
Ich war mitten im Teenager-Alter (der Begriff Pubertät war uns damals fremd), ein großes, schlaksiges Mädchen, das mit sich und der Welt eine Menge Probleme hatte, war Schülerin einer Rostocker Oberschule und auf der Suche nach Vorbildern, einem Lebensziel und irgendwann wollte ich auch die große liebe finden.
Was wäre aus mir geworden, wenn ich die Erzählungen, Romane und Novellen von Leonhard Frank nicht kennengelernt hätte? Ich weiß es nicht. Der Aufbau-Verlag in (Ost) Berlin hatte 1957 seine Gesammelten Werke herausgegeben und ich per Zufall den Roman „Die Jünger Jesu“ in die Hände bekommen. Ohne viel über den Autor zu wissen, faszinierte mich die Handlung und die Art zu schreiben, die mich mitleiden und -hoffen ließ: Das zerstörte Würzburg 1946 unter amerikanischer Besatzung war die Kulisse. Elf Kinder, Jungs, hatten sich als ‚Vollstrecker der Gerechtigkeit‘ zusammengetan, um den Reichen zu nehmen und den Armen zu geben. Schuhe, eine warme Decke, eine Hose, kleine Mengen Lebensmittel wechselten die Besitzer. Damals wusste ich nicht, dass Leonhard Frank zu dieser Zeit in den USA lebte, er war ein Exilant, der in Würzburg geboren worden war und zweimal als Verfolgter Deutschland verlassen musste. (Übrigens, wenige Tage nach dem Mauerbau 1961 starb er in München. Ich hatte gerade mein Abitur gemacht.)
Weshalb faszinierte mich dieser Roman damals so? Ich wuchs nicht in Würzburg auf, sondern im stark zerstörten Rostock, und besonders die zerbombte Altstadt hatte eine große Bedeutung für unsere Familiengeschichte. In der Grundschule hatten wir die Erzählung des sowjetischen Schriftstellers Arkadi Gaidar: „Timur und sein Trupp“ gelesen, in der der vierzehnjährige Timur mit Gleichaltrigen heimlich Nachbarschaftshilfe für Angehörige der Frontsoldaten der Roten Armee leistete. Uns Kindern wurden mit dieser Erzählung Begriffe wie Hilfsbereitschaft, Freundschaft und Solidarität erklärt. Und zwar so, dass wir ebenfalls Timur-Trupps bildeten, um besonders alten Menschen und anderen Hilfsbedürftigen eine Freude zu machen.
Ähnlich nachhaltig erinnere mich mich an Willi Bredels Novelle „Die Frühlingssonate“, die später zur geliebten Pflichtliteratur im Deutschunterricht gehörte, ebenso „Djamila“ von Tschingis Aitmatow. Diese Novelle ist für mich übrigens eine der schönsten Liebesgeschichten, und ich las in den nächsten Jahren alles von diesem Schriftsteller aus Kirgistan, was in der DDR veröffentlicht wurde.
Doch zurück zu Leonhard Frank. Weihnachten 1960, ich war achtzehn, erfüllten mir die Eltern meinen größten Wunsch: Sie schenkten mir die sechsbändige Ausgabe der Gesammelten Werke meines damaligen Lieblingsautors. In hellem Leineneinband und durchsichtiger Schutzfolie – so standen sie auf der kleinen Anrichte im Wohnzimmer und ich fühlte mich, als sei ich der glücklichste Mensch auf der Welt. Mittlerweile wusste ich mehr über Leonhard Frank, konnte ihn einordnen als einen der bedeutendsten deutschen Schriftsteller seiner Zeit, wusste, dass er ein sozialkritischer und pazifistischer Erzähler war, der aus den Erfahrungen aus zwei Weltkriegen, der NS-Geschichte, durch Verfolgung und Exil zu seiner humanen und solidarisch geprägten Haltung gekommen war, die mich stark beeindruckte.
Ich weiß nicht, wie oft ich zum Beispiel die Novelle „Karl und Anna“ gelesen habe, eine zutiefst berührende Liebesgeschichte, die Leonhard Frank 1926 geschrieben hatte. Obwohl ich nach dem ersten Lesen den Ausgang kannte, wurde ich auch später immer wieder hineingezogen in diese tragisch-schöne Handlung. Nur kurz: Zwei deutsche Kriegsgefangene sind gezwungen, in der einsamen russischen Steppe Gräben auszuheben. Tag für Tag erzählt Richard seinem Kameraden Karl von seiner Sehnsucht nach Anna, seiner jungen Ehefrau. Karl weiß mittlerweile alles von ihr, der Wohnung, er kennt jedes kleinste Detail aus dem Alltag der beiden Liebenden – und verliebt sich schließlich in diese fremde Frau, wünscht sich, er wäre ihr Mann. Und dann kommt das Unvorhergesehene: Karl gelingt die Flucht aus der Gefangenschaft und sein langer Weg führt ihn zurück nach Deutschland – zu Anna.
Und nun? Ihr solltet die Geschichte selbst lesen. Bis zum Ende ist sie voller Spannung und ethischer Probleme. Übrigens, die Novelle wurde verfilmt, dramatisiert, in viele Sprachen übersetzt und mehrfach adaptiert.
Beim Schreiben dieses Textes bin ich verwundert, wie oft ich mich besonders an diese Art von Literatur erinnere. Gemeinsam ist ihnen die Auseinandersetzung mit Krieg und Nachkriegszeit, die mir als Kind und Jugendliche half, eine Art Kompass zu finden, einen festen Standpunkt zu entwickeln, der mich im Wesentlichen noch heute begleitet. Wen wundert es, dass ich später Germanistik, Geschichte und Philosophie studierte, Lehrerin wurde und mir als Seniorin den Traum vom Schreiben erfüllte. (siehe roter Punkt im Foto, das einen Regalausschnitt bei Thalia zeigt, in dem ein Roman von mir steht.)
Mögt ihr lesen, welche weiteren Bücher mich auf meinem Lebensweg begleiteten? Text (3) folgt bald.