
Hätte mich jemand als Achtzehnjährige gefragt, wie ich mir meinen Traummann vorstelle, hätte ich sofort antworten können: wie Konstantin, der Bruder von Lydia im Roman „Bruder und Schwester“ von Leonhard Frank. 1929 erschienen, gehörte er ebenfalls zu meinen damaligen Lieblingsbüchern. Eine bezaubernde emotionsgeladene Liebesgeschichte zwischen zwei jungen Menschen wird erzählt, die lange Zeit nicht ahnen, dass sie Geschwister sind. Lange wird der Leser in Spannung gehalten, wie diese verbotene inzestuöse Beziehung überhaupt entstehen konnte und wie sie sich entwickeln wird. Konstantin ist der favorisierte Männertyp in Leonhard Franks Büchern – und ich liebte ihn, sah ihn gedanklich vor mir. Einen solchen Mann, einen Traummann wie diesen, den hätte ich auch irgendwann haben wollen.
Aber neben der Schwärmerei für die Protagonisten in diesem Roman interessierte mich grundsätzlich der Geschwister-Aspekt in der Literatur. Ich bin die Jüngste von vier Geschwistern, die jeweils im Vierjahresabstand auf die Welt gekommen waren. Besonders zu meinem vier Jahre älteren Bruder habe ich eine enge Bindung. Er war so etwas wie Vorbild und Wegbereiter, obwohl unsere Beziehung nicht immer problemlos funktionierte. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass ich den 1963 erschienenen Roman von Brigitte Reimann „Die Geschwister“ mit enormer Anteilnahme las und diskutierte. Das waren wir Geschwister und unsere Ängste, die Eltern könnten in den Fünfzigerjahren mit oder ohne ihre zum Teil erwachsenen Kinder die DDR verlassen wollen. Wir als Familie, als Geschwister, könnten auseinandergerissen werden – eine Möglichkeit, die uns Angst machte. Als 1961 die Berliner Mauer kam, waren wir insofern beruhigt. Ich hatte zu jener Zeit gerade meine Studienzulassung für Germanistik und Geschichte an der Rostocker Uni erhalten.
Mein Lesestoff in den nächsten Jahren, aus eigenem Antrieb oder als Bedingung für ein erfolgreiches Studium, kam unter anderem aus der aktuellen DDR-Literatur. So las ich also u.a. Hermann Kant und Christa Wolf, Erwin Strittmatter, Dieter Noll und Jurek Becker, Anna Seghers, Maxie Wander, hörte Wolf Biermann in der Aula unserer Uni, diskutierte über Literatur, Politik , Geschichte und reiste so oft es ging nach Berlin, um mit meinem Freund und Kommilitonen im Berliner Ensemble oder dem Deutschen Theater Aufführungen anzusehen, schwärmte für Eberhard Esche, aber auch für unser Rostocker Theater unter der Intendanz von Hanns Anselm Perten.
Es waren spannende und interessante Jahre, in denen mich Unmengen an Büchern begleiteten, sodass die große Uni-Bibliothek und der Lesesaal zu meinem zweiten Zuhause wurden und die lange Leseliste zum Literaturexamen sich problemlos füllen ließ. Obwohl diese Prüfung vor fast sechzig Jahren stattfand, erinnere ich mich noch sehr genau an den Unmut meines Professors, als ich mich als Leonhard-Frank-Fan outete. Er wollte wissen, wie der Pazifismus dieses Autors mich begeistern könne angesichts der Tatsache, dass ich in einem Deutschland lebe, indem es Nationale Volksarmee und Allgemeine Wehrpflicht gebe, wir dem Warschauer Pakt angehören und der Kalte Krieg uns belaste. Aber dann wurde ihm offenbar bewusst, dass dies keine Geschichtsprüfung oder Staatsbürgerstunde war, er winkte resigniert ab und die einstündige Prüfung nahm ihren Lauf.
Leider hatten wir an der Uni offiziell so gut wie nichts über die Literatur aus dem deutschsprachigen Raum der westlichen Welt gehört, sofern sie nicht auch bei uns verlegt wurde. Heinrich Böll, Friedrich Dürrenmatt, Ingeborg Bachmann, Elfriede Jelinek, Martin Walser, Kafka – wie gerne hätten wir mehr über sie erfahren.
Als Lehrerin hatte ich vorerst weder mit Literatur noch Geschichte zu tun, denn ich wurde an einer Berufsschule eingesetzt, wo es um Deutsch für schreib- und sprechintensive Berufe ging. Das Fach hieß Sprachkommunikation. Mein neues Berufs- und Familienleben kostete Zeit, die beiden kleinen Töchter und vielfältige Pflichten vereinnahmten mich – und bald wurde mir bewusst: Frauen, die lesen, sind gefährdet! Und dabei dachte ich an Uroma Carolina, denn auch ich bemerkte, dass ich die Welt um mich vergaß, wenn ein Buch mich fesselte. Ja, nehmt es wörtlich: Ein Buch vermag zu fesseln. Ich erinnere mich an eine dreitägige Fortbildung, Übernachtungen waren vorgesehen, obwohl ich nach einer Autofahrt von 35 Minuten wieder zuhause hätte sein können. Und ich wollte wieder nach Hause, denn dort wartete „Jane Eyre“ von Charlotte Bronte auf mich. Ich liebe mittlerweile diese literarischen Reisen in die Vergangenheit, mag Mode, Ausstattung, Sitten und Gebräuche und kann in meinem Kopf ein Kaleidoskop von Bildern entfalten, die mich süchtig machen. Aber – die Lesezeit fehlte mir. Ich zwang mich zur Vernunft und ging den Fesseln aus dem Weg. Jede berufstätige Mutter, die mit ihren alten Eltern in einer Wohngemeinschaft lebt und auch für Haus und Garten zuständig ist, kann das sicher verstehen. Aber es sollten auch wieder andere Zeiten kommen.