Meine Lieblingsbücher (5)

So bin ich: Einen Krimi mit Mord und Totschlag im TV sehe ich mir selten an. Überhaupt gehe ich seit einiger Zeit Reportagen und Dokus über das Elend der Welt möglichst aus dem Weg. Es ist meine Art von Selbstschutz, den ich brauche. Bei Büchern ist das anders. Dies wurde mir erst kürzlich bewusst, als ich aus dem kleinen Stapel der noch Ungelesenen auf den Roman von Lisa Genova „Im Traum höre ich dich spielen“ stieß.  Der Name der Autorin war mir fremd, deshalb googelte ich und erfuhr, dass sie eine Neurowissenschaftlerin aus den USA sei, die als Jahrgangsbeste an der Harvard-Universität promoviert hatte, daneben die Alzheimer-Erkrankung ihrer Großmutter miterlebte, Mutter von zwei Kindern wurde und schließlich eine wissenschaftliche Karriere ausschlug und alleinerziehende Schriftstellerin wurde. Dass ihr Roman „Still Alice“ über die Alzheimer-Erkrankung verfilmt wurde – Hauptrolle Julianne Moore – und 2015 einen Oscar erhielt, machte mich neugierig auf die Autorin. Ich war mir sicher, meine älteste Tochter habe mir den Roman geschenkt und ich wusste, Bücher von ihr sind immer kleine Sahnehäubchen in meinem Alltag. 

Und wieder passierte es: Ich las und las, war gefesselt von diesem Buch und dankbar, dass mein Tom zufrieden war, denn ich war in seiner Nähe, obwohl geistig abwesend. Als ich den letzten Satz gelesen hatte, schrieb ich meiner Tochter eine WhatsApp: „….Ich bin fix und fertig, hab eben dein Buch beendet. Kennst du es? Hast du es vorher auch schon gelesen? Hab die letzten Tage fast ununterbrochen gelesen und hätte dabei nur heulen können. Wunderbar geschrieben, aber grausam schön. Es gehört viel Mut dazu es zu lesen, wenn man weiß, worum es geht. Nur kurz: Einer der weltbesten Pianisten, geschieden von einer ebenfalls hochtalentierten Pianistin, die ihre Karriere zurückstellte, weil sie Mutter wurde, bekommt ALS! Detailliert, fast minutiös genau, wird das Fortschreiten dieser Krankheit geschildert – bis zu seinem Tod. Es ist die grausamste Krankheit, die ich mir vorstellen kann. Du kennst doch Stephen Hawking, den britischen Astrophysiker? Und nun stell dir einen weltberühmten Pianisten vor, mit dieser Krankheit!“

Gleich darauf klingelte das Telefon. Meine Tochter schien untröstlich, konnte sich aber nicht erinnern, mir dieses Buch geschenkt zu haben. Ein Buch ja, aber ein anderes! Ich schickte ihr ein Foto mit dem Cover des Romans, aber sie blieb dabei. „Niemals würde ich dir ein Buch schenken, das dich zu traurigen Tränen rührt“, sagte sie und riet mir, den Film „Deine Juliet“ anzusehen, der mich ganz sicher vom traurigen ALS-Thema ablenken werde. Mittlerweile hatte ich meinen Denkfehler selbst begriffen und wusste, woher ich das Buch bekommen hatte.

Und wenig später hielt ich auch das ‚richtige‘ Tochter-Buch in den Händen. Es war der Roman von Sonia Laredo „Das Glück der Worte“. Auf der Buchrückseite las ich: „Eine sinnliche Erzählung voller Farben und Düfte, über das, was im Leben am meisten zählt: Freundschaft, Liebe, Glück – und das richtige Buch.“ Ich verordnete mir eine kurze Abstinenz vom Lesen emotionsgeladener Romane, so wie ich manchmal auch tagelang um eine Schachtel mit belgischen Pralinen herumschleiche. Aber dann, es war ein regnerischer Januartag, die letzten Advents- und Weihnachtsutensilien waren auf dem Boden verstaut und die Wohnung wirkte wie jedes Jahr um diese Zeit ungewohnt kahl und aufgeräumt, da begann ich mit einem neuen Leseabenteuer und mir wurde wieder warm ums Herz. Schon nach den ersten Sätzen war mir klar: Ja, das war ein Tochterbuch, denn es entführte mich an einem sonnigen Frühlingsmorgen nach Madrid und ich lernte Brianda, eine Lektorin und Literaturverliebte kennen, deren Geschichte mich mit Sicherheit fesseln würde.

Durch meine älteste Tochter hatte ich die spanische, portugiesische und lateinamerikanische Literatur kennen- und lieben gelernt und ihre Buchtipps trafen bei mir immer ins Schwarze. Mit der chilenisch-US-amerikanischen Schriftstellerin und Journalistin Isabel Allende und ihrem Debütroman „Das Geisterhaus“ begann meine Lesereise, die mir eine neue Welt eröffnete. Von den vielen Romanen und Erzählungen dieser Autorin beeindruckten mich neben „Eva Luna“ besonders „Paula“, als das wohl emotionalste Buch von Isabel Allende. Paula ist die schwer erkrankte Tochter, die ins Koma gefallen war und der die verzweifelte Mutter am Krankenbett ihre Familiengeschichte erzählte: „Hör mir zu, Paula, ich werde dir eine Geschichte erzählen, damit du, wenn du erwachst, nicht gar so verloren bist.“ Es folgt die Geschichte Chiles und die der Familie Allende, zu der auch der Onkel Salvador Allende gehörte. Die traurige Mutter legte ihr Herz in die Erzählung, die nach Paulas Tod die Grundlage für einen autobiografischen Roman wird. Ich habe beim Lesen die tiefe Verzweiflung der erzählenden Mutter gespürt, habe mit ihr gelitten, denn ich wusste, die Tochter würde nie mehr erwachen. Ob Paula gehört, gespürt hatte, dass ihre Mutter an ihrem Bett saß und erzählte, erzählte? Übrigens wurden die Werke Isabel Allendes bereits in 27 Sprachen übersetzt und mehr als 51 Millionen Mal verkauft.

Veröffentlicht von hedera77

Bin ein echtes Ostseekind, geboren in Rostock an der Warnow und noch heute glücklich - hier in meinem Elternhaus. Seit 18 Jahren bin ich im Ruhestand, der alles andere als ruhig ist. Immer noch bin ich neugierig - im Sinne von wissbegierig - und teile gerne meine Gedanken mit anderen denkfreudigen Menschen, egal welchen Alters.

Hinterlasse einen Kommentar