. Ewigkeiten? Nun, es waren immerhin siebenundsechzig Jahre. Sonja und ich hatten uns seit dem ersten Schultag in der neunten Klasse vier Jahre lang einen Schultisch geteilt und waren bis zum Abitur unzertrennlich geblieben, obwohl sie sich nach wenigen Schulwochen in Detlef verliebt hatte. Und nun war er gestorben? Einfach so?
Ich rief Sonja an. Sie ging nicht ans Telefon. War Detlef in einer Klinik gestorben und sie war noch bei ihm? Weshalb hatten wir nicht gewusst, dass er krank gewesen war? Ich schrieb eine Nachricht: „Wir sind tief erschüttert. Was kann ich tun? Soll ich vorbeikommen?“ Ihre Antwort kam umgehend: „Wär schön.“ Ich schrieb zurück: „Bin 15 Uhr bei dir.“
Pünktlich klingelte ich, der Türöffner summte, ich stieg in den Fahrstuhl, die Wohnungstür war geöffnet. Ich nahm Sonja in die Arme.
„Geh schon mal ins Zimmer und setz dich, ich bin gleich bei dir, muss noch für den Bestatter ein paar Sachen zusammensuchen.“ Nun kenne ich natürlich ihre Wohnung und die elegante Sitzgarnitur, auf der wir zu viert schon viele gemütliche Stunden miteinander verbracht hatten. Gerade wollte ich mich auf meinen gewohnten Platz setzen, als ich erstarrte. Fassungslos sah ich zum Zweisitzer neben mir, denn da lag er – Detlef. Der tote Detlef. Er trug einen sommerlichen Schlafanzug, lag auf der Seite, den Kopf in die Armbeuge geschmiegt, die Augen geschlossen. Schlief er vielleicht nur? War er wirklich tot – war alles nur ein Irrtum? „Detlef?“ Leise flüsterte ich seinen Namen. Aber natürlich kam keine Reaktion. Rückwärts ging ich zur Tür, traf dort auf Sonja.
„Ich ruf gleich den Bestatter an, er kann jetzt abgeholt werden“, erklärte sie. Wir saßen noch eine Weile am Esstisch und redeten miteinander, der tote Detlef war aus meinem Gesichtskreis verschwunden.
Am nächsten Abend bekam ich eine ungewöhnlich lange Mail von Sonja. Ihre Tochter war angereist und sie hatten beide den Nachmittag an der Ostsee verbracht. „Wir haben etwas Seltsames erlebt“, schrieb sie. „Wir schlenderten auf der Warnemünder Promenade und redeten miteinander. Eine Frau überholte uns, sie war außer Atem, als wäre sie gelaufen. Sie stellte sich vor mich, umfasste meine Hände und sagte, sie habe eine Botschaft für mich. Dabei legte sie einen Stein, einen Rosenquarz, in meine Hände. Der Rosenquarz stehe für Trauer und Liebe, erklärte sie. Und Sie haben etwas Schweres erlebt? Meine Tochter sagte leise: Mein Papa ist gestern verstorben. Sie nickte verstehend, wandte sich plötzlich ab und ging mit schnellen Schritten davon. Später sahen wir einen Verkaufsstand, an dem Schmucksteine angeboten wurden. Wir zeigten dem Verkäufer den Stein, den er sofort wiedererkannte und sich auch an die Käuferin erinnerte. Nein, er kannte sie nicht. Wer war diese Frau? Wer hatte sie zu uns geschickt? Woher wusste sie von Detlefs Tod? Ich versteh das alles nicht. Du???“
Nein! Kannte Sonja mich so wenig? Ich bin so entsetzlich anti-spirituell, habe für Esoterik, Mystik, Schicksalsglaube … nichts übrig. Selbst die Zauberei betrachte ich mit Misstrauen. Nicht mal die Ehrlich-Brothers können mich begeistern, sondern höchstens verblüffen oder auch ärgern, weil ich ihr Tun nicht begreifen kann. Kurz: Ich mag das Wissen, das auf wahren und gerechtfertigten Tatsachen beruht. Ich will verstehen und nachvollziehen können. Deshalb besitze ich vermutlich auch keine Schutzengel, die meinen Lebensweg bewachen. Also: Selbst ist die Frau! Selbstfürsorge ist mein Motto! Und damit lebe ich munter und gesund – hoffentlich noch recht lange.

