
Diese Termine kann ich mir gut merken: 16. , 17. November sind Familiengeburtstage, der 18. ist unser Tag, danach kommt der Volkstrauertag. Etwas makaber. Oder?
Heute also ist unser Tag, der Hochzeitstag. Und das ist wirklich kein Grund zum Trauern. Eigentlich ist es ein Tag wie jeder andere. Morgens, in aller Frühe, ist meine Frage immer dieselbe: „Geht’s dir gut?“ Und die Antwort von meinem Lieblingsmenschen (ich nenne ihn hier in meinem Blog einfach Tom) ist auch immer gleich und er lächelt dabei: „Wenn’s dir gutgeht, dann geht’s auch mir gut.“ Ich weiß, es ist keine Floskel, er meint es ehrlich. Ich würde auf diese Frage auch so antworten.
Nun könnte man angesichts unseres Alters annehmen, wir wären schon einige Jahrzehnte miteinander verheiratet und hätten sogar schon die Goldene Hochzeit gefeiert. Aber nein, es sind gerade mal zwölf Jahre. Und wenn ich an diese Hochzeit zurückdenke, muss ich immer wieder lachen. Prosaischer geht’s wirklich nicht.
Damals kannten wir uns bereits vierzig Jahre und lebten bereits mehrere Jahrzehnte in „wilder Ehe“ zusammen, kannten gute und schlechte Zeiten, eben Höhen und Tiefen. Aber unter dem Strich blieb ein großer Zugewinn, eben eine Liebe fürs Leben. So sollte es bleiben, für immer und ewig.
Aber ab und an hatte ich das Gefühl, das kleine i-Tüpfelchen, das Sahnehäubchen, fehlte mir. Irgendwann, in einer Situation, die mir für meine schwerwiegende Frage angemessen erschien, stellte ich sie: „Sag mal, wollen wir nicht mal heiraten?“ Mein Tom sah mich an – tief erschrocken und ein wenig misstrauisch. „Heiraten? Aber wozu denn? Schöner kann es doch gar nicht mehr werden.“
Was sollte ich dazu sagen. Es war mein erster Vorstoß und ich akzeptierte sein diplomatisches Nein. Ich bin ein Waage-Mensch, mag nicht streiten und diskutieren. Außerdem sah ich das Problem von der psychologischen Seite. Tom liebte das ‚Gummiband‘, aber fürchtete eine ‚Kette‘. Ohne liebevolle Diplomatie ging gar nichts. Außerdem liebte er keine verbalen Überfälle, brauchte Zeit zum Überlegen. Er wollte gerne der ‚Kopf‘ sein, mir blieb der ‚Hals‘ – ohne den sich der Kopf weder drehen noch wenden konnte.
Zu meinem Glück wuchs mit dem Älterwerden auch die Vernunft bei meinem Tom. „So ganz pragmatisch betrachtet ist es vielleicht doch besser, wenn wir heiraten. Es vereinfacht vieles“, meinte er eines Tages. Oh, er hatte endlich begriffen und ich war glücklich. Schließlich waren wir beide bei der Siebzig angekommen, zwar gesund und fit. Aber wer weiß, was noch passieren kann. Ich bin nicht besonders waghalsig und risikofreudig, möchte gerne im Fall der Fälle alles geregelt haben.
So übernahm ich freudig die Vorbereitung auf das große Ereignis, das zwar für uns von Bedeutung war, aber minimalistisch begangen werden sollte. Mit anderen Worten: Ich wurde zur Geheimnisträgerin und würde erst nach der vollzogenen Handlung Familie und Freunde informieren. Dass Tom etwas verriet, konnte ich ausschließen.
Und so geschah es: Zum festgelegten Termin fanden wir uns auf dem Standesamt ein – nur wir beide. Ja, ein wenig festlich angezogen hatten wir uns schon, aber Blumen und Ringe wollten wir nicht. Tom trägt grundsätzlich keinen Schmuck und ich hatte gerade im Sommerurlaub einen wunderschönen Ring von ihm bekommen. Und mit einem festlichen Blumenstrauß mochte ich nicht an einem verregneten Novembertag durch Rostock laufen. Das Prozedere auf dem Standesamt war in kürzester Zeit absolviert und wie geplant wollten wir danach ein festliches Essen in einer Gaststätte zu uns nehmen.
Nun aber kam der erste Stolperstein. Festliches Essen – ohne ein Gläschen Sekt oder Wein? Unser Auto stand nur einen Steinwurf vom Standesamt entfernt. Aber mit Alkohol am Steuer? Und hatten wir überhaupt Appetit? Wir hatten gut gefrühstückt und Mittagessen ließen wir gewöhnlich aus. In unseren Berufen hatten wir dafür keine Zeit gehabt und liebten das abendliche selbst gekochte Essen in unseren vier Wänden. „Magst du überhaupt?“, fragte ich meinen frisch Angetrauten und kannte schon seine Antwort, als ich seinem Blick zur Bäckerei auf der anderen Straßenseite folgte. Lachend kauften wir zwei leckere Zuckerschnecken mit Kirschfüllung und fuhren zu unserem gemütlichen Zuhause.
Abends – mittlerweile hatten wir unser Lieblingsessen gekocht und eine Flasche Rotwein geöffnet – kam das Allerwichtigste. Mit einer Mischung aus freudiger Erwartung und Angst vor Enttäuschung nahm ich das Telefon in die Hand und wählte die Nummer der ältesten Tochter. „Jetzt nimm bitte mal den Hörer und setz dich in die Küche. Bist du da allein?“ „Mutti, was ist passiert?“ „Nichts Schlimmes. Nur, wir haben heute am richtigen Ort auf die richtige Frage die richtige Antwort gegeben.“ Mein Herz klopfte zum Zerspringen – bis nach einer kurzen Überlegungspause der Freudenschrei kam. „Wirklich? Habt ihr’s wirklich getan? Endlich! Du glaubst gar nicht, wie froh ich bin.“ Und ich war es auch. Fast identisch reagierte die nur 11 Monate jüngere Tochter. Beide waren übrigens schon seit mehr als zehn Jahren verheiratet und hatten uns vier Enkelkinder geschenkt.
„Weißt du noch?“, fragte ich heute nach dem Frühstück meinen Tom. Natürlich war mir klar, er wusste nichts mehr von diesem Tag vor zwölf Jahren. Und ich erzählte – so wie ich es immer tue in den letzten Jahren. „Was du alles noch weißt“, sagte er und nahm meine Hand. „Schön, dass ich dich habe.“ Ja, so ist es. Und ohne ihn – daran mag ich nicht denken.
