Balsam für die Seele

Ich kenne mich. Endlich. Es brauchte seine Zeit bis ich wusste, woran ich mit mir bin. Früher hatte ich mich hin und wieder gefragt: Was ist mit dir? Warum bist du so bedrückt? Was macht dir Sorgen, was ärgert dich? Aber je älter ich wurde, desto mehr wuchs mein Selbstvertrauen und ich kam immer besser mit mir und meinem Leben zurecht.

Doch was tun, wenn unser aller Leben sich so rasant ändert? Seit Corona wird fast jeder vor große Bewährungsproben und emotionale Herausforderungen gestellt Die Welt scheint verrückt zu spielen. Vertrauen und Optimismus schwinden, dafür wachsen Enttäuschung und Ratlosigkeit. Und das empfinde nicht nur ich so. Der Begriff Resilienz geistert durch die Medien und Psychologen rieten kürzlich in einer Radio-Ratgebersendung sogar, „die Schotten dicht zu machen“, das private Glück zu stabilisieren, dafür aber politische Berichterstattungen und Dokumentationen der Medien nur in geringer Dosierung zu konsumieren. Denn die Vielzahl von Krisen, Konflikten und Katastrophen weltweit ertrage ein sensibler und empathischer Mensch sonst kaum. 

Ich schüttelte den Kopf, als ich das hörte. Mein gesamtes berufliches Leben hatte ich mich mit Geschichte, Politik und Philosophie befasst, hatte junge Menschen bei der Meinungsbildung unterstützt – und nun schien die Abstinenz davon ein Mittel zu sein, um nicht in depressive Stimmung zu versinken? Das kann doch nicht die Lösung sein und ich hatte das Bild von den drei Affen vor mir, die weder sehen, hören noch reden wollten. Aber auch Gespräche mit Leidensgefährten endeten meist mit einem kollektiven Stöhnen: Was ist nur aus Deutschland geworden, wo soll das noch hinführen?

Hilft vielleicht das Gelassenheitsgebet? Da heißt es: „Gott gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“ Nur, mit Gott und dem Beten habe ich noch größere Probleme. Aber eines wurde mir bald klar: Ich muss meine innere Balance wiedergewinnen, brauche ein positives Gegengewicht als Balsam für die Seele. 

An einem sommerlichen Sonntagmorgen wurde mir das deutlich vor Augen geführt. Bei einem Gartenrundgang fand ich an unserem Zaun einen schneeweißen, gefalteten Zettel auf der Erde. Da ich keine Brille mithatte, steckte ich ihn ungelesen in die Tasche. Als ich es mir am Nachmittag mit Buch und Käffchen im Garten gemütlich machte, fiel mir das Fundstück wieder ein. Ich zog einen Kaufvertrag über ein Fernsehgerät mit zusätzlicher Garantie aus der Tasche – ausgestellt vom Mediamarkt in Bremen.  Wie kam er an meinen Rostocker Gartenzaun? Und nun? Ab ins Altpapier? Ich las genauer und fand die Daten des Käufers – ebenfalls ein Bremer. Nun wurde ich neugierig. So nahm ich mein Handy und tippte die Nummer des Gerätebesitzers ein. Mailbox. Nach dem Piepton informierte ich – etwas kryptisch formuliert – ich habe etwas gefunden, das ihm offensichtlich gehöre. Wenn er es wiederhaben möchte, möge er bitte zurückrufen. Zehn Minuten später meldete sich eine sonore Männerstimme und erklärte mir freundlich: „Das muss ein Irrtum sein, ich vermisse nichts.“ Nun will ich den folgenden Dialog nicht wiedergeben, denn er erstreckte sich in fünf Telefonaten über mehrere Tage und war mit vielen Entschuldigungen und Dankesworten für meine geduldige Freundlichkeit versehen und schließlich krönte ein Gutschein von Thalia mit handschriftlichem Dank vom „Fernseh-Mann aus Bremen“ unsere sehr aufschlussreiche Detektivarbeit. Sein Fazit: „Sie haben meine Frau und mich zum Nachdenken gebracht. Sie hätten doch den Zettel zerreißen und vernichten können. So hätten wir es wahrscheinlich gemacht. Aber durch Ihren Anruf haben wir uns viel Ärger und vielleicht auch Kosten erspart. Wir werden künftig auch ein wenig umsichtiger und freundlicher gegenüber unseren Mitmenschen sein.“ 

Und ich? Das war er, der Balsam für meine Seele. Es tat gut, brachte Freude. Also: Jeden Tag eine gute Tat? Einfacher gedacht als getan. Aber einen Versuch ist es wert.  Doch dazu später einmal mehr.

Veröffentlicht von hedera77

Bin ein echtes Ostseekind, geboren in Rostock an der Warnow und noch heute glücklich - hier in meinem Elternhaus. Seit 18 Jahren bin ich im Ruhestand, der alles andere als ruhig ist. Immer noch bin ich neugierig - im Sinne von wissbegierig - und teile gerne meine Gedanken mit anderen denkfreudigen Menschen, egal welchen Alters.

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