Nun aber eine Begegnung, bei der ich herzlich lachen musste, aber auch nachdenklich wurde. Freitag im Supermarkt. Ich schlenderte zwischen den Regalen für alkoholfreies Bier, kannte noch kein Getränk dieser Art, das die Chance bekommen würde, in die Kategorie Lieblingsgetränke aufgenommen zu werden.
„Lass das!“, hörte ich eine energische weibliche Stimme. Erschrocken stellte ich den Sechserpack wieder zurück ins Regal und sah mich um. Niemand zu sehen. War ein Hund gemeint? Unsinn! Ein Hund im Supermarkt? Verboten! „Was willst du denn noch alles haben! Das brauchen wir nicht! Leg’s wieder hin!“ Die Stimme war noch einige Grade schärfer geworden. Nun wollte ich’s wissen. Wem gehörte diese genervte Kommandostimme ? Dann wusste ich’s: Eine Frau in den Siebzigern, hager, dunkel gefärbter Kurzhaarschnitt, sportliche Kleidung – mit verkniffenem Gesicht, zusammengezogenen Brauen. Ihr Blick war in Richtung ihres Befehlsempfängers gerichtet. Es schien ihr Ehemann zu sein, zumindest passte das Outfit, das stark auf Partnerlook hinwies. Das Kühlregal für Fleisch- und Wurstwaren vor sich, hatte er gerade zwei Kammsteaks aus dem Einkaufswagen wieder der Kühlung zugeführt, nun aber mit triumphierendem Blick ein Päckchen mit fingerdicken Salamiwürstchen entdeckt und es durch die Luft geschwenkt – mit Blick zur Gattin. Ob er wohl durfte? Nein, er durfte nicht. War doch klar. „Leg sofort die Hundewurst weg. Sofort. Vergiss es!“ „Hundewurst? Das ist ein kleiner Snack. Schmeckt sicher super zum Bierchen.“ Empört, aber auch mit einem kleinen verlegenen Lächeln sah er mich an und grinste schließlich verschwörerisch. „Das ist doch keine Hundewurst! Sagen Sie es ihr doch mal.“ Oh weh, war ich nun noch zwischen die Ehefronten geraten? Das hatte ich nun von meiner Neugier. Ich schüttelte ein wenig den Kopf und sagte freundlich: „Hundewurst? Nein ganz sicher nicht, dann würde sie ja bei der Tiernahrung zu finden sein.“ Wir lachten beide. Das rief seine Frau auf den Plan, die derweil schon den Käse ins Visier genommen hatte. Sie kam näher und blickte mich dabei misstrauisch an. Aber ich schien ihr harmlos genug, um als Kontrahentin nicht in Betracht zu kommen. Im Gegenteil, sie vertraute mir ihren Kummer an: „Sie haben’s ja mitgekriegt. So geht das Tag für Tag, Jahr für Jahr. Dieser Kerl macht mich einfach verrückt. Aber im negativen Sinn. Wenn ich nur wüsste, wie ich ihn loswerden könnte.“
Mir schoss der Schreck in die Glieder und sofort hatte ich das Bild vom toten Detlef wieder vor mir. „Versuchen Sie’s doch mal mit ein wenig Verständnis und Freundlichkeit. Dann wird es einfacher – und schöner.“ Sie ging kopfschüttelnd in Richtung Käse zurück. Und ich war glücklich, dass ich gleich wieder bei meinem Tom sein würde.