Eine Liebe stirbt – und erwacht wieder neu (4)

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Im Rückblick auf die vergangenen Jahrzehnte kann ich selbst kaum glauben, dass ich meine Liebe zur Belletristik ignorieren konnte. Die so genannte Wendezeit hatte es in sich. Ich hatte keine Zeit für die geliebten Romane, Erzählungen, Novellen – besser gesagt: ich konnte sie mir nicht nehmen. Dafür las ich verstärkt Sachliteratur, gab mein Geld für Lexika und Fachliteratur aus, begann mit Fünfzig ein Studium für eine zusätzliche Lehrbefähigung, unterrichtete und studierte parallel, las und korrigierte Unmengen von Klausuren und Hausarbeiten meiner Schüler, die das Abitur anstrebten. Mein Leben war prall gefüllt mit Pflichten und anderen Hobbys, die mir enorm wichtig waren und die keinen Platz für schöngeistige Literatur übrigließen. 

Erst als ich mein berufliches Leben beendet hatte, auch die familiären Pflichten sich verringerten und ich mehr an mich denken konnte, begann eine Phase in meinem Leben, die ich als die interessanteste und befriedigendste Zeit in meinem Leben ansehe. Damals war ich dreiundsechzig. Also seit fast zwanzig Jahren lebe ich im Seniorenstatus – und bin glücklich damit.  Die Liebe zur Literatur, wobei ich immer noch die Belletristik favorisiere, ist wieder jung und frisch wie eh und je.

Ich mache jetzt einen großen Sprung in die Gegenwart. Vielleicht habt auch ihr die Roman-Verfilmungen in der ARTE-Mediathek gesehen? Und kennt ihr „Bridgerton“ und „Königin Charlotte“? Eigentlich wollte ich einen großen Bogen um diese Serien machen, begriff aber bald die Verbindung mit der Geschichte Mecklenburgs – und war fasziniert. 

Und als ich kurz danach „The Paradies“ bei ARTE nach der Romanvorlage von Emile Zola „Das Paradies der Damen“ sah, war diese Serie wie eine Initialzündung für einen Lesemarathon. Die bedeutendsten Romane dieses französischen Schriftstellers des 19. Jahrhunderts standen in meinem Bücherschrank – ungelesen. Das änderte sich im vergangenen Sommer und ich vertiefte mich in den zwanzigbändigen Zyklus zur Geschichte der Rougon-Macquart-Familien, die sowohl der Ober- als auch der Unterschicht im Frankreich des zweiten Kaiserreichs angehörten. „Das Geld“, „Germinal“, „Nana“, „Der Totschläger“ und andere warteten auf mich. Ich tauchte ein in eine mir völlig andere Welt. Der einzige Wermutstropfen: Die Bücher waren Mitte der Fünfzigerjahre unter dem Dach des Aufbau-Verlags bei Rütten & Löning herausgegeben worden und hatten eine für meine Augen winzige Schriftgröße (6 Punkte?) auf gelblichem Papier und die Seiten waren mit je 37 Zeilen gefüllt. Es war anstrengend und nicht sehr leserfreundlich gedacht, dafür sicher sehr ökonomisch für den Verlag.

Und welches sind deine Lieblingsbücher? So werde ich hin und wieder gefragt. Es gibt eine Reihe von Gegenwartsromanen, die ich in den letzten Jahren gelesen haben, die mich tief beeindruckt haben. Ganz oben – und er sollte zur Pflichtliteratur für alle jungen Mädchen und Frauen erhoben werden – steht der Roman von Bonnie Garmus: „Eine Frage der Chemie“. Welch eine wunderbare Frau ist diese Elizabeth Zott! Gerne zitiere ich wieder Elke Heidenreich, die mir aus der Seele schreibt: „In Elizabeth Zott verliebt man sich total. Sie ist so toll und natürlich dargestellt, dass ich sie sogar gegoogelt habe. Die muss es doch wirklich geben, habe ich gedacht! Lange habe ich nicht ein so unterhaltendes, witziges und kluges Buch gelesen wie dieses.“ Ich habe diesen Roman mehrfach verschenkt, natürlich an Frauen!

Letzteres gilt auch für den Roman von Delia Owens: „Der Gesang der Flusskrebse“, die Nummer 1 der Spiegel-Bestsellerliste 2023. Kya Clark, das Marschmädchen wird jedem ans Herz wachsen, jedem, der Kinder und Naturschönheiten liebt. Es ist Liebesgeschichte und Gerichtsdrama zugleich, ein Roman, der die Probleme des Erwachsenwerdens schildert, wenn soziale Einbindung und Zuwendung der Mitmenschen fehlen. Die Protagonistin überträgt ihre tiefe Liebe zur Natur auf den Leser und hinterlässt ein Gänsehaut-Erlebnis. Bei mir war es so. 

Text Nr. 5 wird gleich folgen!

Veröffentlicht von hedera77

Bin ein echtes Ostseekind, geboren in Rostock an der Warnow und noch heute glücklich - hier in meinem Elternhaus. Seit 18 Jahren bin ich im Ruhestand, der alles andere als ruhig ist. Immer noch bin ich neugierig - im Sinne von wissbegierig - und teile gerne meine Gedanken mit anderen denkfreudigen Menschen, egal welchen Alters.

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